Galerie Barbara Weiss - Berlin: Heike Baranowsky ( 13.2. - 20.3.2010)

Abbildung: Heike Baranowsky, Racetrack, 2010

Heike Baranowsky - Ubehebe

Eröffnung Freitag, 12. Februar, 18 - 21 Uhr
Öffnungszeiten Di - Sa, 11 - 18 Uhr

Während der Berlinale 13. - 21. Februar, Mo - So, 10 - 18 Uhr

Die Galerie Barbara Weiss zeigt die fünfte Einzelausstellung von Heike Baranowsky im Rahmen von Forum Expanded, einem Programm der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Baranowsky, Jahrgang 1966, hat sich als Videokünstlerin mit einer singulären Bildsprache einen Namen gemacht, die auf Stille und Unaufgeregtheit setzt und der es mit minimalen Mitteln gelingt, verwirrende Schneisen in den Erfahrungsraum des bewegten Bildes zu schlagen. Eine Schwimmerin etwa kann in Baranowskys Videos minutenlang ihre Bahnen ziehen, ohne auch nur einmal nach Luft zu schnappen. Radfahrer können mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten fahren, ohne sich einander jemals zu überholen. Präzise und atmosphärisch konzentriert erkundet die Künstlerin Themen wie die Suggestionskraft bewegter Bilder, die Manipulation durch Medien und den Einfluss von Technologien auf unser Verständnis von Wirklichkeit. Wie ihr Freund und Kollege Jack Goldstein einmal sagte, nähert sie sich diesen Themen „auf eine scheinbar so beiläufige Art und Weise, dass der Akt der Kontrolle des Bildes beinahe unsichtbar wird.“ Baranowskys Arbeiten sind dabei nie bloße Medienkritik, vielmehr findet die Künstlerin in der Lücke zwischen Medien und Realität immer auch ein Surplus an Erfahrung.

In der Zwei-Kanal-Arbeit pêche von 2009 ist in einem parallelen, 11-minütigem Loop die Künstlerin selbst zu sehen, wie sie ihre 13 Monate alte Tochter Laylah im Arm hält und in einem großen Goldfischglas planschen lässt. Das Motiv stammt aus dem Kurzfilm La pêche aux poissons rouges der Brüder Lumière, der im Dezember 1895 in Paris uraufgeführt wurde und einen der ersten Grundbausteine der Filmgeschichte darstellt. Zwischen beiden Arbeiten liegen über 100 Jahre, und das sieht man: Mussten die Lumières aus technischen Gründen draußen drehen, filmte Baranowsky ihre Videos sowohl im Innenraum ihres Studios als auch in einem Berliner Park. War das Original noch stumm, hat sie ihre Arbeit mit einer nur augenscheinlich zum Bild gehörenden Soundscape nachsynchronisiert. Bis auf das Rot-Orange des Goldfisches und das Grün der Parkbäume wurde die Farbe aus dem Video gelöscht; und während die Außenaufnahme linear abgespielt wird, läuft die Innenaufnahme im Wechsel einmal vorwärts und einmal rückwärts. Die meisten dieser systematischen, technischen Manipulationen sind dabei so subtil, dass sie nur nach längerem Zusehen ins Auge fallen. „So wie man automatisch an die Wahrheit der Fotografie glaubt, glaubt man auch an die Echtheit des bewegten Bildes“, sagt die Künstlerin. Ist es nicht überraschend, wie leicht wir dieser Sehgewohnheit immer noch anheimfallen, egal wie künstlich sich die HD-Traumwelten von heute gerieren?

Auch die aus drei großformatigen Projektionen bestehende Installation Racetrack von 2010 reflektiert diese mediale Grundkonstitution. Jeder der zu sehenden Loops besteht aus ca.1000, einzeln aufgenommenen Fotos aus der atemberaubenden Landschaft der Hochebene Racetrack Playa im kalifornischen Death Valley National Park. Dass die Einzelaufnahmen durch die Trägheit des Betrachterauges zu einem bewegten Bild werden, haben sie mit jedem Video und jedem Film gemein. Nur macht Baranowsky durch einen Stop/Motion-Effekt genau auf diesen Umstand aufmerksam. Was sich zunächst als ein unauffälliges Pulsieren bemerkbar macht, rhythmisiert nach und nach die gesamte Videoinstallation.

Im Zentrum der Arbeit stehen die Steine vom Racetrack Playa, die in der Lokalmythologie des Death Valley eine große Rolle spielen, weil sie sich auf wissenschaftlich bisher nicht erklärte Weise bewegen und tiefe Schleifspuren im Untergrund hinterlassen. Baranowskys Video umkreist diese Steine und benutzt sie wie Module in einem virtuos komponierten Musikstück: Sie werden wiederholt, gespiegelt, mal vorwärts, mal rückwärts abgespielt, synkopiert, weg- und herangezoomt. Der lyrische Effekt der Arbeit wird durch eine futuristisch angehauchte Soundkulisse unterstrichen, die mal ein Ohrensausen, mal Wüsten- und Windgeräusche suggeriert. Und kneift man die Augen zusammen, hat man tatsächlich das Gefühl, dass sich die Steine vom Racetrack Playa bewegen.

Die Videoinstallationen werden durch drei Fotos vom Ubehebe-Krater ergänzt, der der Ausstellung ihren Namen gibt. Das geologische Überbleibsel eines erloschenen Vulkans liegt ebenfalls im Nationalpark des Death Valley. Von amerikanischen Ureinwohnern so genannt, heißt Ubehebe soviel wie „großer Korb im Stein“. Durch mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Spiegelungen und Retuschen gelingt es der Künstlerin in ihren Fotos, die konkave Korbform des Kraters in ein wiederkehrendes konvexes Bildelement zu verwandeln, das wie ein Hügel aussieht. Die Landschaft, die dabei entsteht, oszilliert buchstäblich zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Auch hier nutzt die Künstlerin die natürliche Neigung des Betrachters, Bedeutung immer dem Bild und nie dem manipulationswilligen Medium zuzuschreiben, um einander widersprechende Wahrnehmungen zu provozieren. Bild, Raum und Zeit – für Heike Baranowsky sind das Phänomene, deren Wahrheitsgehalt relativ ist und den Betrachter gerade dadurch dazu bringen, sich einer Lust an Erfahrung hinzugeben. (Presse / Galerie Barbara Weiss)

Galerie Barabara Weiss
Zimmerstr. 88-89
10117 Berlin
Tel +49 030 - 26 24 284 galeriebarbaraweiss.de


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