(Eingabedatum: 08.11.2006, Six Feet Under, Berlin)
Six Feet Under. Autopsie unseres Umgangs mit Toten.
Die Redewendung "six feet under" meint im Amerikanischen nichts anderes als tot und - sechs Fuß tief - begraben sein. Als Titel einer Fernsehserie - über ein familiengeführtes Bestattungsinstitut wurde der Begriff weltweit populär. Unter eben dieser Bezeichnung versammelt das Kunstmuseum Bern unterschiedliche Beispiele vorwiegend zeitgenössischer Künstler, die sich mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigen. Der zweisprachige, ansprechend gestaltete Katalog präsentiert einen Großteil der ausgewählten Kunstwerke und bietet dem Leser anhand mehrerer kurzer Essays einen fundierten Einstieg in das Thema.
Schon im Vorwort wird die Relevanz des Themas erläutert: Hatte der Historiker Philippe Ariès in den 1970ern noch von einem Prozess der Ausblendung von Tod und Sterben seit dem Mittelalter gesprochen, so seien der Tod und die Toten seit einigen Jahren zurückgekehrt. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho führt in seinem Aufsatz u.a. Beispiele wie die Debatte um die Sterbehilfe an und spricht von "Enttabuisierungs- und Individualisierungsprozessen des Sterbens". Helga Lutz liefert in ihrem Beitrag einen Einstieg in das große kunsthistorische Feld der Totenbilder indem sie von Holbeins erschreckend realem "Christus im Grab" (1521) ausgeht und die heutige Rückkehr des Leichnams in die Kunst z.B. mit Arnulf Rainers Übermalungen von Leichenfotos (ab 1978) belegt. In einem weiteren einführenden Essay erläutert Elisabeth Bronfen das Paradox einer künstlerischen Todesdarstellung: Niemand, der den Tod darstellt, kann ihn bereits selbst erfahren haben.
Im Hauptteil des Buches hat man die unterschiedlichen Kunstwerke in sechs Kapitel und zwei Exkurse thematisch zusammengefasst. Da Texte und Bilder voneinander getrennt sind und die erwähnten Werke keine Verweise auf die Seite ihrer Abbildung besitzen, muss man allerdings stets suchend hin und her blättern. Im Kapitel "Leichen, Totenköpfe und Skelette" werden Gemälde aus dem 19. Jahrhundert von Ferdinand Hodler oder Félix Vallotton mit Beispielen zeitgenössischer Kunst in die Tradition einer Kadaverästhetik gestellt: Die Fotos aus der Serie "The Morgue" (1992) des Amerikaners Andres Serrano zeigen Nahaufnahmen toter Personen und tragen deren Todesart im Titel. Aufgrund ihrer großen Formate und ihrer Kompositionen fordern die Fotos den Betrachter zu einer Beschäftigung wenn nicht mit dem Tod so aber mit dem toten Körper heraus.
Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit Formen der Bestattung, wobei der ethnologische Exkurs über ghanaische Bestattungsrituale und figürliche Särge z.B. in Form von Hennen oder Sandaletten besonders aufschlussreich ist. Die Werkbeispiele in den Abschnitten zu geliebten Verstorbenen und dem Künstlertod reichen von Monet und Ensor zu Benjamin Cottam, der sich in kleinen Porträtzeichnungen mit "Dead Artists" (ab 2001) beschäftigt und Gianni Motti, der 1989 seine eigene Bestattung inszeniert. In den Kapiteln "Tod und Lifestyle" sowie "Nachleben" widmet man sich hauptsächlich gegenwärtigen Phänomenen: Der Fotograf Izima Kaoru kleidet seine Models in Markenware und inszeniert ihre Tod schön und sexy. Martin Kippenberger überklebt sein Toten-Bild "Hinterbliebener Hilfeschreiender in der Gaza-Gegend" (1985) mit zahlreichen "I love ..." - Sticker und trivialisiert politische und moralische Inhalte.
Die heterogene Vielfalt der über 80 versammelten Künstler lässt die ein oder andere Idee manchmal etwas zu kurz kommen. Doch als Einsteig und Überblick in eines der wichtigsten Themenfelder auch der zeitgenössischen Kunst eignet sich der Katalog hervorragend.
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