Pentagramm hinter deutscher Maschinenpistole unter Russisch Brot
Der >Deutsche Herbst< und die RAF in Politik, Medien und Kunst
Die einen sympathisieren mit der Roten Armee Fraktion, da sie (wenn auch mit den falschen Mitteln) den Mut hatte, sich für ihre Ideale und die Veränderung der BRD einzusetzen - die anderen verurteilen das gewaltvolle Vorgehen der Gruppe bei dem unschuldige Bürger zu Schaden kamen und kritisieren Andreas Baaders Verlangen nach Selbstdarstellung. Viel wurde über die terroristische Gruppe um Ulrike Meinhof und Andreas Baader geschrieben und nachgedacht. Dass die Angelegenheit auch 30 Jahre nach den Ereignissen des >Deutschen Herbstes< noch nicht "verdaut" zu sein scheint, zeigt der erst kürzlich in den Kinos zu sehende Film >Baader Meinhof Komplex< von Bernd Eichinger, der sogar als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde. Im transcript Verlag ist ein neues Buch zum Thema erschienen, in dem vor allem die nationale und internationale Rezeption der RAF in den Medien, der politischen Öffentlichkeit sowie in der Kunst beleuchtet werden sollen.
Klar dass auf den 230 Seiten vor allem Historiker zum Wort kommen, doch geht es ihnen nicht um eine erneute geschichtliche Aufarbeitung der Vorfälle, sondern darum neue Sichtweisen zu eröffnen. Das Buch ist in drei Oberkapitel unterteilt, die sich den internationalen Aspekten der RAF-Rezeption, der Deutung des >Deutschen Herbstes< als Kommunikationsereignis sowie den Zeitzeugenberichten von Willem van Bennekom (Verteidiger in RAF-Prozessen), Joachim Lampe (Generalbundesanwalt) und Michael Buback (Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback) widmen. Neben den Texten von Historikern wie Klaus Weinhauer, Jacco Pekelder, Bob de Graaf, Ingrid Gilcher-Holtey oder Janneke Martens tragen vor allem die Aufsätze des Designtheoretikers Rolf Sachsse, des Kulturwissenschaftlers Hanno Balz, des Germanisten Klaus-Michael Bogdal, der Philosophin/ Dramaturgin Nicole Colin und des Romanisten Joachim Umlauf zu einem sehr facettenreichen Blick auf das Phänomen des Terrorismus im Deutschland der 1970/80er Jahre bei.
So erläutert Rolf Sachsse in seinem Artikel die Entstehungsgeschichte des RAF Logos und umschreibt es flapsig als "Pentagramm hinter deutscher Maschinenpistole unter russisch Brot". Angelika Ibrügger dagegen untersucht die im Frühjahr 1972 geführte Debatte um Heinrich Bölls Spiegel-Artikel >Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?<, welcher nach Meinung der Autorin zu einer unfreiwilligen Selbstbespiegelung der BRD führte. In >Täter- versus Opferdiskurs: Eine andere Geschichte des deutschen Terrorismus< verweist Nicole Colin auf den aktuellen Trend in der Geschichtsschreibung, zunehmend auch die Opfer von historischen Ereignissen zu thematisieren. Dies könne zwar im Falle der RAF einer Verklärung der Gruppe entgegenwirken, doch hebt Colin mit dem Verweis auf den "Fall Michael Buback" ebenso die Problematik einer solchen Herangehensweise hervor.
Die Brücke von damals zu heute schlägt Bob de Graaf in seinem Text >Die RAF im Lichte von 9/11<. Bei einem Vergleich zwischen den terroristischen Unternehmungen von Baader-Meinhof und Osama Bin Laden stellt de Graaf vor allem die verschieden gearteten Motivationen in den Vordergrund. Wo die RAF aus politischen Überlegungen heraus agierte und meinte, im Namen der aus ihrer Sicht unterdrückten Bevölkerung handeln zu müssen, sei die Al Qaida von religiösen Überzeugungen geleitet, womit theoretisch jeder Nicht-Muslime zum legitimen Opfer der Terroristen werden könne. Ein zweiter wesentlicher Unterschied zwischen den Terroristen von damals und heute sei der Umgang mit den Medien. Anders als die RAF-Mitglieder, die noch stark von den Medien als Vermittlungsinstanz abhängig waren, seien die heutigen Terroristen durch das Internet wesentlich autonomer in der Verbreitung ihrer Botschaften. Natürlich macht sich auch der Staat die Medien für seine Zwecke zu nutze – wie dies geschieht, beschreibt Klaus Weinhauer unter anderem in seiner Untersuchung >Terrorismus und Kommunikation: Forschungsstand und –perspektiven zum bundesdeutschen Linksterrorismus der 1970er Jahre<.
Was die internationalen Aspekte der RAF-Rezeption betrifft, so setzen sich zwar gleich zwei Texte mit der RAF und den Niederlanden auseinander (Jacco Pekelder und Janneke Martens), doch fällt der Bezug zu Terrorgruppen wie der italienischen Brigata Rossa, der irischen IRA oder der baskischen ETA leider recht mau aus. Auch ist es schade, dass es keine Bilder gibt und dass der Bereich der bildenden Kunst zu kurz kommt. Dennoch ist das Buch ein gelungener und vor allem interdisziplinärer Beitrag zum >Deutschen Herbst<. Schön ist, dass auch junge WissenschaftlerInnen wie Janneke Martens oder Beatrice de Graaf die Chance bekamen, an der Publikation mitwirken zu können.
>Der >Deutsche Herbst< und die RAF in Politik, Medien und Kunst. Nationale und internationale Perspektiven<
Hrg.: Nicole Colin, Beatrice de Graaf, Jacco Pekelder, Joachim Umlauf
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