Angeregt wurden die Autoren des vorliegenden, im Januar 2005 erschienenen Buches "Concrete Photography. Konkrete Fotografie" durch Peter C. Rupperts Sammlung zur Konkreten Kunst, die als einzige Sammlung zu dieser Richtung auch den Bereich Fotografie integriert hat. Das Buch ist der Versuch einer historischen und begrifflichen Einordnung dieser bestimmten Tendenz ungegenständlicher Fotografie.
Im ersten der insgesamt drei Texte definiert der Fotograf und vormals Professor für Fotografie Gottfried Jäger den Begriff "Konkrete Fotografie" als "Konkretisierung der Fotografie, eine Art elementarer künstlerischer Selbstbetrachtung und Selbstreflexion mit dem Ziel, den Blick für die eigenen Verhältnisse zu schärfen. Dabei werden die fotografischen Mittel zum fotografischen Gegenstand, das Medium zum Objekt." Das heißt, in den Werken findet keine bedeutungsschwangere Transformation statt, vielmehr sind die Bilder selbstbezüglich und als ästhetische Objekte aufzufassen. Es geht um "einfache" Sachverhalte, um die Analyse bildgebender und bilderzeugender Verfahren. Entgegen der gegenständlichen strebt die ungegenständliche bzw. konkrete Fotografie nach dem Sichtbarmachen von Grundstrukturen und der Frage ihrer selbst. Dieser Ansatz ist u.a. vergleichbar mit der konkreten Malerei, die in Abgrenzung zur abstrakten Malerei weder symbolisch noch als Stimmung oder als Abbild der Natur zu deuten ist, sondern nur sich selbst bedeuten will. Dementsprechend lässt sich diese Art von Fotografie auch als Teilbereich der Konkreten Kunst zuordnen.
Um den Begriff weiterhin zu beleuchten, gibt der Kunst- und Medienwissenschaftler Rolf H. Krauss im zweiten Text des Buches eine ausführliche, historische Aufarbeitung, die Aspekte der kameralosen Fotografie genauso einbezieht wie die Findung neuer Begrifflichkeiten zur Erläuterung nicht-gegenständlicher fotografischer Bilder. Interessant ist auch am Ende seines Textes sein Fazit: "Dass die Fotografie in ihrer letzten Phase vor dem endgültigen Eintritt in die digitale Welt in besonders prägnanter Weise in ihrer existentiellen Form als Konkrete Fotografie auftritt, verwundert nach allem nicht. Ihre kurze Geschichte endet mit ihrer eigenen Apotheose. Ein würdevoller Abschied eines epochemachenden Mediums."
In dem letzten Text der Kunsthistorikerin und stellvertretende Leiterin der Sammlung Ruppert Beate Reese wird noch einmal anschaulich dargelegt, welche künstlerischen Methoden und Herstellungsverfahren - speziell in der Sammlung - auszumachen sind. Von Fotogrammen über Chemigramme bis hin zu Grenzbereichen der Fotografie arbeitet sich Reese zum Begriff der "Konkreten Fotografie" und kommt zu dem Ergebnis, dass "... von Fotografie als einer neuen Möglichkeit der Bildfindung innerhalb der konkreten Kunst zu sprechen sein (wird), aber weniger von einer konkreten Fotografie."
Diese unterschiedlich ausgerichteten Texte zeigen, dass es den Autoren keineswegs um eine neue Kategoriefindung innerhalb der Kunstgeschichte geht, sondern um die Darlegung verschiedener Betrachtungsweisen zu einer interessanten Tendenz.
Wem das nach zu viel Theorie klingt, der sei noch auf Folgendes verwiesen:
Neben den Texten ist umfangreiches Fotomaterial in 7 chronologische Bildstrecken unterteilt: die 1. und 2. zeigt die Anfänge von 1920 bis 1950; in der 3. sind Fotografien der Nachkriegszeit mit Tendenzen zum Informell und Konstruktiven zu sehen. Es folgen im 5. Bildkapitel bildanalytische Auseinandersetzungen der Fotografen in den 70er bis 90er Jahren, im 6. Teil bildet das Fotomaterial Thema der Werke und die 7. Bildstrecke zeigt unterschiedliche Fotografien der 90er Jahre bis in die Gegenwart. Rund 150 Werke von 80 internationalen Künstlern werden so vorgestellt und sollen exemplarisch einen Überblick dieser Kunstform vermitteln, was durchaus gelungen ist.
Ein Glossar und Literaturverzeichnis runden das Buch ab.
Gottfried Jäger, Rolf H.Kraus, Beate Reese
Concrete Photography. Konkrete Fotografie
englisch/deutsch
Kerber Verlag 2005
Preis: 34,-EUR
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