Francisco Sierra - Avalon

Zeitgenössische figurative Malerei

15. 11. 2013 - 02. 03. 2014 | Kunstmuseum St.Gallen
Eingabedatum: 13.11.2013

bilder

Bereits zum 12. Mal wird in diesem Jahr der MANOR-Kunstpreis St.Gallen vergeben: der diesjährige Preisträger ist Francisco Sierra. Der 1977 in Chile geborene Künstler übersiedelte 1986 mit seiner Familie in die Schweiz und wuchs in Herisau und St.Gallen auf. Die atemberaubende Perfektion seiner fotorealistischen Malerei und die vielschichtigen Motive mit charmant ironischer Zeitkritik fanden bereits grosse Resonanz. Die Vergabe des Manor-Kunstpreises ist verbunden mit einer umfassenden Ausstellung neuer Gemälde, die mehrheitlich für die Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen entstanden.

Wie zeitgenössische figurative Malerei aussehen könnte, auf diese Frage hat Francisco Sierra gleich mehrfache Antworten. Die unerwarteten Verschiebungen in Form und Material der dargestellten Dinge machen sein Werk doppelbödig und irritierend zugleich und damit faszinierend zeitgenössisch, gerade weil es sich auf die grossen klassischen Traditionen der Malerei beruft. Die Objekte sind kaum je das, was sie vorzugeben scheinen.

Parallel zu einem Violinstudium brachte sich Francisco Sierra das Malen autodidaktisch bei. Der von der Firma Maus Frères SA 1982 initiierte MANOR-Kunstpreis, der inzwischen in 12 Schweizer Städten in Zusammenarbeit mit den Kunstmuseen vergeben wird, ist eine von zahlreichen Auszeichnungen, die der Künstler bislang entgegennehmen durfte. Neben dem Swiss Art Award und einem Atelierstipendium von Landis & Gyr erhielt Sierra auch mehrfach den Kiefer Halblitzel Preis für Bildende Kunst.
So wie Francisco Sierra die Fallgruben der zeitgenössischen fotografischen Abbildung und die transformierenden Möglichkeiten der Malerei interessieren, so elegant reflektiert er surrealistische und konzeptuelle Bildvorstellungen, die immer wieder auf die Alltäglichkeit der gesehenen Dinge zurückfallen. Der virtuose Umgang mit Material, Objekt und Suggestion vereint sich beim Betrachter zu einem eindrücklichen visuellen Erlebnis.

Mit seiner Werkreihe „Formology of Avalon“ begibt er sich auf die Reise zum mythischen Ort Avalon der Artussage. Die insgesamt sieben grossformatigen Bilder(170 x 130 cm) der Serie, die alle abstrakte Reliefs zeigen, erinnern zunächst an eine formalistisch verstandene Moderne. Ausgangspunkt der Arbeiten sind comicartige Strichzeichnungen in Bleistift, die der Künstler rasch und in Serien zeichnet. Im Falle von „Formology of Avalon“ sind abstrakte Formfindungen das Thema. Diese Zeichnungen bildet der Künstler im gleichen A4-Format in einem gipsartigen Material nach. Es entstehen weisse Reliefplatten mit dreidimensionalen gegenstandslosen Strukturen, deren Konturlinien den vorangehenden Zeichnungen entsprechen. Und hier nun setzt das schlüssig Visuelle seiner akribisch nach dem Erscheinungsbild gemalten Bilder ein. Changierende Weisstöne bestimmen die abstrakten kleinen Reliefs, doch die Farbe Weiss kommt auf den Gemälden nicht mehr vor. In unendlich differenzierten Annäherungen einer minutiös entwickelten Pinseltechnik, die mit fotografischem Blick Dinge wirklichkeitsgetreu abbildet, entfernt sich Sierra vollständig von den Vorlageobjekten, gerade weil er sie so realistisch abbildet. Die Objekte werden auf der grossformatigen Leinwand nochmals neu erfunden. Sie dienen nunmehr als Ausgangspunkt eines malerischen Prozesses, der die Wahrnehmung des Objektes mit Hilfe einer differenzierten Pinselsprache erfahrbar macht.

Die Schlüsselfrage der bildenden Kunst nach den Abbildungs- und Wahrnehmungsmechanismen steht im Zentrum dieser Recherche. Die faszinierende Überanschaulichkeit des Bildes lässt uns die eigene Betrachtungsweise wie durch ein Brennglas nochmals neu betrachten.
Zur Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen findet vom 28. September 2013 bis 2. Februar 2014 im Kunstmuseum Solothurn parallel eine Präsentation mit Zeichnungen von Francisco Sierra statt. Die sich ergänzenden Ausstellungen werden von einem gemeinsamen, reich illustrierten Katalog begleitet.

Kunstmuseum St.Gallen

Museumstrasse 32
9000 St.Gallen
kunstmuseumsg.ch

PM







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I love ALDI


Francisco Sierra, Fleisch. Serie von 11 Bildern, 2004/2005, Farbstift auf Papier, jeweils 50cm x 70cm, Fotos: Dominique Uldry © Francisco Sierra

Unter dem Titel "I love ALDI" reflektieren 38 Künstlerinnen und Künstler teils unmittelbar, teils im weiteren Sinne Aspekte der industriellen Lebensmittelproduktion, der Billigware und des postmodernen Konsumverhaltens. Es geht dabei ebenso um inhaltliche wie auch um ästhetische Fragen. In fünf Kapiteln entfaltet sich ein Ausstellungs-Parcours, der zum Teil kritisch, zum Teil aber auch humorvoll und ohne moralisierende Tendenz durch verschiede-ne Aspekte des Themenkreises führt.

Verpackung
Das System "Discount" tritt nach außen durch eine spezifische Ästhetik in Erscheinung, die sich in der uniformen scheunenartigen Architektur der Filialen ebenso manifestiert wie in der schnörkellos-simplen Warenpräsentation, dem Verpackungsdesign der Billigware und nicht zuletzt auch im Marken-Logo, das bei ALDI, Lidl, Penny oder auch bei Ikea aus dem For-menvokabular der konkreten Kunst aus den 70er Jahren stammt. Die berühmte ALDI-Nord-Tüte, die bis heute produziert wird, entwarf Günter Fruhtrunk 1970; Torben Giehler, Joachim Grommek und Sebastian Freytag beziehen sich auf diese Bildsprache,
Konstantin Voit und Guido Münch arbeiten mit Marken-Logos. Angelika Schröder, Ina Weber und Gabriele Langendorf machen die Architektur der Discounter zum Thema, Tatjana Doll und Stefanie Schneider die Einkaufswagen.

Inhalt
Das Kapitel "Inhalt" konzentriert sich weitgehend auf die Auseinandersetzung mit dem Ange-bot, dem Konsum und der Produktion von Lebensmitteln als Massenware – ein für uns alle existenzielles Thema, das immer mehr in den Fokus gerät und heftige Debatten hervorruft. Thomas Rentmeisters Wurst-Skulptur wie auch seine Zucker-Installation zeugen von der Überflussgesellschaft ebenso wie von absurden Konservierungsmöglichkeiten. Francisco Sierra thematisiert die Schattenseiten der Massentierhaltung und der Fleischproduktion, Piero Steinle hat erschütternde Eindrücke in Tierkörperbeseitigungsanstalten gesammelt. Alice Musiols uniforme Häusersiedlung aus Toastbroten ist eine industrielle Ernährungs-wüste ohne jeden Nährwert. Die Nahrungsmittel-Grundsortimente von Discountern werden in Florian Slotawas Vergleich ununterscheidbar.

Konsum
Der Welt der Waren steht der Käufer mit seinem Konsumverhalten und Einkaufsritualen ge-genüber. Der Video-Klassiker von Christian Jankowski zeigt, wie elementar und archaisch Einkaufen ist – als Jagd mit Pfeil und Bogen im Supermarkt. Hysterie im Schnäppchenmarkt ist das Thema von Gardar Eide Einarsson. Heinrich Gartentor betätigt sich vor idyllischer Heidi-Kulisse als Konsum-Terrorist und mischt ALDI-Artikel zu Explosivkörpern. Markus Vater lässt Kunden mit dem Leben bezahlen, Pietro Sanguineti beschwört in seinen Schriftzügen Versprechen und Bedrohungen der schönen neuen Warenwelt. Die fast religiöse Dimension der Warenverehrung thematisieren Iskender Yediler in seinem AldiLidlPlus-Kreuz und Stephanie Senge in ihren "Konsum-Thangkas".

Kunst
Discountware ist eigentlich genau das Gegenteil der auf elitäre Verknappung zielenden Kunst. Kunst als Massenware, Massenware als Kunst erscheint als Widerspruch. Eine Reihe von Künstlern nähert sich dieser Festlegung in subversiver Manier. Katinka Pilscheur kre-iert monochrome Malerei aus dem ALDI-Nagellack-Sortiment, Hötsch Höhle malt Bilder im Dutzendpack zum Billigtarif, Baumann/Bien bieten einen Kunstautomaten an, aus dem man sich Kunstwerke wie Zigaretten ziehen kann, Stephanie Senge veredelt ALDI-Produkte in einer Performance zu Kunstwerken, Jani Leinonen entdeckt den (künstlerisch-poetischen) Mehrwert der Waren in der Kombination ihrer Markennamen. Auch ALDI selbst hat die Gren-zen von Kunst und Massenware mit mehreren ALDI-Kunsteditionen gesprengt, die in einer Auflage von je 10.000 vertrieben wurden. Schließlich wurden selbst Einkaufstüten als Kunstmedium entdeckt. 1982 zeigte Elke Koska im Düsseldorfer Kunstverein eine legendäre "Plastiktüten-Show", die im Rahmen der Ausstellung präsentiert wird.

Gesellschaft
Gesellschaftliche und gesellschaftskritische Aspekte des Discountsystems thematisieren unter anderem Arbeiten von Joseph Beuys und von Felix Droese, Lili Fischer zeigt ihr "Hungertuch". Thomas Henke entwirft ein reziprokes Video-Portrait von einem Discounter-Vorstandsvorsitzenden und einer Filialleiterin. Stephanie Senge organisiert eine Konsum-Demonstration, deren Spruchbänder als Bilder im Museum präsentiert werden. Das Künst-lerduo M+M ruft in einem Fiat Seicento zum ALDI-Streik auf, Alexander Kosolapov und Jani Leinonen vermischten in ihren Lenin-Portraits Kommunismus und Kapitalismus.

Künstler-Liste
Peter Anton, Winfried Baumann/Anna Bien, Günther Beier, Joseph Beuys, Tatjana Doll, Felix Droese, Gardar Eide Einarsson, Robert Filiou, Lili Fischer, Sebastian Freytag, Günther Fruhtrunk, Heinrich Gartentor, Torben Giehler, Joachim Grommek, Thomas Henke, Hötsch Höhle, Christian Jankowski, Gabriele Langendorf, Jani Leinonen, Alexander Kosolapov, M+M, Guido Münch, Alice Musiol, Birgit Nadrau, Katinka Pilscheur, Thomas Rentmeister, Pietro Sanguineti, Stefanie Schneider, Angelika Schröder, Stephanie Senge, Francisco Sierra, Daniel Spoerri, Florian Slotawa, Piero Steinle, Markus Vater, Konstantin Voit, Ina Weber, Iskender Yediler.


Öffnungszeiten: Mo geschlossen
Di, Mi, Fr, 11 - 18 Uhr
Do, 11 - 20 Uhr
Sa, So, 10 - 18 Uhr

Wilhelm-Hack-Museum
67059 Ludwigshafen am Rhein
Berliner Straße 23
Telefon 0621/504-3403 /-3411
museum.de

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