Heiner Goebbels

Die Provinz des Menschen / The Human Province

15.01. - 10. 04. 2016 | Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Eingabedatum: 08.01.2016

bilder

Der Komponist und Theatermacher Heiner Goebbels hat für Dresden eine multimediale Installation konzipiert, die auf ungewöhnliche Weise Bilder, Klänge, Sprache, Raum und Rhythmus zu einem vielschichtigen Seh- und Hörerlebnis verbindet.

Auf einer großen Monitorwand entfaltet sich in 54 Filmsequenzen visuell und musikalisch eine vielstimmige Komposition, eine Klanglandschaft verschiedenster Städte, die von dem Schauspieler André Wilms durchwandert werden. Wir hören seine Schritte und immer wieder Sätze aus Canettis Aufzeichnungsband „Die Provinz des Menschen“, mit denen er seinen Blick auf die Gesellschaft beschreibt, reflektiert und kommentiert.

Die Vervielfachung und Wiederholung der Videosequenzen — aufgenommen in den Metropolen der Welt — und der Chor der vervielfältigten Stimme des Protagonisten täuschen nicht über die Einsamkeit hinweg. Im Gegenteil: Sie machen diese erfahrbar. Wir beobachten denselben Menschen über einen Zeitraum von zehn Jahren — von 2004 bis 2014 — bei dem immer gleichen Ritual in über 45 Städten in mehr als 25 Ländern.

Kontrapunktisch zur Bild- und Klangfülle der großen Installation hat Heiner Goebbels mit „Materie“ eine weitere Filmarbeit geschaffen, die in meditativer Stille die Abwesenheit des Menschen thematisiert.

„Die Provinz des Menschen“ und „Materie“ sind zwei Arbeiten, die sich gegenseitig entsprechen, vielleicht sogar brauchen — wie Vorder- und Rückseite: Auf der einen Seite ein unruhiger, immer gleicher Heimweg durch die Städte der Welt als Rückzug, um ihrer Komplexität zu entgehen. Auf der anderen Seite die beschauliche Undurchschaubarkeit einer fremden Landschaft, die doch gar keine ist — sondern nur Theater.“ (Heiner Goebbels)

Das Video „Materie“ basiert auf dem Musiktheaterstück „De Materie“ (1989) des niederländischen Komponisten Louis Andriessen, das Heiner Goebbels für die Ruhrtriennale 2014 inszeniert hat. Im vierten Akt tummelt sich eine Schafherde in einer großen dunklen Industriehalle, der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord — umkreist von einem leuchtenden Zeppelin. Einen Mitschnitt dieser außergewöhnlichen Situation hat Goebbels für die Ausstellung im Lipsiusbau neu bearbeitet.

Heiner Goebbels (*1952) studierte Soziologie und Musik und lebt seit 1972 in Frankfurt am Main. Seit Mitte der 1980er Jahre komponiert er szenische Konzerte, Hörstücke und Arbeiten für Ensemble und große Orchester (Surrogate Cities). Zu seinen erfolgreichen Musiktheaterproduktionen gehören u. a. Schwarz auf Weiß (1996), Eislermaterial, Max Black (1998), Eraritjaritjaka — musée des phrases (2004) und Stifters Dinge (2007). Er lehrt seit 1999 als Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und wurde 2006 zum Präsidenten der Hessischen Theaterakademie gewählt. Von 2012 bis 2014 war er Intendant der Ruhrtriennale — International Festival of the Arts.


Staatliche Kunstsammlungen Dresden
01067 Dresden
www.skd.museum

Presse







Daten zu Heiner Goebbels:

- documenta 10, 1997
- documenta 8, 1987

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ECM - Eine kulturelle Archäologie


ECM (Edition of Contemporary Music) wurde 1969 von Manfred Eicher gegründet. Zu einem Zeitpunkt, als der Status von zeitgenössischer Musik genreübergreifend neu definiert wurde, gelang es ECM, Jazz und improvisierte sowie komponierte Musik aus dem Tonstudio in die Welt zu bringen. Mit einem klaren und transparenten Klangbild setzte ECM neue Maßstäbe.

Unter den Produktionen von Manfred Eicher finden sich einige der außergewöhnlichsten Musiken überhaupt. Sie führten zu einem neuen räumlichen Verständnis von Klang, mit dem sich das Label von anderen, ebenbürtigen, unterschied. Der reichhaltige Katalog des Labels umfasst Aufnahmen von Keith Jarrett, Chick Corea, Carla Bley, Meredith Monk, Marion Brown, Codona, dem Art Ensemble of Chicago, sowie die Musik der New Series von Perotin und Machaut bis zu zeitgenössischen Komponisten wie Arvo Pärt, György Kurtág, Giya Kancheli, Heinz Holliger, Luciano Berio, Steve Reich und Heiner Goebbels, eingespielt von Musikern wie Gidon Kremer, Dennis Russell Davies, Kim Kashkashian, Thomas Demenga, dem Keller Quartett, András Schiff, dem Hilliard Ensemble und vielen anderen. Die hohe künstlerische Qualität, Klarheit und Frische dieser Aufnahmen wurden Referenz in der Musikwelt. In einer Empfehlung von Gertrude Stein kommt zum Ausdruck, was die ganz eigene Klangsprache, die Manfred Eicher über die Jahre kontinuierlich ausgebaut hat, ausmacht: "think of your ears as eyes".

Bewegte Bilder und Klang

Die Ausstellung ist angelegt wie ein sensorisches Feld, wo fotografische, klangliche, filmische, typografische Formate und Installation vermischt sind. Diese Art der Präsentation würdigt die gesamte Leistung von ECM: den disziplin- und kulturübergreifenden Ansatz, in dem das vielschichtige Verhältnis von Klang und Bild ebenso seinen Platz findet wie Poesie und zeitgenössische Kunst.

Ein Herzstück der Ausstellung ist "See the Music" von Theodor Kotulla. Der Film entstand 1971, geriet anschließend in Vergessenheit und ist zum ersten Mal nach langer Zeit wieder zu sehen. Die Kamera begleitet Marion Brown (Altsaxophon), Leo Smith (Trompete), Manfred Eicher (Kontrabass), Fred Braceful (Percussion) und Thomas Stöwsand (Cello, Fagott) bei Proben und Vorbereitungen für ein Konzert, bei den komplex komponierten Improvisationen von Marion Brown und einem Interview, in dem Brown und Smith über die wesentlichen Elemente kreativer Musik sprechen. Die Schlussszene, ein Spaziergang der Musiker durch den Englischen Garten, macht den Film zu einem Zeitdokument über München als Ort der Avantgarde.

Als Auftragsarbeit für das Haus der Kunst entwickelt die Otolith Group einen Videoessay über das Verhältnis von Film und Sound. Dieses Video ist inspiriert von Archivmaterial zu den drei Alben, die Codona (Don Cherry, Collin Walcott und Nana Vasconcelos) zwischen 1978 und 1982 mit ECM aufgenommen hat. Die Otolith Group (Anjalika Sagar und Kodwo Eshun) leitet ihren Namen ab von Otolith, zu Deutsch ´Ohrstein`. Der Bezug auf diesen kleinen anatomischen Partikel im Innenohr, zuständig für Gleichgewichtssinn und Orientierung, ist symbolisch für die Verschiebung von Aufmerksamkeit, mit der sich das Künstlerkollektiv beschäftigt.

Ein Film aus Peter Greenaways Serie "Four American Composers" von 1983 ist der Sängerin, Performerin, Tänzerin und Choreografin Meredith Monk gewidmet, die ihre ersten Aufnahmen bei ECM produziert hat. Greenaway hat eine bahnbrechende Aufführung der "Dolmen Music" festgehalten, bei der die theatrale musikalische Auffassung von Meredith Monk und ihre Überzeugung, dass Klänge gleichzeitig futuristisch und archaisch sein können, besonders greifbar sind.

In vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Jean-Luc Godard arbeitete Manfred Eicher am Soundtrack für dessen Film "Nouvelle Vague", der später auch vollständig bei ECM erschien. "Wenn Sie die Tonspur meines Films hören, ohne die Bilder zu sehen, ist das sogar noch besser", hat Godard einmal gesagt. Dieser Soundtrack, in der Ausstellung durch Filmstills zu einer Installation ergänzt, lässt die Handlung mit ihren transparenten Fäden zwischen Dingen und Menschen ebenso deutlich spürbar werden wie Bilder.

Filme von Stan Douglas ("Hors-champs", 1992) und Anri Sala ("Long Sorrow", 2005, mit Saxophonist Jemeel Moondoc) ergänzen die Ausstellung um zentrale Positionen aus der zeitgenössischen Kunst. Sie arbeiten den Nexus heraus zwischen Free Jazz, den kulturpolitischen sozialen Gegebenheiten jenseits des Atlantik sowie die spezifische Darstellung von Free Jazz im europäischen Fernsehen.

Studiofotografie und Klang

Fotografen wie Deborah Feingold, Roberto Masotti, Ralph Quinke, Dieter Rehm, Andreas Raggenbass und Takashi Itoh haben die Musiker während der Aufnahmesitzungen, Konzerte und Performances begleitet; ihre fotografische Dokumentation ist Teil der Ausstellung. Eine Seltenheit bilden die Fotos, die 1980 in New York entstanden, während der Aufnahme von Steve Reichs "Octet. Music for a Large Ensemble". Die Originalabzüge in Schwarz-Weiß zeigen die Musiker nicht nur bei der Einspielung der Musik, sondern auch anschließend beim Abhören. Damit gibt Deborah Feingold einen einzigartigen Einblick in den Prozess und die Stimmungen, welche das Hören hervorruft.

1978 veröffentlichte ECM die "Sun Bear Concerts". Die ursprünglich zehn LPs dieser Box enthalten die vollständige Aufzeichnung von fünf Improvisationskonzerten, die der Pianist Keith Jarrett 1978 in Japan gegeben hat. Hier war es Takashi Itoh, der mit der ausdrucksvollen Mimik und ungewöhnlichen Köperhaltung des Künstlers die Natur des kreativen Prozesses fotografisch dokumentiert hat.

ECM veröffentlichte diese Dokumentarfotos meist im Booklet eines Albums; nur in seltenen Fällen waren Musikerporträts auf dem Cover zu sehen.

Grafische Gestaltung und Klang

Ebenso eigenwillig wie Fotografie setzt ECM auch grafische Gestaltung ein. Auf vielen Covern finden sich Schriftbilder, Zeichnung, Aquarell und Collagetechnik. Sie enthalten dabei so wenig Information wie irgend notwendig und sind oft nur zweifarbig oder sogar monochrom. Mit ihrem Minimalismus wollen sie sich abheben von einem Umfeld, in dem exzessive Mengen an Information Lärm erzeugen und die Regel sind. Mit grafischen Mitteln bilden die Cover die Entsprechung zu der hohen Achtung vor der Stille, für die ECM geschätzt wird.

Vertreten ist die Grafikdesignerin Barbara Wojirsch, die seit den frühen 1970er- bis Mitte der 1990er-Jahre für ECM arbeitete, und der Fotograf Dieter Rehm, dessen experimentelle Bilder auf den Covern vieler Alben erschienen sind.

"ECM - Eine kulturelle Archäologie" ist die erste Produktion von Okwui Enwezor für das Haus der Kunst. Co-Kurator ist Markus Müller, Berlin, Projektassistentin Anna Schneider, München.

Katalog mit Beiträgen von Diedrich Diederichsen, Okwui Enwezor, Kodwo Eshun, Renée Green, Kenny Inaoka, Steve Lake, Markus Müller, Wolfgang Sandner, Jürg Stenzl; Prestel Verlag.

Die Ausstellung wird von einer Konzertreihe begleitet, die mit der deutschen Erstaufführung von Arvo Pärts "Adam´s Lament" am 13. Oktober im Herkulessaal der Residenz begonnen hat. Details zu weiteren Konzerten, die im Haus der Kunst stattfinden, folgen.

Haus der Kunst
Prinzregentenstraße 1
80538 München
Germany
+49 89 211 27-115
hausderkunst.de


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