snow future Die Alpen - Perspektiven einer Sehnsuchtslandschaft in Kunst + Wissenschaft

Ausstellung. Vorträge.

27. Januar bis 23. April 2016 | ERES-Stiftung, München
Eingabedatum: 19.01.2016

bilder

Grüne Wiesen, still stehende Skilifte, Pollenflug statt Flockenwirbel: Der Dezember 2015 war der mildeste seit über 130 Jahren. Mit einer Durchschnittstemperatur von 6,4 Grad Celsius war es um 5 Grad wärmer als im langjährigen Mittel.

Als hätte er die Rekordmilde erahnt, holt der Künstler Philipp Messner mit einer großen, wuchtigen Geste die schneelose Realität in den Münchner Stadtraum und schafft mit seiner Aktion „clouds" (ermöglicht und gefördert im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ des Kulturreferats der Landeshauptstadt München in Kooperation mit dem Kunstareal München) ein irritierend surreales Bild von Winterlandschaft: Auf der Südwiese vor der Alten Pinakothek werden drei große Pisten-Schneekanonen aufgestellt, die in einem performativen Happening den Rasen in einen bunten Kunstschneeteppich verwandeln werden. (mehr Infos unter nanmellinger.de)

Weniger zufällig als der Zeitpunkt der Performance (Voraussetzung sind Temperaturen unter minus 3 Grad Celsius), ist Messners Beschäftigung mit den Veränderungen der alpinen Winterlandschaft durch den Eingriff des Menschen. Bereits zum Jahreswechsel 2015 fand ein ähnliches Happening am Karer Pass in Südtirol statt. Damals lud Messner den renommierten Südtiroler Fotokünstler Walter Niedermayr ein, die artifizielle Kunstschnee-Landschaft in der ihm eigenen hellen, scheinbar überbelichteten Bildsprache festzuhalten. Aus dieser künstlerischen Kooperation ist eine Serie täuschend schöner und formal eigenwilliger Diptychen und Leuchtkasten-Arbeiten entstanden, die ab 27. Januar in der ERES-Stiftung gezeigt werden. Mit Hansjoerg Dobilar haben die beiden Künstler zudem einen Maler gebeten, ihre Auseinandersetzung mit der Alpenlandschaft um eine weitere Position zu bereichern.

Die Ausstellung, die den Titel „snow future“ trägt, ist ein ungemein spannender Dialog zwischen drei mit unterschiedlichen Medien arbeitenden Künstlern, der zeigt, wie konstruiert und fiktiv alpine Landschaftsvorstellungen sein können. Die zivilisatorische Erschließung und die allgegenwärtige Präsenz des Menschen selbst in den abgelegensten Winkeln der Bergwelt zieht sich als verbindendes Thema durch alle Werke. Neben Fotoarbeiten, Gemälden und Marmorskulpturen werden die drei Künstler auch Videoarbeiten zeigen. Das Projekt wirft mit einem umfassenden Vortragsprogramm außerdem die Frage auf, wie es um den Schnee von morgen bestellt ist, ob die Alpengletscher Bestand haben und welche kollektiven Bilder unsere Vorstellungen vom Sehnsuchtsort Berge prägen.

Wie Walter Niedermayr beobachtet Philipp Messner, der in St. Ulrich im Grödnertal geboren ist, schon lange die radikale Veränderung der alpinen Landschaft durch Tourismus und Klimawandel. So beträgt der Flächenanteil künstlich beschneiter Skipisten in Südtirol über 90 % (zum Vergleich: in Österreich sind es 70 %, in der Schweiz 40 % und in Bayern 17 %). Weiße Kunstschnee-Bänder, die sich wie Papierbahnen die grünen Hänge herunterschlängeln gehören ebenso zu den vertrauten „Heimat“-Bildern wie Touristenmassen, die sich mit Aufstiegsanlagen in luftige Höhen bringen lassen.

So sehr sich die Künstler auf real vorgefundene Landschaften beziehen - es geht ihnen nicht um vordergründige Kritik an der Zerstörung von Natur durch den Menschen. Bei ihrer Spurensuche entdecken sie abstrakte Kompositionen in den verlassenen Schneelandschaften, die eine hyperreale visuelle Ebene eröffnen und teilweise derart künstlich wirken, dass sie an die Grenze zum Virtuell-Digitalen gehen. So werden neue, künstliche Landschaften geschaffen, die überdeutlich machen, wie sehr wir uns durch unsere Eingriffe von der rein weißen Winterwunderlandschaft entfernt haben.


Vorträge
Donnerstag, 28. Januar 2016, 19 Uhr
Prof. em. Dr. Wilfried Haeberli, Gruppe Glaziologie und Geomorphodynamik, Geographisches Institut, Universität Zürich
Alpines Eis im Rückzug. Neue Landschaften für künftige Generationen

Montag, 14. März 2016, 19 Uhr
Prof. Dr. Philipp Felsch, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin
Laborlandschaften. Die Alpen als Raum der Wissenschaft

Donnerstag, 21. April 2016, 19 Uhr
Prof. Dr. Bernhard Tschofen, Institut für Populäre Kulturen, Universität Zürich
Alpine Bildwelten. Was prägt unsere Vorstellungen vom Sehnsuchtsort Berge?

Begleitende Künstlergespräche unter eres-stiftung.de
Eintritt frei. Anmeldung empfohlen.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

ERES-Stiftung
Römerstr. 15, 80801 München
eres-stiftung.de

Presse







Daten zu Philipp Messner:

- Kunstverein Göttingen

Weiteres zum Thema: Philipp Messner



"from & to" - kunst Meran (6.10.07-6.1.08)


Um junge zeitgenössische Kunst zu fördern, startet kunst Meran das Ausstellungsprojekt "from & to". Dabei werden sechs Künstler aus der Region Trentino Südtirol gemeinsam mit jeweils einem international bekanntem Künstler eine Arbeit für die Ausstellung realisieren.
Der daraus entstehende Dialog soll Schnittstellen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufdecken.

Michael Fliri arbeitete mit dem amerikanischen Konzeptkünstler Paul Kos zusammen; Stefano Cagol konnte die holländische Architekten- und Künstlergruppe Stealth für ein gemeinsames "site specific" Projekt gewinnen; Brigitte Niedermair und die Norwegerin Marit Victoria Wulff Andreassen machen Fotos und Zeichnungen zur weiblichen Sexualität; Philipp Messner analysiert in seinem Werk die Zusammenarbeit mit Matthew Smith; Laurina Paperina und der Südafrikaner Anton Kannemeyer beschäftigen sich mit der Gegenwartsdarstellung.

Kuratoren: Valerio Dehò und Denis Isaia.

Abbildung: Michael Fliri, Early one more, videostill

Öffnungszeiten: Dienstag-Sonntag 10-18 Uhr. Montags geschlossen

kunst Meran
im Haus der Sparkasse
Lauben 163
I-39012 Meran
Tel: ++ 39 0473 21 26 43

kunstmeranoarte.org

Unknown Again. Philipp Messner


copyright Philipp Messner

Das nachgebaute trojanische Pferd von Philipp Messner ist zugleich Ausgangspunkt und Herzstück seiner Ausstellung „Unknown Again“ im Göttinger Kunstverein, in der er sich mit den Grenzen zwischen dem Virtuellen und dem Materiellen, dem Illusionären und dem Konkreten auseinandersetzt. Am Eröffnungstag wird das über-lebensgroße hölzerne Pferd in einer feierlichen Prozession durch die Straßen der Göttinger Altstadt geschoben und dann im mittelalterlichen Bau des Alten Rathauses aufgebaut. Ursprünglich aus dem Epos Homers stammend ist das trojanische Pferd heute als ein Computervirus bekannt, das sich bei seinem Wirt einnistet und dort Verwüstungen anrichtet. Zwar wird die Bedrohung, die möglicherweise von Messners Pferd ausgeht nicht näher benannt, aber eine ähnliche Täuschung wird suggeriert: das Pferd steht für etwas, das man arglos in seine Mitte nimmt und erst später als Köder und Falle erkennt.

Das Alte Rathaus selbst verwandelt Messner in einen hermetisch versiegelten Raum, indem er Fenster und Türen abdeckt. Von außen mit zwei schwarz-weißen Fahnen gekennzeichnet, wird das mittelalterliche Bauwerk so in eine Reihe von Videovorführungsräumen verwandelt – in einen metaphorischen „Pferdebauch“, in dem an verschiedenen Stellen experimentelle Videoarbeiten zu sehen sind. In einer der Arbeiten ertastet eine große Hand die inneren Grenzen des Monitors. Ein anderes Werk zeigt einen Turm von acht Monitoren mit Aufnahmen von einer „Occupy Wall Street“-Kundgebung. Die von Youtube.com stammenden Filme mit ihrem persönlich-individuellen Blick bilden ein multiperspektivisches Monument. In einer weiteren Arbeit sehen wir, wie eine Anstecknadel mit dem symbolisch aufgeladenen SS-Totenkopf von einem Zug überfahren und platt gewalzt wird.

Die grobe Qualität der Videos fällt auf. Eine geringe Auflösung, die Verwendung von Handkameras sowie beiläufige Hintergrundgespräche untergraben jeden Eindruck von Ikonisierung und verleihen den Filmen eine fast haptische Qualität. Die Installation als Ganzes veweist auf eine Verlagerung der Position des Betrachters. Charakteristisch für die zuletzt entstandenen dreidimensionalen Objekte und Installationen des Künstlers mit ihren spiegelnden Oberflächen und der reduzierten Ästhetik war der Blick von Außen. Im Gegensatz dazu ist Messners „Unknown Again“ ein Blick aus dem Inneren, ein virtuelles Testgelände und Reaktion auf unsere digital vermittelte Erfahrung des Alltags. Jenseits aller Kritik an den Möglichkeiten des Bildes, Wahrheit zu kommunizieren oder Wirklichkeit abzubilden nimmt die Ausstellung eine skeptische Position ein und fragt, in welchem Ausmaß wir von der Dynamik einer vom (medialen) Bild dominierten Kultur vereinnahmt sind. Was wir sehen oder glauben zu sehen, ist letztendlich immer komplexer, ist immer vielschichtiger kodiert, als es anfangs scheint.

Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich selbst das gewaltige trojanische Pferd als einfacher Esel, dem eine Möhre am Stock vor der Nase baumelt und ihn vorwärts lockt. So nimmt die Aufführung, in der das Tier durch die Straßen geführt wird – ein Akt, der an eine Demonstration oder eine Parade erinnert – absurde Dimensionen an. Doch wie im Don Quijote, aus dem er entlehnt ist, erweist sich der Esel mit der Möhre auch hier als ein äußerst widerständiger Akteur. Als Köder und selbständig Handelnder zugleich ist Messners Esel ein augenzwinkerndes Statement über die Widerspenstigkeit des Bildes. Mit „Unknown Again“ lädt Messner den Betrachter dazu ein, dem Esel auf seinem verschlungenen Pfad von der Welt der halluzinierten Erfahrungen in den verdunkelten Raum der isolierten Bilder zu folgen.

Öffnungszeiten: Di – So 11.00 bis 17.00 Uhr

Kunstverein Göttingen
Altes Rathaus
Markt 9
37073 Göttingen
kunstvereingoettingen.de


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