UNDISTURBED SOLITUDE

Emil Michael Klein, Flora Klein, Tiphanie Mall, Johannes Willi

19. 02. -10. 04. 2016 | Kunsthaus Hamburg
Eingabedatum: 12.02.2016

bilder

Diese Ausstellung ist eine Übung, die darin besteht, vor Ort eine Situation zu konstruieren, in der die Arbeiten von vier jungen Schweizer Künstlern zu sehen sind, in der aber trotzdem nicht das „Gefühl“ einer Ausstellung entsteht. Dabei geht es uns nicht darum, ein Format aufzubrechen oder ein Experiment zu veranstalten. Es geht um die Möglichkeit das „Material“ unabhängig von der „Präsentation“ zu organisieren. Dennoch wollen wir das Publikum unterhalten. Genau diesen Aspekt der Zwanglosigkeit, wollen wir erreichen. In ihm steckt das Potential um die verschiedenen Beziehungen zu verstehen, die Kunst und KünstlerInnen mit ihrem Material, durch Variationen, Medien und mit Bilder gegenwärtig schaffen. Zwar werden in der Ausstellung kaum technische oder digitale Medien zu finden sein, aber trotzdem geht es darum, sich bewusst zu machen, dass Kunst die Fähigkeit besitzt, die große Spannungsenergie zu absorbieren, die sich zwischen den traditionellen und neuen Formen von Wahrnehmung und Begriffen der Ästhetik täglich um uns herum aufbaut.
Ähnliches passiert mit dem „Sozialen“. Wie interagieren all’ diese Werke, Objekte und bewegten Bilder mit der Realität? Erst einmal überhaupt nicht, und dann eben doch. Eine besondere Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf die Veränderung der Welt, sowohl im ideologischen Sinne, als auch im Hinblick auf den Wandel von Kategorien und Lebensgrundlagen. Diesen Wandel, der so komplex und unmöglich von einer einzelnen Perspektive oder Disziplin aus zu fassen ist, vermag die Kunst zu erschließen. Aber sie tut dies eben nicht in Form einfacher Antworten, die leicht zu begreifen sind, so dass sie ein umfassendes Verständnis, von dem, was gerade vor sich geht und was noch auf uns zukommt, vermitteln könnte. In diesem Sinne versteht sich die Ausstellung als Aufforderung, sich auf den künstlerischen Umgang mit Materialien und Ideen in einem vorgegebenem Raum – im Kunsthaus Hamburg – einzulassen.

1988 besuchte der Philosoph Vilém Flusser das Ars Electronica Festival in Osnabrück. In einem Interview, dass er in diesem Zusammenhang gab, stellte er fest, wie wenig sich die Welt heute noch mit Worten beschreiben lässt. Flusser erklärt, dass das Alphabet nicht nur eine radikale Erfindung war, die – vor mehr als 3.500 Jahren – den Code für die Beschreibung von Realität lieferte, sondern gleichzeitig die Geburtsstunde der „historischen“ Zeitauffassung markiert. Die Textzeile und die Zeitachse stellen somit eine Analogie dar. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelte sich die Logik des Lesens zu einer Logik der linearen Ereignisabfolge. Wir befinden uns, so Flusser, in einer Revolution des Denkens und Kommunizierens, da heute weder Text noch Bild alleine in der Lage sind, die Realität hinreichend zu beschreiben. Die „neue“ Realität, oder Zeit, wenn man so will, braucht eine Sprache, die gleichzeitig bemisst und abbildet, beschreibt und darstellt. Es gibt keine einzige Sprache, Disziplin oder Wissenschaft, die alleine im Stande wäre, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Mit Hilfe von Informationstechnologien, fährt er fort, hat man jahrelang versucht, Codes zu generieren, um die Werkzeuge der nahen Zukunft zu bestimmen. In Einklang mit Flusser möchte ich behaupten, dass eine der wichtigsten Aufgaben von Kultur heute darin besteht, die Beschaffenheit dieser neuen Zeit zu vermitteln, und Fähigkeiten auszubilden, um die Ausbreitung der künstlichen Realitäten zu begreifen.

Wenn es einen Bereich gibt, der sich mit der Praxis und Produktion einerseits und mit einem nachhaltigem Interesse an der linearen und historischen Zeit andererseits beschäftigt, dann ist es das Ausstellungsmachen. Innerhalb der Parameter des White Cube könnte man behaupten, die Ausstellung wäre wie ein Buch aufgebaut. Und, wie Flusser weiter betonte, ist es das Buch, dass wir hinter uns lassen müssen; wir müssen uns von der linearen Präsentation und Erklärung von Kunst verabschieden, von der Logik eines Innen/Außen. In der Tat ist das eine sehr schwierige Aufgabe, die ein gänzlich neues Verständnis für Produktionsweisen als auch für die Erforschung und Präsentation von Raum unter diesen veränderten Voraussetzungen verlangt. Das aktuelle Interesse an unterschiedlichen Arten von Ausstellungen – von der Messe über unzählige Beispiele innerhalb und außerhalb des institutionellen Rahmens, bis hin zu wissenschaftlichen und und naturhistorischen Ausstellungen – spiegelt das unerfüllte Bedürfnis wider, Auswege aus der Formalisierung künstlerischer Produktion, Präsentation und Rezeption zu finden. Unsere Zeit verlangt keine „Nach-Form“, sondern eine greifbaren Methode für eine „Un-Form“. Es ist bekannt, dass wir eine ästhetische Grundvoraussetzung über Bord werfen müssen: die Distanz, welche die Kunst von Institutionen, Betrachtern und Künstlern trennt. Das jedoch setzt eine Nähe voraus, und eine beispiellose Vermischung von Substanzen, die so lange voneinander getrennt waren, dass es neue Organe dafür braucht; Daraus ergibt sich eine komplett neue Theorie von der Relevanz der Sinne; eine Epistemologie, die es noch zu erfinden gilt. Aus diesem Grund glaube ich sowohl an die Rückkehr experimenteller Bedingungen als auch an die Verabschiedung von der „Mittelschicht“ als den universellen Adressaten unserer Aktivitäten. Ersteres ist einfach zu benennen, aber dennoch schwer zu realisieren, weil wir mehr an den Schritten interessiert sind, die zu Ergebnissen führen, als an den „Essenzen“ und Kräften, die Experimente ermöglichen. Ich bin überzeugt, dass die Ausstellung jener Ort ist, der langfristig die Kapazität besitzt, um experimentelle Bedingungen zu schaffen.

Der zweite Vorschlag – die Verabschiedung von der Mittelschicht – mag hingegen etwas polemischer klingen, aber ist nicht weniger nötig als der erste. „Verabschieden“ soll nicht als Missachtung oder fehlende Wertschätzung missverstanden werden. Ganz im Gegenteil: es ist die große Last der Demokratie, die auf der „Mitte“ liegt, auf dem Bürger, den es zu entlasten gilt. Daraus folgt die Entwicklung von Projekten, die aktiv nach einer anderen Art von Beziehungen zwischen Gesellschaft und Kunst suchen und sich von der Idee der Legitimation unterscheiden. Ich denke dabei an zwei mögliche Methoden, die sich anbieten. Eine besteht in einer aktiveren Nutzung von Laboren, Hochschulen und Institutionen, die keine Erwartung an einen direkten Zusammenhang zwischen ihrer Tätigkeit und deren Betrachtung hervorrufen. Die andere Methode besteht in der Entwicklung von Projekten mit Künstlern und Kulturagenten, die die gegebenen Strukturen gemeinsam mit Jugendlichen und Kindern als Teil des Sozialen nutzen. Ein radikaler Weg, um unsere ureigenen Institutionsstrukturen zu „ent-formen“, besteht darin, sie völlig anders zu nutzen, und mit Arbeitsmethoden zu konfrontieren, die nicht vorhersehbar sind und bestehende Modelle des Ausstellens und der Kulturproduktion auf eine produktivere Basis stellen.



Kunsthaus Hamburg
Klosterwall 15
20095 Hamburg
kunsthaushamburg.de


Presse











Auf der Karte finden Sie folgende Standorte:




    Anzeige
    Burg Halle


    Anzeige
    Ausstellung


    Anzeige
    beuys


    Anzeige
    Atelier


    Anzeige
    art essenz berlin



    Albert Oehlen

    Die Ausstellung zeigt Oehlens Gemälde Rock von 2009. Das Werk setzt sich aus zwei Leinwänden zusammen, die durch eine dritte, schmalere Leinwand verbunden werden und so ein Triptychon bilden. weiter


    GERT & UWE TOBIAS – GRISAILLE

    Überbordende Fantasie, subtile Leichtigkeit und humorvolle Gedankentiefe zeichnen die großformatigen Holzschnitte, leuchtenden Collagen und zart-nuancierten Schreibmaschinenzeichnungen von Gert & Uwe Tobias aus. weiter

    Die Möglichkeiten. Alan Carrasco + Diego Paonessa

    Nach dem erfolgreichen Auftakt im vergangenen Jahr, wurde das neue Austauschstipendium zwischen Katalonien und Baden-Württemberg 2016 fortgesetzt. weiter


    Guido Mangold. Die Welt mit meinen Augen.

    Warten auf die Queen, John F. Kennedy am Checkpoint Charlie, Uschi Obermaier am Strand von Afrika. weiter


    "Anohni. My Truth." James Elaine, Peter Hujar, Kazuo Ohno

    «Anohni» ist der neue, weibliche Name von Antony Hegarty, der als Musiker, unter anderem mit seiner Band «Antony & the Johnsons» bekannt wurde. weiter


    Milan Grygar. Sound on Paper

    Die Einzelausstellung präsentiert die einmaligen, aus visuellen und akustischen Elementen bestehenden Werke Milan Grygars (* 1926): Zu sehen und zu hören ... weiter


    Frida Parmeggiani: Kostümabstraktionen

    Anlässlich des 70. Geburtstages der aus Meran gebürtigen Kostümbildnerin Frida Parmeggiani zeigen die Universität Mozarteum Salzburg und Kunst Meran eine umfangreiche Parmeggiani–Ausstellung mit dem Titel „Kostümabstraktionen“

    Salzburg: 22. Juli – 2. September 2016
    Meran: 17. September 2016 – 8 . Januar 2017
    weiter


    Anti:modern

    In der Großausstellung Anti:modern richtet das Museum der Moderne Salzburg aus Anlass der zweihundertjährigen Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich Schlaglichter auf Ereignisse und Phänomene in dieser Stadt ... weiter


    Digitale Wasserspiele 2016

    In diesem Sommer schaffen zwei temporäre technisch wie künstlerisch avancierte begehbare Wasser-Installationen für die Karlsruher BürgerInnen und BesucherInnen der Stadt neue Kunsterlebnisräume weiter


    Abstract Loop

    Mit Abstract Loop zeigt das Wilhelm-Hack-Museum vom 16. Juli bis 23. Oktober 2016 eine thematische Ausstellung, die sich der Entwicklung der kinetischen, optischen und konkreten Kunst seit den 1950er Jahren widmet. weiter


    Wael Shawky

    Der ägyptische Künstler Wael Shawky (geb. 1971) erzählt die Geschichte der Kreuzzüge als verfilmtes Marionetten-theater. weiter


    Yarisal & Kublitz. Surfing the web without getting wet

    Ronnie Yarisal und Katja Kublitz haben sich zu einer intensiven Forschungsreise ins Internet aufgemacht. weiter


    Karl Schmidt-Rottluff Stipendium. Die Ausstellung 2016

    Seit 1989 und mittlerweile alle vier Jahre richtet die Kunsthalle Düsseldorf in Kooperation mit der Studienstiftung des deutschen Volkes die Preisträger-Ausstellung zum renommierten Karl Schmidt-Rottluff Stipendium aus. weiter

    Holger Liebs wird Programmdirektor bei Hatje Cantz

    Verlegerin Dr. Cristina Steingräber gewinnt den Kunsthistoriker und Journalisten Holger Liebs als Programmdirektor für Hatje Cantz. Liebs war Chefredakteur der Kunstzeitschrift Monopol ... weiter


    Ulrich Wüst - In der Stadt

    Das Cottbuser Kunstmuseum beherbergt ein größeres Konvolut an Fotografien von Ulrich Wüst (Jahrgang 1949), die bisher nur selten gezeigt wurden weiter