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Manuel Graf & Co* / Matthias Wollgast

Reale Fiktionen & ebensolche Simulationen

20. 09. - 15. 11. 2020 | Museum Morsbroich, Leverkusen
Eingabedatum: 24.09.2020

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Matthias Wollgast Set I, 2018 Verschiedene Materialien, 280 x 350 x 300 cm in Zusammenarbeit mit David Schnaegelberger Courtesy der Künstler und Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf © der Künstler und VG Bild-Kunst, Bonn 2020bilder

In Zeiten von „Fake-news“ und Bild-Manipulation ist die Instabilität der Wirklichkeitserfahrung das Merkmal der Stunde. Worte und Bilder verkehren sich in Lügen, Fakten in Fiktionen: Die Digitalisierung hat offenbar den Begriff der Wahrheit sehr elastisch gemacht. Die Ausstellung Reale Fiktionen & ebensolche Simulationen. Manuel Graf & Co* / Matthias Wollgast befragt unser Verhältnis zu Bildern in einer Zeit der zunehmenden Instabilität von Informationen. Was sehen und erfahren wir über unsere kulturelle Welt beim Betrachten der ausgestellten Malereien, Installationen, Filme, Zeichnungen und Renderings? Was glauben wir dort zu sehen und zu erkennen?

In der Doppelausstellung der beiden Düsseldorfer Künstler Manuel Graf (geb. 1978 in Bühl) und Matthias Wollgast (geb. 1981 in Siegburg) taucht man in konstruierte Welten analoger oder digitaler oder auch hybrider Natur ein. Beide Künstler verstricken den Betrachter in ein Spiel mit verschiedenen physischen und virtuellen Ebenen. Jeder von beiden schickt die Besucher im Museum Morsbroich auf einen Parcours, in dessen Verlauf sich das feste Gefüge von Raum und Zeit auflöst und jede vermeintliche Realität hinterfragbar wird.
Was bleibt uns im Angesicht des Schiffbruchs mit der Realität? Die Bilder sind komplex und die Fakten undurchsichtig. Daher sind es vielleicht die Kunstwerke, die ihrer Natur nach ohnehin ambigue, offen sind und immer wieder Interpretationen von uns einfordern, die uns zum Nachdenken über große, menschheitsgeschichtliche „Erzählungen“ oder Sinnstiftungen – kulturgeschichtlicher, wahrnehmungskritischer, existenzieller oder religionsgeschichtlicher Art - anregen, wie sie in den Arbeiten der Ausstellung verhandelt werden. Die Werke entfachen mit ihren Geschichten, ihren täuschenden Inszenierungen und gewieften Manipulationen aufs Spannendste das kritische Denken und Wahrnehmen. Sie reizen die Rezipient*innen dort, wo man für gewöhnlich glaubte, man habe einen Anker in die Realität geworfen – nämlich beim Sehen, wenn man etwas wortwörtlich verstanden ‚vor Augen hat‘. Damit fordern die Arbeiten die „enzyklopädische Kompetenz“ der Betrachter*innen, d.h. den „gesellschaftlichen Vorrat an Weltwissen“ (Umberto Eco, Semiotik, 1987) heraus.

Manuel Graf und Matthias Wollgast setzen sich in ihren Werken aus unterschiedlichen Perspektiven mit diesem zentralen Prozess des Erzeugens der Bilder und damit verbunden des Generierens von Bedeutung auseinander.

Zu Matthias Wollgast
Die Konzepte des Verweisens und Schlussfolgerns bilden die Basis der Arbeiten von Matthias Wollgast. Sein über lange Zeit konzipiertes multimedial angelegtes Projekt zum Film The Steps with no Name, das von seinem Ursprung bis hin zur Premiere erstmals im Museum Morsbroich eine umfängliche Präsentation erfährt, gibt den Betrachter*innen eine Fülle an überzeugendem, bildlichem oder skulpturalem Material an die Hand: visuelle Spuren, die die Entstehung des Films nachvollziehbar werden lassen und zugleich Rückschlüsse auf seinen Inhalt zulassen.
Requisiten, Fotografien von Requisiten, Collagen von Ideen für Requisiten, Filmkulissen nebst ihren Modellen, Filmstills, Publikationen, Plakate und Malereien sowie Installationen geben sich alle Mühe, die Betrachter*innen von der Existenz des Films zu überzeugen. Ja, sogar der rote Teppich, der mit einigen installativen Raumsituationen die cineastische Aufführungssituation einer Premiere im Museum Morsbroich andeutet, ist neben zahlreichen Werken, die das Making-Of des Films aufzeigen, vorhanden.
Doch was sieht man? Bei genauerer Betrachtung entpuppen sich die Werke im Sprechen über sich selbst, über ihren Inhalt sowie in ihren Hinweisen auf den Film als „Lügen“ und erfüllen damit par excellence die zeichentheoretische Funktion, für die jede „Signifikation… auch die Möglichkeit zum Lügen [ist]“ (Umberto Eco). Sie geben auf den ersten Blick etwas vor zu sein, eine Illusion, die sich bei der Analyse ihres Entstehungsprozesses als Chimäre aufzulösen scheint, nur um zugleich wieder auf etwas Anderes zu verweisen.
So handelt es sich bei den überzeugenden Filmstills nicht um Fotografien von Filmdreh, sondern um abfotografierte Malereien, während die fotografischen Aufnahmen der Requisiten über eine eigenwillige Technik, die kameralose Fotografie, entstanden sind, denen gemalte und/oder gezeichnete Bilder zugrunde liegen … – die Spirale der medialen „Übersetzungen“ dreht sich in der Ausstellung munter weiter. In den Arbeiten Wollgasts wird ein Prozess von zahlreichen Übertragungen und Verschiebungen in den Bildern in Gang gesetzt, die gekonnt mit Erwartungen der Rezipient*innen spielen, nur um sie dann wieder genüsslich zu hintergehen. So wird die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen eben nicht nur auf das „WAS“ der Erzählung oder des Bildes gelenkt, sondern vor allem auch auf das „WIE“ ihres Entstehens und damit ihres Verstehens. Dies geschieht, indem die Wahrnehmung des Bildes durch innerbildliche Strategien „gestört“ wird, um damit den semantischen Inhalt des Bildes in Frage zu stellen.
Denn „man kann sich nicht einer Illusion hingeben“, wie Ernst H. Gombrich in seinem grundlegenden Werk Kunst und Illusion konstatierte (d.h. ihren Inhalt schauen und sich dem WAS der Darstellung widmen) „und sie gleichzeitig beobachten“ (d.h. nach dem WIE ihres Funktionierens fragen). Oder doch?

Zu Manuel Graf
„Schließlich blieb eine Illusion, wie überzeugend sie auch sein mochte, doch nur eine Illusion. Objektiv gesehen zumindest. Subjektiv gesehen allerdings – so ziemlich das genaue Gegenteil.“ So beschreibt es der Protagonist Douglas Quail in der Kurzgeschichte Erinnerungen en gros von Philip K. Dick – kurz bevor er sich bei der „Endsinn-Reisen AG“ ein „extrafaktisches Erinnerungs-
Transplantat“ einsetzen lassen möchte. In der Geschichte überschneiden sich künstlich erzeugte – „extrafaktische“ – Erinnerungen mit realen Erinnerungen, welche paradoxerweise verblassen und sich verzerren und somit minderwertig und weit weniger überzeugend sind als ihre artifiziellen Pendants. Nicht von ungefähr zeigen die Renderings von Manuel Graf sehr präzise Ansichten aus unterschiedlichsten Perspektiven von Ausstellungen im Museum Morsbroich, die es nie gab. Letztendlich führt das erzählerische Verzahnen der unterschiedlichen Erinnerungen für die Figuren der Geschichte sowie für die Leser*innen zu einem nicht mehr aufzulösenden Showdown zwischen virtueller und realer Existenz – wie auch die Betrachter*innen der Arbeiten aus der Serie der Doppelgänger im Werk von Manuel Graf eine solche Wahrnehmungserfahrung machen können, wenn faktische Gegenstände in Installationen ihre virtuelle Ergänzung, Fortsetzung und Komplettierung finden.
In den Filmen Die totale Erinnerung – Total Recall des Regisseurs Paul Verhoeven aus dem Jahr 1990 und im Remake Total Recall aus dem Jahr 2012 von Len Wiseman, die auf der Kurzgeschich-te Erinnerungen en gros basieren, sind es interessanterweise die Körper bzw. die körperlichen Reaktionen, die den Unterschied zwischen „real“ und „fiktiv“ anzeigen können – nämlich im Schweißtropfen auf der Stirn des Arztes (1990) oder in der Träne im Auge einer Frau (2012). Die Kurzgeschichte selbst hingegen beginnt mit dem Erwachen des Protagonisten aus einem Traum, als seine Ehefrau – oder vielleicht doch nicht Ehefrau – ihn ernüchternd „auf den Erdboden [der Tatsachen] zurückholt“.
Aber in unserer Hyperrealität, die Jean Baudrillard auch als „Ära der Simulation“ bezeichnet, geht es nicht mehr notwendigerweise um die Bezugnahme zum „Erdboden“, zum Realen. Was Gregory Bateson in Steps to an Ecology of Mind bereits in den 1970ern erkannte, dass „die gedankliche Welt nur eine Karte von Karten, ad infinitum“ sei und damit den Bezug zum in der Karte verzeichneten Territorium verloren habe, gilt heute umso mehr. So sind auch die Renderings von Manuel Graf zu lesen, als Installationsansichten von Ausstellungssituationen in den Räumen des Museum Morsbroich, die dort so nicht stattgefunden haben und gleichwohl überzeugen: „es ist“, mit Baudrillard (Simulacra and Simulation, 1994) gesprochen, „die Erzeugung von Modellen des Realen ohne einen Ursprung in der Realität: ein Hyperreales. Das Territorium geht weder der Karte voraus, noch überlebt es sie.“
Offen bleibt, welche Positionen wir hier einnehmen können – als kritische Betrachter*innen, als Spurensuchende, als hybride Körper, als Körper im Hyperrealen…

Ausstellungskonzept: Stefanie Kreuzer in enger Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern.


Museum Morsbroich
Gustav-Heinemann-Str. 80
51377 Leverkusen
www.museum-morsbroich.de


Presse




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