Logo art-in.de

Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls

27.03. - 26.07.2026 | Museum Ostwall im Dortmunder U

Eingabedatum: 23.03.2026

Werkabbildung
HA Schult, Situation Schackstraße, 1969/1970, Serigrafie auf Papier, Sammlung Museum Ostwall im Dortmunder U © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Die weltweiten Wege des Mülls und die Folgen für Menschen und Umwelt sind Thema einer Sonderausstellung, die ab 27. März 2026 im Museum Ostwall im Dortmunder U zu sehen ist. „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ zeigt rund 50 internationale Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts, darunter zwei neu geschaffene Auftragsarbeiten.

Seit den 1960er Jahren setzen sich Künstler*innen zunehmend und kritisch mit dem auseinander, was die Gesellschaft für Müll hält. Ausgehend von der Sammlung des Museum Ostwall, die früh einen Schwerpunkt auf globale wie regionale künstlerische Arbeiten zu diesem Thema setzte, bringt die Ausstellung künstlerische Positionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einen Dialog mit zeitgenössischen Werken.

HA Schults Situation Schackstraße aus dem Jahr 1969 gilt als eine der ersten umweltbezogenen Kunstaktionen in Deutschland: Auf eine Münchner Straße wurden mehrere Tonnen Wohlstandsmüll gekippt, so dass Passant*innen und Ordnungskräfte buchstäblich in Abfall wateten. Der Müll sollte die Verdrängung von Konsumabfällen sichtbar machen und das „saubere“ Stadtbild radikal stören. Schult kritisierte damit eine Konsumgesellschaft, die ihren Müll symbolisch über den Tellerrand schiebt, und sah die Aktion als "Impfspritze" für gesellschaftliches Umweltbewusstsein.

Nancy Holts Zeichnungen zu Sky Mound (seit 1984) entstanden als visionärer Entwurf zur Rekultivierung einer riesigen Mülldeponie in New Jersey, die sie in eine parkartige Skulptur verwandeln wollte. Ihr Plan verband die ökologische Sanierung des Geländes mit Land Art, etwa durch Wege, die sich nach den Sonnenwenden ausrichten, und einem Wasserteich für die lokale Fauna – letzterer wurde als einziger Teil ihres Gesamtprojekts Sky Mound bislang realisiert. Holt verstand das Werk als Schritt hin zu einer Kunst, die Teil der gesellschaftlichen Realität wird. Mit Sky Mound wollte sie eine Deponie selbst zum Kunstwerk erheben.

Anna Zetts Videoarbeit Freiheit 3 (2019) zeigt die Bitterfelder Deponie mit dem zynischen Namen „Freiheit III“, auf der jahrzehntelang hochgiftiger Müll – auch aus Westdeutschland – abgelagert wurde. Historische Aufnahmen von DDR-Umweltaktivist*innen treffen auf Bilder der heutigen, idyllisch wirkenden Seenlandschaft der ehemaligen Deponie. Der ambivalente Freiheitsbegriff erscheint dabei als etwas, das nach 1989 auf der „gesellschaftlichen Deponie“ neu verhandelt wurde, toxische Reste bleiben hier wie dort.

Ein wichtiges Thema der Ausstellung sind koloniale Kontinuitäten, die in den Wegen des Mülls eine zentrale Rolle spielen. Die auf stetig neuem Konsum basierende Wirtschaft produziert in Kreisläufen, die davon abhängen, den so entstehenden Abfall in anderen Ländern - zumeist des globalen Südens - zu entsorgen. Die Künstler*innen der Ausstellung machen diese Routen des Mülls und die daraus resultierenden weltweiten Abhängigkeitsverhältnisse und ökologischen Folgen sichtbar.

Die Videoarbeit Brown Goods (2020) von Karimah Ashadu folgt Emeka, einem nigerianischen Migranten mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Hamburg, der mit gebrauchten Elektrogeräten handelt und so Teil eines informellen globalen Warenkreislaufs ist. Der Titel spielt mit der Doppelbedeutung von braunen (gebrauchten) Konsumgütern und „brown bodies“ und thematisiert Herkunft, Wert und Mobilität.. Die Arbeit eröffnet Einblicke in eine alltägliche, aber politisch und gesellschaftlich aufgeladene Ökonomie.

Ähnlich gelagert ist die mehrteilige Rauminstallation Obsolete Swing, der aktuellen Auftragsarbeit von Ana Alenso. Die Installation zeigt den Prozess des "Mining" von Rohstoffen wie Kobalt, Gold und anderen wertvollen Materialien, die mithilfe toxischer Stoffe sowohl aus dem Boden als auch aus alten Geräten gewonnen werden und Menschen, Natur und Lebensgrundlagen vor Ort gefährden. Die zweite aktuelle Auftragsarbeit, TC-2000 von Akwasi Bediako Afrane, ist eine aus Elektroschrott konstruierte, ausufernde Science-Fiction-Stadt, die popkulturelle, afrofuturistische Bildwelten mit ausrangierter Technik verbindet.

Eine zentrale Position in der Ausstellung nimmt Kader Attias Installation Los de Arriba y Los de Abajo ein. Ein beengter Gittergang mit Müll und Schrott über den Köpfen versetzt Besucher*innen in körperliches Unbehagen: nur mit Drahtgeflechten sind sie gegen herabfallenden Abfall geschützt. Die Arbeit aus dem Jahr 2015 bezieht sich konkret auf die Situation in Hebron, wo sich die palästinensische Bevölkerung mit Netzen gegen den Müll aus den höher gelegenen israelischen Siedlungen schützt, und verweist zugleich allgemein auf die Trennung von „Die da oben und die da unten“, so die deutsche Übersetzung des Titels, in hierarchischen Gesellschaften.

„Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ zeigt Installationen, Skulptur, Fotografie, Video, Grafik und Medienkunst von Akwasi Bediako Afrane, Ana Alenso, Arman, César Baldacchini, Karimah Ashadu, Hicham Berrada, Heinz H.R. Decker, Nancy Holt, Allan Kaprow, Krištof Kintera, Chris Reinecke, HA Schult, Tejal Shah, Klaus Staeck u.a.

27.03. - 26.07.2026

Museum Ostwall im Dortmunder U

Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund

https://www.dortmunder-u.de/museum-ostwall/

Presse

Kontext

Einordnung:
Die Ausstellung veranschaulicht einen zentralen Paradigmenwechsel in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Abfall: von der westlichen Konsumkritik der 1960er Jahre hin zu einer globalen, postkolonialen Diskursanalyse der Gegenwart. Frühe Positionen wie HA Schults aktionistische Interventionen oder Nancy Holts visionäre *Land Art* nutzen Müll primär als radikales Störmoment im öffentlichen Raum oder als Material ökologischer Rekultivierung. Zeitgenössische Medien- und Installationskünstler*innen wie Karimah Ashadu, Ana Alenso oder Kader Attia weiten diesen Fokus massiv aus und begreifen Abfall als geopolitischen Akteur. Durch den Einsatz von dokumentarischem Video, raumgreifenden Assemblagen aus Elektroschrott – etwa in Akwasi Bediako Afranes afrofuturistischer Skulptur – und immersiven Environments wird Müll zum materiellen Beweis toxischer Stoffkreisläufe und asymmetrischer, neokolonialer Machtverhältnisse. Die Bandbreite der Techniken, die historische Strategien des *objet trouvé* (wie bei den *Nouveaux Réalistes*) mit aktueller Medienkunst verschmilzt, spiegelt dabei kongenial die zunehmende Komplexität jener globalen Abhängigkeiten wider, die unsere "Wegwerfgesellschaft" strukturell bedingen.
Supported by AI

Kataloge/Medien zum Thema: Gruppenausstellung


Gruppenausstellung:

- sind Gruppenausstellungen