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Guido Baselgia - Als ob die Welt zu vermessen wäre

19. 10. 2019 - 16. 02. 2020 | Fotostiftung Schweiz, Winterthur
Eingabedatum: 12.10.2019

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Guido Baselgia, Tierra templada № 5, 2019, © Guido Baselgiabilder

Bekannt für seine Aufnahmen von Landschaften aus Stein und Eis – höchst konzentrierte schwarz-weisse Kompositionen am Rande der Abstraktion – überrascht Guido Baselgia mit seinem neusten Werkzyklus. Der Spezialist für Kargheit und Leere findet einen Weg in die Überfülle: Er fotografiert den tropischen Regenwald im Amazonasbecken, befasst sich mit der Darstellbarkeit eines Lebensraums, der allgegenwärtig ist im kollektiven Bildgedächtnis und heute aufgrund seiner akuten Bedrohung zudem im Schlaglicht geopolitischer Auseinandersetzungen steht. Die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz zeigt erstmals Guido Baselgias Fotografien aus dem Osten Ecuadors.

Die neue Arbeit schlägt ein weiteres Kapitel in der Reihe von Baselgias Werkzyklen auf. In ihrer Abfolge lesen sich die Projekte der vergangenen zwanzig Jahre fast wie eine Schöpfungsgeschichte: Auf Bilder lebloser Einöde folgen die Gestirne, dann die Vegetation und der Mensch.

Der Fotograf geht elementaren Fragen nach und kreuzt dabei auf seinen Reisen die Fährten berühmter Entdecker, doch seine Bilder zeugen von einem sehr differenzierten Blick. Die Welt ist nicht mehr zu vermessen, es gibt keine weissen Flecken mehr auf der Landkarte, einem utilitaristisch und kolonial geprägten Gestus der Weltvermessung stehen wir heute skeptisch gegenüber. Das Betrachten von Fotografien aus entlegenen Weltgegenden bringt uns vor allem dazu, über die Bedingungen unserer Rezeption nachzudenken.

Vorgeschichte
Ende der 1990er-Jahre begann Baselgia, ausgerüstet mit dem Werkzeug des Industrie- und Architekturfotografen – der Grossformatkamera –, Berge und Täler des Engadins in Bilder zu übersetzen. Er vermied dabei die Wiedergabe der bekannten Panoramen, konzentrierte sich auf Formen und Strukturen, die sich selten verorten lassen. Die Arbeit in den Alpen lenkte Baselgias Aufmerksamkeit auf das Phänomen der Baumgrenze und deren Abhängigkeit von Höhenlagen und geografischen Breitengraden. Auf Reisen an die Barentssee und in die Anden fotografierte Baselgia Schneewüsten auf Meereshöhe und Einöden auf über 4000 Metern. Nach den Werkzyklen Hochland (2002), Weltraum (2004) und Silberschicht (2008) fasste Baselgia unter dem Titel LightFall seine zwischen 2006 und 2014 entstandenen Fotografien zusammen, die den Erscheinungsformen der Sonnenbahn über dem Horizont und daraus resultierenden Lichtstimmungen gewidmet sind.

Sein Interesse für die Klimazonen brachte Baselgia 2013 schliesslich nach Ecuador, wo auf kleiner Fläche unterschiedlichste Landschaften aufeinanderstossen. Der steile Abstieg der Anden führt von den Gletschern der Tierra nevada in die tropische Zone der Tierra caliente, auch Oriente genannt. Schon seine erste Konfrontation mit dem Regenwald beeindruckte Baselgia nachhaltig und liess die Idee für sein neuestes Projekt reifen. Nach vorbereitenden Recherchen und Materialtests konnten mit Hilfe von Kontaktpersonen und Assistenten 2018 und 2019 zwei mehrwöchige Reisen unternommen werden.

Bilder des Urwalds
Baselgia nähert sich dem Urwald, indem er ihn als eine Vielzahl kleiner Welten wahrnimmt. Einerseits orientiert er sich wieder an geologisch und klimatisch unterscheidbaren Zonen, andererseits sucht er nach Bildern, die eine charakteristische Stimmung der jeweiligen Zone wiedergeben. So suggerieren die Fotografien aus dem mit Flechten, Farnen und Orchideen überwucherten Nebelwald einen Blick von aussen: Vor dem weissen Vorhang aus kondensierter Luftfeuchtigkeit zeichnen sich die Gewächse wie fragile Scherenschnitte ab. Während sich im Nebelwald noch Freiräume darbieten, verdichten sich die Bildgefüge im Inneren des Waldes. Doch auch im tropischen Dickicht gelingt es Baselgia, fotografisch Formen zu isolieren: Geschwungene Lianen, gezwirbelte Äste und monumentale Stämme. Diese Reihe von skulptural anmutenden, an Karl Blossfeldts Arbeit erinnernde Pflanzendetails wird ergänzt durch Ansichten, die dem betrachtenden Auge jeden Halt verweigern. Es verliert sich in der Tiefe eines unruhigen Gewirrs aus Blättern. Ein Horizont öffnet sich erst in den Darstellungen des Gebiets Aguas Negras, wo vereinzelte Gewächse aus dem stillstehenden Schwarzwasser herausragen und durch ihre symmetrische Spiegelung jene Linie betonen, die die Bildfläche in zwei gleich grosse Hälften teilt. Diese grafischen Kompositionen aus senkrecht zueinander stehenden Linien knüpfen an frühere Werke von Baselgia an, vor allem an seine Beobachtungen der Lichtsituationen über dem Salar de Uyuni in Bolivien.

Porträts und Stillleben
Die Aufnahmen von Waldräumen und Pflanzen, die in gewisser Weise seine Landschaftsfotografie fortsetzen, ergänzt Baselgia durch Stillleben und Porträts, um der Bedeutung des Waldes als Lebensraum gerecht zu werden. Die indigenen Völker der Waorani und Secoya leben heute im Spannungsverhältnis zwischen ihren traditionellen, der Natur verbundenen Lebensweisen und der Anpassung an die Veränderungen, die das Vordringen der Ölfirmen mit sich bringt. Mit der fortschreitenden Ausbeutung des Regenwalds verlieren sie ihre Heimat und ihre Lebensgrundlage. Im Bewusstsein einer problematischen Tradition ethnografischer Fotografie bemüht sich Baselgia um eine sehr respektvolle Darstellung der Menschen, denen er begegnet und die sich bereit erklären, ihn bei seinem Projekt zu unterstützen. Er hält ihre ernsten Blicke fest und würdigt dabei die Individualität der Porträtierten.

Für die Stillleben arrangiert Baselgia einerseits Früchte des Waldes, erlegte Tiere oder was von ihnen übrigblieb, und andererseits Utensilien des traditionellen Dorfalltags. Als Diapositive vergrössert und in Pergaminhüllen präsentiert, gleichen die Objekte archivierten Fundstücken. Den archäologischen Charakter der Stillleben greift eine weitere Bildgruppe auf: Reproduktionen von ausgewählten Seiten des Buchs Anfänge der Kunst im Urwald, das der deutsche Anthropologe Theodor Koch-Grünberg 1905 veröffentlichte. Im Streiflicht wird auf den unbedruckten Rückseiten der Bildtafeln der Hochdruck der Strichfiguren und Ornamente als feines Relief sichtbar. Baselgia reflektiert mit diesem Zitat die Geschichte der Erforschung des Amazonasbeckens und hinterfragt die Möglichkeiten medialer Vermittlung.

Arbeit in der Dunkelkammer
Für Guido Baselgias künstlerische Arbeit ist aber auch die Produktion der Silbergelatine-Abzüge in der eigenen Dunkelkammer wesentlich. Hier werden die Bilder, die in den bereisten Landschaften auf analogem, meist grossformatigen Filmmaterial gespeichert wurden, im Abgleich mit der Erinnerung des Fotografen an seine vor Ort gesammelten Sinneseindrücke neu interpretiert. Dazu gehört die Suche nach der geeigneten Kombination aus Filmmaterial, Fotopapier, Belichtungszeit, Filtern und Entwicklern und zum Beispiel die Entscheidung, welcher Grösse jede Aufnahme bedarf. Im Fall der Fotografien aus dem tropischen Regenwald spielt die Vorbelichtung des Papiers eine wichtige Rolle. Dadurch vermeidet Baselgia zu starke Kontraste und schafft es, die Stimmung des Dickichts nachzuempfinden. Bei den Porträts wiederum scheint der dunkle Schleier die Gesichter zu schützen.

Geopolitischer Hintergrund
Guido Baselgia besuchte verschiedene Landschaften im Osten Ecuadors. Ein Teil seiner Aufnahmen entstand im Yasuní-Nationalpark, der aufgrund seiner reichen Bodenschätze immer wieder im Schlaglicht internationaler Berichterstattung steht. So hatte 2007 der damalige Präsident Ecuadors, Rafael Correa, der UN-Vollversammlung vorgeschlagen, gegen eine internationale Kompensationszahlung von 3,6 Milliarden Dollar die Bewirtschaftung des Ölfeldes Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT) im nördlichen Yasuní-Nationalpark staatlich zu unterbinden. Da nur ein Bruchteil dieses Betrags zusammenkam, gab das Parlament die Ölförderung 2013 frei.

Nicht zuletzt die Zuspitzung der Situation in Brasilien während der vergangenen Monate macht Baselgias neuesten Werkzylus zu einem hochaktuellen Projekt. Obwohl hier keine Bildreportage geliefert wird, die den Anspruch hat, eine Realität darzustellen, über das Artensterben und die Vertreibung der Bewohner des Waldes zu berichten, obwohl hier kein erhobener Zeigefinger vor dem Klimawandel warnt – oder gerade deshalb –, berührt Baselgias Interpretation dieses einzigartigen Lebensraums.

Kuratorin der Ausstellung: Teresa Gruber

Fotostiftung Schweiz
Grüzenstrasse 45
CH-8400 Winterthur
https://www.fotostiftung.ch/

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