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Tarik Kiswanson. A Century

08.06. - 08.09.2024 | Portikus, Frankfurt a. M.
Eingabedatum: 04.06.2024

Tarik Kiswanson.  A Century

Tarik Kiswanson and his sister, photographer by their father, 1992bilder


Anhand von Biografien und kollektiver Geschichte erforscht Tarik Kiswanson in der Ausstellung A Century die Komplexität der historischen Ereignisse der vergangenen hundert Jahre und zeigt auf, wie Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau über Generationen und Grenzen hinweg nachhallen. Seine genreübergreifende Praxis reicht von Skulptur über Zeichnung und Film bis hin zu Sound, Rauminterventionen und Lyrik. Die Arbeiten der unterschiedlichen Werkgruppen dienen als Träger komplexer Erzählungen, die Spuren der Vergangenheit und der Gegenwart transportieren.

Kiswansons Ausstellung besteht aus einer Reihe neu konzipierter Skulpturen, die in zwei durch hohe Wände getrennten Räumen in der Haupthalle des Portikus installiert sind. Als wäre sie von den Gesetzen der Schwerkraft befreit, besteht die Skulptur A Century (2024), die der Ausstellung ihren Titel gibt, aus vier ineinander verschlungenen, in der Luft schwebenden Gehstöcken. Ihre Komposition, deren Elemente in einem komplexen Wechselspiel ineinander greifen, erinnert an einen Strudel historischer Ereignisse, die unauflöslich miteinander verwoben sind und sich gegenseitig bedingen. Kiswanson bedient sich hier Gehstöcken, die aus seiner von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart reichenden Privatsammlung stammen.

Gefertigt als Stütze für verletzte oder alternde Körper, haben diese Objekte für den Künstler eine besondere symbolische Bedeutung: Sie stehen für Brüche und Traumata, die an historischen Wendepunkten auftreten.
Wie bei vielen von Kiswansons Skulpturen steht die Anmutung von Schwerelosigkeit im Kontrast zum Gewicht der Geschichte, die die verwendeten Objekte in sich tragen. Wie in der Zeit eingefroren fließt eine Wolke schwarzer Tinte aus einem imperialen britischen Füllfederhalter in einen transparenten Harzkubus. Das Herzstück von The Rupture (2024) ist ein goldener Onoto-Füllfederhalter aus dem Jahr 1924 – exakt jenes Modell, das von König Georg V., Premierminister Winston Churchill und hochrangigen britischen Offizieren verwendet wurde, die maßgeblich an entscheidenden Entwicklungen des letzten Jahrhunderts beteiligt waren. Das Relikt erinnert neben vielen weiteren Verträgen an die Chronologie der Abkommen, die aus dem 1922 von Churchill unterzeichneten Mandat für Palästina und dem Transjordanien-Memorandum hervorgegangen sind. Die Transparenz dieses Werks steht im Kontrast zur Undurchsichtigkeit von The Silence (2024), die im selben Raum zu sehen ist. Hier schwebt ein blauer Helm mit UN-Schriftzug kopfüber in Kunstharz. Während der Besitzer der Kopfbedeckung anonym bleibt, drängt sich der Gedanke an die Gründung der Vereinten Nationen 1945 zur Sicherung des internationalen Friedens auf. Im Kontext von Kiswansons Schaffen ist der Helm eine Allegorie auf die politischen Entscheidungen jener Organisation, die eng mit dem Exil seiner Familie aus ihrer Heimat Palästina verbunden sind. Nach der Flucht aus Jerusalem über Tripolis, Tunis und Amman ließen sich seine Eltern 1982 im schwedischen Halmstad nieder, wo Kiswanson 1986 geboren wurde.

Ein anderer Impuls liegt dagegen der Arbeit Anamnesis (2023) zugrunde, für welche ein Metallmodell eines Grundrisses in einen Block aus trübem Kunstharz gegossen wurde. Das Werk beruht auf den räumlichen Erinnerungen des Künstlers und seiner Schwestern an ihr Elternhaus, eine kleine Zweizimmerwohnung in einem Sozialwohnungskomplex in der Vorstadt. Das schlecht konstruierte Hochhaus wurde in den späten 1970er Jahren als Unterkunft für Migrant*innen errichtet und Anfang der 2000er Jahre abgerissen. Wie der Titel suggeriert, ist das zentrale Thema der Skulptur die Fähigkeit, sich an Vergangenes zu erinnern, wobei das Thema der Zeit eine zentrale Rolle spielt.
Das Verständnis von Objekten als Bedeutungsträgern kommt auch in der Arbeit Foresight (2024) zum Ausdruck, einem Paar Holzstühle, die ineinander verschlungen zu sein scheinen: ein Stuhl mit gerader Rückenlehne des amerikanischen Möbeldesigners George Nakashima (1905-1990) und ein Tübinger Stuhl des deutschen Architekten Adolf Gustav Schneck (1883-1971), beide aus der Nachkriegszeit. Ausgehend von den bewegten Biografien der beiden Designer reflektiert Kiswanson, wie Zeiten des Umbruchs Narben in der Rezeption ihrer Werke hinterlassen können. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 wurden japanischstämmige US-Bürger*innen auf Anordnung von Präsident Franklin D. Roosevelt zwangsumgesiedelt und in Internierungslagern untergebracht. Nakashima wurde zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter im neu errichteten Minidoka War Relocation Center in der Wüste Idahos festgehalten. Tausende Kilometer entfernt, in Nazi-Deutschland, trat Schneck, der zuvor mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe befreundet gewesen war, der NSDAP bei. Bei der Entnazifizierung als Mitläufer eingestuft, spielte Schneck eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau des Landes. Damit ist seine Biographie beispielhaft für die widersprüchliche Vergangenheit Deutschlands. Obwohl beide Stühle in Foresight zur gleichen Zeit entstanden sind, könnten die Lebensumstände ihrer Schöpfer nicht unterschiedlicher sein, was die Schwierigkeiten der Zuordnung und das Zusammenstoßen von Schweigen und Gewalt thematisiert.

Während einige Werke der Ausstellung sich wie eine Chronologie der Zäsuren des letzten Jahrhunderts lesen, unterstreicht Kiswanson mit Cradle (2023) die unausweichliche Notwendigkeit des Wiederaufbaus und der Erneuerung. Die an der Wand schwebende Skulptur hat die Form eines Kokons, der den Körpermaßen des Künstlers nachempfunden ist. Als Metapher für Entwurzelung und Regeneration ist der Kokon ein Leitmotiv seiner künstlerischen Praxis. Mit weißer Farbe überzogen, die auf das Licht und die architektonische Umgebung abgestimmt ist, wirkt die Arbeit wie ein Schutzraum oder eine Zuflucht für Neuanfänge. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Kiswanson mit der Frage, wie die
Bewegung und Wahrnehmung der Besucher*innen in Ausstellungsräumen verändert werden kann. Indem er die Halle des Portikus in eine weitläufige skulpturale Umgebung verwandelt, in der die einzelnen Arbeiten sorgfältig inszeniert sind, nutzt der Künstler die rhythmischen Unterbrechungen und Punktierungen der Poesie, um sowohl den Geist als auch den Körper der Betrachter*innen einzubeziehen.

P O R T I K U S
Alte Brücke 2 / Maininsel
60594 Frankfurt / Main
www.portikus.de

Presse





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