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Natalie Czech - I cannot repeat what I hear

Fotografie

13. Juli – 1. September 2013 | Kunstverein Hamburg
Eingabedatum: 15.07.2013

bilder

Die fotografischen Arbeiten von Natalie Czech (*1976, lebt in Berlin) bewegen sich zwischen konkreter Poesie und konzeptueller Fotografie. Sie thematisiert die Verhältnisse und Wechselwirkungen zwischen Bild und Text, Poesie und bildender Kunst und sucht nach dem lyrischen Potenzial in unterschiedlichen Medien. In ihrer Ausstellung im Kunstverein Hamburg werden nun erstmals die zwei neuen Werkserien „Poems by Repetition“ (Gedichte durch Wiederholung) sowie „Voyelles“ (Vokale) präsentiert.
„Poems by Repetition“ bezieht sich auf Gertrude Steins Theatertext „Saints and Singing“ (1922), in dem diese sich ausführlich dem Wesen und Zweck der Wiederholung widmete. Am Ende des Textes, in dem sie sich ausdrücklich für die Wiederholung ausspricht, offeriert sie verschiedene Möglichkeiten des Umgangs und bezieht sich vor allem auf eine dynamische, prozessuale und rhythmisierende Darstellungsform von Erzählung. Gleichzeitig beinhaltet die Wiederholung des scheinbar Selben hier auch eine klangliche Komponente, ähnlich des Refrains eines Songs oder eines Echos.
Vor diesem Hintergrund wählte Natalie Czech existierende Gedichte aus, die selbst bereits von einem rhetorischen Stilmittel der Wiederholung gekennzeichnet sind, u.a. von Aram Saroyan, Hart Crane, Allen Ginsberg oder Gertrude Stein. Diese Gedichte werden erst durch die wiederholte Abbildung des jeweils selben abfotografierten Textmaterials und die Aneinanderreihung zu einer Gruppe vollständig sicht- und lesbar. Czech greift bei den Motiven auf unterschiedliche Medien wie Magazine, Plattencover, Bücher, iPad-Ausgaben oder Kindle-Reader zurück. Dabei weisen die akribisch recherchierten und von ihr ausgewählten Textfragmente (z.B. eine Filmkritik, die Anleitung zum Erlernen eines Tanzschritts oder ein Essay über die Bedeutung des grafischen Designs des Plattencovers bei der Vermarktung von Musik) sowohl einen inhaltlichen Bezug zu dem jeweiligen Gedicht als auch zur Musik auf.
Das mehrmalige Fotografieren derselben Texte wiederum produziert stilistische Variationen wie z.B. durch minimale Verschiebungen in Ausschnitt und Perspektive, veränderte Belichtungszeiten oder die Gegenüberstellungen unterschiedlicher Auflösungen. Außerdem entstehen Aufnahmen zu verschiedenen Tageszeiten, wodurch in den Fotografien ähnliche Techniken der Wiederholung zum Einsatz kommen, wie sie bereits von den jeweiligen Autoren beim Schreiben angewandt wurden. Es ist das komplexe Zusammenspiel zwischen Sinngehalt, Wiederholung und Variation, welches sich in diesen fotografischen Arbeiten abbildet und zu einer „Allegorie des Schreibens“ führt.
Es ist das Schreiben mit visuellen Techniken, wobei das Endprodukt – die Fotografie – die textliche Ebene erst erzeugt und nicht einfach abbildet. Und so ließe sich im Umkehrschluss das Gedicht „Why I Am Not a Painter“ von Frank O’Hara auch auf Natalie Czech übertragen und würde in das Statement münden: „Why I Am Not a Writer“. Denn am Ende unterscheiden sich Künstler und Autor nicht durch den kreativen Prozess, sondern einzig durch die Wahl ihrer Medien. Die zweite neue Arbeit „Voyelles“ geht zurück auf das gleichnamige Sonnet von Arthur Rimbaud aus dem Jahr 1871 sowie auf seine „Lettres des Voyant“ (Briefe des Sehers). In „Voyelles“ weist er jedem Vokal eine bestimmte Farbe zu und versucht dadurch die Verbindung zwischen Ton und Farbe herzustellen. Es ist in dieser Hinsicht sicherlich eines der bekanntesten Gedichte, das sich mit dem Thema der Synästhesie auseinandersetzt. Natalie Czech geht der Frage nach, wie eine Fotografie aussehen könnte, die eine solche Sinnesverschmelzung hervorrufen würde oder ob dieses Phänomen (letztendlich) nur sprachlich wiedergegeben werden kann. Dafür hat sie 10 AutorInnen (Erica Baum, Julien Bismuth, Christian Bök, Federica Bueti, Övül Durmusoglu, Jean-Pascal Flavien, John Holten, Barry Schwabsky, Paul Stephens und Judith Vrancken) eingeladen, sich selbst einen Brief im Namen der Künstlerin zu schreiben. Darin beschreiben sie ein fiktives Foto, welches für sie den Moment von Synästhesie beinhaltet. Die Beschreibungen sind inhaltlich vollkommen willkürlich, konzentrieren sich allerdings immer auf eine von Rimbaud vorgegebene Farbe und den damit verbundenen Vokal. Auch wenn alle Briefe scheinbar von der gleichen Autorin verfasst sind, werden die verschiedenen Personen dahinter ebenso erkennbar wie auch die unterschiedlichen Vorstellungen, die sie von der Auftraggeberin haben. Am Ende produziert Natalie Czech das „synästhetische Foto“, in dem sie die einzelnen Briefe vor einem farbigen Hintergrund fotografiert. Gleichzeitig werden diese Briefe dadurch zu ihren eigenen fotografischen Arbeiten, was die zahlreichen Fragen nach der Autorschaft in dieser Arbeit um einen zusätzlichen Aspekt erweitert.
Im Rahmen der Ausstellung erscheint im November 2013 in Kooperation mit dem Kunstverein Braunschweig bei Spector Books ein Künstlerbuch.

Der Kunstverein, seit 1817.

Klosterwall 23
20095 Hamburg

http://www.kunstverein.de/

PM




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