Concerning Concrete Poetry

Ausstellung

05.02.–03.04.2016 | Badischer Kunstverein, Karlsruhe
Eingabedatum: 01.02.2016

bilder

Unter dem Titel „Concerning Concrete Poetry“ zeigt der Badische Kunstverein eine Ausstellung zur Konkreten Poesie. Erstmals werden herausragende Werke aus verschiedenen Archiven und Sammlungen zusammengeführt und deren nationale wie internationale Verflechtungen beleuchtet. So präsentiert die Ausstellung die Sammlungen von Bob Cobbing und Peter Mayer – zwei prominenten Vertretern der britischen Konkreten Poesie – in einem umfangreichen Display. Titel wie Struktur des Projekts beziehen sich auf Cobbings und Mayers Publikation „Concerning Conrete Poetry“ (1978/2014), die Werke und Dokumente zur konkreten, visuellen und Lautpoesie versammelt und eine Analyse, Geschichtsschreibung sowie ein Manifest des Genres vorstellt. Auf vergleichbare Weise beschreibt die Ausstellung Begriffe wie „konkret“, „semantische Poesie“ und „konkrete Renaissance“ in einem zeitgenössischen Kontext – ergänzt durch eine Serie von Veranstaltungen mit KünstlerInnen, AutorInnen und PerformerInnen.

Neben ausgewählten Artefakten und historischen Dokumenten aus Cobbings und Mayers Archiven wird die Ausstellung unter anderem durch Arbeiten zur Konkreten Poesie von Henri Chopin, Dom Sylvester Houédard und Emmett Williams ergänzt. Ein zweiter Schwerpunkt des Projekts widmet sich KünstlerInnen außerhalb Großbritanniens und setzt einen besonderen Fokus auf die Konkrete Poesie in Deutschland respektive auf die Werke der „Stuttgarter Gruppe/Schule“ mit so bedeutenden Künstlern wie Max Bense, Reinhard Döhl und Helmut Heißenbüttel. Diese und andere richtungsweisende Arbeiten stammen aus dem Nachlass von Reinhard Döhl, der sich im ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe befindet. Zudem zeigt die Ausstellung Drucke und Portfolios von Hansjörg Mayer, der als Künstler und Verleger in Stuttgart begann, in den 1960er Jahren nach Großbritannien zog und noch heute in London lebt. Mayers Werk und das der zahlreichen KünstlerInnen, mit denen er in den letzten Jahrzehnten kollaborierte, verbindet die beiden thematischen und geografischen Pole der Präsentation. Das Ausstellungsplakat wird exklusiv von Hansjörg Mayer für den Badischen Kunstverein entworfen.

„Concerning Concrete Poetry“ umfasst zudem gegenkulturelle Ephemera, wie Poster, Zeitschriften und limitierte Editionen von Kunstwerken, die mit der Konkreten Poesie-Bewegung in Verbindung stehen und die gegenwärtig in sich verschlungene Doppelhelix zwischen Design, Typografie, Poesie, Literatur und Bildender Kunst sowie die parallel verlaufenden Geschichten von Konzeptkunst, Mail Art und Fluxus in ihren lokalen und internationalen Ausprägungen sichtbar machen. Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm lädt PerformerInnen und SprecherInnen ein, die sich mit dem Medium der Konkreten Poesie und deren fortwährender Bedeutung für alle Aspekte der visuellen Kultur beschäftigen. Darüber hinaus veröffentlicht der Badische Kunstverein gemeinsam mit dem Londoner Verlag Slimvolume Press eine Vinyl-LP mit Werken aktueller Lautpoesie. Die LP wird von dem Künstler und Grafikdesigner Scott King gestaltet und beinhaltet ein Booklet mit Interviews, die exklusiv für dieses Projekt mit Hansjörg Mayer und Peter Mayer geführt wurden.

„Concerning Concrete Poetry“ zeigt Arbeiten von: Jeremy Adler, Annalisa Alloatti, Max Bense, Mirella Bentivoglio, Alison Bielski, Claus Bremer, Klaus Burkhardt, Bill Butler, Augusto de Campos, Henri Chopin, Paula Claire, Hans Clavin, Bob Cobbing, Kenelm Cox, Siegfried Cremer, Klaus-Peter Dienst, Rolf-Gunter Dienst, Reinhard Döhl, Fria Elfen, Öyvind Fahlström, Peter Finch, Ian Hamilton Finlay, John Furnival, Pierre Garnier, Mathias Goeritz,
Lily Greenham, Bohumilá Grögerová, Dick Higgins, Josef Hiršal, Sten Hanson, Ludwig Harig, Lee Harwood, Helmut Heißenbüttel, Åke Hodell, Josef Honys, Dom Sylvester Houédard, Ernst Jandl, Jeff Keen, Günther C. Kirchberger, Ferdinand Kriwet, Liliana Landi, Edward Lucie-Smith, Siegfried Maser, Hansjörg Mayer, Peter Mayer, Franz Mon, Edwin Morgan, Ladislav Nebeský, bpNichol, Seiichi Niikuni, Ladislav Novák, Jeff Nuttall, Charles Olson,
P.J. O’Rourke, Michele Perfetti, Helga Philipp, Jennifer Pike, Dieter Roth, Aram Saroyan, Karel Trinkewitz, Jiří Valoch, Paul de Vree, Hermann de Vries, Emmett Williams, Edward Wright, Louis Zukofsky

Kuratiert von Andrew Hunt und Anja Casser
„Concerning Concrete Poetry“ entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, der Richard Saltoun Gallery, London, Peter und Mary Mayer und der Bob Cobbing Familiensammlung. Arbeiten aus dieser Sammlung wurden zuvor anlässlich des Bob Jubilé Programms gezeigt, das von William Cobbing und Rosie Cooper kuratiert wurde.

Badischer Kunstverein
Waldstraße 3
76133 Karlsruhe
badischer-kunstverein.de


Presse








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gerhard rühm als intermediapionier


Gerhard Rühm (*1930 in Wien) ist ein Virtuose in der Erschließung intermedialer Grenzbereiche und erweiterter medialer Ausdrucksformen. Sein Werk verbindet poetische, visuelle und musikalische Elemente und eröffnet in der Überwindung „traditioneller“ Gattungen neue ästhetische Sinnfelder. Zugleich bereiten Rühms Arbeiten intellektuelles Vergnügen und animieren erweiterte Wahrnehmungen, in denen feste Sprach- und Denkroutinen auf konzeptuelle und humorvolle Weise durchbrochen werden. soon | just | now bildet mit zwei weiteren Retrospektiven von Nanni Balestrini und Hansjörg Mayer den Auftakt der ZKM-Ausstellungsreihe Poetische Expansionen, die im Sommer mit Reinhard Döhl, Helmut Heißenbüttel und Konrad Balder Schäuffelen fortgesetzt wird.

Gerhard Rühm studierte Klavier und Komposition an der Wiener Musikakademie und bei Josef Matthias Hauer, dem Erfinder der Dodekaphonie. In den 1950er-Jahren war er vor allem literarisch tätig und erlangte mit ersten Lautgedichten Bekanntheit als experimenteller Poet. Als Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe (gemeinsam mit Friedrich Achleitner, H.C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener) war Rühm maßgeblich an der innovativen Expansion literarischer Verfahren hin zu neuen Ausdrucksformen beteiligt: Die Wiener Gruppe
führte „Happenings“ auf, noch bevor dieser Begriff erfunden war. Beim 2. Literarischen Cabaret zertrümmerten Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner 1959 ein Klavier – wohlgemerkt erstmals in der Kunstgeschichte und bevor die Fluxuskünstler zu solch radikalen Mitteln griffen. Doch die Provokation war für Rühm nur ein Nebeneffekt, der weniger den Charakter seiner Arbeiten beschreibt, denn die konservative Atmosphäre im Nachkriegsösterreich. Gemeinsam mit dem Zirkel seiner Künstlerkollegen war er bemüht, an die Leistungen der
experimentellen Avantgarden von Expressionismus, Dada, Surrealismus und Futurismus anzuknüpfen. Charakteristisch für Rühms Schaffen ist der innovative Ansatz, die strenge Konzeption, aber auch der spontane Ausdruck.

Die Ausstellung soon | just | now. gerhard rühm als intermediapionier präsentiert beispielhaft das poetische, visuelle und musikalische Schaffen des Künstlers. Gezeigt werden bildnerische Arbeiten (Visuelle Poesie, gestische und konzeptionelle Zeichnungen, Visuelle Musik, Fotomontagen, Buchobjekte), Filme (Schriftfilme, Kinematografische Texte, Voice-Over-Co-Produktionen mit Hubert Sielecki) und auch Musik (auditive Poesie, Chansons, Tondichtungen). Die Werkauswahl vergegenwärtigt, dass die intermediale Ausrichtung von Anfang an ein übergreifendes und stilprägendes Prinzip im Schaffen des Künstlers bildet: Rühm dekonstruiert Sprache, Klang und Bild, um sie systematisch und nach selbst entwickelten Montageverfahren neu zusammenzufügen. Er überführt Schrift in Film, Zeichnung in Musik, Musik in Bilder und Bilder in Dichtung.

Seine Konstellationen erweisen sich nicht nur als mediale Vexierspiele von Sinn und Form. Sie kombinieren vielmehr Systeme aus Zahlen, Lauten und Buchstaben wieder miteinander, die im antiken griechischen Vokalalphabet noch alle vereint waren und die wir heute in ausdifferenzierten Codes getrennt voneinander nutzen. Wenn die Grenzen unserer Sprache wirklich die Grenzen unserer Welt sind – wie Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (1921) schreibt – so tritt das Werk Gerhard Rühms an, alle Grenzen weit zu öffnen. Darum hat Gerhard Rühm auch eine Variante von Ludwig Wittgensteins bekanntem Satz „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ geliefert, sie lautet: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man singen.“

Rühm lehrte von 1972 bis 1995 als Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg sowie mehrmals an der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst in Salzburg. Er lebt in Köln und Wien. Seit 2005 erscheinen seine „Gesammelten Werke“ im Verlag Matthes & Seitz in Berlin.

Insgesamt drei Ausstellungen – Retrospektiven von Nanni Balestrini (*1935), Hansjörg Mayer (*1943) und Gerhard Rühm (*1930) – bilden den Auftakt der Ausstellungsserie Poetische Expansionen, die im Sommer mit Reinhard Döhl, Helmut Heißenbüttel und Konrad Balder Schäuffelen fortgesetzt wird.

ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Lorenzstr. 19, D-76135 Karlsruhe
zkm.de


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