Magnus Andersen / L’éducation régionale

2. 09. - 15. 10. 2017 | Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden
Eingabedatum: 26.08.2017

Werkabbildung

Detail: Magnus Andersen, anyone for one one for anyone, 2017, Acryl und Öl auf Leinwand, Alu-Core-Rahmen Courtesy und ©: Der Künstler und Neue Alte Brücke, Frankfurt am Mainbilder

Vom 2. September bis zum 15. Oktober 2017 zeigt der Nassauische Kunstverein Wiesbaden die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland von Magnus Andersen (*1987 in Elsinore, Dänemark), L’éducation regionale.

Heranwachsende, die in einem gesellschaftlichen Spiel die Rollen von Erwachsenen einnehmen und so Formen staatlicher Organisation durchexerzieren, sind zentraler Bestandteil von L’éducation régionale. Die sich aus Gemälden und Soundinstallation zusammensetzende Ausstellung hebt die Bedeutsamkeit von Bildung und Erziehung hervor. Dabei wirft das intereuropäische Konglomerat aus griechischer Mythologie, englischem Rokoko, sowjetischer Propaganda und der im Titel anklingenden regionalen Bildung, die beispielsweise in Frankreich nationalen Interessen untergeordnet ist, Fragen auf: Sollten künftige Generationen sich an Althergebrachtem orientieren oder es negieren?

Welche Werte, welche politischen und sozialen Prinzipien, welche Symbole der Macht werden ihnen vermittelt?

Bedrohlich inszenierte industrielle Unpersönlichkeit trifft auf melancholisch ländliche Romantik, eine auf den ersten Blick harmlos wirkende Familienszene entpuppt sich als Gewaltakt inmitten einer kosmisch verhagelten Szenerie, traditionelle kunsthistorische Motive werden reinterpretiert und mit zeitgenössischer Mode kombiniert. Damit bewegen sich Magnus Andersens figurative Gemälde inhaltlich in einem Spannungsfeld aus Gegensätzen, das sich auch in seiner Malweise fortsetzt: Komplementärkontraste laden die Gemälde auf und der Wechsel zwischen flachem und pastosem Farbauftrag lässt Bildelemente je nach Blickwinkel aus der Leinwand hervortreten.

In seiner Motivauswahl bezieht sich Magnus Andersen auf Kunstwerke des britischen Rokoko Ende des 18. Jahrhunderts. In dieser Epoche kamen mit dem Konzept der „Sensibility“ erstmalig aus heutiger Perspektive moderne
Sichtweisen von Mensch und Gesellschaft auf, wie beispielsweise eine Neudefinition der Kindheit, in der Kinder nicht nur als „Mini-Erwachsene“, sondern als Wesen mit eigenen, altersentsprechenden Bedürfnissen gesehen wurden.
Das Hauptmotiv des berühmten Gemäldes Girl with Pigs von Thomas Gainsborough variiert Magnus Andersen mit Motiven der Sage um Jason und das goldene Vlies aus der griechischen Mythologie. Joshua Reynolds bekanntes Gemälde Georgiana, Duchess of Devonshire with her infant daughter Lady Georgiana Cavendish dient als Vorlage für eine zunächst harmlos wirkende Szene, die sich in der Umsetzung allerdings als kurz bevorstehender Gewaltakt der Mutter gegen ihr Kind herausstellt. Die Konzentration auf diese beiden kunsthistorischen Vorbilder und die Wiederholung ihrer gleichen Bildmotive innerhalb unterschiedlicher Kontexte in Verbindung mit naiven malerischen Elementen greift Methoden der Propaganda auf und thematisiert damit Erziehung und Beeinflussung auch aus dieser Perspektive.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema der alle Lebensaspekte umfassenden Bildung und Erziehung weitet sich in Magnus Andersens Installation über den Raum der Leinwand aus: Ein auffälliges Merkmal seiner Bildgestaltung liegt in der Einheit zwischen Gemälden und Rahmen. Die aus Aluminium gefertigten, mit Textelementen versehenen Rahmen, beziehen sich formal und inhaltlich auf das Dargestellte im Bild. Sie sind essentieller Bestandteil der Gemälde und führen so deren Bildinhalt über die Begrenzung der Leinwand hinaus in den sie umgebenen Raum. Diese raumgreifende Intention wird durch eine omnipräsente Soundinstallation unterstrichen. Das von Magnus Andersen entwickelte Hörstück ist im Rahmen von Schüler entdecken zeitgenössische Kunst – einer Kooperation mit der SCHUFA Holding AG in Zusammenarbeit mit der Diltheyschule – entstanden. Im Stil teambildender Sprechchöre in englischer, deutscher und französischer Sprache, die Assoziationen von Sommercamp bis Hooliganismus hervorrufen, werden in einem Mix aus Zitaten wichtiger Persönlichkeiten, Versatzstücken aus Handelsverträgen sowie Aussagen über beliebte Urlaubsdestinationen einige Highlights des Post-1945-Europas skandiert. Wie in seinen zuvor entstandenen Arbeiten isoliert Andersen damit für L’éducation régionale einzelne Symbole und Anekdoten der europäischen Geschichte, die als pseudo-erzieherische Mittel ein moralisches Regelwerk aufstellen.

Über den Künstler /
Magnus Andersen (*1987 in Elsinore, Dänemark) studierte an der Royal Danish Academy of Fine Arts bei Martin Erik Andersen und bis 2016 an der Städelschule Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt bei Judith Hopf. Einzelausstellungen waren bereits in Wien, Kopenhagen, Frankfurt am Main und zuletzt in New York zu sehen.

Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
Wilhelmstraße 15
65185 Wiesbaden
kunstverein-wiesbaden.de

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