Spezial: Eva Biringer für art-in.de aus Wien über den Monat der Fotografie "Eyes On"


Eingabedatum: 03.11.2010


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Den Wald vor lauter Bäumen

Es dauert einen Moment, bis man den Mensch im Bild findet. Gut versteckt in einem Meer aus Sonnenblumen hält er sich eine Maske vors Gesicht und wird Eins mit seiner Umgebung.
Marko Zinks Foto „Heuschrecken“ ist das Titelbild des diesjährigen Monats der Fotografie Wien. Abgesehen davon, dass diese Arbeit Lust auf mehr, sprich die Vernissage der dazugehörigen Ausstellung „Tragödien“ macht, illustriert sie die zunächst überwältigende Menge von Künstlern und Ausstellungen, die die interessierten Besucher erwartet. Genau wie bei Zinks Sonnenblumenfeld muss man auch im Programm von Eyes On zunächst ein wenig suchen.

Bereits zum vierten Mal jährt sich der Monat der Fotografie in Österreichs Hauptstadt. Sechs weitere Städte, unter ihnen Berlin, haben sich darüber hinaus zum Europäischen Monat der Fotografie zusammengeschlossen. Vom 29. Oktober bis 4. Dezember 2010 versprechen über 200 Ausstellungen mit Arbeiten von mehr als 600 österreichischen und internationalen Künstlern ein abwechslungsreiches Programm. Darüber hinaus runden Podiumsdiskussionen, Exkursionen Workshops und Partys das Programm ab.

Los geht´s im MUSA, dem Museum auf Abruf, mit den beiden Ausstellungen „Sissi Farassat. SIOSEH forever“ und „MUTATIONS III. Public Images – Public Views“.
Erstere geht zurück auf die zehn Jahre zuvor angeregte Idee, das kleinste Fotomagazin der Welt ins Leben zu rufen. Mit Sioseh – zu deutsch 33 – hat die persische Künstlerin mehr als 160 internationale Künstler eingeladen, die 33 Ausgaben in Kooperation zu gestalten. Die auf je 200 Stück limitierten und erwartungsgemäß schnell vergriffenen Exemplare werden im MUSA nun einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Kuratorisch elegant gelöst wurde das Problem der Präsentation durch 33 auf Augenhöhe im Raum schwebende Pappkartons, an deren Innenseite winzig kleine LCD-Bildschirme im Magazinformat angebracht sind, auf denen die jeweilige Ausgabe als Slideshow abläuft. All das wirkt wunderbar leicht und als Betrachter bekommt man so nah am Werk das Gefühl, Teil des elitären Kreises von SIOSEH zu sein. Schade nur, dass die Slideshow mit so hoher Geschwindigkeit vorbeizieht, dass wenig Zeit bleibt, die durchweg überzeugenden Beiträge genauer zu betrachten.

Virtuell ist auch der Ansatz der zweiten Ausstellung. „MUTATIONS III“ fragt nach den Chancen und Perspektiven von Kunst in einer zunehmend medialisierten Welt, mit dem Fokus auf der Schnittstelle von Fotografie und Internet.
Folglich sind einige der zehn künstlerischen Positionen lediglich als Websites auf im Ausstellungsraum bereitgestellten PCs verfügbar, so etwa „La Vie Matérielle/ Material Life“, ein Beitrag von Yveline Loiseur und Bureau L’Imprimante. Bei dieser Arbeit, deren Titel Bezug nimmt auf ein Tagebuch von Marguerite Duras, handelt es sich um eine Serie von Fotografien von mehr oder weniger alltäglichen Motiven des urbanen Lebens. Der Rezipient, respektive User, markiert einzelne Worte in einem Text Alfred Kubins, was zu einem „Mood Path“, einer Zusammenstellung einzelner Bilder führt. So entstehen kleine Utopien, poetische Bilderserien, die als Fragmente individueller Erinnerung funktionieren und durch ihre begrenzte Verfügbarkeit – denn die Zusammenstellung variiert bei jedem Zugriff – eine fragile Bildsprache entwickeln.

Andere Arbeiten wurden neben dem Webauftritt zusätzlich in den realen Ausstellungsraum überführt. Rob Hornstra und Arnold Van Bruggen präsentieren die Ergebnisse von „The Sochi Project: On the other Side of the Mountains“, eine Spurensuche in einem kleinen, scheinbar fernab der Zivilisation gelegenen Dorf in der russischen Provinz, in einer Zeitung, welche vom Besucher mit nach Hause genommen werden kann. Mit Feingefühl und Respekt für die Befindlichkeiten der russischen Seele gehen die Künstler an die Arbeit und laden ein zu einer Reise in eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Hubert Blanz widmet sich in „Public Tracks“ dem Phänomen der Social Networks am Beispiel von Facebook. Seine C-Prints sind das Ergebnis einer Analyse der virtuellen Beziehungen eines zufällig ausgewählten Nutzers. Das undurchdringliche Geflecht von hauchdünnen Linien, die die Verbindungen seiner Freunde und Freundes-Freunde belegen, illustrieren die Dimensionen eines sich ständig vergrößernden virtuellen Netzwerkes.
Wieder hat man es zu tun mit einer in diesem Fall undurchdringlichen Menge von Material, das einen Gesamtblick unmöglich macht.
Damit es einem mit dem Monat der Fotografie nicht gleich ergeht, lohnt es sich, einen genauen Blick in das Programm zu werfen und aus der Vielzahl von Vernissagen, Ausstellungen und Begleitangeboten das Beste auszuwählen.
Sonst sieht man vielleicht den Wald nicht vor lauter Bäumen – oder den Mensch vor lauter Sonnenblumen.

Abbildung:
- Marko Zink, Heuschrecken, © Marko Zink
- Rob Hornstra & Arnold van Bruggen, The Sochi Project, 2010, Farbfoto, © Rob Hornstra

Eyes On – Monat der Fotografie Wien
29. Oktober – 4. Dezember 2010
Verschiedene Ausstellungsorte

Sissi Farassat. SIOSEH forever
MUTATIONS III. Public Images – Public Views
MUSA, Museum auf Abruf
Felderstraße 6-8
1010 Wien
Ausstellungen vom 29. Oktober 2010-8. Januar 2011
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr: 11-18 Uhr; Do: 11-20 Uhr; Sa: 11-16 Uhr
musa.at

wmaker.net
thesochiproject.org
blanz.net

Marko Zink: Tragödien
Galerie Michaela Stock
Schleifmühlengasse 18
1040 Wien
Ausstellung vom 5. November 2010-8. Januar 2011
Öffnungszeiten: Di-Fr: 16-19 Uhr; Sa: 11-15 Uhr
galerie-stock.net

Eva Biringer


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