Internationaler Preis für Photographie der Hasselblad Stiftung (19.3.04)


Eingabedatum: 19.03.2004


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Für das Jahr 2004 werden Bernd und Hilla Becher mit dem internationalen Preis für Photographie der Hasselblad Stiftung ausgezeichnet. Der mit SEK 500 000 dotierte Preis wird am 20. November 2004 in Göteborg, Schweden, überreicht. Gleichzeitig findet eine Ausstellung mit den Arbeiten der beiden Künstler unter der Leitung und Schirmherrschaft des Hasselblad Center statt. Zur Begründug der Juryentscheidung heißt es:

"Bernd und Hilla Becher gehören zu den einflussreichsten Künstlern unserer Zeit. In über vierzig Jahren haben sie das Erbe der industriellen Vergangenheit dokumentiert. Ihre systematische Photographie der funktionalistischen Architektur mit häufig in gitterförmigen Tableaus angeordneten Bildern, verlieh ihnen Anerkennung sowohl als konzeptuelle Künstler wie auch als Photographen. Als Begründer des später als “Becher-Schule” bekannten Stils haben sie auf einzigartige Weise Generationen von Dokumentarphotographen und Künstler geprägt. . . .

Ihre Arbeit fußt in der neuen Photographie der 1920er und 1930erJahre, als sich die Photographie von der Tradition der Malerei befreit hatte. August Sander, einer dieser Bewegung angehörenden Photographen, war für die beiden Künstler von wesentlicher Bedeutung. Als Portraitphotograph respektierte Sander seine Sujets und ihre Rollen und stellte sie mit einer formellen Distanz gleich Phänomenen dar. Die Bechers arbeiten vergleichbar, wenn sie Häuser oder Wassertürme oder die Kohlenbergwerke in Pennsylvania ablichten, um den anonymen Konstruktionen aus der verblassenden Vergangenheit einen Status zu verleihen.

Mit der Zeit entwickelten die Bechers eine einfache, doch effiziente Art der Darstellung ihrer Bilder, indem sie diese in Gruppen anordnen und damit funktionell und architektonisch verwandte Strukturen kombinieren, häufig als Typologien bezeichnet. Dank der konzeptuellen Qualitäten wurde ihr Werk in den 1970er Jahren eher von den visuellen Künsten angenommen als von der Photographie. Eine nähere Prüfung der einzelnen Bilder offenbart jedoch eine ausgezeichnete technische Handarbeit und den für jedes einzelne Bild sorgfältig ausgewählten Blickpunkt.

Nahezu ausnahmslos wurden die Bilder bei leicht bedeckter Witterung gemacht, was einen neutralen hellgrauen Himmel zur Folge hatte und ein Maximum an Details der „Haut“ des architektonischen Objekts ermöglichte. Mit dem etwas höheren Blickpunkt wird der Betrachter ideal vor das Gebäude positioniert und dadurch eine Verzerrung der Perspektive vermieden. Die Kombination dieser Eigenschaften trägt zur sorgfältigen dokumentarischen Natur ihrer Vorhaben bei.

Ursprünglich enthielten ihre Bildbände spezifische Informationen zu den Gebäuden. In späteren Ausgaben wurden nur noch Ort und Jahreszahl der aufgenommenen Bilder erwähnt, um einem den Typologien verbundenen Ansatz zu folgen. Die Bechers äußern sich nie selber über ihre Bilder, sondern sprechen lediglich über das Sujet und positionieren ihr Werk unverkennbar als Gegenstandsfotografie.

In Framework Houses (1977) dokumentieren die Bechers ein Projekt, das sie in den 1960er Jahren in der Gegend um Siegen begannen. In einem der ältesten Industriegebiete Deutschlands machten sie eine Bilderserie der zwischen 1870 und 1914 entstandenen Wohnarchitektur. Die Bilder zeigen Holzhäuser ohne Verzierungen (errichtet nach strengen Regeln zur Vermeidung der übermäßigen Verwendung von Holz) und funktionelle Einrahmung mit neoklassizistischen Proportionen. Das Modell fand auch Anwendung für Kirchen, Geschäfte, Bauernhäuser und Schulen. In diesen rationell organisierten Photoreihen fällt die graphische Wiedergabe der Schindelanordnungen oder der dunklen Stuckatur überraschend lyrisch aus.

In Pennsylvania Coal Mine Tipples (1991), zeigen uns die Bechers die Förderkonstruktionen am Eingang zu den Bergwerken in West-Pennsylvania (USA). Gas Tanks (1993) entstanden zwischen 1963 und 1992 in Großbritannien, Frankreich, Belgien, Deutschland und in den USA. Die Arbeit besteht aus 140 sorgfältig geordneten Bildern von Gasbehältern.

Während ihre früher veröffentlichten Arbeiten sich auf isolierte Industrieobjekte konzentrierten, zeigen Industrielandschaften (2002) große Industrieanlagen in ihrer natürlichen Umgebung. Dadurch erhalten die Bilder einen eher narrativen und interpretativen Charakter. Obwohl die Bilder in einem Zeitraum von über vierzig Jahren entstanden, wurden sie hier zum ersten Mal vorgestellt. Sowohl in den Bildbändern als auch in ihren Ausstellungen bedeutete dies die Einführung größerer individueller Abzüge Prints neben den charakteristischen, in Gittern angeordneten Bildern.

Die Kombination von äußerster photographischer Sensibilität und Fertigkeit mit konzeptuellen Qualitäten der dokumentarphotographischen Praxis ist auch typisch für den Ansatz ihrer ehemaligen Schüler der Kunstakademie in Düsseldorf. Unter der Ägide von Professor Bernd Becher (mit Hilla im Hintergrund, deren Rolle keineswegs zu unterschätzen ist), wurde dort eine Generation höchst erfolgreicher Künstler wie Thomas Struth, Andreas Gursky, Thomas Ruff, Candida Höfer und weitere ausgebildet. Keine anderen Photographen aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts spielten eine gleichermaßen wichtige Rolle bei der Ausbildung einer neuen Generation künstlerischer Photographen wie die Bechers.

Bernd Becher wurde 1931 in Siegen geboren. Er studierte 1953-1956 in Stuttgart Malerei und Lithographie und 1957-1961 in Düsseldorf Typographie. Dort begegnete er Hilla Wobeser, Photographiestudentin und seine zukünftige Frau. Hilla wurde 1934 in Potsdam geboren. Beide Künstler leiteten 1959 ihre Zusammenarbeit ein und ihre erste Ausstellung fand 1963 in der Ruth Nohl Galerie in Siegen statt. Seit 1968 wurden zahlreiche Ausstellungen mit ihren Arbeiten in den USA und in Europa organisiert. Sie nahmen 1972, 1977, 1982 und 2002 an der Documenta in Kassel und 1977 an der Sao Paulo Biennale teil. Auf der Biennale von Venedig (1990) gewannen sie den Leone d’Oro (Goldenen Löwen) für Skulptur und in Goslar den Kaiserring (1995); 2002 erhielten sie den Erasmus-Preis, eine Auszeichnung für bedeutende Errungenschaften in der Gesellschaft und Kultur. . . ." (Quelle: Hasselblad Stiftung / Presse)

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