Anzeige
kunstkraftwerk

Die Jugend von heute - Schirn Kunsthalle Frankfurt (7.4.-25.6.06)


Eingabedatum: 24.03.2006

bilder

Medialisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung bringen eine stetig wachsende Vielfalt jugendlicher Szenen hervor. Girlies, Greaser, Hooligans, Rapper, Raver, Streetballer, Trainsurfer, Traceurs oder Yamakasis sind nur einige der disparaten "artificial tribes", denen sich Jugendliche heute angehörig fühlen. Während im kalten Krieg der Jugendkulturen noch zwischen übersichtlichen Alternativen wie Punk oder Pop entschieden werden musste, durchlaufen Jugendliche heute in der Regel eine ganze Reihe von Szenen. Die Ausstellung zeigt die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Lebenswelten von Teenies, Twens und postadoleszenten "Thirty Somethings", deren jugendkulturelle Erfahrungen oft in das Familien- und Berufsleben hineinreichen. Die 160 Werke von fünfzig international tätigen Künstlern wie der Vertreterin der Young British Art Tracey Emin, des amerikanischen Fotografen Philip-Lorca diCorcia und einer großen Anzahl von Newcomern thematisieren die Einflüsse der Jugendkultur auf die ästhetischen wie politischen Bereiche der Gesellschaft.
...
Die immense Vielfalt jugendlicher Szenarien, Stile und Genres spiegelt ein chaotisches und ambivalentes Feld jugendlicher Kulturproduktion. Der Kosmos der heranwachsenden Generation wird von einer multimedialen Informationsflut begleitet, die ihr wie eine zweite Natur anhaftet und frühere Widersprüche aufzulösen scheint. Der Generationenkonflikt bleibt aus, und die "Thirty Somethings" verfügen über die scheinbar gleichen Codes wie die Teens und Twens - sei es in der Sprache, in der Musik oder der Kleidung. Das Uni-Sex-Label deterritorialisiert nicht nur differente Körper und Geschlechter. Es gehen daraus auch andere Identitätsbildungsstrategien hervor, die neue gesellschaftliche Zusammenhänge - Gemeinschaften, "communities", urbane Räume - ermöglichen. Wie sieht also die gegenwärtige Neuordnung des (sexuellen, soziokulturellen, urbanen) Subjekts aus? Was folgt aus der Autonomie der Geschlechter und der Zerstörung überkommener Rollenbilder?

Die häufig mit Jugend assoziierte Rebellion - gegen die Eltern, die Erwachsenen, die Werte, den Staat - setzt sich in der Multioptionalität einer offenen Gesellschaft fort. Skater gegen Hippies, Punks gegen Streber, Raver gegen die Nacht und alle zusammen gegen den Krieg. Die einst erstrebenswerten und zeitlosen Ideale fallen auf Menschenmaß und Menschenzeit zurück. Was sich zeigt in diesem Verlust, ist eine Neuformierung des Menschen als postmodernes, fragmentiertes Subjekt. Wieder sind es die künstlerischen Mittel der Collage und Assemblage, verfeinert durch computergestütztes Sampling, Animation und Bildbearbeitung, die eine heterogene "neue" Welt zu erzeugen erlauben. Wuchernde Environments und Installationen, wie beispielsweise das "Funny Farm" genannte Atelier der Künstlerin Laura Kikauka, reflektieren die komplexen Sinnzusammenhänge und erzeugen singuläre, sich selbst generierende Möglichkeitswelten, in denen Comic und psychedelische Holografie, Punk und sexuelles Begehren koexistieren.

Die Ausstellung geht des Weiteren der in unterschiedlichen jugendkulturellen Lebenswelten vorherrschenden Frage nach dem Zusammenhang von Individuum und Gruppe sowie der Selbstpositionierung der Jugend in der Gesellschaft nach. Der Club dient hierbei als ein mehrschichtiges Kräftefeld, in dem es sowohl um eine eigene Sprache - um Sprachlosigkeit als eine andere, körperliche Sprache - als auch um einen autonomen, freigestellten Raum geht, der die politischen, sexuellen und ästhetischen Utopien zusammenführt. Hedonismus als die Leitfigur der Clubkultur der 90er Jahre gewinnt seine Bedeutung in der erneuten Abwehr intellektueller Dominanz und dem Subversiven des Körpers. Dieser erscheint als Oberfläche, als beschreibbare und wieder beschreibbare Fläche, auf der sich Zeichen frei formieren und die persönliche Identität konstituiert. In einer Fülle von Arbeiten wird dieser veränderte Körper reflektiert und in einem klaustrophobisch anmutenden Umfeld wiedergegeben. Werke von Pierre Huyghe und Collier Schorr behaupten diesen Kontrast zwischen körperlicher und räumlicher Topologie ebenso wie die "Teenage Geography" von Mike Paré und die reaktionären Menschenaffen von Bjarne Melgaard.

Pose und Verwandlung zählen zu den traditionellen Übungen der Aneignung von Erwachsenenbildern bzw. der Rebellion gegen diese. Sie können gleichzeitig auch die Rekonstitution der Persönlichkeit und Individualität der Jugendlichen bedienen, insofern sie als Strategien der Unterscheidung von Erwachsenen eingesetzt werden. Nicht weniger wird dadurch allerdings die Bedeutung der Pose oder Verwandlung ausgehöhlt, sie wird zu dem, was Rosalind Krauss einen "shifter" nennt, d. h. eine semantische Hülse, die sich in alle Richtungen bewegen lässt, ohne jemals mit einem Grund verwurzelt zu werden. In der Tat durchleben Jugendliche nicht nur eine, sondern mehrere Jugendkulturen, die sie nacheinander, mitunter sogar nebeneinander durchlaufen. Das Ziel, erwachsen zu sein - ob positiv oder negativ -, kann nicht mehr als absolute Größe verstanden werden, an der sich Jugendliche orientieren, um daraus gegenwärtige Sinnformen zu erlangen. Sie selber entwickeln autonome Systeme, die komplex genug sind, um Unverständnis zu provozieren, und flexibel genug, um sich mit anderen Systemen zu verbinden. Komplexität bedeutet vor allem das Ende universaler Ziele und die Möglichkeit ihrer Singularisierung. Die Sade’schen Post-Hippie-Gothic-Traumlandschaften von Matt Greene präsentieren sich uns wie die Mädchenparadiese voll abgebrühter Lolitavamps von Rita Ackermann als abgeschlossene und unberührbare Mikrokosmen.


KÜNSTLERLISTE: Abetz/Drescher (D), Rita Ackermann (HUN), Joe Andoe (USA), Marc Bijl (NL), Anuschka Blommers / Niels Schumm (NL), Slater Bradley (USA), Daniele Buetti (CH), Ian Cooper (USA), Annelise Coste (CH), Sue de Beer (USA), Amie Dicke (NL), Philip-Lorca diCorcia (USA), Iris van Dongen (NL), Tracey Emin (GB), Luis Gispert (USA), Anthony Goicolea (USA), Janine Gordon (USA), Matthew Greene (USA), Lauren Greenfield (USA), Kevin Hanley (USA), Esther Harris (GB), Rachel Howe (USA), Pierre Huyghe (F), Laura Kikauka (CAN), Clemens Krauss (A), Hendrik Krawen (D), Liisa Lounila (FIN), Marlene McCarty (USA), Ryan McGinley (USA), Alex McQuilkin (USA), Martin Maloney (GB), Bjarne Melgaard (N), Alex Morrison (CAN), João Onofre (P), Lea Asja Pagenkemper (D), Mike Paré (USA), Frédéric Post (CH), Bettina Pousttchi (D), L. A. Raeven (NL), Julika Rudelius (D), Collier Schorr (USA), Kiki Seror (USA), Ulrike Siecaup (D), Hannah Starkey (IRL), Tomoaki Suzuki (J), Alex Tennigkeit (D), Sue Tompkins (GB), Gavin Turk (GB), Alejandro Vidal (E), Banks Violette (USA).

Abbildung: Joao Onofre, CASTING, 2000, Video, Farbe und Geräusche auf DVD, 12. min. 59 sec. Edition 4, Courtesy the artist and I-20 Gallery, New York

ÖFFNUNGSZEITEN: Di., Fr.-So. 10-19 Uhr, Mi. und Do. 10-22 Uhr.

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt, Telefon: (+49-69) 29 98 82-178
schirn.de


ch










Auf der Karte finden Sie folgende Standorte:




    Anzeige
    Ausstellung


    Anzeige
    rundgang


    Anzeige
    Atelier


    Anzeige
    Magdeburg


    Anzeige
    berlin




    FARBE.LICHT.RAUM

    FARBE.LICHT.RAUM erscheint wie eine untrennbare Trinität. Zumindest, wenn wir uns bezüglich der fünf Sinne, die uns zur Wahrnehmung der Welt zur Verfügung stehen, auf das Sehen konzentrieren. weiter

    Christa Dichgans und Guerrilla Girls in der Kestner Gesellschaft

    Die Kestner Gesellschaft startet das Jahr 2018 mit starken Setzungen von Künstlerinnen weiter


    Welche Wahrheit zeigt ein Titelbild?

    Du musst mehr hinterfragen. Du musst Stellung beziehen. Du musst nachdenken. weiter


    GUTE AUSSICHTEN DELUXE – JUNGE DEUTSCHE FOTOGRAFIE NACH DER DÜSSELDORFER SCHULE

    gute aussichten DELUXE präsentiert 25 neue, herausragende Positionen aus dem Kreis der gute aussichten-Preisträger der Jahre 2004 bis 2015, deren künstlerisches Schaffen sich in dieser Zeit kontinuierlich weiterentwickelt hat weiter


    AMERICA! AMERICA! HOW REAL IS REAL?

    Dabei zeigt die von Helmut Friedel kuratierte Ausstellung, wie Künstler den Wandel der Gesellschaft, ihren Umgang mit Bild und Abbild, Realität und Täuschung mit immer wieder neuen Mitteln, Techniken und Strategien kommentieren. weiter


    VON DA AN - RÄUME, WERKE, VERGEGENWÄRTIGUNGEN DES ANTIMUSEUMS 1967 – 1978

    Ein Ausstellungsprojekt im Museum Abteiberg, Abteistraße 27, und im alten Städtischen Museum, Bismarckstraße 97 ... weiter


    Shirin Neshat. Frauen in Gesellschaft

    Die im Iran aufgewachsene und in den USA lebende Künstlerin Shirin Neshat (geb. 1957) nimmt eine zentrale Position im Diskurs um das Verhältnis zwischen Orient und Okzident ein. weiter


    Future Love. Begehren und Verbundenheit im Zeitalter geformter Natur

    Die Gruppenausstellung „Future Love“ untersucht die Auswirkungen der neuen Technologien und sozialen Medien auf unsere Gefühlsbeziehungen und unsere Sexualität. weiter

    Acci Baba - ab aeterno

    „ab aeterno“ ist die erste institutionelle Einzelausstellung des aus Japan stammenden Künstlers Acci Baba (*1977 in Kamakura) in Deutschland. weiter

    Der Begriff "Hinterfragen" in Texten zur zeitgenössischen Kunst

    weiter


    Der Begriff Position in Texten zur zeitgenössischen Kunst

    Schon vor 15 Jahren beschäftigte sich die Zeitschrift TEXTE ZUR KUNST mit dem P-Wort. weiter



    Reinhold Koehler - Décollage

    Reinhold Koehler (1919 – 1970) gehört sicher zu jenen Künstlern, denen noch nicht der ihnen angemessene Platz in der deutschen Kunst eingräumt wurde. weiter

    Zum Begriff Autor (Autorennen und Autorenschaft) in den Texten zur zeitgenössischen Kunst

    wenn der Autor malt - zwischen Autorität und Unterdrückung weiter


    Künstlerliste mit nur einer bzw. zwei Biennalebeteiligung

    Unter den ersten 500 renomiertesten Künstlern unserer Künstlerliste, haben wir 89 Künstler identifiziert die in unserer Datenbank nur mit einer Biennalebeteiligung erfasst sind. weiter


    Tag der offenen Tür an der Hochschule für Bildende Künste Dresden

    Zum sachsenweiten Tag der offenen Tür für alle 11. und 12. Klassen der sächsischen Gymnasien am Donnerstag, den 11. Januar 2018, hat auch die Hochschule für Bildende Künste Dresden ein umfangreiches Informations- und Veranstaltungsprogramm vorbereitet. weiter


    Winterrundgang der SpinnereiGalerien in Leipzig

    Am Wochenende ist es wieder soweit: Die SPINNEREI lädt zum Kleinen Winterrundgang der SpinnereiGalerien ein. weiter

    Ausstellung Werner Schmidt (Malerei) und Werner Pokorny (Skulptur)

    Werner Schmidt und Werner Pokorny werden mit Malerei und Skulptur zu Gast sein weiter

    Neue Kuratorin Christina Lehnert am Frankfurter Portikus

    Christina Lehnert (*1983 in Baden-Baden) studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Humboldt Universität in Berlin. 2017 war sie Interimsdirektorin des Kunstverein Braunschweig ... weiter


    Kunstkraftwerk Leipzig: RENAISSANCE experience

    Florenz und die Uffizien: Die Genies der Renaissance digital entdecken
    Ab 20.Januar 2018 gewährt eine immersive multimediale Art-Show im Kunstkraftwerk Leipzig einen einzigartigen Blick auf die (Kunst-) Welt der Renaissance. (Sponsored Content) weiter

    Studieninformationstag der BURG am 11. Januar 2018

    Mit einem abwechslungsreichen Programm zwischen 9 und 17 Uhr wird das Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle vorgestellt weiter