Peter Fischli und David Weiss - Kunsthaus Zürich (6.6.-9.9.07)


Eingabedatum: 18.05.2007

bilder

Die von Kuratorin Bice Curiger gemeinsam mit der Tate Modern, London, erarbeitete Präsentation heisst «Fragen & Blumen». Sie wird zusammen mit den Künstlern eingerichtet und bietet den bisher umfassendsten Überblick über das so vielfältige wie hintergründige Werk, das Skulpturen, Fotografien, Filme und Videos umfasst und sich einfacher Klassifizierung entzieht.

Peter Fischli (geb.1952) und David Weiss (geb.1946), die seit 1979 zusammenarbeiten, haben wesentlich das internationale Renommee der zeitgenössischen Schweizer Kunst geprägt. Ihr Augenmerk gilt dem Unspektakulären, dem Alltäglichen und scheinbar Banalen. Es ist ein betont unzynischer Blick, der in die Grauzonen unserer aufs Funktionieren angelegte Welt führt. In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit, der populär gewordenen «Wurstserie» (1979), kommt bereits der spielerisch experimentelle Zug ihrer Kunst als antiheroisches künstlerisches Programm zum Tragen, das auch den Humor nicht scheut. Es ist eine Kunst, die in den vergangenen Jahrzehnten sowohl ernsthaft zur Diskussion einer Postavantgarde beitrug, wie zugleich auch ein breites Publikum anzusprechen vermochte - was kürzlich der Zuspruch zur Ausstellung in London und Paris aufs Erfreulichste bestätigte.

RETROSPEKTIVE MIT ALLEN WICHTIGEN WERKGRUPPEN
Am Anfang ihrer langen Zusammenarbeit entstanden zwei Filme, «Der geringste Widerstand» (1980/81) und «Der Rechte Weg» (1982/83), in welchen die Künstler als Ratte und Bär verkleidet die Welt erforschen. In ihnen manifestiert sich schon jener Hang zu Universalismus und verschmitztem Forschergeist, wie er auch in ihrem grossartigen Opus aus hunderten von kleinen, ungebrannten Tonskulpturen, «Plötzlich diese Übersicht» (1981), zum Tragen kommt. Eingefangen sind Momente der Weltgeschichte, die mit listig verschobener Perspektive die ganze Historienschreibung aus dem Lot zu heben scheinen. Dieser Panoramablick auf die Welt ist zugleich subjektiv und überindividuell. Ohne Scheu steuert er auf eingefleischte Klischees, die unter der Hand von Fischli / Weiss zu so etwas wie Wahrheitsindikatoren werden. «Darf sich die Wahrheit alles erlauben?», heisst denn auch eine der entwaffnenden Fragen aus ihrer über Jahrzehnte verfolgten Werkgruppe der «Fragen». Neben «Fragen» wird auch das gross angelegte Projekt «Sichtbare Welt» (1987-2000) in der Ausstellung breiten Raum einnehmen, denn aus ihm wurden die populären Serien «Airports», «Blumen» und «Pilze» entwickelt.

OBJEKTWELT
Früh begannen Peter Fischli und David Weiss eine Auseinandersetzung mit der Objektwelt, und es entstanden geknetete, geschnitzte und gegossene Skulpturen aus ungewöhnlich «gewöhnlichem» Material. Sie erprobten dessen Transformationskraft, etwa die beängstigende Dimension von schwarzem Gummi. In der Ausstellung zeugen sowohl ein riesiger Wurzelstock wie auch ein minimalistisch anmutender Schrank, aber auch Tiere in unfassbarer Schwärze von der stummen Absorptionsenergie dieses Materials.
Anhand von in Polyurethan geschnitzten Objekten (Werkzeuge, Flaschen, Utensilien), rücken Fischli / Weiss vor den ungläubigen Augen der Besucher den Alltag des Museums überraschend ins Zentrum. Die imitierten Alltagsobjekte erscheinen in dieser feierlichen Abgehobenheit als «umgekehrte Readymades». Es sind perfekte Imitationen, in welchen sich sorgfältigstes mimetisches Handwerk versteckt, wie wir es aus der Kunstgeschichte kennen.

WUNDER DIESER ERDE, VON «ÜBERTOURISTEN» ENTDECKT
Das Werk von Peter Fischli und David Weiss operiert mit der Überraschung, mit der Technik des «détournements» und räumt dabei dem Staunen Platz ein, gleichsam als Gegengift zu einer «entzauberten Welt». Mit dem Fotoapparat haben sie über die Jahrzehnte die Schönheiten erkundigt, sei es als weltreisende «Übertouristen» oder aus der Perspektive von Waldschnecken und Bienen. In der Zürcher Ausstellung wird «Sichtbare Welt» als rund 30 Meter langer Leuchttisch zu sehen sein, auf dem 3´000 Bilder ausgebreitet sind.

RUNDSCHAU MIT FILMISCHEN UND ANDEREN NEUIGKEITEN
Die Retrospektive ist nicht chronologisch geordnet. Sie entspricht damit der Anlage des Oeuvres, das aus vielen grossen und kleineren Werkgruppen und zum Teil ineinander greifender Serien besteht, die sich über längere Zeiträume entwickelt haben. Im Licht dieser Werkentfaltung nimmt sich ihr anhaltend erfolgreicher Film «Der Lauf der Dinge» (1985-87) mit seinen Kettenreaktionen wie ein ironischer Kommentar zu einer allzu engen Vorstellung einer künstlerischen Laufbahn aus, die sich zwingend und unerbittlich linear fügen würde. In der Ausstellung lassen sich auch für Kenner von Fischli / Weiss noch Entdeckungen machen. So hat der langjährige Freund und damalige Kunstkritiker, Patrick Frey, einige der ausgetüftelten Tests für den aus skurrilen, physikalischen Reaktionen bestehenden 16mm-Film mit einer Videokamera dokumentiert. Für die Ausstellung wurde das Material gesichtet und editiert. Der Film offenbart dem Besucher nicht nur einen Blick hinter die Kulissen, sondern in aller Eindringlichkeit das fröhlich-ernste Grundprinzip der Fischli / Weiss’schen Arbeit, als traumhaftes Aufspüren des Bedeutenden im Unbedeutenden.
Damit schreiben sie Kunstgeschichte. Dreissig Jahre nach dem Start scheinen sie an einem weiteren Höhepunkt angekommen zu sein. Das Duo, das sich mit Documenta- und Biennale-Arbeiten ebenso wie mit jüngsten kuratorischen Aktivitäten einen Namen gemacht hat, erhielt 2006 den in Europa höchstdotierten Preis für zeitgenössische Kunst – den Roswitha Haftmann-Preis. Mit «Fragen & Blumen» lädt das Kunsthaus Zürich Besucher in die Welt zweier Künstler ein, die immer zum Teilen gedacht war. (Kunsthaus Zürich)

Abbildung: Copyright Peter Fischli / David Weiss, Ohne Titel (Blume), 1997, Fotografie

Öffnungszeiten: Di-Do 10-21 Uhr, Fr-So 10-17 Uhr. 1. August (Nationalfeiertag) 10-17 Uhr.

Nach Zürich wird «Fragen & Blumen» vom 24.4.–31.8.08 in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sein.

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
8001 Zürich

kunsthaus.ch

ch








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Zeitgenössische Fotokunst aus der Schweiz (Jan. 02)


Mit Fotokunst aus der Schweiz setzt der Neue Berliner Kunstverein (NBK) seine Ausstellungsreihe fort, die der Fotografie verschiedener Länder gewidmet ist.
Neun Künstler und Künstlerinnen hat der Kurator Urs Stahel, Direktor des Fotomuseums Winterthur, ausgewählt, um möglichst unterschiedliche Positionen der Schweizer Fotografie zu verdeutlichen.
Während der vordere Raum durch die stark verfremdeten Stadtansichten Strbas, die beleuchtete Rauminstallation von Buetti und die Körperbilder Rondinones an einer grünen Wand dominiert wird, entwickeln die kleinteiligen Arbeiten von Marco Poloni und Peter Tillessen einen ganz anderen Zugang: Poloni wurde durch Berichte in italienischen Tageszeitungen auf die illegalen albanischen Einwanderer aufmerksam und kam so auf die Idee, den heimlichen Reiseweg eines fiktiven Migranten über Süditalien, den Hafen von Otranto über Mailand bis in die Schweiz in vielen kleinen Sequenzen festzuhalten und diese zusätzlich mit szenischen Anweisungen zu Kamerastandpunkt, Geräusch und Geschehen zu bezeichnen. Alles wird aus der Sicht des Migranten gezeigt; er selbst bleibt, wie in der Gesellschaft, unsichtbar. Es entsteht eine künstliche Dokumentation, die bewußt mit dem Übergang von Fotografie zu Film spielt. Tillessen (übrigens in Hanau geboren) zeigt Serien mit den Titeln "Aktionskünstler", "Kunst am Bau", "Degenerative Bilder", die den Blick auf absurde Motive des Alltags lenken. Unprätentiös als einfache Ausdrucke an die Wand gepinnt, sind sie mit ihrer Art des Humors nach Stahels Aussage vielleicht am ehesten in eine Schweizer Tradition (Fischli/Weiss) zu stellen.
Im Nebenraum erinnern Hans Danusers "Frozen Embryo Series" von weitem an steinerne Landschaften; sie enthalten zugleich Leben und Tod. Weiter die absonderlichen Mädchenbilder von Katrin Freisager, meditative Landschaftsblicke kombiniert mit Tokioter Stadtansichten von Cat Tuong Nyuyen, die urbanistischen Situationen von Claudio Moser.
Die Fotoszene in der Schweiz habe in den letzten 15 Jahren einen großen Boom durchgemacht, und Stahel legt Wert auf die Feststellung, daß man die Anzahl der Künstler gut hätte verdreifachen können, ohne einen Qualitätsverlust hinzunehmen (und einige dieser Künstler nennt er in seinem Katalogtext). Die stark gestiegene Popularität der Fotografie ist aber auch in anderen Ländern zu verzeichnen und so bleibt die Frage nach einer Schweizer Schule, die man in dieser Ausstellung zumindest nicht findet. Wie der Künstler Marco Poloni sagt: "Charakteristisch für den Schweizer Künstler ist, daß an ihm nichts Charkateristisches ist." Zeitgenössische Fotokunst aus der Schweiz ist international und hier kontrastreich und interessant präsentiert.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 24. Februar im NBK (Neuer Berliner Kunstverein), Chausseestr. 128/129, 10115 Berlin. Öffnungszeiten sind Mo - Fr 12 - 18 Uhr, Sa, So 12 - 16 Uhr.
Zur Ausstellung ist ein Katalog im Ernst Wasmuth Verlag erschienen (19 Euro) mit einem Textbeitrag von Urs Stahel.
  • Fischli & Weiss im Museum Ludwig "Fragen Projektionen" (noch bis 19.01.03)

  • Kunstmuseum Basel: Looking In - Looking Out (26.04 - 29. 06.03)

  • Kunstmuseum Wolfsburg: Baustellen der Subversion-Update #7 (13.06 bis 23. 11.03)

  • Abschlußbericht: Art 34 Basel (24.6.03)

  • Sammlung F. C. Gundlach in den Deichtorhallen Hamburg (29.10.03 - 25.01.04)

  • Sammlung 2005 - Neupräsentation der erweiterten Sammlung im K21, Düsseldorf (bis auf weiteres)

  • Flashback - Museum für Gegenwartskunst, Basel (30.10.05-12.2.06)

  • Roswitha Haftmann Kunstpreis für Peter Fischli und David Weiss

  • Gärten

  • Valentin Carron - Kunsthalle Zürich (20.01. - 18.03.07)

  • Peter Fischli und David Weiss - Kunsthaus Zürich (6.6.-9.9.07)

  • I can only see things when I move. - Staatliche Kunstsammlungen Dresden (29.9.07-20.1.08)

  • Roswitha Haftmann-Preis an Douglas Gordon

  • Gregor Schneider erhält Günther-Peill-Preis 2008

  • Ein Kessel Buntes Mike Kelley - Ausstellungskatalog Sammlung Goetz

  • Roswitha Haftmann-Preis an Sigmar Polke

  • Bilder in Bewegung : Künstler & Video_Film

  • Auswertung der Flugdaten - K21 Ständehaus, Düsseldorf

  • Wir Manager! - Vögele Kultur Zentrum, Pfäffikon

  • Peter Fischli, David Weiss - Sammlung Goetz, München

  • Wolfgang-Hahn-Preis KÖLN 2011 an John Miller

  • How to Work (More for) Less

  • Beispiel Schweiz. Entgrenzungen und Passagen als Kunst

  • Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg. Ausgewählte Werke von Carl Andre bis Sergej Jensen

  • Fotografie Total

  • Performance Künstlerin Andrea Fraser erhält Wolfgang-Hahn-Preis 2013

  • Nur noch wenige Tage der Ausstellungen in Erlangen, Oldenburg, Bern und Zürich

  • Das Glück kommt aus dem Nichts. Werke aus der Slg. Wilhelm Otto Nachf.

  • KLÖNTAL TRIENNALE 2014

  • Das imaginäre Museum

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