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Ich bin ich - Mira Lobe und Susi Weigel

Sonderausstellung

28. 11. 2015 - 1. 05. 2016 | vorarlberg museum, Bregenz
Eingabedatum: 29.11.2015

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Das erfolgreichste Duo der österreichischen Kinderbuchliteratur steht im Mittelpunkt dieser Ausstellung, die für Kinder wie für Erwachsene konzipiert ist.
Mira Lobe (1913-1995) zählt zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts, insgesamt veröffentlichte sie rund 100 Bücher, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Aus Lobes kongenialer Wort-BildPartnerschaft mit der Illustratorin Susi Weigel (1914-1990) entstanden 45 Bücher und viele Fortsetzungsgeschichten. Allein die Titel lösen bei Generationen von (Vor-)Leserinnen und Lesern vielfältige Assoziationen aus: „Das kleine Ich bin ich“, „Die Omama im Apfelbaum“, „Die Geggis“.

Faszinierend ist das Material aus den Nachlässen der beiden Künstlerinnen, darunter Entwurfszeichnungen und experimentelle Collagen von Susi Weigel oder ihre originale „Ich bin ich“-Figur aus Stoff und Zwirn. Die Schau erlaubt spannende Einblicke in die Arbeitsweise von Lobe und Weigel. Vor dem Hintergrund ihrer Biografien erschließen sich auch Zusammenhänge der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Darüber hinaus sind andere bedeutende LobeIllustratorInnen wie Angelika Kaufmann, Winfried Opgenoorth und Christina Oppermann-Dimow in der Schau präsent.

Auf der Seite der Kinder
„Ich möchte wissen, wer ich bin“. So fragt das ratlose, namenlose Etwas, um sich am Ende der Geschichte als selbstbewusstes Wesen zu entdecken: „Sicherlich gibt es mich: ICH BIN ICH!“ Immer wieder geht es in Lobes und Weigels Büchern darum, Kindern Ängste zu nehmen und sie zur Eigenständigkeit zu ermutigen. Ohne pädagogischen Zeigefinger und stets auf der Seite der Kinder stehend vermitteln die Geschichten darüber hinaus Werte wie Toleranz, Solidarität mit Ausgegrenzten und Veränderungswillen. Die Ausstellung „übersetzt“ das kreative Potenzial der
Kinderbücher mit spielerischen Elementen und überraschenden Inszenierungen.

Deutschland – Palästina – Wien: Lobes biografische Stationen
Hilde Mirjam Rosenthal: Unter diesem Namen wurde Mira Lobe 1913 in Görlitz (Sachsen) geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen, jüdischen und sehr sozial eingestellten Familie auf. Über ihre wohlbehütete Kindheit meinte Lobe nur, sie sei „durchaus normal“ gewesen. Aus ihrer Zeit bei der Sozialistischen Arbeiterjugend zog sie ihr Mitleid für Schwächere: „Ich neig` zu Schuldgefühlen, nicht? Und ich hatte irgendein Schuldgefühl, dass es mir so gut ging und dass ich wusste, anderen geht es weniger gut.“ Der Traum vom Studium („Architektur, Germanistik oder Kunstgeschichte“) und vom Journalisten-Beruf konnte sich Lobe nicht erfüllen, stattdessen besuchte sie in Berlin eine Textil- und Modeschule, ehe ihre Familie 1936 vor den Nazis nach Palästina flüchten musste. Dort heiratete sie den um 24 Jahre älteren Regisseur und Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder (Claudia, *1943, und Reinhardt, *1947) hatte. Das anfängliche „Glücksgefühl“ über die Rettung ins Exil wich jedoch bald der Ernüchterung: Zur Sprachbarriere kam die Skepsis gegenüber dem Staat Israel und dem religiösen Judentum. Ihr erstes Buch veröffentlichte Lobe 1947 allerdings auf Hebräisch – „I-Hajeladim“ („Die KinderInsel“) wurde später in einer veränderten Fassung auf Deutsch unter dem Titel
„Insu-Pu“ publiziert.

Als Friedrich Lobe 1950 ein Engagement am Wiener Scala-Theater angeboten bekam, übersiedelte die Familie nach Österreich. Schon bald wurde Mira Lobe eine der erfolgreichsten Autorinnen der kommunistischen Kinderzeitung „Unsere Zeitung“, wo sie erstmals mit der dort beschäftigten Zeichnerin Susi Weigel zusammentraf. Als wesentlicher Förderer erwies sich Hans Goldschmidt, der nach dem Tod von Lobes erstem Mann ihr Lebensgefährte wurde. Goldschmidt war Leiter des KP-nahen Schönbrunn-Verlags, der die ersten Lobe/WeigelKinderbücher
veröffentlichte („Der Tiergarten reißt aus!“, 1953; „Der Bäbu. Die Sieben vom Bärenbund“, 1954; „Bärli Hupf“, 1957). Die weiteren Titel erschienen meist im Jungbrunnen-Verlag oder bei Jugend & Volk. Die Zusammenarbeit zwischen Lobe und Weigel entwickelte sich zur Trademark: „Kennst Du die bunten Mira-Susi-Bücher?“ lautete eine Verlagswerbung.

Für „Titi im Urwald“ erhielt Lobe bereits 1958 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, unzählige weitere Ehrungen und Preise folgten im Laufe ihrer Karriere, die Ende der 1960er Jahre ihren Höhepunkt erreichte: Nach Titeln wie „Bimbulli“ (1964) und „Die Omama im Apfelbaum“ (1965) folgte 1972 „Das kleine Ich bin ich“, ein „Jahrhundertwerk“ (Renate Welsh), das sich bis heute eine Million Mal verkauft hat. Zugleich intensivierte sich auch die Zusammenarbeit mit anderen IllustratorInnen wie Angelika Kaufmann (u. a. „Komm, sagte die Katze“, 1975), Winfried Opgennoorth (u. a. „Valerie und die Gute-NachtSchaukel“, 1981) und Christina Oppermann-Dimow (u. a. „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“, 1977), außerdem wurde Lobe mit Ernst A. Ekker und Käthe Recheis Mitbegründerin einer informellen Gruppe der Wiener Kinder- und Jugendbuchautoren und Autorinnen. Politisch war Lobe „links“, doch nach dem
sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 trat sie aus der KPÖ aus. Für die sozialdemokratischen Reformen ab den 1970er Jahren hegte sie Sympathien. Lobe publizierte bis ins hohe Alter und blieb sich dabei thematisch treu: So entstanden immer wieder Geschichten mit vermeintlichen Außenseitern und deren Integration in die Gruppe.

Eine gleichberechtigte Partnerin: Susi Weigel
Verglichen mit der „Starautorin“ blieb Susi Weigel tendenziell im Hintergrund, was allerdings nicht weiter überrascht: Auch wenn sich die Bücher gerade aufgrund der einzigartigen Bilderwelten ins Gedächtnis der Leserschaft einschrieben, so war (und ist) die generelle Wertschätzung von Illustration weniger stark ausgeprägt. Susi Weigel war jedenfalls eine äußerst vielseitige Künstlerin. Geboren 1914 im mährischen Proßnitz wuchs sie in einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie in Wien auf. An der Kunstgewerbeschule studierte sie bei Franz Ciček, Albert Paris Gütersloh, Viktor Schufinsky, Rudolf von Larisch und Wilhelm Müller-Hofmann.Danach zog sie nach Berlin, wo sie 1937 den Architekten Bruno Buzek heiratete und sich als Zeichnerin für Trickfilme etablierte (u. a. für die vierteilige Serie „Peterles Abenteuer“). Nach dem Krieg übersiedelte Weigel nach Wien, 1949 begann sie im Auftrag des kommunistischen Globus-Verlag ihre Mitarbeit an der „UZ“ (Unsere Zeitung). Die „Pipsimaus“ heißt eine der erfolgreichen UZ-Serien, die von Susi Weigel illustriert wurden (der Text dazu stammte von Friedl Hofbauer). Weiters entstanden eine Comic-Version von Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ sowie von Jonathans Swifts „Gullivers Reisen“. Zwischen 1953 und 1960 erschien in Zusammenarbeit mit Mira Lobe die Erfolgsserie „Was Pockerl erlebt“ – thematisch verwandt mit den späteren „Bärli Hupf“-Büchern.

Die kongeniale Partnerschaft mit der Autorin litt auch nicht an der räumlichen Trennung, nachdem Susi Weigel 1952 in zweiter Ehe den ÖBB-Beamten Heinrich Mair geheiratet hatte und nach Vorarlberg übersiedelt war. In ihrer Arbeit erwies sich Susi Weigel als äußerst vielseitig und experimentierfreudig. Sie mixte unterschiedliche Techniken, zum Beispiel Collage mit kolorierter Zeichnung, setzte Frottage und Stempelverfahren ein. „Neu sind die spielerische Lockerheit, der Witz und die Dynamik“, so der Illustrator Gerri Zotter über seine Kollegin. Wichtig war für Weigel auch die Reduktion auf geometrische Grundformen: Ihre Figuren – wie das Bimbulli, das kleine Ich-bin-ich oder die Geggis – sollten für Kinder leicht herzustellen sein. Neben ihrer Tätigkeit als Buchillustratorin realisierte sie u. a. die Wandgestaltung für das familieneigene „Café Koralle“ in der Porzellangasse 39 in Wien sowie ein bis heute existentes Wandgemälde für die Volksschule Klösterle in Vorarlberg.

Außerdem arbeitete Weigel als Grafikerin für den Süßwarenhersteller Suchard, bekannt wurde etwa ihre Banderole für die „Dino“-Schokolade. Weitaus seltener als Miro Lobe wurde Susi Weigel mit Preisen bedacht, so erhielt sie 1961 für „Hannes und sein Bumpam“ den Illustrationspreis der Stadt Wien und 1970 den Illustrationspreis zum Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien. Bis zu ihrem Tod 1990 lebte Susi Weigel zurückgezogen in Bludenz.

Aufbau der Ausstellung
Die Ausstellung, die von der Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler – gemeinsam mit den Co-Kuratoren Georg Huemer und Ernst Seibert - entwickelt wurde, teilt sich räumlich und thematisch in vier Bereiche, die ausgewählte Aspekte von Lobe und Weigel in den Fokus stellen. Der Ausstellungsteil „Sehnsuchtsort“ thematisiert die „Utopien des Alltags“, die in Büchern wie „Bärli Hupf“ (1957), „Eli Elefant“ (1967), „Komm, sagte die Katze“ (1975) oder „Valerie und die Gute-NachtSchaukel“ (1981) eine Rolle spielen. Es geht um die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten von Lebensumständen, um das Erkennen von Handlungsoptionen – oft im Zuge von abenteuerlichen und manchmal bloß fiktiven Reisen.

Um Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit und Solidarität mit anderen geht es im Themenbereich „Gemeindebau“. Das nicht immer einfache Zusammenleben mit Nachbarn und soziale Unterschiede bestimmen viele Lobe-Bücher, in denen gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit gegenüber den anderen propagiert wird. Immer wieder taucht das Stiegenhaus als Ort der Begegnung auf, „Der Apfelbaum“
(1980) wird zum Heimatort für viele Tiere. Der dritte Ausstellungsteil nennt sich „Freiraum“ und widmet sich dem Verhältnis von Lobe zu ihren IllustratorInnen, allen voran Susi Weigel. „Eigentlich müssten uns alle Verleger auf den Knien danken, finde ich - für unsere P-S. Das heißt weder Post scriptum noch Pferde-Stärke, sondern Plan-Sorgfalt u. ist unser Geheimnis - ich meine, unser Erfolgsgeheimnis“, schrieb Lobe 1967 an Weigel. Der akribische, fordernde, aber von gegenseitigem Respekt geprägte Arbeitsprozess wird anhand von Entwürfen und Korrespondenz sichtbar, die Arbeitsteilung war gleichberechtigt – so wie übrigens auch das Honorar. Die faszinierende Verschränkung von Bildsprache und Sprachbildern kennzeichnet auch die Erfolgstitel, die Lobe mit Angelika Kaufmann, Winfried Opgenoorth oder Christina Oppermann-Dimow erarbeitet hat. Gerissene Bilder aus „Hannes und sein Bumpam“ können vom Publikum in der Ausstellung zu einem Raumbild erweitert werden.

Im „Umspannwerk“ (nach einem Begriff von Mira Lobe) geht es um die Übersetzung von brisanten Themen in Text und Bild, ohne zu pädagogisieren oder banal zu werden. Die Kunst Lobes (und ihrer MitstreiterInnen) bestand auch darin, für die unterschiedlichsten politischen Lager – von den Kommunisten bis zur katholischen Kirche – zugänglich zu sein und das trotz der immer wiederkehrenden Verbotsüberschreitungen ihrer ProtagonistInnen.

vorarlberg museum
Kornmarktplatz 1
6900 Bregenz
Österreich
http://vorarlbergmuseum.at

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