James Casebere

Flüchtig

12. 02. - 12. 06. 2016 | Haus der Kunst, München
Eingabedatum: 07.02.2016

bilder

Als sich James Casebere (geb. 1953 in Lansing, Michigan, USA) Mitte der 1970er-Jahre künstlerisch zu betätigen begann, befand sich die Fotografie im Umbruch. Zu dieser Zeit formulierten Künstler für dieses Medium verschiedene neue Ansätze. Casebere gehört zu einer Generation von Künstlern, welche die Wahrhaftigkeit von Bildern von Anfang an hinterfragte, und für die eine Fotografie etwas anderes ist als ein Dokument.

Begonnen hat Casebere mit Darstellungen, die das etablierte mittelständische Wertesystem des Mittleren Westens der USA in Zweifel zogen. Bekannt ist sein latent gewalttätig und morbid wirkendes Foto eines Kühlschranks, in dem eine überdimensionale Gabel steckt (Fork in the Refrigerator, 1975). Üblicherweise zeigen seine detailreichen Aufnahmen selbst gefertigte Architekturmodelle aus Materialien wie Styropor, Papier und Gips. Dabei sind die Modelle eindeutig Modelle, d.h. sie verstecken die Konstruktion nicht. Über die Jahre hat Casebere mit seinem filmischen und gleichzeitig architektonischen Ansatz eine eigene, unverwechselbare Bildsprache geschaffen.

„Ich versuche, etwas zu schaffen, das eine bestimmte Art des psychischen Raums verkörpert oder dramatisiert, so dass bestimmte Vorstellungen und Erfahrungen verstärkt werden", beschreibt Casebere sein Bildverständnis. Seine Modelle verkörpern beispielhaft das architektonische Unbewusstsein einer gegebenen Raumfolge.

Mit über 50, in unterschiedlichsten Formaten und Verfahren produzierten Werken präsentiert diese Ausstellung sämtliche Perioden aus 40 Jahren seines künstlerischen Schaffens: große ein- und mehrteilige Farbfotos, schwarzweiße Silbergelatine-Abzüge, im Farbausbleichverfahren hergestellte Drucke sowie wasserlose Lithografien. Zudem präsentiert Casebere erstmals Arbeitshefte und Skizzenbücher, und eine umfangreiche Auswahl von bisher nie gezeigten Polaroid-Studien macht den Entstehungsprozess ausgewählter Werke sichtbar: von den verschiedenen Produktionsstufen bis zum fertigen Einzelbild.

Eigens für den großen Treppenaufgang der Ausstellungsräume hat Casebere ortsspezifische großformatige Werke produziert: vier Friese, die sich auf die komplexe politische Geschichte des Hauses als nationalsozialistischer Repräsentationsbau beziehen sowie das von Albert Speer für die Zeremonien des Regimes entworfene Zeppelinfeld in Nürnberg näher ergründen. Damit reihen sie sich ein in die fortdauernde Auseinandersetzung mit historisch belasteter Architektur - ein Gebiet, das sowohl James Casebere als auch das Haus der Kunst seit langem untersuchen.

Überlegungen zu Problemen der Darstellung von Architektur und Ideologie haben bereits in anderen Arbeiten von Casebere eine Rolle gespielt, etwa wenn er sich mit Thomas Jeffersons Herrenhaus Monticello in Virginia, der Arena der Akropolis von Athen, dem Sklavenschlafsaal des Topkapi-Serails in Istanbul oder den mobilen Gefängniszellen im Staat Georgia auseinandersetzt.

Geflutete und verlassene Räume - mal erleuchtet, mal dunkel -, sind regelmäßig wiederkehrende, illusionistische Motive in den Werkserien, die Ende der 1990er und Anfang der 2000er-Jahre entstanden. Casebere zeigt in „Monticello No. 3" (2001) den Eingangsbereich von Thomas Jeffersons Wohnhaus, knöcheltief von Wasser geflutet und dunkel. „Man muss hinter den Mythos davon, wofür Jefferson steht, schauen, und genau davon handelt die Dunkelheit", so Casebere.

Die Idee, Räume mit Wasser zu fluten, kam dem Künstler auf einer Reise nach Berlin, kurz nach der Wende 1989. Obwohl - oder gerade weil - in Berlin damals vor allem Aufbruchsstimmung und Begeisterung herrschte, sah sich Casebere die vernachlässigten Orte der Stadt aufmerksam an: das Abwassersystem und die U-Bahn-Stationen, die den Westen mit dem Osten verbanden. Sie brachten für ihn „das historische Unbewusstsein Deutschlands" besonders deutlich zum Ausdruck.

Bei der Überflutung von Räumen hatte Casebere ursprünglich ganz direkt auch an die Toiletten und Abwasserleitungen in den Gefängnissen gedacht. Recherchen führten ihn zu Modellzuchthäusern des frühen 19. Jahrhunderts, wie Auburn, Sing Sing und Eastern State Penitentiary in den USA. Reformer hatten damals versucht, die Erlösungsideen der Quäker in der Architektur von Gefängnissen umzusetzen. So sollte Einzelhaft die Insassen zu Einkehr, Gebet und Besserung bewegen. Doch diese Methode hatte die Zerstörung ihres Gemüts zur Folge und wurde zu etwas Monströsem. Bereits Charles Dickens hatte das Eastern State Penitentiary 1842 besucht und die Eindrücke in seinem Reisetagebuch („Notizen aus Amerika"/„American Notes") festgehalten und die Isolationshaft angeprangert.

Das Licht fällt in Caseberes Darstellungen von Zellen häufig von außen und von oben ein, durch einen einzigen Strahl. In Nachempfindung des Quäkergedankens kann dies als Möglichkeit der Erlösung durch göttliche Gnade interpretiert werden. Doch steht das Wasser wiederum als Metapher für Vergänglichkeit und das Verstreichen von Zeit; und in den überfluteten Gefängniszellen zugleich für ein System, das dem Verfall ausgesetzt ist. Für Casebere werfen die bisherigen Methoden von Bestrafung und Freiheitsentzug ein Schlaglicht auf die Spannung, die der Architektur von Gefängnissen innewohnt.

Ein Bild von Casebere bezieht sich nicht auf einen stabil existierenden Gegenstand. Vielmehr verdichtet sich darin ein System von politischen und assoziativen Bezügen, auch zu flüchtigen Dingen wie Erinnerungen oder Träumen. So faszinieren ihn z.B. auch die von dem osmanischen Architekten Mimar Sinan (1489/1490-1588) erbauten Moscheen, Koranschulen und Karawansereien in Istanbul - u.a. weil ihre ästhetischen, lichten Innenräume trotz der Höhe menschlichen Maßstab wahren. Seine Recherchen über die komplexe Vergangenheit des Islams haben Casebere hin zu Epochen und Kulturen geführt, die für ein Miteinander von Islam, Judentum und Christentum sowie für gegenseitige kulturelle Bereicherung stehen, wie etwa Spanien in den Jahren von 711 bis 1492. Mit Werken wie „Mosque (after Sinan) #2", „Spanish Bath" oder „La Alberca" ruft Casebere diese Epochen oder Momente des Sublimen im Bewusstsein des Betrachters wach.




Stiftung Haus der Kunst München
Prinzregentenstraße 1
80538 München
Germany

http:hausderkunst.de


Presse






Daten zu James Casebere:

- Art Basel 2013
- Art Basel Miami Beach 2013
- Lisson Gallery
- MoMA Collection
- Solomon R. Guggenheim Collection
- Whitney Biennale 2010



Auf der Karte finden Sie folgende Standorte:




    Anzeige
    berlin


    Anzeige
    Ausstellung


    Anzeige
    Atelier


    Anzeige
    rundgang


    Anzeige
    Burg Halle




    Kunst ins Leben!

    In den 1960er-Jahren bildete das Rheinland ein wichtiges Zentrum für ein revolutionäres Kunstgeschehen: Eine neue, international vernetzte Generation von KünstlerInnen widersetzte sich der traditionellen Kunst weiter


    Castell Art Weekend 2017: Between Circles and Time

    Neues über Kunst erfahren, spannende Künstler persönlich kennen lernen, anregende Gespräche führen und ein im Bau befndliches Museum besuchen... Dieses Jahr mit dabei sind Judith Albert (CH), Simon Starling (UK), Dr. Katharina Ammann und Fritz Hauser (CH)
    Sponsored Content weiter


    OH WOW

    Kunst, die sich auf der Höhe internationaler Debatten bewegt, entsteht in einem Geflecht aus Bezugnahmen und Weiterentwicklungen, bedeutet kritische Entgegnung und Verwerfung. weiter

    Stiftung Insel Hombroich erstellt Werkverzeichnis zu Erwin Heerich

    Wer besitzt Arbeiten von Erwin Heerich? Das Archiv Erwin Heerich der Stiftung Insel Hombroich, das unter Mitwirkung von Martin Heerich den künstlerischen Nachlass seines Vaters betreut, bittet private und institutionelle Besitzer ... weiter



    Koki Tanaka. Provisorische Studien (Arbeitstitel) + Haegue Yang. The VIP’s Union

    Das Kunsthaus Graz präsentiert ab 23. Juni 2017 zwei neue, von Barbara Steiner kuratierte Ausstellungen der international renommierten Kunstschaffenden Koki Tanaka und Haegue Yang. weiter


    Frank Bowling: Mappa Mundi

    Mit „Frank Bowling: Mappa Mundi" widmet das Haus der Kunst dem 1934 in Bartica in Britisch-Guayana geborenen Künstler seine bisher umfassendste Überblicksausstellung, mit teils monumentalen Gemälden aus fünfzig Jahren künstlerischen Schaffens weiter


    Ruinen der Gegenwart

    Unsere globalisierte Gegenwart kann als Zeitalter der Ruinen charakterisiert werden. Weltweite politische Instabilität und medial omnipräsente Bilder der Zerstörung liefern uns Ruinen quasi frei Haus weiter


    Graphzines aus der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte

    Zum ersten Mal überhaupt werden französische Graphzines in einem Museum in Deutschland zu sehen sein weiter


    Work it, feel it!

    Work it, feel it!, der Beitrag der Kunsthalle Wien zur Vienna Biennale 2017, umkreist die Themen Arbeit und Körper in Gegenwart und Zukunft weiter

    Meisterschüler 2017

    Sprungbrett in den Ausstellungsbetrieb: Die Ausstellung „Meisterschüler 2017“ der HBK Braunschweig findet erstmals in der Städtischen Galerie Wolfsburg statt. weiter


    Wim Delvoye

    Das Museum Tinguely widmet 2017 dem belgischen Künstler Wim Delvoye die erste Retrospektive in der Schweiz weiter

    Tom Burr „Surplus of Myself“

    Unter Berücksichtigung der fünften Iteration der „Skulptur Projekte“ wird der Westfälische Kunstverein eine umfassende Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers Tom Burr (*1963, New Haven, CT) ausrichten weiter


    Skulpturen Projekte Münster 2017 Fotos und Videos

    Zwischen Karstadt und Galeria Kaufhof in Münster und Marl weiter


    Jérôme Zonder. The Dancing Room

    Mit der Präsentation von Jean Tinguelys MengeleTotentanz (1986) im neu gebauten Ausstellungsraum beginnt das Museum Tinguely eine Ausstellungsreihe mit jungen KünstlerInnen, die auf dieses späte Hauptwerk Tinguelys Bezug nehmen und sich mit seiner anhaltenden Aktualität auseinandersetzen weiter

    Nina Könnemann / Marcus Weber

    Mit den Ausstellungen von Nina Könnemann und Marcus Weber eröffnet das diesjährige Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm des kunstbunker – forum für zeitgenössische kunst e. V., Nürnberg weiter