Die innere Haut – Kunst und Scham

4. März – 4. Juni 2017 | Marta Herford
Eingabedatum: 07.03.2017

Werkabbildung

Berlinde De Bruyckere V. Eeman, 1999, 200 x 100 x 60 cm, Belfius Art Collection, Foto: Mirjam Devriendt, © Berlinde De Bruyckerebilder


Kaum ein anderes Gefühl wirkt so heftig auf Betroffene wie die Scham. Doch was beschämt oder provoziert angesichts des medialen Zeitalters überhaupt noch? Über 50 internationale KünstlerInnen thematisieren in „Die innere Haut – Kunst und Scham“ im Marta Herford die eigenen Schamgrenzen sowie die des Betrachters. Anhand von über 100 Werken –darunter Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Videoinstalla-tionen und Performances – untersuchen sie diese Emotion im Hinblick auf gesellschaftliche und individuelle Konventionen. Die Rolle der Künstler variiert vom sensiblen Beobachter über den radikalen Provokateur bis hin zum selbstironischen Grenzgänger.

„Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar.“
Hugo von Hofmannsthal

Scham ist eine im Körper verankerte Emotion, die durch bestimmte Reize ausgelöst wird. Sie kann körperliche Reaktionen wie die Errötung der Haut, Zittern oder Herzklopfen hervorrufen. Wann und warum man sich schämt, ist individuell verschieden und hängt stark vom sozialen Umfeld ab. Das Alter und Geschlecht, die Erziehung, Normvorstellungen, der kulturelle Hintergrund sowie individuelle Erfahrungen sind Faktoren, die dieses Gefühl beeinflussen.

Auf sinnliche, berührende und humorvolle Weise gliedern sich die überwiegend zeitgenössischen Werke in vier Themengebiete. In der Eingangsgalerie gerät zunächst der Besucher in den Fokus. Ein aufgestellter großer Spiegel zwingt ihn zur Selbstwahrnehmung. Schäme ich mich für das, was ich sehe oder bin ich fasziniert? Eine entscheidende Frage, die durchweg in allen Räumen der Ausstellung neu gestellt werden kann. Um den Umgang mit schambesetzten Situationen, aber auch um die Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, geht es in der Installation „Four participants and various scenarios of a shameful situation” von Eva Kotátková. Marionetten werden auf einem bühnenartigen Podest regelmäßig während der Ausstellungslaufzeit von einer Puppenspielerin inszeniert. Die Figuren handeln miteinander und schaffen soziale Konstellationen, die einem Skript folgen, auf das auch der Besucher in einem festgelegten Rahmen Einfluss nehmen kann.

Paradies und Pubertät
Mit Albrecht Dürers „Adam und Eva“ verweist die Ausstellung auf die lange Darstellungstradition von Scham in der Kunst. Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das Ende des paradiesischen Naturzustandes. Ein ähnlicher Umbruch ist die Pubertät: Hier setzt man sich nochmal intensiv mit seiner Identität auseinander und das Schamhafte gerät ins tiefere Bewusstsein. Auf den Fotografien von Rineke Dijkstra wirken die Jugendlichen unsicher und fühlen sich sichtlich beobachtet. Bruce Gilden hingegen zeigt mit seinen überdimensionierten Porträts „Jamie“ und „Julie“ genau das, was man eigentlich zu dieser Zeit zu verstecken versucht: die von hormonellen Veränderungen gezeichneten Gesichter. Bei Michaël Borremans‘ „The Unicorn“ verwandelt sich der Besucher ungewollt in eine Art Voyeur, der von der Scham Anderer unterhalten wird. Beinah exhibitionistische Züge trägt das „Selbstporträt als Kind“ von Clemens Krauss. Der Künstler spielt auf seine eigene Häutung an, indem er seine jugendliche Haut mit Silikon und Echthaar hyperrealistisch nachbildete.

Verhüllen und Offenbaren
Das Gefühl von Scham entsteht auch dann, wenn in die Intim- und Privatsphäre eingriffen wird. Jamie Isensteins Blick in ein Schlüsselloch spielt mit der Neugier des Menschen, die Geheimnisse des Anderen zu lüften. Mit seiner Performance „En somme“ (Im Schlaf) Nr. 44 offenbart Virgile Novarina den intimen Moment des Schlafens und Träumens. Mit einer von ihm entwickelten Technik kann er währenddessen in eine Wachphase wechseln und in kürzester Zeit Wahrnehmungen notieren, die im Tiefschlaf auftreten. Eine andere Form von Offenbarung wird in der Fotografie „Vivienne Westwood, No. 1, London“ von Juergen Teller sichtbar. In Anlehnung an Édouard Manets skandalträchtige „Olympia“ präsentiert er die Modeschöpferin völlig unverhüllt und in selbstbewusster Pose. Zutiefst bewegend ist das Werk „MARE NOSTRUM“ (Unser Meer) der documenta-Künstlerin Miriam Cahn, das auf die aktuelle Flüchtlingssituation im Mittelmeer Bezug nimmt. Verhüllt, aber gleichzeitig entblößt, zeigen sich hier die blassen, menschlichen Körper.

Im nächsten Raum erfüllt sich der Wunsch nach dem Blick hinter die Kulissen: Auf einer großen Leinwand wird der Film „Deep Gold“ (Tiefes Gold) von Julian Rosefeldt präsentiert. Hier bewegt sich der Protagonist wie in einem Traum durch das Berlin der 1920er Jahre.

Norm und Ausgrenzung
Gesellschaftliche Akzeptanz definiert sich über die Einhaltung bestimmter Normen. Abweichung im Sexualleben, im äußeren Erscheinungsbild durch Alter, Krankheit, Herkunft oder Armut sind oftmals schambesetzt. Während Ulf Aminde mit der privaten Dia-Show „Lust“ das zurückgezogene und scheinbar verwahrloste Leben seiner Cousine erzählt, pointiert eine Fotografie des exzentrischen Designers und Künstlers Leigh Bowery die Geschlechtergrenzen und das gängige Schönheitsideal. Berlinde de Bruyckere „versteckt“ ihre Skulptur unter mehreren Decken vor den Augen des Betrachters. Die Szene wirkt humorvoll und beklemmend zugleich.

Witz und Provokation
Vor allem in den 1960er Jahren setzen sich KünstlerInnen mit den gesellschaftlichen Normen sowie mit der Konstruktion von Geschlecht und Sexualität auseinander. Mit der Übertretung dieser Schamgrenzen befreien sie sich von bestehenden Zwängen. Dass neben der Provokation vor allem Humor der treibende Faktor ist, um den empfundenen Beschämungen etwas entgegenzusetzen, zeigt hier u.a. die Künstlerin Sarah Lucas: Die funktionstüchtige Toilette mit dem Titel „The great Flood“ (Die Sintflut) zieht den intimen Klogang in die Öffentlichkeit. Mit „Hair“ und „Sperm“ schuf Gary Schneider ein genetisches und zugleich sehr intimes Selbstporträt: Mit Mikroskopen und anderen bildgebenden Verfahren vergrößerte der Künstler diese Körperbestandteile um ein Vielfaches. Die einst vom Spiegel als „Queen of Schamlos“ betitelte Künstlerin Tracey Emin lässt durch ihre Lichtinstallation „Fuck Off And Die You Slag“ die Galerie fast schon zweideutig erröten.

Teile der Ausstellung entstanden mit Unterstützung von Museum Dr. Guislain, Gent, Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Zeitgeschichtliches Forum, Leipzig, Evangelisches Klinikum Bethel, Bielefeld.


KünstlerInnen Ulf Aminde, François-Marie Banier, John Bock, Michaël Borremans, Louise Bourgeois, Leigh Bowery / Fergus Greer, Berlinde De Bruyckere, Miriam Cahn, Donigan Cumming, Rineke Dijkstra, Marlene Dumas, Albrecht Dürer, Nezaket Ekici, Tracey Emin, EVA & ADELE, VALIE EXPORT, Gao Brothers, Josephine Garbe, Toussaint Gelton (Kelton), Bruce Gilden, Nan Goldin, John Isaacs, Jamie Isenstein, Jürgen Klauke, Gustav Kluge, Eva Kotátková, Clemens Krauss, Oleg Kulik, Ulrike Lienbacher, Johannes Lingelbach, Sarah Lucas, Boris Mikhailov, Michael Najjar, Shahryar Nashat, Virgile Novarina, Yoko Ono, Oksana Pasaiko, Laure Prouvost, Jon Pylypchuk, Jan Symonsz Pynas, Lotte Reimann, Julian Rosefeldt, Lars Rosenbohm, Bojan Šarčević, Gary Schneider, Santiago Sierra, John Stark, Juergen Teller, David Teniers D.J., Miroslav Tichý, Larry Towell, Stefanie Trojan, Gillian Wearing, Erwin Wurm

Marta Herford
Goebenstraße 2-10
32052 Herford
Germany

marta-herford.de

Presse






Daten zu Berlinde De Bruyckere:

- Art Basel 2013
- Art Basel Miami Beach 2013
- art basel miami beach, 2014
- art cologne 2015
- Beaufort 2003
- Berlin Biennale 2006
- Flick Collection
- Galleries ART DUBAI CONTEMPORARY 2015
- MoMA Collection
- S.M.A.K. Sammlung, Gent
- Sammlung F.C. Flick
- Venedig 2013 Pav

Weiteres zum Thema: Berlinde De Bruyckere



SLOW ART - museum kunst palast, Düsseldorf (noch bis 6.11.05)


Die Ausstellung SLOW ART erweitert die Gemäldeschau EIN FEST DER MALEREI mit einem Einblick in die aktuelle Kunstszene der beiden Nachbarländer Niederlande und Flandern. Mit der Präsentation von 38 sowohl renommierten als auch jungen, unbekannten Künstlern wird hier beispielhaft die Rezeption und Weiterentwicklung der traditionellen Kunstgattungen Stillleben, Landschaft und Porträt der letzten zwanzig Jahre gezeigt.

Das Leben ist schnell, die Kunst ist langsam; schrieb der Schweizer Maler, Schriftsteller und Romantiker Johann Heinrich Füssli schon im 18. Jahrhundert. Viele der hier gezeigten Künstler schaffen in unserem Zeitalter der Schnelllebigkeit und visuellen Überreizung Kunstwerke, für die der Besucher Zeit mitbringen muss, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Nicht selten nahm auch die Ausführung der Arbeiten selbst bereits viel Zeit in Anspruch.

Der Belgier Robert Devriendt zum Beispiel setzt mit großer Aufmerksamkeit für die Wiedergabe des Materials Landschaften in Öl auf Leinwand um. Oft benötigt er Monate für seine extrem kleinformatigen Werke. Er zwingt den Betrachter, genau hinzusehen und die Natur bis ins Detail wahrzunehmen. Die niederländische Künstlerin Elske Neus lässt - fasziniert von den Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts, auf denen Käfer, Fliegen oder Schnecken zu sehen sind - in ihrem Videowerk "Dans" Schnecken über 6 kleine, im Kreis aufgestellte Monitore kriechen. In ihrem Werk "Bett" nimmt die Niederländerin Maria Roosen die für die Stillleben der Alten Meister charakteristische virtuose Wiedergabe von Reflexen und Brechungen des Lichts auf: Zwischen zerwühlten Bettlaken liegen zwei rosa und orange schimmerndem Glaskugeln in Form weiblicher Brüste, deren runde Oberfläche die Umgebung reflektieren.

Präsentiert werden Malerei, graphische und plastische Arbeiten sowie Videowerke niederländischer und flämischer Künstler wie Berlinde De Bruyckere, Marlene Dumas, Rineke Dijkstra, Mark Manders, Aernout Mik, Thierry De Cordier und Luc Tuymans. Neben der Ausstellung wird am 31.10.2005 auch ein Performance-Abend unter dem Titel "SLOW LIFE PERFORMANCES" mit Künstlern wie u.a. Yael Davids, Lawrence Malstaf, Wim Vandekeybus, Carsten Höller, Marina Abramovic und Jan Fabre stattfinden. (Siehe beiliegende Übersicht zu den "Nachbarschaften Flandern und Niederlande - Life")

Kurator: Mattijs Visser

Projektleitung: Dr. des. Christiane Jungklaus

Katalog: Es erscheint eine Publikation im Umfang von 36 Seiten mit 34 Abbildungen zum Preis von Euro 12,50. ..." (Presse / museum kunst palast)

Öffnungszeiten: Dienstags - Sonntags 11-18h, Montags geschlossen

Stiftung museum kunst palast
Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf

museum-kunst-palast.de

Vom Pferd erzählen. Das Pferd in der zeitgenössischen Kunst - Kunsthalle Göppingen (25.6.-20.8.06)


Das Bild vom Pferd gehört zu den ältesten Motiven der Kunst- und Kulturgeschichte. Die Ausstellung Vom Pferd erzählen zeigt, wie stark dieses Motiv in die Gegenwartskunst wirkt. Vor allem in Fotografie und Video aber auch in Skulptur, Malerei und Installation suchen Künstlerinnen und Künstler den ’Mythos Pferd’ zu fassen. Das Pferd erscheint als Projektionsfigur für Sehnsüchte und Träume, es ist ein Bild von Schönheit, Kraft, Dynamik, von Klasse, Rasse und Macht.

Künstlerinnen und Künstler:
Sonja Alhäuser / Heike Aumüller /Marina Abramovic / John Baldessari / Stephan Balkenhol / Joseph Beuys / Johannes Brus / Berlinde de Bruyckere / Daniele Buetti / Tom Burr / Loris Cecchini / Enzo Cucchi / Charlotte Dumas/ Tamara Grcic / Swetlana Heger / Ottmar Hörl / Jörg Immendorff / Jannis Kounellis / Esko Männikkö / Dirk Meinzer / Olaf Metzel / Yves Netzhammer / Astrid Nippoldt / Ralf Peters / Sigmar Polke / Richard Prince / Thomas Putze / Lois Renner / Anila Rubiko / Anri Sala / Tomas Schmit / Andreas Slominski / Diana Thater / Abisag Tüllmann / Henk Visch / Alexandra Vogt / Mark Wallinger / Jenny Watson / Georg Winter / Christof Zwiener

Publikation:
Im Verlauf der Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Hatje Cantz Verlag.

Abbildungen: Swetlana Heger, Playtime (SH & Hermès, photographed by Alexander Gnaedinger), 2002, Colour lambda print

Öffnungszeiten
Di - Fr 13 - 19, Sa, So und an Feiertagen 11 - 19 Uhr,
Mo geschlossen

Kunsthalle Göppingen
Marstallstraße 55, D-73033 Göppingen
Tel. 49 (0) 71 61/65 07 77

goeppingen.de


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