Mehr als nur Worte [Über das Poetische]

08.03 - 07.05. 2017 | Kunsthalle Wien
Eingabedatum: 10.03.2017

bilder

Sprache ist mehr als Worte und auch das Wort ist mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Buchstaben. Der amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari führt auf die richtige Fährte, wenn er aufzeigt, welch hintergründiger Witz der künstlerischen Auseinandersetzung mit Sprache/Poesie innewohnt: In Teaching a Plant the Alphabet (1972) sehen wir die Hand des Künstlers, wie sie einer Topfpflanze nach und nach Lernkarten mit dem Alphabet vorhält. Jeder einzelne Buchstabe wird in Groß- und Kleinschreibung und mit diversen Wortbeispielen visuell vermittelt.

Neben der Verbindung von Kunst und Sprache und der Bildwerdung von Schrift, welche die Kunst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts prägt, steht vor allem das
Interesse an einer Sprache, die sich der algorithmischen Verwertung und einfachen Übersetzbarkeit entzieht.

Eine Sprache, die auf eine Abfolge von Codes ausgerichtet ist, aber weder geschrieben noch gesprochen wird, verwendet Elisabetta Benassi in ihrer Arbeit
Finalmente solo, finalmente tutti (2013): Zwei Morselampen stehen einander in einem dunklen Raum gegenüber. Abwechselnd senden sie durch Auf- und Abblenden Signale, die als Abfolge von Buchstaben entziffert werden können. Der so übertrage Text stammt von Mario Merz und ist seinem Buch Voglio fare subito un libro (Ich möchte sofort ein Buch machen) entnommen.

Wenn João Maria Gusmão und Pedro Paiva in ihrem 16mm Film Glossolalia (2014) einen Papagei langsam seine Flügel spreizen, sich drehen und den Schnabel öffnen
lassen, ist der/die Betrachter/in in gespannter Erwartung. Doch mit dem Öffnen des Schnabels endet der (Stumm-)Film und lässt uns mit der Frage zurück: Welche
Sprache spricht ein sprechender Papagei?

Nicht nur die Stimme, auch und vor allem Gesten vermitteln dieses „mehr als nur Worte“: Bruno Munaris Sammlung von Gesten im Supplemento al dizionario italiano – I Gesti (1958) zeigt Fotos von rund fünfzig Handbewegungen, ergänzt um deren Anwendung und Bedeutung. Ketty La Roccas Fotoserie Le mie parole, e tu? (1974) zeigt ebenfalls Hände als Ausdrucksträger und Symbol des Körpers. Anders als bei Munari, wo Handzeichen als Form der Kommunikation auf ein intuitives Verständnis abzielen, sind es bei Ketty La Rocca Hände, auf die Worte und Sätze appliziert sind – Hände, in die sich Sprache sprichwörtlich einschreibt.

Fast ein Jahr lang arbeitete die Künstlerin Erica Scourti an ihrem Projekt Life in AdWords (2012/13). Sie erstellte ein digitales Tagebuch, in dem sie sich mit der Webcam ihres Computers täglich dabei filmte, wie sie von einem Algorithmus erzeugte Keywords, wie einen Wordrap vorträgt. Die vorgeschlagenen Worte ergaben sich aus personalisierter Werbung, die ihr als Reaktion auf ihr digitales Tagebuch vorgeschlagen wurde. So wurde täglich eine lange Liste an Objekten, Marken, emotionalen Zuständen und Wünschen kreiert.

Auch performative Elemente prägen die Ausstellung, so etwa Jason Dodges Skulptur Rose light to white light to rose light over and over by hand, die während der Dauer der Ausstellung an unterschiedlichen Tagen die existierenden Neonröhren im Raum durch rosafarbene Röhren austauschen lässt, um diese dann wiederum durch die ursprünglichen zu ersetzen. Diese Arbeit führt vor Augen, wie sich allein durch den Wechsel des Lichts, die Wahrnehmung verändert.

Eine punktuelle Wahrnehmungsverschiebung nimmt auch Fernando Ortegas Transcription vor. Ortega hat das Summen einer Mücke in eine Komposition übersetzt, die von einem Violinisten an unterschiedlichen und nicht vorab bekanntgegebenen Tagen in der Ausstellung gespielt wird.

Poesie ist sprachlicher Überschuss. Es ist eine Sprache, die sich der Logik der effektiven Sinnstiftung und des funktionalen Zeichenaustauschs widersetzt.
Eine Sprache, die sich der Logik ökonomischer Abstraktion und den Regeln des Pragmatismus entzieht. Kombinationen von semiotisch befreiten Silben und Wörtern, die spielerisch Bedeutung erzeugen, überspringen, vermischen. „Poesie muss von allen gemacht werden“, verkündete der Comte de Lautréamont bereits 1870: ein kollektiver Akt, der sich auch im Format Ausstellung als Zusammenspiel der Werke und ihrer Aufführung, im Solo und als Ensemble widerspiegelt.

Künstler/innen: John Baldessari, Elisabetta Benassi, Nina Canell, Natalie Czech, Michael Dean, Jason Dodge, João Maria Gusmão / Pedro Paiva, Ketty La Rocca,
Bruno Munari, Olaf Nicolai, Fernando Ortega, Jenny Perlin, Gerhard Rühm, Olve Sande, Erica Scourti, Michael Snow, Mladen Stilinović, Artur Żmijewski


Kunsthalle Wien GmbH
Museumsplatz 1, 1070 Wien, Austria
kunsthallewien.at


Presse






Daten zu John Baldessari:

- *1931 National City / Kalifornien Professur University of California, Los Angeles Lebt in Santa Monica.
- Art Basel 2013
- Art Basel 2016
- Art Basel Hong Kong 2018
- Art Basel Hong Kong, 2016
- Art Basel Miami Beach 2013
- art basel miami beach, 2014
- art berlin 2017
- ARTRIO 2013, Brasilien
- Beaufort 2009
- Biennale Venedig 2009
- Daimler Art Collection
- documenta 7, 1982
- Frieze London 2013
- Frieze London 2016
- JULIA STOSCHEK FOUNDATION E.V., Sammlung
- Kunstverein Heilbronn 2015
- Kunstverein, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen
- MACBA COLLECTION
- Malerei in Fotografie. Strategien der Aneignung
- Marian Goodman Gallery
- Migros Museum, Sammlung
- MoMA Collection
- Museo Reina Sofía, Collection
- Preistraeger Goslarer Kaiserring
- S.M.A.K. Sammlung, Gent
- Sammlung 20. 21. Jh. Kunstmuseum Basel
- Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt
- Sammlung DZ Bank, Frankfurt
- Sammlung MMK, Frankfurt
- Sammlung, Kunstmuseum Liechtenstein
- Solomon R. Guggenheim Collection
- Sprüth Magers Berlin London
- The Making of Art, 2009, Schirn
- Whitney Biennale 2008

Weiteres zum Thema: John Baldessari



Portikus zieht am 5. Mai 06 in neue Räume


Der Portikus in Frankfurt am Main zieht in neue Räumlichkeiten. Nachdem der ursprüngliche Standort hinter der Fassade der zerstörten Stadtbibliothek im Jahr 2003 aufgegeben werden mußte, wurde das Ausstellungsprogramm des Portikus über fast drei Jahre hinweg im Leinwandhaus fortgesetzt. Tobias Rehberger, Professor für Skulptur an der Hochschule für Bildende Künste - Städelschule, entwickelte eigens für diese Situation eine Architektur, in der mehr als 20 Ausstellungen präsentiert wurden.

Nun tritt die Institution in ihre dritte Phase: Am 5. Mai eröffnen die slowenische Künstlerin Marjetica Potrc und der argentinische Künstler Tomas Saraceno den neuen Raum mit der Ausstellung Personal States / Infinite Actives. Beide Künstler arbeiten architekturbezogen und werden Projekte zeigen, die speziell für das neue Gebäude entwickelt worden sind. Das erste Projekt der Reihe Light Lab von Olafur Eliasson wurde unter dem Glasdach des Gebäudes installiert und ist bei Nacht bereits von außen sichtbar. Über zwei Jahre hinweg werden weitere Lichtinstallationen entstehen und kontinuierlich das Erscheinungsbild des Gebäudes verändern.

Das neue Gebäude wurde von dem Frankfurter Architekten Christoph Mäckler entworfen und befindet sich auf der Maininsel im Zentrum der Stadt. Der Portikus versteht sich in seiner Funktion als ein Produktionsort für zeitgenössische Kunst, dessen Schwerpunkt in der Neuentwicklung von künstlerischen Projekten liegt. Der ungewöhnliche Standort und die Architektur des Gebäudes laden dazu ein, in ein experimentelles Wechselspiel mit den Arbeiten der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler zu treten. Während des ersten Ausstellungsjahres wird der Portikus Projekte verwirklichen von Dan Perjovschi (Juni-August), Francis Alÿs (September-Oktober), Paul Chan (Oktober-November), eine von Michael Krebber kuratierte Ausstellung (Dezember-Januar), John Baldessari (Februar-März, 2007), Judith Hopf & Henrik Olesen (März-April, 2007) und Paulina Olowska (Mai-Juni 2007).
(Presse / Portikus)

Abbildung: Olafur Eliasson, Light Lab, test 1, 2006

PORTIKUS
Alte Brücke 2 / Maininsel
60311 Frankfurt am Main

portikus.de
  • Abschlußbericht: Art 34 Basel (24.6.03)

  • John Baldessari - Museum Weserburg Bremen (21.02 -27.03.05)

  • Carsten Ahrens wird neuer Direktor des Neuen Museum Weserburg, Bremen

  • Vom Pferd erzählen. Das Pferd in der zeitgenössischen Kunst - Kunsthalle Göppingen (25.6.-20.8.06)

  • Nichts - Schirn Kunsthalle, Frankfurt (12.7. – 1.10.06)

  • Bin beschäftigt - Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen e.V. (13.10.06 - 7.1.07)

  • What does the jellyfish want? - Museum Ludwig, Köln (31.3.-15.7.07)

  • twitters tages themen kunst

  • "The Making of Art" - Schirn Kunsthalle Frankfurt (29.5.-30.8.09)

  • Kunst Global

  • Bilder in Bewegung : Künstler & Video_Film

  • An einem schönen Morgen des Monats Mai - GAK Gesellschaft für aktuelle Kunst Bremen

  • Farbe in der zeitgenössischen Kunst - Kunstverein Gießen

  • Bild für Bild – Film und zeitgenössische Kunst

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  • Christopher Williams

  • Reich mir die Hand – Die Geste in der zeitgenössischen Fotografie

  • Punkt.Systeme - Vom Pointillismus zum Pixel

  • Malerei in Fotografie. Strategien der Aneignung

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