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Henning Fehr und Philipp Rühr

Being sad is not a hobby

2. September – 5. November 2017 | Künstlerhaus Bremen
Eingabedatum: 30.08.2017

bilder

Im vergangenen Jahr lernten Henning Fehr und Philipp Rühr die Professorin für Architekturgeschichte und -theorie Elizabeth Pigou-Dennis in Jamaika kennen. Sie besuchten mit ihr Island Village in der Stadt Ocho Rios an der Nordküste Jamaikas, ein Einkaufszentrum mit Unterhaltungsangebot. Das Dorf ist meistens von Kreuzfahrtschiff-Touristen frequentiert und besteht aus Gebäuden, die eine persönliche Interpretation der traditionellen jamaikanischen Architektur darstellen. Ein halbes Jahr später reisten sie gemeinsam in das Museumsdorf Düppel in Berlin und in das Freilichtmuseum Groß Raaden, unweit von Rostock. Letztere präsentieren Nachbauten slawischer Dörfer aus dem 9. und dem 10. Jahrhundert. Die drei Orte bilden die Basis von Henning Fehrs und Philipp Rührs Projekt für das Künstlerhaus Bremen, in dessen Zentrum ihr neues Video Empty Village steht.

Die von den Künstlern ausgewählten deutschen und jamaikanischen Dörfer bestehen aus teils exakten Rekonstruktionen historischer Architekturen. Deren Gestaltung zielt darauf, eine authentische Erfahrung zu ermöglichen, lässt jedoch Tourismus und Architekturgeschichte, Selbstvermarktung und Identitätspolitik aufeinandertreffen. Im Verlauf der gefilmten Gespräche mit Elizabeth Pigou-Dennis erwähnt der Leiter des Museumsdorfes diverse historischen Epochen und Funktionen, die in Düppel umgesetzt wurden. Er spricht Handlungen an, die gelegentlich dort stattfinden, wie beispielsweise Reenactments von historischen Ereignissen, aber auch fortlaufende „Living History“ Inszenierungen, in denen Personen alltägliche Tagesabläufe aus anderen Zeitaltern zu Vermittlungszwecken aufführen. Das Video bringt sowohl surreale als auch didaktische und pragmatische Aspekte zusammen und ähnelt darin der Verflechtung von Spuren und Ungewissheiten im Wechselspiel von kollektivem Gedächtnis und historischer Geschichtsschreibung.

Henning Fehr (*1985 in Erlangen) und Philipp Rühr (*1986 in Brühl) arbeiten seit ihrem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf zusammen, vorrangig in Form von Installationen um das Medium Film. In Bremen zeigen sie das Pendant zu ihrer jüngsten Installation Studio Visit im Sprengel Museum Hannover, die anhand von Interviews mit amerikanisch-jamaikanischen Musikern in New York von deren Begegnung mit dem deutschen Musikprojekt Rhythm & Sound erzählt. Ihre Ausstellung im Künstlerhaus Bremen wird von einer Publikation begleitet, die diesen Herbst im Verlag der Buchhandlung Walther König veröffentlicht wird.

Künstlerhaus Bremen
Am Deich 68/69
28199 Bremen
kuenstlerhausbremen.de

Presse






Daten zu Henning Fehr:

- Der Duchamp-Effekt. Ready-Made

Weiteres zum Thema: Henning Fehr



Stille Wahrnehmung


„Das Kunstwerk vermag, was das wirkliche Leben nicht vermag, nämlich die Effekte, Gefühle und Gedanken wach zu rufen, die die einzig richtigen Reaktionen auf das, was wir um uns herum erleben, wären. Es vermag dies Kraft seiner Ausdrucksmittel. Sie lassen die Wirklichkeit aus der Verwischtheit und Durchschnittlichkeit, mit der sie uns verhüllt, hervortreten.“

K.E. Løgstrup: Ästhetische Erfahrung in Dichtung und bildender Kunst. In: Neue Anthropologie. Band 4. Kulturanthroplogie. Hrsg. von Hans-Georg Gadamer und Paul Vogler, Stuttgart 1973, S. 30

Der dänische Philosoph K.E. Løgstrup, Vertreter des Intuitionismus, eine philosophische Lehre, die der Intuition, dem Erlebnis und Gefühl einen
Vorrang vor der kognitiven Ableitung und dem bloßen Denken gibt, beschreibt den idealen Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter: Das Kunstwerk wird betrachtet und löst im Betrachter eine Wirkung und ein Erstaunen aus. Künstler sehen es als ihre Aufgabe an, ihre Erfahrungen kontemplativ auf den Punkt zu bringen. Eine Idealvorstellung, der Künstler und Kuratoren anhängen, während die in unserer Gesellschaft innewohnende Flüchtigkeit der Materialität, die Bilder- und Klangüberfülle und das damit einhergehende Vorbeirauschenlassen der Dinge zum Normalzustand geworden sind. Etwas mit den Augen zu erforschen, ein „großes stilles Bild“ (Bazon Brock) in Ruhe wahrzunehmen, ist eine Aufgabe, eher Ausnahme als Regel.
Wirklich erfahrbar wird die Welt durch konkrete, räumlich und zeitlich verortete Wahrnehmung. Hier setzt der Prozess der konzentrierten Aufnahmefähigkeit im Ausstellungsraum ein: die Entdeckung der ästhetischen Schönheit des Kunstwerkes, die sich von der Entdeckung der natürlichen Schönheit der Natur dadurch unterscheidet, dass sie den Bezug zum Verstand braucht, um zu erkennen. Nur durch Imagination und Erinnerung können Bilder von außen nach innen geholt werden, bewegen sich Sehender und Sichtbares im selben Kreis.

Der Titel des Vier-Kanal-Videos „Speicherkarten“ von Kevin Pawel Matweew (*1978) basiert auf eben dieser Beziehung. Es präsentiert ein Nebeneinander von Ausschnitten – der Betrachter ist frei, einen Sinnzusammenhang herzustellen. Es bietet sich ihm ein erzählerisches Polyptychon: Bilder, fotografiert zu unterschiedlichen Tageszeiten und Wettersituationen lassen ihn Kälte, Regen, Sonne, Nacht, Tag und Mittagstunden erleben. Er macht eine Reise in die Geschichte der Kunst, sieht Seestücke und Wolkenbilder, romantische Dämmerung und Landschaften und wird an den bloßen Umgang mit der Natur durch William Turner und Gerhard Richter erinnert. Die Abwesenheit von Tönen schärft das Gehör und erweckt eigene Tonkonstruktionen aus der Erinnerung.

„Speicherkarten“ braucht Zeit, um in einem erkenntnismäßigen Begriff zu münden, Zeit, denn der komplette Film geht über Stunden und ist daher für den Betrachter geradezu unerfassbar. Er provoziert eine Überprüfung des Verhältnisses von Bildkonsum und Bildreflexion und bietet eine Konzentration auf einzelne Bilder und Details an, so wie es das Auge im Alltag macht.

Ruben Benjamin Smulzynski (*1990) präsentiert die materiellen Reste seiner performativen Aktionen in digitaler Form (und ohne Ton) in zwei musealen Vitrinen. Das Theatralische und die Transformation seines Körpers, seine Funktion als Medium und Experimentierfeld für Malerei strahlen dennoch ungebrochen aus den Schaukästen und suggerieren dem Betrachter Fluxus-ähnliche Rituale und farbstrotzende Inszenierungen.

Der korporale Prozess von Malerei auf plastische Skulptur wird auf dem Medium des I-Pads entmaterialisiert. Die Distanz, aus der die künstlerische Selbsterprobung im Ausstellungsraum erlebt wird, verstärkt die einfachen Handlungen, die der Künstler, bekleidet mit mehreren TShirts im Atelier, nur beobachtet von einer Kamera, an sich vorgenommen hat und wandelt sie um in eine fast religiöse Bildsprache. Deren Bildwirkung kann im Auge des Betrachters die Performance zum Leben erwachen lassen und im Rückblick wieder intensivieren. Auch Smulzynskis experimentelle Fotoarbeiten sind Ergebnisse von Brüchen: Die Collage wird an einen technischen Apparat übergeben, Computer und Drucker spielen eine wesentliche Rolle im Entstehungsprozess.

Henning Fehr (*1985) und Philipp Rühr (*1986) zeigen den Schwarzweißfilm „Die Desinfizierende Sonne“. Im Mittelpunkt stehen 116 zentralperspektivisch aufgenommene Geschäfte auf der Düsseldorfer Nordstraße. Als Einkaufsstraße verkörpert die Nordstraße ein bodenständiges, gut bürgerliches Pendant zur Königsallee und zur Altstadt Düsseldorfs und kann so beispielhaft betrachtet werden für konsumistisches gesellschaftliches Leben in der Stadt. Henning Fehr und Philipp Rühr widmen sich im Film der Wirkung der städtebaulichen Architektur dieser Straße – die von ihren Planern zentralperspektivisch gedacht und umgesetzt wurde – auf den Menschen, der sich auf ihr und in den sie säumenden Ladenlokalen bewegt. Ihre Kritik zielt auf den Konflikt zwischen der Vorstellung des Architekten und dem Erleben des Passanten, der die werbewirksam geplanten Läden als eintönig und langweilig, als willkürlich und unangemessen empfindet. Der Passant steht nicht auf der anderen Seite der Nordstraße. Indem die Künstler dies taten und die Zentralität der Perspektive im Film widerspiegeln, befähigen sie den Betrachter dazu, neue Sichtweisen annehmen und gesellschaftliches Bewusstsein zu entwickeln. Vor Augen geführt wird die Verführung der Massen zum Konsum und die dafür gebaute Stadt.

KIT - Kunst im Tunnel
Mannesmannufer 1b
40213 Düsseldorf
ist der neue Ausstellungsraum der Landeshauptstadt Düsseldorf und der Kunsthalle Düsseldorf

http://www.kunst-im-tunnel.de/



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