Martin Parr: Souvenir - A Photographic Journey

11.10.2017-28.01. 2018 | KUNSTFOYER, München
Eingabedatum: 12.10.2017

Werkabbildung

From ´The Last Resort`. New Brighton. England. GB 1983-85, © Martin Parr / Magnum Photos und Kunstfoyerbilder

THE LAST RESORT
The Last Resort zeigt das Treiben der Tagesgäste im Badeort New Brighton, unweit des Zentrums von Liverpool. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war New Brighton Ausflugsziel der wohlhabenden Gesellschaft. Als Parr sich für diesen Ort interessierte, war dessen mondäne Zeit längst Geschichte. Das Nichtstun am Strand und das Faulenzen in der Sonne waren in die Freizeitgestaltung der Arbeiterklasse übernommen worden. Die Dokumentation des Trubels an diesem beliebten Strand mit seiner verblassten und heruntergekommenen Kulisse war Martin Parrs erste bedeutende Serie in Farbe. The Last Resort ist auch vor dem Hintergrund der neoliberalen Politik der Thatcher-Ära zu lesen, die für die Arbeiterklasse prekäre Lebensumstände zur Folge hatte. Die Werkgruppe markiert den Beginn von Parrs internationaler Karriere.

BORED COUPLES
Der Titel ist tendenziös und unterstellend. Zwei Menschen sitzen einander gegenüber, nebeneinander, die Blicke voneinander abgewandt, in der eigenen Gedankenwelt. Nachdenken, grübeln, Worte finden, keine Worte haben – stille übereinkunft oder betretenes Schweigen? Der Fotograf hat durch die wiederholte Abbildung solcher Situationen einen neuen Bildtypus geschaffen. Martin Parr, der mit seiner Frau Susie auch eines dieser Paare bildet, hat viele solcher Situationen fotografiert und lässt aus Realität eine Fiktion entstehen.

COMMON SENSE
1999 veröffentlichte Martin Parr Common Sense, eine Enzyklopädie der globalen Konsumkultur in Nahaufnahme und heute auch ein Zeugnis der 1990er Jahre. Diese fotografische Studie ist eine obsessive Auseinandersetzung mit dem Vulgären, dem Kaputten und dem Absurden – mit der Oberfläche, als visueller Manifestation des Materiellen. Sie zeugt von Parrs Faszination für das Populäre und Triviale. Die 270 Fotos aus der Serie sind als dichte Wandinstallation präsentiert und werden in der Summe zum eindringlichen Bilderrauschen im Sound der 1990er Jahre.

THINK OF ENGLAND
Think of England ist ein liebevoll satirischer Fotoessay über die Identität Englands. Martin Parr, selbst Engländer durch und durch, hat mit seiner typischen fotografischen Handschrift eine Serie über sein Herkunftsland geschaffen, in der es ihm gelingt, das Offensichtliche ins Verblüffende zu transformieren und Klischees über das, was „englisch“ ist, als provokative Enthüllungen neu zu erfinden. Für den gleichnamigen Film, der 1999 für die BBC entstanden ist, hat Martin Parr seinen Fotoapparat gegen eine Filmkamera getauscht und ist quer durch das Land gereist, um der Englishness auf den Grund zu gehen.

SCOTLAND
Seit über zwanzig Jahren reist Martin Parr Jahr für Jahr nach Schottland, wo er das Leben auf den Inseln ebenso festhält wie das in den Randbezirken von Glasgow. Er hat die ländlichen und die städtischen Facetten dokumentiert und erzählt nun in einem fotografischen Mosaik eine Geschichte dieses Landes – dazu gehören in Parrs Erzählung sowohl der hingefallene Trunkenbold vor der Bar wie die feine Gesellschaft beim Tee oder zehn Johannisbeeren, die in einem Wettbewerb den dritten Platz belegen konnten.

DANCE
„Fotografie ist nach dem Tanzen vermutlich die demokratischste Form menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten“, sagt Martin Parr und er kennt sich damit aus: Als kontinuierliches Thema finden sich in Parrs OEuvre tanzende Menschen. Von Australien über Moskau bis Rio de Janeiro hat Martin Parr Menschen dokumentiert, die sich ritualisiert oder frei und ekstatisch im Tanz ausdrücken.

AUTOPORTRAITS
Bevor das Wort „Selfie“ erfunden war, bevor es Smartphones und Selfiesticks gab, führte der Weg zum Porträt durch ein Fotostudio oder einen Fotoautomaten. Wenn auch heute eine antiquierte Form der Selbstabbildung, hat Martin Parr seit 1991 weit über 600 solcher Aufnahmen von sich selbst anfertigen lassen. Diese Semi-Autoporträts sind rund um den Globus entstanden. Wo immer Martin Parr ein Fotostudio, einen Straßenfotografen oder einen Fotoautomaten vorfand, nutzte er die Gelegenheit, sich selbst fotografisch zu verewigen.
Das Setting oder der Bildhintergrund sind also nicht von Parr selbst inszeniert, sondern von den jeweiligen Fotografen oder Automaten vorgegeben. Martin Parrs teilnahmsloser Gesichtsausdruck, der dem trockenen britischen Humor und der Selbstironie geschuldet ist, pointiert die Skurrilität der Bilder. Diese Serie erzählt aber auch vom Reiz der Selbstdarstellung und dem Versprechen der Bilderproduzenten, der Erfüllung von Sehnsüchten in einer fotografischen Montage nahezukommen.

LUXURY
In der über viele Jahre entstandenen Serie Luxury vereint Martin Parr seine Fotografien von Menschen, die ihren Reichtum demonstrativ zur Schau stellen. Neben den etablierten Hotspots des Reichtums in Europa oder den USA, richtet Martin Parr seinen Blick auch auf die aufstrebenden Länder der arabischen Welt und Asiens. Zu entdecken ist ein buntes Repertoire an Statussymbolen wie Designerkleidung, Pelze, dunkle Sonnenbrillen, teure Autos und natürlich Champagner auf Partys, Kunstmessen oder Pferderennen.

KNOKKE LE ZOUTE
Der Badeurlaub entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Phänomen des Massentourismus. Seebäder und Strandorte in aller Welt sind für Martin Parr seit vielen Jahren ein Anziehungspunkt und dienten ihm für etliche großartige Fotoserien als Setting. Die Serie Knokke le Zoute zeigt den größten Badeort Belgiens in einer Mischung aus „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ und dem vermeintlich privaten Rückzugsort der Sonnenliege.

THE NON-CONFORMISTS
Seit über 30 Jahren dokumentiert Martin Parr ungeschönt und sehr direkt gesellschaftliches Leben, Sitten und Gebräuche sowie Alltags- und Konsumkultur. Die Serie „The Non-Conformists“ gehört zum Frühwerk Parrs und wurde erst über 30 Jahre nach ihrer Entstehung wieder einer großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Schwarz-Weiß-Fotografien, die Mitte der 1970er Jahre in der Kleinstadt Hebden Bridge in West Yorkshire im Norden Englands entstanden, zeichnen ein geradezu liebevolles Bild von den dortigen Einwohnern. Seine sich über fünf Jahre erstreckende Dokumentation trägt den Namen der von der Anglikanischen Kirche abweichenden religiösen Gruppierung, die damals das Leben und die Kultur in Hebden Bridge entscheidend prägte.

Kunstfoyer
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Maximilianstrasse 53
80530 München
https://versicherungskammer-kulturstiftung.de


Presse






Daten zu Martin Parr:

- art basel miami beach, 2014
- ARTRIO 2013, Brasilien
- Das imaginäre Museum, 2016
- Gruppenausstellung
- KIAF 2016
- Kunstverein - Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt
- MoMA Collection
- Sammlung DZ Bank, Frankfurt
- The Making of Art, 2009, Schirn

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Symposium "True Colors" im Internationalen Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen


Mit 30minütiger Verspätung sprach der bekannte Hamburger Fotograf F.C. Gundlach seine Begrüßungsworte. Mit unerwarteten Schlangen und ein wenig Organisationschaos begann das Symposium, welches ganz im Zeichen der Farbe stand. Er sei lediglich der "Begrüßungsonkel", wie sich Gundlach schelmenhaft selber nannte - und so überließ der Fotograf nach wenigen Minuten den Teilnehmern das Feld.

Bis zu den 80ern galt die Verwendung von Farbe in der künstlerischen Fotografie als verpönt, so der Ausstellungsorganisator Ingo Taubhorn. Sie sei zu kommerziell und oberflächlich dazu noch bunt, verspielt und eigentlich nicht Ernst zu nehmen. Schwarz-weiß Fotografie galt allein als ausdrucksstark und seriös. Mittlerweile ist in den letzten zehn Jahren ein Paradigmenwechsel festzustellen. Bestes Beispiel und auch Anlass für das Symposium ist die aktuelle Ausstellung von Martin Parr (Die Retrospektive. Photographische Werke 1971-2001) in den Deichtorhallen. Parr hat in den 70ern als schwarz-weiß Fotograf begonnen, ging dann aber zur Farbfotografie über. Seine Bilder haben sozialdokumentatorischen Anspruch und damit international bekannt geworden.

Die Mischung der Vorträge aus Darstellungen von Künstlern, Wissenschaftlern und Publizisten beleuchtete das Thema "Farbe" aus mehreren Richtungen. Der schwedische Fotograf Lars Tunbjörg zeigte Fotos aus einem Zyklus über seine schwedische Heimat. Mit dem Fotoband "Country by itself" wurde er bekannt und erhielt zahlreiche Preise. Seit 1984 fotografiert er in Farbe, um nach eigenen Aussagen, dem Sujet mehr Facetten und Prägnanz zu geben. Die Bilder zeigen Insignien des schwedischen Mittelklasselebens ohne Ironie und Abwertung. Menschenleer sind diese. Die Farbe wirkt auf den Betrachter mit klinischer Präzision.

Etwas profaneren aber nicht unwichtigen Dingen widmet sich Martin Jürgens. Er ist einer der wenigen Fotorestauratoren in Deutschland und betreut die Sammlung F.C. Gundlach. Jürgens gibt einen Einblick in die Schwierigkeiten der Erhaltung fotografischer Werke. Ein Künstler bedenkt nur selten wie wichtig die Kenntnis des Materials bis in letzte Detail ist, um Fotos langfristig für die Nachwelt zu erhalten. Gerade für Sammler ist dieses ein wichtiger Aspekt. Am Samstag präsentierte dann u.a. auch Jürgen Baldauf das Konzept seines Magazins "vorn". Bislang einmalig in Deutschland. Es gibt für die Fotografen und Art Direktoren keine Vorgaben. Jeder ist frei in der Gestaltung seiner Strecke. Die Auflage beträgt zur Zeit beachtliche 10.000 Stück. Thematisiert werden Mode, Design und Kunst.

Farbe wird inzwischen in allen Bereichen, sei es künstlerisch oder gewerblich, verwendet. Die übergeordnete Fragestellung des Symposiums "Wie farbig ist die Wirklichkeit und ist die Farbe wirklich?" konnte natürlich nicht abschließend beantwortet werden, nichtsdestotrotz eine aufschlussreiche Veranstaltung.


Auf der Karte finden Sie folgende Standorte:




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