Extra Bodies – The Use of the ‹Other Body› in Contemporary Art

18.11.2017-04.02.2018 | Migros Museum, Zürich
Eingabedatum: 22.11.2017

bilder

Die Ausstellung untersucht ein künstlerisches Phänomen, das sich in den 1990er Jahren verstärkt abzeichnet und zu Beginn des neuen Jahrtausends einen Boom erlebt: Es ist die künstlerische Praxis, auf ‹andere Körper› zurückzugreifen. Diese ‹anderen Körper› werden von den Künstlern aufgrund ihrer spezifischen sozialen oder biosozialen Rolle ausgewählt – und könnten somit auch als Statisten (engl.: «extras») bezeichnet werden. Alle Arbeiten zeichnen sich durch ihren «Aufführungs»-Charakter aus. Auffällig ist dabei, dass der Betrachter weder eingebunden noch zur Teilnahme eingeladen wird. Anders als in vielen künstlerischen Produktionen, die unter dem Begriff der Relationalen Ästhetik diskutiert werden, wird Partizipation hier nicht eingefordert. Die umfangreiche Gruppenausstellung bespielt unter Einbezug zahlreicher Werke aus der Sammlung beide Stockwerke des Museums und diskutiert die unterschiedlichen Präsentationsmodi und Funktionen von Statisten in ihren sozialen und biosozialen Rollen.

Die Ausstellung wird kuratiert von Raphael Gygax. Im Rahmen der Ausstellung erscheint im Januar 2018 bei JRP | Ringier die deutschsprachige Publikation Extra Bodies – Über den Einsatz des ‹anderen Körpers› in der zeitgenössischen Kunst.

Extra Bodies – The Use of the ‹Other Body› in Contemporary Art

Ai Weiwei, Vanessa Beecroft, Guy Ben-Ner, Oscar Bony, Christoph Büchel, Clegg & Guttmann, Gino de Dominicis, Maria Eichhorn, Jens Haaning, Yves Klein, Yoshua Okón, Yuri Pattison, L.A. Raeven, Edwin Sánchez, Christoph Schlingensief, Santiago Sierra, Jonas Staal, Teresa Margolles, Stephen Willats, Carey Young, Artur Żmijewski

Migros Museum
Limmatstrasse 270
CH–8005 Zürich
migrosmuseum.ch

Presse








Weiteres zum Thema: L.A. Raeven



Die Jugend von heute - Schirn Kunsthalle Frankfurt (7.4.-25.6.06)


Medialisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung bringen eine stetig wachsende Vielfalt jugendlicher Szenen hervor. Girlies, Greaser, Hooligans, Rapper, Raver, Streetballer, Trainsurfer, Traceurs oder Yamakasis sind nur einige der disparaten "artificial tribes", denen sich Jugendliche heute angehörig fühlen. Während im kalten Krieg der Jugendkulturen noch zwischen übersichtlichen Alternativen wie Punk oder Pop entschieden werden musste, durchlaufen Jugendliche heute in der Regel eine ganze Reihe von Szenen. Die Ausstellung zeigt die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Lebenswelten von Teenies, Twens und postadoleszenten "Thirty Somethings", deren jugendkulturelle Erfahrungen oft in das Familien- und Berufsleben hineinreichen. Die 160 Werke von fünfzig international tätigen Künstlern wie der Vertreterin der Young British Art Tracey Emin, des amerikanischen Fotografen Philip-Lorca diCorcia und einer großen Anzahl von Newcomern thematisieren die Einflüsse der Jugendkultur auf die ästhetischen wie politischen Bereiche der Gesellschaft.
...
Die immense Vielfalt jugendlicher Szenarien, Stile und Genres spiegelt ein chaotisches und ambivalentes Feld jugendlicher Kulturproduktion. Der Kosmos der heranwachsenden Generation wird von einer multimedialen Informationsflut begleitet, die ihr wie eine zweite Natur anhaftet und frühere Widersprüche aufzulösen scheint. Der Generationenkonflikt bleibt aus, und die "Thirty Somethings" verfügen über die scheinbar gleichen Codes wie die Teens und Twens - sei es in der Sprache, in der Musik oder der Kleidung. Das Uni-Sex-Label deterritorialisiert nicht nur differente Körper und Geschlechter. Es gehen daraus auch andere Identitätsbildungsstrategien hervor, die neue gesellschaftliche Zusammenhänge - Gemeinschaften, "communities", urbane Räume - ermöglichen. Wie sieht also die gegenwärtige Neuordnung des (sexuellen, soziokulturellen, urbanen) Subjekts aus? Was folgt aus der Autonomie der Geschlechter und der Zerstörung überkommener Rollenbilder?

Die häufig mit Jugend assoziierte Rebellion - gegen die Eltern, die Erwachsenen, die Werte, den Staat - setzt sich in der Multioptionalität einer offenen Gesellschaft fort. Skater gegen Hippies, Punks gegen Streber, Raver gegen die Nacht und alle zusammen gegen den Krieg. Die einst erstrebenswerten und zeitlosen Ideale fallen auf Menschenmaß und Menschenzeit zurück. Was sich zeigt in diesem Verlust, ist eine Neuformierung des Menschen als postmodernes, fragmentiertes Subjekt. Wieder sind es die künstlerischen Mittel der Collage und Assemblage, verfeinert durch computergestütztes Sampling, Animation und Bildbearbeitung, die eine heterogene "neue" Welt zu erzeugen erlauben. Wuchernde Environments und Installationen, wie beispielsweise das "Funny Farm" genannte Atelier der Künstlerin Laura Kikauka, reflektieren die komplexen Sinnzusammenhänge und erzeugen singuläre, sich selbst generierende Möglichkeitswelten, in denen Comic und psychedelische Holografie, Punk und sexuelles Begehren koexistieren.

Die Ausstellung geht des Weiteren der in unterschiedlichen jugendkulturellen Lebenswelten vorherrschenden Frage nach dem Zusammenhang von Individuum und Gruppe sowie der Selbstpositionierung der Jugend in der Gesellschaft nach. Der Club dient hierbei als ein mehrschichtiges Kräftefeld, in dem es sowohl um eine eigene Sprache - um Sprachlosigkeit als eine andere, körperliche Sprache - als auch um einen autonomen, freigestellten Raum geht, der die politischen, sexuellen und ästhetischen Utopien zusammenführt. Hedonismus als die Leitfigur der Clubkultur der 90er Jahre gewinnt seine Bedeutung in der erneuten Abwehr intellektueller Dominanz und dem Subversiven des Körpers. Dieser erscheint als Oberfläche, als beschreibbare und wieder beschreibbare Fläche, auf der sich Zeichen frei formieren und die persönliche Identität konstituiert. In einer Fülle von Arbeiten wird dieser veränderte Körper reflektiert und in einem klaustrophobisch anmutenden Umfeld wiedergegeben. Werke von Pierre Huyghe und Collier Schorr behaupten diesen Kontrast zwischen körperlicher und räumlicher Topologie ebenso wie die "Teenage Geography" von Mike Paré und die reaktionären Menschenaffen von Bjarne Melgaard.

Pose und Verwandlung zählen zu den traditionellen Übungen der Aneignung von Erwachsenenbildern bzw. der Rebellion gegen diese. Sie können gleichzeitig auch die Rekonstitution der Persönlichkeit und Individualität der Jugendlichen bedienen, insofern sie als Strategien der Unterscheidung von Erwachsenen eingesetzt werden. Nicht weniger wird dadurch allerdings die Bedeutung der Pose oder Verwandlung ausgehöhlt, sie wird zu dem, was Rosalind Krauss einen "shifter" nennt, d. h. eine semantische Hülse, die sich in alle Richtungen bewegen lässt, ohne jemals mit einem Grund verwurzelt zu werden. In der Tat durchleben Jugendliche nicht nur eine, sondern mehrere Jugendkulturen, die sie nacheinander, mitunter sogar nebeneinander durchlaufen. Das Ziel, erwachsen zu sein - ob positiv oder negativ -, kann nicht mehr als absolute Größe verstanden werden, an der sich Jugendliche orientieren, um daraus gegenwärtige Sinnformen zu erlangen. Sie selber entwickeln autonome Systeme, die komplex genug sind, um Unverständnis zu provozieren, und flexibel genug, um sich mit anderen Systemen zu verbinden. Komplexität bedeutet vor allem das Ende universaler Ziele und die Möglichkeit ihrer Singularisierung. Die Sade’schen Post-Hippie-Gothic-Traumlandschaften von Matt Greene präsentieren sich uns wie die Mädchenparadiese voll abgebrühter Lolitavamps von Rita Ackermann als abgeschlossene und unberührbare Mikrokosmen.


KÜNSTLERLISTE: Abetz/Drescher (D), Rita Ackermann (HUN), Joe Andoe (USA), Marc Bijl (NL), Anuschka Blommers / Niels Schumm (NL), Slater Bradley (USA), Daniele Buetti (CH), Ian Cooper (USA), Annelise Coste (CH), Sue de Beer (USA), Amie Dicke (NL), Philip-Lorca diCorcia (USA), Iris van Dongen (NL), Tracey Emin (GB), Luis Gispert (USA), Anthony Goicolea (USA), Janine Gordon (USA), Matthew Greene (USA), Lauren Greenfield (USA), Kevin Hanley (USA), Esther Harris (GB), Rachel Howe (USA), Pierre Huyghe (F), Laura Kikauka (CAN), Clemens Krauss (A), Hendrik Krawen (D), Liisa Lounila (FIN), Marlene McCarty (USA), Ryan McGinley (USA), Alex McQuilkin (USA), Martin Maloney (GB), Bjarne Melgaard (N), Alex Morrison (CAN), João Onofre (P), Lea Asja Pagenkemper (D), Mike Paré (USA), Frédéric Post (CH), Bettina Pousttchi (D), L. A. Raeven (NL), Julika Rudelius (D), Collier Schorr (USA), Kiki Seror (USA), Ulrike Siecaup (D), Hannah Starkey (IRL), Tomoaki Suzuki (J), Alex Tennigkeit (D), Sue Tompkins (GB), Gavin Turk (GB), Alejandro Vidal (E), Banks Violette (USA).

Abbildung: Joao Onofre, CASTING, 2000, Video, Farbe und Geräusche auf DVD, 12. min. 59 sec. Edition 4, Courtesy the artist and I-20 Gallery, New York

ÖFFNUNGSZEITEN: Di., Fr.-So. 10-19 Uhr, Mi. und Do. 10-22 Uhr.

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt, Telefon: (+49-69) 29 98 82-178
schirn.de



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