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Rosebuds - Hidden Stories of things

28. 12. 2017 - 28. 01. 2018 | D21 Kunstraum Leipzig
Eingabedatum: 28.12.2017

Werkabbildung

Morehshin Allahyari, Courtesy D21 Kunstraum Leipzig copyright: Michael Moserbilder

Die Ausstellung Rosebuds – Hidden Stories of Things versammelt persönliche Objekte von siebzehn internationalen Künstler_innen und Theoretiker_innen. Ob SIM-Karte, Selfie-Stick, Highschool-Jahrbuch, Bomberjacke oder Bitcoin-Hochzeitstorte: die Sammlung erzählt Mediengeschichte und dokumentiert Normen, Nutzungen, verblichene Träume sowie irreversible Transformationen von Menschen und Technologien. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie unsere Technosphäre – die immer engere Verflechtung von menschlicher Kultur, natürlicher Umwelt und globaler Technologie – in ihrer heutigen Form begreifbar ist. Mit der Ausstellung eng verzahnt ist ein Symposium, das sich der künstlerischen Medienarchäologie widmet.

The exhibition Rosebuds – Hidden Stories of Things presents personal objects belonging to international artists and thinkers. Whether sim-card, selfie-stick, highschool yearbook, flight jacket, or block-chain wedding cake: The collection narrates media history in the form of an archive of norms, uses, faded dreams, as well as irreversible transformations of humans and technologies. The leading question is how our technosphere – conceptualised as an ever progressing intertwinement of human culture, ecological environment, and global technology – can be explained in its contemporary form. The exhibition is closely linked to a symposium which discusses artistic practices of media archeology.



Teilnehmende:
Morehshin Allahyari, Honey Biba Beckerlee, Hans-Christian Dany, Paul DeMarinis, Constant Dullaart, Mark Fridvalszki, Francis Hunger, Ryan S. Jeffery, Elli Kuruş, Marie-Eve Levasseur, Olia Lialina, Geert Lovink, Lisa Parks, Fabian Reimann, Georg Trogemann, Tris Vonna-Michell

D21 Kunstraum Leipzig
Demmeringstraße 21
04177 Leipzig
d21-leipzig.de

Presse








Weiteres zum Thema: Morehshin Allahyari



Die Welt Ohne Uns. Erzählungen über das Zeitalter der nicht-menschlichen Akteure


In einer gar nicht so weit entfernten Welt ohne uns werden Menschen von Maschinen ersetzt, Künstliche Intelligenzen von anderen KIs optimiert und Algorithmen von selbstlernenden Algorithmen programmiert.

So könnte eine radikal andere, postanthropozentrische Welt entstehen, in der sich nicht-menschliche Lebensformen unter Umständen als anpassungsfähiger erweisen als der Mensch selbst. Die KünstlerInnen der Ausstellung – aus dem Iran, den USA, der Türkei, Frankreich, Kenia, Litauen, Dänemark, Norwegen, Belgien, Italien und Großbritannien – thematisieren
eine Ökologie nach dem Menschen, ein Zeitalter des Post-Anthropozäns, in dem andere ‚Lebens’-Formen – Algorithmen, KIs, künstlich erzeugte Nanopartikel, gentechnisch veränderte Mikroorganismen und aus heutiger Sicht ‚monströs’ erscheinende Pflanzen – die Macht übernommen haben. Dieses neue Zeitalter, das bereits unmerklich begonnen hat, ist das Zeitalter der nicht-menschlichen Akteure.

„Die Welt Ohne Uns“1 ist eine von Inke Arns konzipierte und kuratierte Ausstellung, die sich mit der Frage auseinander setzt, wie eine Welt jenseits des Menschen aussieht, bzw. welche Akteure diese Welt (zunehmend) bevölkern. Dabei soll bewusst kein post-katastrophales Szenario beschworen werden – vielmehr wird „die Welt Ohne Uns“ verstanden als Ergebnis einer graduellen Entwicklung, deren Anfänge bereits in unserer Gegenwart angelegt sind.

Die Instrumente für die Schaffung einer Welt ohne uns stehen bereit. Die ersten fahrerlosen Autos sind im Testbetrieb auf unseren Straßen unterwegs, DatingWebseiten werden von Chatbots bevölkert, welche Aktivität und Interesse simulieren, ganze Zeitungsartikel werden von Algorithmen kompiliert und Übersetzungen von Maschinen angefertigt. Bereits 2006 wurde ein Drittel aller Aktienverkäufe in der EU und in den USA von Algorithmen getätigt. Über den aktuellen Prozentsatz können wir nur spekulieren.

In einer Welt ohne uns werden Menschen von Maschinen ersetzt, Künstliche Intelligenzen von anderen KIs optimiert 2 und Algorithmen von selbstlernenden Algorithmen programmiert. So könnte eine radikal andere, post-anthropozentrische Welt entstehen, in der sich nicht-menschliche Lebensformen unter Umständen als anpassungsfähiger erweisen als der Mensch selbst. Und für eine solche Welt gilt, wie Benjamin Bratton passend formuliert: „Schlimmer als (von der KI) als Feind gesehen zu werden, ist es, überhaupt nicht gesehen zu werden.“3
Schon heute steht nicht mehr nur der Mensch als autonom Handelnder im Zentrum, sondern vielmehr sind es hybride Konstellationen aus Menschen und Technologien, die zu autonom handelnden Quasi-Subjekten geworden sind. Handlungs- und Entscheidungsoptionen, die bis dato Vorrecht des Menschen bzw. Subjektes waren, werden heute zunehmend in vernetzte Maschinen und Programmierung ausgelagert. Und während die Nutzer (von Technologien) ausschließlich sich selbst als handelnde Subjekte sehen, wird es zunehmend schwieriger zu sagen, wer eigentlich handelt und die Kontrolle besitzt. Nicht nur Hollywood-Filme wie Her (USA 2013) und Fernsehserien wie Black Mirror (UK seit 2011) und Real Humans (SE 2012-13)
setzten sich in den letzten Jahren mit dem Thema der Partizipation nichtmenschlicher Akteure auseinander – das Thema beschäftigt auch die zeitgenössische (Medien-)Kunst.

Die eingeladenen KünstlerInnen thematisieren – in Anlehnung an Timothy Mortons Buchtitel Ecology without Nature – eine Ökologie nach dem Menschen, ein Zeitalter des Post-Anthropozäns, in dem andere ‚Lebens’-Formen – Algorithmen, KIs, künstlich erzeugte Nanopartikel, gentechnisch veränderte Mikroorganismen und aus heutiger Sicht ‚monströs’ erscheinende Pflanzen und andere Lebensformen – die Macht übernommen haben. Dieses neue Zeitalter, das bereits unmerklich begonnen hat, ist das Zeitalter der nicht-menschlichen Akteure.

Die KünstlerInnen und ihre Arbeiten
In der Ausstellung „Die Welt Ohne Uns“ sind insgesamt 16 Arbeiten von 15 internationalen KünstlerInnen und Künstlergruppen zu sehen. In diesen sehr unterschiedlichen Arbeiten – (Video-)Installationen, Zeichnungen/Aquarelle, Skulpturen, Kurzfilme und Videos – wird die Welt ohne uns auf jeweils ganz eigene Art und Weise beschrieben und es kommen die verschiedensten nicht-menschlichen Akteure „zu Wort“.

Da sind zunächst einmal die Arbeiten, die – im wörtlichen Sinne – menschenleere Räume zeigen. Der belgische Künstler David Claerbout nimmt uns in Travel mit auf die Reise durch unbewegte computergenerierte Landschaften, die man fast nicht von natürlichen Landschaften unterscheiden kann. Der litauische Künstler Ignas Krunglevicius beeindruckt uns in Hard Body Trade mit Flügen durch erhabene Bergpanoramen, bei deren Anblick man unwillkürlich denkt, dass man es mit Bildern aus Computerspielen zu tun hat – was jedoch nicht stimmt: Es handelt sich ausschließlich um echte Naturaufnahmen. Die kenianische Filmemacherin Wanuri Kahiu wiederum imaginiert in ihrem afrofuturistischen Kurzfilm Pumzi eine Welt, in
der alles Leben von der Erdoberfläche verschwunden ist. Und der norwegische Künstler und Designer Timo Arnall schließlich zeigt uns in Internet Machine, wo das entsteht, was wir das Internet nennen: riesige, fast endlos wirkende unterirdische Hallen, vollgestellt mit Computern, in denen man nur die Kühlung der Rechner rauschen hört.

Wirken diese Räume zunächst, als seien sie (menschen)leer, so zeigt sich auf den zweiten Blick, dass dort durchaus etwas präsent ist – nämlich diverse nichtmenschliche Akteure, wie im Ausstellungstitel angekündigt. Da sind zunächst die Künstlichen Intelligenzen, denen verschiedene KünstlerInnen Arbeiten gewidmet haben. Ignas Krunglevicius bereits erwähntes Video zeigt den Flug einer Künstlichen Intelligenz durch die „proteinzentrierte Welt“ der Menschen – aus der Sicht einer KI. Während des Fluges können wir der KI beim Nachdenken über die Menschen lauschen. Der Protagonist in Mark Leckeys Video GreenScreenRefrigeratorAction ist ein intelligenter Kühlschrank, wie er wohl bald das „Internet der Dinge“ bevölkern wird. Der Bewusstwerdungsprozess des Kühlschrankes äußert sich in einem unterhaltsamen und manchmal schreiend komischen Monolog der Maschine. Timo Arnall zeigt uns in seinem (zweiten) Video – Robot Readable World – unsere Welt aus der Sicht der Maschinen. Die britische Künstlerin Suzanne Treister beleuchtet die Welt der Hochfrequenzhändler, die heute an den Börsen vor allem mit Hilfe spezieller Algorithmen, sogenannter Trading Bots, agieren. Die türkische Künstlerin Pinar Yoldas schließlich imaginiert eine Künstliche Intelligenz, die – natürlich – die Weltherrschaft übernommen hat. Kitty AI hat das naive Bewusstsein eines niedlichen Kätzchens, das gerne mit dem Menschen spielt und von ihm unterhalten werden will.

Nicht-menschliche Akteure sind jedoch nicht nur KIs, sondern auch Tiere: Neben der künstlichen Katze gibt es in der Ausstellung auch einen der Nahrungskette kritisch gegenüberstehenden Delphin (Will Benedict) sowie einen echten Falken zu sehen. Der französische Künstler Laurent Grasso rüstet diesen in seinem Video On Air mit einer Miniaturkamera aus. Der Blick des Betrachters verschmilzt mit der Perspektive des zur Drohne ausgerüsteten Tieres, das eine karge Mondlandschaft in den Vereinigten Arabischen Emiraten überfliegt.

Neben KIs und Tieren spielen auch Pflanzen als nicht-menschliche Akteure eine besondere Rolle in dieser Ausstellung. Inseln von seltsam anmutenden Gewächsen – darunter lebende Steine (Lithops), tropische fleischfressende Pflanzen wie Sonnentau (Drosera capensis), Kannenpflanzen (Nepenthes), Schlauchpflanzen (Sarracenia)), eine Chilenische Araukarie (Araucaria araucana) sowie einige Baumfarne (Cyatheales, Dicksonia antarctica) – sind Teil der Ausstellungsarchitektur bzw. -szenografie. Viele dieser Pflanzen gab es schon lange bevor es den Menschen gab. Neben ihrer durchaus dekorativen Funktion stellen die Pflanzen jedoch auch eine Verbindung zu einer Arbeit in der Ausstellung her: Der Protagonist in Suzanne Treisters neuer Serie HFT The Gardener entwickelt nämlich eine wahrhaft botanische Obsession: Er ist der Überzeugung, dass er sein Bewusstsein mit Hilfe psychoaktiven Substanzen mit dem eines Algorithmus verschmelzen und sich so in die Lage versetzen kann, die Welt von der anderen Seite – aus der Perspektive des Algorithmus – zu sehen.

Suzanne Treisters Gärtner bringt uns schließlich zum letzten Aspekt: Es gibt in der Ausstellung auch Menschen. Diese müssen sich mit den neuen nicht-menschlichen Akteuren, vor allem den KIs, arrangieren. Am drastischsten wird dies in dem Musikvideo I Am A Problem von Will Benedict in Bilder gefasst: Hier hockt ein Alien in einer amerikanischen Fernsehtalkshow und übertönt den Moderator um ein Vielfaches. Die italienischen Netzkunstpioniere Eva & Franco Mattes haben für ihre Arbeit Dark Content Interviews mit anonymen Content-Moderatoren geführt – den Menschen, die z.B. Bilder von Osama bin Laden aus Suchmaschinen entfernen oder darüber entscheiden, wann wieviel nackte Haut zu viel ist. Der französische Künstler Julien Prévieux fragt sich in seinem Video Anomalies construites, wie es die Maschinen geschafft haben, dass wir umsonst für sie arbeiten (z.B. als 3D-Modellbauer für Google Earth). Auch der irische Künstler Yuri Pattison – ausgezeichnet mit dem Frieze Artist Award 2016 – thematisiert den Bereich Arbeit 4.0 in seiner Installation the ideal (v 3.0). Dank der Videoaufnahmen des Chef-Marketingleiters einer chinesischen Bitcoin-Mine bekommen wir einen Einblick in den Arbeitsalltag einer Fabrik, in der die digitale Währung Bitcoin generiert wird. Die dänische Künstlerin Sidsel Meineche Hansen hinterfragt in ihrer Installation Proud To Be Your Own Boss, Proud To Be Busy, wie die psychopharmazeutische Industrie Subjektivität produziert – der menschliche Körper erscheint hier als formbar durch Medikamente und synthetische Drogen. Die kenianische Filmemacherin Wanuri Kahiu schließlich nimmt uns mit in eine andere Art von Labor: In ihrem preisgekrönten afrofuturistischen Kurzfilm Pumzi macht sich eine Wissenschaftlerin gegen alle Widerstände an die verlassene Erdoberfläche auf, um dort den im Labor entdeckten letzten noch lebenden Baum zu pflanzen.

Kuratorin: Inke Arns (HMKV)
KünstlerInnen: Morehshin Allahyari (IR/US) & Daniel Rourke (GB), Timo Arnall (NO), LaTurbo Avedon (US), Will Benedict (US/FR), David Claerbout (BE), Laurent Grasso (FR), Sidsel Meineche Hansen (DK/GB), Wanuri Kahiu (KE), Ignas Krunglevicius (LT/NO), Mark Leckey (GB), Eva & Franco Mattes (IT/US), Yuri Pattison (IRL/GB), Julien Prévieux (FR), Suzanne Treister (GB), Pinar Yoldas (TR/US)

HMKV im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund
hmkv.de


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