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Die Lücke – Systemfehler durch Irrtum und Defekt

17. 02. - 8. 04. 2018 | Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
Eingabedatum: 22.02.2018

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Die Vebikus Kunsthalle befindet sich an einem Ort, dessen Vergangenheit auf die industrielle Fertigung eines Massenprodukts zurückgeht. Gleichförmigkeit in der Masse schafft eine Systematik und Regelmässigkeit, in der Abweichungen und Variationen nicht vorgesehen sind. Abweichendes wird sofort als Fehler entlarvt, der entsteht, wenn die Maschine oder das System versagt oder die menschliche Unzulänglichkeit dazwischenfunkt. In der Kunst ist vieles erlaubt. Doch auch hier gelten gewisse Regelungen, die durchbrochen werden können. Es entstehen Lücken, die absichtlich herbeigeführt werden und nicht mit dem übereinstimmen, was erwart- und vorhersehbar ist. Fliessende Übergänge zwischen Zeichnung, Malerei, Skulptur und Medienkunst erschweren die Zuordnung zu einer bestimmten Gattung. In den Werken der Ausstellung taucht Serielles, Wiederholung und Getaktetes immer wieder auf. Alles in den weitgehend abstrakten Arbeiten ist im Auflösen begriffen und doch blitzt an den erstaunlichsten Stellen immer wieder Greifbares auf, das Sinnzusammenhänge zumindest Ansatzweise herstellen lässt. Zeichen, Signale und Codierung dienen der Kommunikation, lassen diese jedoch ständig ins Absurde laufen. In Gang gesetzte Apparaturen weisen bei näherer Betrachtung Unzulänglichkeiten auf. Brüche in Systemen sind allgegenwärtig.

Die künstlerischen Positionen
Mit locker geschwungenem Pinsel hat Anja Braun Farbpigmente aufgetragen, mit deren Eigenschaften sie sich in ihrem Schaffen ständig von Neuem auseinandersetzt. In der Menge wirken die auf dem Atelierboden, in einem raschen, seriellen Produktionsprozess entstandenen Zeichnungen homogen, dennoch sind die wirren Striche auf jedem Blatt einzigartig. Es ist, als ob eine dysfunktional gewordene Maschine selbst dann noch auf Massenproduktion eingestellt gewesen wäre, nachdem ein einwandfreies, gleichbleibendes Resultat längst nicht mehr aufrechterhalten werden konnte.

Ted Davis hat eine Software so programmiert, dass diese Schritt für Schritt Linienzeichnungen auf die Bildschirme von Oszilloskopen bringt. Bei den Visualisierungen handelt es sich um ausgesonderte Datensätze von vorgegebenen Objekten, die mithilfe von Crowdsourcing entstanden sind, um eine Datenbank für maschinelles Lernen aufzubauen. Unbeirrt von der Unzulänglichkeit einer für die Maschine – und in gewissen Fällen selbst für den Menschen – fehlenden Wiedererkennbarkeit des Dargestellten druckt die Systemanordnung in einem fortlaufenden Prozess jedes fertig gezeichnete Objekt auf Endlospapier aus.

In einer grösseren Serie hat Felix Baudenbacher individuelle Porträts für Personen aus seinem Umfeld geschaffen. Eine Auswahl dieser abstrakten, oftmals monochrom gestalteten Gipsplatten wird bereits zum dritten Mal in einer neuen Konstellation ausgestellt. Diesmal offenbart die Installation zunächst Abweichungen ästhetischer Art, bringt aber zugleich Arbeiten zusammen, die auf Personen verweisen, deren Lebensgeschichte auch ausserhalb des Kunstkontextes fortgeschrieben wird. Im Rahmen der Ausstellung können sich diese beiden Welten durchaus gegenseitig durchdringen. Kurze Telefonnummern verweisen auf Dienstleistungen, die von vielen gebraucht werden. Die Allgegenwart von Uhren hat die Nummer 161 vielleicht schon beinahe obsolet gemacht. Doch, wer Claudia Küblers antiquiert anmutenden Telefonhörer in die Hand nimmt, wird sich an die getaktete Zeitansage erinnern. In der Soundarbeit der Künstlerin erschafft die «Sprechende Uhr» jedoch ein anderes Zeiterleben.

Die grossformatigen, in geometrischer Präzision ausgeführten Muster von Jean-Claude Houlmann rufen ein Flimmern vor den Augen hervor. Solche in kleinteiliger Malerei erschaffene Moiré-Effekte, wie sie von gestörten Röhrenbildschirmen her bekannt sind, irritieren und faszinieren zugleich. Einen Kontrast dazu setzen grosszügige, frei im Raum positionierte Objekte. Der bewusst spielerisch, in freien Bewegungen aufgebrachte Farbauftrag durchbricht die Strenge dieser an geometrischen Grundformen orientierten Körper.

Wie Kristalle ragen die halbtransparenten Schnittstücke in der Auslegeordnung von Frédéric Pagace in verschiedene Richtungen. Die undefinierbare Form dieser amorphen Gebilde kommt durch eine räumliche Berechnung der Verbindungen zwischen den Formen mehrerer Rorschachtests zustande und durch das Zerschneiden des so generierten dreidimensionalen Modells. Die Schnittflächen lassen die charakteristische Spiegelachse der Rorschachtests nur noch in einigen Fällen erkennen.

Gerda Maise geht hoch hinaus und doch ist ihr Werk, ein filigraner und dennoch markanter Eingriff an der Aussentreppe nur von aussen sichtbar. Auch im Ausstellungsraum sucht sie sich Nischen und betont architektonische Elemente, die sonst in der Nebensächlichkeit verschwinden. Mit textilen Bändern besetzt sie für Kunst untypische Orte und schafft so aus dem Nichts Skulpturen.

Ausstellungsserie als Experiment
Die sieben beteiligten Künstlerinnen und Künstler orientieren sich mit den Arbeiten in der Ausstellung nicht nur an ihrem eigenen Schaffen, sondern auch am kuratorischen Konzept, an den Werken der anderen und besonders am Ausstellungsort. Die Art und Weise wie ein Kunstwerk präsentiert und wahrgenommen wird, hängt stark von solchen Gegebenheiten ab. Je nach Situation erhalten gewisse Werke, Installationsformen oder Gattungen den Vorzug. Inwiefern unterschiedliche Gebäudetypen und der Ausstellungstitel verschiedene Bedingungen vorgeben, ergründet die gleichbleibende Gruppe in einer Ausstellungsreihe. So folgen in diesem Jahr eine Ausstellung im Kunsthaus L6 in Freiburg im Breisgau und später in der Villa Renata in Basel. Auf diese Weise können in einer experimentellen Setzung verschiedene Gegenüberstellungen durchgespielt und ebenso die Wirkung der Kunst einer Künstlerin oder eines Künstlers situativ am jeweiligen Ort erprobt werden. Das ermöglicht zu untersuchen, wie sich bestimmte räumliche Gegebenheiten, die an einem Ort vorherrschen, auf die Kunst auswirken, die dort gezeigt wird. Die grosszügigen Räume eines Industriegebäudes mit sichtbaren Trägern sind etwas Anderes als der eine Raum einer dem Ideal des White Cubes nahekommenden Gewerbehalle mit hohen Wänden oder wiederum die vielen Räume einer ehemaligen Villa, die den Charakter des Wohnhauses weiterhin in sich tragen.
Erst im Rückblick wird sich erweisen, wie stark der jeweilige Ort, die zunehmende Bekanntschaft unter den Beteiligten oder die in den verschiedenen Untertiteln festgehaltenen Themen und damit die unterschiedlichen Ausrichtungen von «Lücke» bezogen auf die einzelne Ausstellung erkennbare Unterschiede und Eigenheiten deutlich werden lassen. Wenn Unvorhergesehenes und Überraschendes in den einzelnen Ausstellungen und übergreifend hervortritt, ist das durchaus beabsichtigt.

Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
vebikus-kunsthalle-schaffhausen.ch

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