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kunstsammlung

DIA-LOGOS. Ramon Llull und die Kunst des Kombinierens

17.03.-05.08.2018, ZKM_Lichthof 8+9, Karlsruhe
Eingabedatum: 19.03.2018

Werkabbildung

Daniel Libeskind. Virtual House – Model (1997) © Studio Libeskind, Foto: Sebastian Pfuetzebilder

Im Zeitalter der Rückkehr der Religionskriege bedarf es des interkulturellen Dialogs. Mit einem kühnen Ausstellungsprojekt will das ZKM daher auf eine europäische Tradition, von Llull bis Leibniz, hinweisen, welche die Ratio in den Dienst der Religion, die Vernunft in den Dienst des Glaubens gestellt hat und nicht umgekehrt die Religion in den Dienst der Irrationalität: DIA-LOGOS.

Ramon Llull und die Kunst des Kombinierens (17.03.2018 bis 05.08.2018). Der aus Mallorca stammende katalanische Philosoph, Theologe, Logiker und Mystiker Ramon Llull (um 1232–1316) hat in einer Art theologischer Komparatistik die Religionskonzepte von Judentum, Christentum und Islam formalisiert, um der religiösen Wahrheit auch eine Beweiskraft zu unterlegen. Aus dieser Begriffsformalisierung entstand die logische Schule der ars combinatoria, die bis in die aktuelle künstlerische Gegenwart hinein sichtbar ist. Durch die Zusammenführung herausragender historischer Materialien aus den Beständen bedeutender Bibliotheken wie der Bayerischen Staatsbibliothek und der Biblioteca de Catalunya mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen ermöglicht die Ausstellung Einblicke in bisher unbekannte Facetten von Ramon Llulls Denken und Wirken.

Mit drehbaren Scheiben, auf denen eine Vielfalt von Begriffen kreisförmig angeordnet waren, ließen sich formal-logische Korrespondenzen zwischen diesen Begriffen ableiten. Llulls „Papiercomputer“ waren die ersten Versuche, um Wahrheit und Beweisbarkeit, Logik und Glauben als Gegengift zu religiösem Fanatismus und Fundamentalismus miteinander zu verschränken. Die Llull’sche Methode des Wissenserwerbs und der Weltkonstruktion, seine universalen Konzepte und interkulturellen Ideen sind noch heute in Literatur, Bildender Kunst, Musik und Philosophie ebenso wie in Informationstheorie und Medientechnologie bis hin zu neuesten generativen und algorithmischen Prinzipien wirksam. Diese Ausstellung ist ein Aide-mémoire gegen die globale Geschichtsvergessenheit. Llulls Hauptwerk Ars generalis ultima bzw. Ars brevis (1308) wird als frühes Zeugnis eines interkulturellen Dialogs, der heute notwendiger denn je ist, erstmals in den drei Sprachen Arabisch, Hebräisch und Lateinisch gezeigt. Um seine neuen Erkenntnisse zu verbreiten, verfasste Llull über 250 Bücher auf Katalanisch, Latein und Arabisch, reiste zwischen dem westlichen Europa, Nordafrika und dem östlichen Mittelmeer und sprach bei Königen und Päpsten vor. Der Legende nach starb er für seine Überzeugungen. Llull zählt zu den großen Gründungsvätern und aufgeklärtesten Geistern der europäischen Kultur, die dem Tripel von Humanismus, Renaissance und Aufklärung verpflichtet ist.

Das Copyright Europas auf Moderne und Innovation basiert auch auf dem Werk von Ramon Llull.

Schwerpunkte der Ausstellung
Die Ausstellung entwickelt sich inhaltlich um zwei Schwerpunkte: Zum einen offenbaren Llulls Ideen medienarchäologische und -philosophische Aspekte, die sein Werk als Grundlage für heutige Diskurse zu Medienökologien und lernenden Algorithmen unabdingbar machen. Zum anderen eröffnet sein universales, rationales Wissenssystem eine heute hoch relevante Haltung, die sich als Dialog über die Kulturen und Grenzen der drei großen monotheistischen Religionen hinweg in der produktiven Auseinandersetzung mit dem Anderen realisiert.

Historische Dokumente ...
Die Ausstellung legt überraschende und unbekannte Aspekte des Llull’schen Denkens frei, indem historische Dokumente in einen breiten und vielschichtigen Dialog mit künstlerischen Positionen des 20. und 21.
Jahrhunderts treten, die sich von Llulls ars combinatoria inspirieren ließen. Manuskripte des 14. Jahrhunderts auf Latein, Hebräisch und Arabisch demonstrieren die gesellschaftskulturellen und -politischen Beziehungen ihrer Zeit. Herzstück des historiografischen Teils ist das Breviculum ex artibus Raimundi Lulli electum, das das Leben des spanischen Philosophen in suggestiven Miniaturen vorstellt. Eine animierte, immersive Projektion der prachtvollen Miniaturen führt die BesucherInnen der Ausstellung in diese längst vergangene, fremde Welt hinein und zeigt, dass die Rezeption von Llulls Gedankengut insbesondere in Deutschland – im 16. und 17. Jahrhundert weit verbreitet als Denkschule des Lullismus – eine große Resonanz fand. Der Humanist Nikolaus Cusanus (1401–1464) und der Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602–1680) setzten sich intensiv mit dem Llull’schen Werk auseinander. Für Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), einen der wichtigsten Begründer der mathematischen Logik, dessen Denkweise und Konzeption von Apparaten wie der Rechenmaschine die Felder von Philosophie und Technik revolutionierten, waren Llulls Schriften eine wichtige Inspiration. In der Ausstellung ist ein funktionstüchtiger Nachbau seiner Rechenmaschine, die er 1672 entwickelte und welche erstmals die vier Grundrechenarten automatisch ausführen konnte, zu sehen ebenso wie die originale Rechenmaschine des Württembergers Philipp Matthäus Hahn (1739–1790), ein Schmuckstück aus dem Landesmuseum Württemberg.

... im Dialog mit zeitgenössischen Positionen
In der Ausstellung zeugen zahlreiche Protagonisten der Künste quer durch alle Disziplinen von Llulls enormer Aktualität und Relevanz bis heute. Die Ideen Ramon Llulls hatten großen Einfluss auf das Werk bildender Künstler wie Salvador Dalí (1904–1989), Jorge Oteiza (1908–2003), Antoni Tàpies (1923–2012) und Anselm Kiefer (*1945). Diese Künstler suchen im Werk Llulls vor allem nach verborgenen Quellen des Wissens, die als Alchemie oder Mystik formieren. Die Lichträume von Otto Piene (1928–2014) offenbaren, ähnlich wie bei Llull, eine Erfahrung kosmischer Verbundenheit, Eingebung und Kontemplation. Dahinter steckt der Gedanke eines friedvollen menschlichen Miteinanders, die Piene den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges entgegenstellt. Der Künstler und Architekt Daniel Libeskind war mit den Schriften Ramon Llulls und Giordano Brunos (1548–1600) vertraut, als er ein Virtual House 1997 entwarf. Der Begriff der Virtualität nimmt hier auf die Idee des Möglichen Bezug und macht damit ein von Llull inspiriertes kombinatorisches, offenes Prinzip zur strukturellen Grundlage seines Entwurfs.

Im Bereich der Literatur stellen die von Juan Eduardo Cirlot (1916–1973) eingesetzten Permutationstechniken einen Extremfall kombinatorischer Poesie dar. Aber auch Autoren wie Italo Calvino (1923–1985), Umberto Eco (1932–2016) bis hin zu den Lateinamerikanern Jorge Luis Borges (1899–1986) und Julio Cortázar (1914–1984) zeigen sich von der Llull’schen ars combinatoria beeinflusst, ebenso wie Autoren der Wiener Gruppe, allen voran Konrad Bayer mit seinem Text der vogel singt – eine dichtungsmaschine in 571 bestandteilgen [...], der auf einem komplizierten mathematischen Konstruktionsplan beruht. Ramon Llull hinterlässt seine Spuren ebenfalls in der Musik – unter anderem in den Werken von Arnold Schönberg (1874–1951), John Cage (1912–1992) oder Josep Maria Mestres Quaderny (*1929). Künstler wie José María Yutrralde (*1942), Manuel Barbadillo (1929– 2003) und Manfred Mohr (*1938) bieten Erkundungsgänge in das Reich der frühen Medienkunst der 1960er- und 1970er-Jahre, die zentral durch zeitgenössische Positionen junger Medienkünstler wie Ralf Baecker (*1977), Philipp Goldbach (*1978) und Yunchul Kim (*1970) ergänzt werden. Im Dialog mit dem Llull’sche Denken bieten sie aktuelle und tiefe Einsichten im Hinblick auf epistemologische Fragen, die unsere mediale Umwelt betreffen. Zusätzlich entstehen für die Ausstellung Neuproduktionen von Künstlern wie David Link (*1971), Perejaume (*1957) und Adam Slowik (*1980), die sich direkt mit Llulls Ideen auseinandersetzen und sie in das Heute der gesellschaftlichen Aktualität transponieren. Diese auf der Basis von Immersion und Interaktion operierenden Werke sollen in besonderer Weise Zugänge zu Llull eröffnen und den BesucherInnen ein neues Verstehen gegenüber den eigenen Denk- und Wahrnehmungsmodi ermöglichen.

In der Ausstellung vertretene KünstlerInnen
Abraham Abulafia - Friedrich Achleitner - Johann Heinrich Alsted - Peter Apian - Ralf Baecker - Manuel Barbadillo - Konrad Bayer - Berlin Society for Nontrivial Pursuits (S4NTP) - Michael Bielicky, Kamila B. Richter - Jorge Luis Borges - John Cage - Italo Calvino - Juan Eduardo Cirlot - Gianni Colombo - Honorius Cordier - Nicolaus Cusanus - Salvador Dalí - Joan Desí - Götz Dipper, Manfred Hauffen - Umberto Eco - Sabine Groschup - Márton Fernezelyi, Miklós Peternák, Zoltán Szegedy-Maszák - Johann Balthasar Friderici - Johann Wolfgang von Goethe - Philipp Goldbach - Matthias Gommel - Jean-Jacques Grandville - René Grillet - Philipp Matthäus Hahn - Gisbert Hasenjaeger - Curt Herzstark - Sarah Kenderdine, Jeffrey Shaw, Edwin Thumboo - Anselm Kiefer - Yunchul Kim - Athanasius Kircher - Werner Künzel - Pe Lang - Bernard de Lavinheta - Gottfried Wilhelm Leibniz - Thomas Le Myésier - Yehudah ha-Levi - Sol LeWitt - Daniel Libeskind - David Link - Ramon Llull - Jennifer and Kevin McCoy - Josep Maria Mestres Quadreny - Manfred Mohr - William Morris - Luis Negrón van Grieken, Juan Orozco Velazquez - A. Michael Noll - Valère Novarina - Bartolomeo Olivo - Santiago Ortiz -Jorge Oteiza - Perejaume - Otto Piene - Giovanni Battista della Porta - Francesc Pujols - Raymond Queneau -
Ludovicus Cornelius Rigius - Petrus Roselli - Marius Schneider - Arnold Schönberg - Raimund von Sabunde - semiconductor (Ruth Jarman, Joe Gerhardt) - Adam Slowik - Josep Soler -Josep Maria Subirachs - Antoni Tàpies - Philipp Tögel - Jacint Verdaguer - José María Yturralde

Publikation zur Ausstellung
DIA-LOGOS: Ramon Llull’s Method of Thought and Artistic Practice
ca. 300 Seiten
Englisch
University of Minnesota Press
Erscheinungstermin: Sommer 2018

Breviculum ex artibus Raimundi Lulli electum
Das Breviculum ex artibus Raimundi Lulli electum ist die wohl bekannteste Handschrift zu Ramon Llull. Es enthält die kürzeste von drei Kompilationen der Grundideen Llulls. Verfasst hat sie Llulls Schüler Thomas Le Myésier (?–1336), der sie der französischen Königin Johanna von Burgund als Geschenk überreichte. Das Breviculum ist vor allem wegen seiner zwölf großen Miniaturen bekannt, die Szenen aus Ramon Llulls Leben darstellen.
Da die Handschrift kurz nach dem Tod Llulls unter der unmittelbaren Aufsicht seines Schülers in Nordfrankreich entstanden sein muss, kann man vermuten, dass die Darstellungen seinem realen Aussehen zumindest nahekommen. Das macht die Bilder so wertvoll, denn naturgetreue Porträts waren im Mittelalter selten.

Die Handschrift selbst hat eine bewegte Geschichte. Zunächst noch in Paris, befand sie sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts im westfranzösischen Poitiers im Besitz eines Domherrn an der Kathedrale St. Pierre. Er vererbte sie 1582 seinen beiden Neffen; was dann mit ihr geschah, ist ungewiss. 1736 kaufte Ulrich Bürgi, Abt des Benediktinerklosters St. Peter auf dem Schwarzwald, sie vom Freiburger Juristen Joseph Anton Weigel. Als das Kloster 1806/07 säkularisiert wurde, brachte man die Handschrift mit vielen weiteren Schätzen der Klosterbibliothek in die Hofbibliothek des Großherzogs von Baden in Karlsruhe. Diese Handschriften verwahrt heute die Badische Landesbibliothek als ihre direkte Nachfolgerin.

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zkm.de

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