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kunstsammlung

Mika Rottenberg

21.04. - 01.07.2018 | Kunsthaus Bregenz
Eingabedatum: 16.04.2018

Werkabbildung

Cosmic Generator, 2017 Videostill Courtesy of the artist und Andrea Rosen Gallery, New Yorkbilder

»Ich möchte das Gebäude aktivieren, die Wände in Haut verwandeln und sie dann von innen nach außen kehren.
In meinen Werken geht es um viele Dinge, am offensicht-lichsten jedoch um Arbeit – definiert als Kollaboration zwischen Mensch und Natur mit dem Ziel, Mehr-wert zu erzeugen, Formen und Objekte zu erschaffen.«

Mika Rottenberg über ihre Ausstellung im KUB

Die in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Künstlerin Mika Rottenberg beschäftigt sich mit den Kreisläufen der Produktion und der Zirkulation von Waren. Bereits 2007 wurde sie vom New York Magazine in die Liste der »young masters« aufgenommen. Seitdem war sie bei allen wichtigen Ausstellungen weltweit vertreten. Spätestens seit ihrem viel beachteten Beitrag Cosmic Generator für die Skulptur Projekte 2017 Münster ist Rottenberg auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt.

Ihre Kunst ist weder distanzierte Kritik noch präzise politische Dokumentation. Eher betreibt sie eine Gegenwartsanalyse in verzerrender, karikativer Übertreibung. Rottenberg entführt in beklemmende Räume. Den Kern ihrer aus Karton oder Fundstücken gebastelten Installationen bildet jeweils ein Video, das bestimmte Produktionsabläufe zeigt, wie zum Beispiel das Auslesen von Perlen aus Muschelschalen.

Rottenberg macht auf die Grundlagen von Arbeit aufmerksam. Zugleich zwingt sie den Betrachter in die Situation eines Voyeurs, der sich in enge Korridore begibt, um diesen Arbeitsabläufen zuzusehen. Ihre surrealen Szenografien zeigen die absurde Anhäufung von Waren und die Sinnlosigkeit deren globalen Vertriebs. Viele ihrer Installationen sind durchaus komisch und voller erotischer Ingredienzen.

Die Protagonist/innen der Filme sind Menschen, oft Frauen, die der Künstlerin ihre Körperteile »leihen«, so Rottenberg. Der Film Sneeze (2012) zeigt drei Männer mit riesigen überzeichneten Nasen, die offensichtlich nicht aufhören können zu niesen. Je stärker ihr Niesen wird – sie scheinen schließlich lebende Hasen und Fleischstücke auszustoßen – umso deutlicher wird, dass sie dem körperlichen Prozess des Niesens ausgeliefert sind und keine Kontrolle mehr darüber haben.

Bei ihrer bekannten Arbeit Cosmic Generator hingegen arbeitete Rottenberg mit einer provisorischen Architektur: Sie nutzt einen aufgelassenen Asialaden als fertiges Setup. Das im verschachtelten Inneren präsentierte Video, das in einer Grenzstadt zwischen den USA und Mexiko gedreht wurde, zeigt sie das Leben asiatischer Immigrant/innen, die – buchstäblich zwischen den Fronten – die ununterbrochene Produktion aufrechterhalten. Der Kapitalismus kennt keine Grenzen.

Die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ist Mika Rottenbergs erste institutionelle Einzelausstellung in Österreich.

Mika Rottenberg wurde 1976 in Buenos Aires geboren.
Sie lebt und arbeitet in New York.

Ihre Filminstallationen untersuchen die Verführungskraft und Magie unserer hyperkapitalistischen, weltweit vernetzten Realität und deren Hoffnungslosigkeit. Die Künstlerin verwebt dokumentarische Elemente mit Fiktion und erschafft komplexe Allegorien für die Lebensbedin-gungen, die unsere globalen Systeme prägen.

Das Werk der Künstlerin wurde in den letzten Jahren in einer Reihe von Einzelausstellungen präsentiert: Magasin III, Stockholm (2013), Israel Museum, Jerusalem (2014), Palais de Tokyo, Paris (2016). Eine weitere Einzelausstellung ist im Bass Museum of Art, Miami Beach (12/2017–04/2018) geplant. Rottenbergs Werk war zudem 2008 auf der Whitney Biennial zu sehen. 2011 entwickelte sie mit dem Künstler Jon Kessler den Performance- und Installationszyklus Seven, der für die Performa 11 in New York produziert wurde. 2015 wurde ihr Werk NoNoseKnows auf der 56. Biennale in Venedig im Rahmen von All the World’s Futures gezeigt. Rottenbergs neuester Film, Cosmic Generator, war Teil der Skulptur Projekte 2017 in Münster.

Kunsthaus Bregenz
Karl Tizian Platz,
6900 Bregenz
kunsthaus-bregenz.at

Presse






Daten zu Mika Rottenberg:

- Art Basel 2013
- art basel miami beach, 2014
- Biennale Venedig 2015
- Canadian Biennial 2017
- Istanbul Biennale 2013
- JULIA STOSCHEK FOUNDATION E.V., Sammlung
- Kunstverein Hannover
- MoMA Collection
- Skulptur Projekte Münster 2017
- Solomon R. Guggenheim Collection
- Taipei Biennial, 2014
- Ural Industrial Biennial 2017
- Whitney Biennale 2008

Weiteres zum Thema: Mika Rottenberg



Museumsstrip, Björk und eine Todesmaschine - >Number Two: Fragile< in der Julia Stoschek Collection


Aufeinandergestapelte Transportkartons und gläserne Kisten mit Rissen und Splittern bilden den Auftakt der zweiten Ausstellung aus dem Sammlungsbestand von Julia Stoschek. Für >Number Two: Fragile< hatte Julia Stoschek ein Werk bei dem in Los Angeles lebenden Künstler Waled Bashtey in Auftrag gegeben und >Broken Fedex Boxes< erhalten. Die konzeptuell angelegte Arbeit, für die Bashtey Glas- und Spiegelkuben mit einem Paketversand nach Düsseldorf geschickt hatte, verweist auf das übergeordnete Thema der Schau, bei der es um die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Körpers sowie Schmerzerfahrungen, aber auch um Körpererkundungen und künstlerische Selbstinszenierungen in Video, Installation und Photokunst gehen soll.

Ähnlich wie bei der Erstpräsentation der Stoschek Collection wurden in >Fragile< historische Arbeiten von Performance Künstlern wie Bruce Nauman, Hannah Wilke oder Vito Acconci mit Werken von jüngeren Künstlern wie Terence Koh, Mika Rottenberg oder John Bock kombiniert. Im Vergleich zu >Number One: Destroy she said< scheint die zweite Zurschaustellung der Sammlung mit 54 Werken von insgesamt 30 Künstlern jedoch um einiges konzentrierter und strukturierter zu sein. Ausgehend von Videos mit vorrangig dokumentarischem Charakter illustriert >Fragile< ganz nebenbei die Entwicklung des Mediums bis hin zu Arbeiten, die komplett computergeneriert sind.

Aua, das tut doch weh – bei einer Ausstellung zum Thema Körper, Schmerz und Zerbrechlichkeit darf der Kalifornier Chris Burden nicht fehlen. Dieser hatte sich in den 1970ern im Namen der Kunst gequält und körperliche Grenzerfahrungen in den Mittelpunkt seiner Performances gestellt. So robbte er in >Through the Night Softly< (1973) fast nackt durch Glasscherben oder ließ sich in >Shoot< (1971) von einem Freund in den Oberarm schießen. Weniger schockierend, aber sicher nicht schmerzfrei, dürften die Körpererfahrungen gewesen sein, die der Italiener Vito Acconci in seinen Aktionen machte. In >Openings< kann man 14 Minuten lang mitverfolgen, wie er sich Haar für Haar das Brusthaar ausreißt. Als weibliche Stimme im Gespann der frühen Performancekünstler spielte Hanna Wilke die Reize der Frau aus. Während des laufenden Museumsbetriebs strippte sie 1976 hinter Marcel Duchamps >Großem Glas< im Philadelphia Museum of Art – the bride stripped bare! Auch jüngere Künstlerinnen wie Jen DeNike, Patty Chang oder Alex McQuilkin nutzen die Sinnlichkeit des weiblichen Körpers. So liefern sich in Alex McQuilkins >Get your Gun up< (2002) zwei Protagonistinnen mit Stringtangas zu laut tönender Westernmusik ein Duell schwingender Hüften, Patty Chang rasiert sich mit verbundenen Augen den Schritt und Jen Denike zeigt in >Girls like me< (2006) wie sich drei junge Frauen genüsslich an den Zehen lutschen.

Neben solchen explizit auf den Körper ausgerichteten Werken, ist eine Reihe von Arbeiten mit sehr narrativem Charakter zu sehen. >The Killing Machine< (2007) des kanadischen Künstlerduos Janet Cardiff und Georges Bures Miller ist eine hochkomplexe Mixed-Media-Installation, die auf Knopfdruck eine Apparatur mit hydraulischen Stechinstrumenten, einem bewegten Zahnarztstuhl, Diskokugel und Musik in Gang setzt. Inspirationsquelle für die Todesmaschine war Kafkas >Strafkolonie<. Neben dieser auf einen nicht vorhandenen Körper ausgerichteten Aggression scheinen die Knetfiguren in Natalie Djurbergs Videos auf den ersten Blick harmlos und märchenhaft. Ein weiterer Blick jedoch verrät, dass sich in diesen poppig kindlich gestalteten Kulissen oftmals absurde, brutale, unheimlich Szenen abspielen. Was Djurberg im Privaten beschreibt, wendet Paul Chan auf die ganze Gesellschaft an. Das Formvokabular des Outsiderkünstlers Henry Darger und viele kunsthistorische Verweise nutzend, erzählt die digital animierte Videoinstallation >Happines (Finally) After 35.000 Years of Civilization (after Henry Darger and Charles Fourier< im extremen Breitbandformat vom Übergang eines Paradieszustandes in ein kriegerisches Schreckensszenario.
Nach all dem Schaudern kommen Mika Rottenbergs Videos nur recht. Durch architektonische Versatzstücke werden die Videoarbeiten in den musealen Raum hinein erweitert. Ähnlich verquer wie John Bock bei seinen grotesken Unternehmungen, wird in >Dough< (2005/06) ein Riesenaufwand betrieben, um Teig zu produzieren. Auch die langhaarigen Mädchen in >Cheese< (2007) sind in umständliche Produktionsmechanismen verstrickt, um ein einfaches Erzeugnis wie Käse herzustellen. Rottenberg schafft so ganze eigene, alternative Welten fernab unserer Effizienzgesellschaft. Eine auf ganz andere Art und Weise raumgreifende Installation ist >Snow White< von Terence Koh. In einem strahlend weißen Raum hängen Neonröhren von der Decke, unter denen eine bereits zerbrochene Porzellanchrysantheme abgelegt wurde. Der verspiegelte Sarg war Teil einer Performance, die der Künstler zusammen mit Julia Stoschek durchgeführt hatte.

Als ob die Ausstellung nicht schon abwechslungsreich und kurzweilig genug wäre, wartet im Kinosaal der Stoschek Collection noch ein absolutes Highlight: das von dem Künstlertrio Enzyklopädia Pictura gestaltete stereokopische Digitalvideo zu Björks >Wanderlust< (2008). Setzt man sich die bereitgestellten Brillen auf, kann man das traumhafte Video in 3 D betrachten. Spätestens dann bleibt nichts als Begeisterung für >Fragile<!

Abbildung:
- Janet Cardiff / Georges Bures Miller: Killing Machine, 2007, copyright Julia Stoschek Collection
- Terence Koh, Snow White, 2008
copyright Julia Stoschek Collection

>Number Two: Fragile<
11.10.2008 – Herbst 2009

Öffnungszeiten: Samstags, 11-16h, nur nach Vereinbarung
Anmeldung unter: Tel.: 0211.585 8440

julia-stoschek-collection.net

Julia Stoschek Collection
Schanzenstraße 54
40549 Düsseldorf


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