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„Ein radikal-demokratischer Begriff von Partizipation“ – Das Museum of Burning Questions in Bergen

Bergen Assembly
September 2016 Eingabedatum: 12.09.2016

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Ein Gespräch mit Nora Sternfeld und Isa Rosenberger im Rahmen der Bergen Assembly. Von Inge Pett.

Im Rahmen der diesjährigen Bergen Assembly wurde neben dem Musiker Tarek Atoui und dem Kuratorenpaar „Praxes“ auch das Künstler- und Intellektuellenkollektiv „Freethought“ eingeladen, sich mit einem Projekt zu beteiligen. Seit 2011 setzt sich „Freethought“ über Disziplinen und Genres hinweg mit neuen Kombinationen von Sozialem, Kritik und Kunstschaffen im unerwarteten Kontext auseinander. Zur Triennale in Bergen untersuchte das Team die mannigfaltigen Bedingungen und Bedeutungen von „Infrastruktur“. Initiiert von der Dozentin und Kuratorin Nora Sternfeld, entstanden in der ehemaligen Bergener Feuerwehrstation das „Museum of Burning Questions“ sowie das „Partisan Café“, das an das legendäre gleichnamige Café der Londoner Linken in den 60er-Jahren anknüpfen soll.

Dass es tatsächlich zur Eröffnung kommen würde, war eine Zeitlang durchaus unsicher. Ohne Vorwarnung sahen sich Nora Sternfeld und die von ihr eingeladene Wiener Künstlerin Isa Rosenberger in der Rolle von „Gentrifizierern“. Ganz ohne Absicht, denn sie ahnten nicht, dass das ihnen von der Stadt zugedachte historische Gebäude von ehemaligen Feuerwehrleuten besetzt war, die dort ein Feuerwehrmuseum einrichten wollten…


Das Partisan Café ist in einer ehemaligen Feuerwehrstation untergebracht. Wie kommt es zu diesem ungewöhnlichen Ort?

Nora Sternfeld: Wir haben uns von Anfang an gewünscht, dass wir im Rahmen des Projektes Infrastruktur nicht nur untersuchen möchten, wie wir isoliert werden, sondern auch welche Formen es gibt, zusammen zu kommen, zusammen zu arbeiten, zusammen zu denken. Dafür wollte ich ausprobieren, was es bedeuten könnte - obwohl ich weiß, dass Cafés längst Teil von Gentrifizierungsprozessen sind - sich in eine alte Tradition von Cafés als Ort intellektuellen Zusammentreffens einzureihen.

Dazu haben wir einen Raum gesucht und dieser Raum wurde uns von den Veranstaltern der Bergen Assembly gezeigt. Ein wunderschöner Raum, ein wunderschönes Gebäude im Zentrum der Stadt. Wir haben sofort gedacht, diese Garage ist der richtige Ort. Doch dann haben wir festgestellt, dass dieser Raum nicht frei ist, sondern besetzt.

Wie haben Sie sich da gefühlt?

Nora Sternfeld: Das war vor allem deshalb interessant, weil wir am Tag zuvor mit Louis Moreno ein Seminar hatten, das um die Involvierung von kulturellen Prozessen und auch um Biennalen und Gentrifizierungsprozesse ging. Wir waren noch ganz beeinflusst von der allgemeinen Debatte, als wir hierher kamen. Und plötzlich war es keine allgemeine Frage mehr, sondern eine sehr konkrete - nämlich wie verhalten wir uns als Gentrifizierende zu den Besetzenden. Und diese konkrete Frage erschien mir wichtig direkt zu adressieren und zum Teil des Projekts zu machen. Das ist ja, was mich und auch Isa Rosenberger interessiert: in Prozessen zu arbeiten und sich in Prozessen auf Prozesse einzulassen. Das entspricht sowohl meiner kuratorischen und auch Isas künstlerischer Praxis.

Das Gebäude ist besetzt von pensionierten Feuerwehrmännern zwischen 60 und 80 Jahren. Sie sind sehr gut organisiert. Sie schlafen hier zwar nicht, aber haben die Feuerwehrautos und eine riesige historische Sammlung – eine relevante Sammlung - hierher gebracht. Wenn die Stadt das hätte räumen wollen – es ist ja alles sehr groß und schwer - hätte sie es auf eine sehr sichtbare Weise machen müssen; das hätte möglicherweise zu Protesten in der Stadt geführt. Von daher konnten die Feuerwehrleute die Okkupation über einen längeren Zeitraum durchhalten und haben schon begonnen, ihre Vision eines Feuerwehrmuseums zu realisieren.

Hat die Stadt sich dieser Forderung entgegengestellt?

Isa Rosenberger: Ja, sehr. Weil das hier natürlich eine unheimlich teure Immobilie ist, ein wunderschönes historisches Gebäude, eines der besterhaltenen in Bergen, und da gab es andere Pläne. Büros etwa und sogar den Plan für eine Shopping Mall.

Nora Sternfeld: Dann erfuhren wir, dass die Feuerwehrleute hier ein Museum wollen. Das war schon sehr interessant. Gerade in dem Moment, wo ich mich mit Isa Rosenberger getroffen hatte. So habe ich zu den Männern gesagt: Ich möchte Ihnen gerne etwas vorschlagen, eine temporäre Allianz, ein Projekt, dass ihren Kampf zwar nicht repräsentiert, aber das dennoch vielleicht ganz interessant sein könnte, nämlich das „Museum der brennenden Fragen“. Das hat ihnen sofort sehr gut gefallen. Und dann kam Isa ins Spiel.

Werkabbildung
Nora Sternfeld, Isa Rosenberger and the Retired, Firemen of Bergen, Muesum of Burning Questions: The Dancing Tables, Archive (freethought) Installation Shot, Bergen Assembly 2016, Bergen Kunsthall, Bergen,Photo: Thor Brødreskift

Was war Ihr Part, Frau Rosenberger?

Isa Rosenberger: Natürlich habe ich voller Begeisterung zugesagt. Eine Frage an mich war, wie man die Feuerwehrmänner in das Projekt integriert, wie dieses Caféhaus hier ausschauen soll und wie es auch noch eine Übersetzung in der Kunsthalle gibt. Das war eine sehr komplexe Aufgabenstellung, aber auch eine sehr schöne.

Ich war unter anderem zuständig für die Gestaltung des Cafés. Als wir das letzte Mal hier reinkamen, gab es da noch überall diese großen Feuerwehrtrucks und die furchtbar verstaubten Helme und Jacken. Aber ich dachte, dass es eigentlich sehr schön wäre, diese Helme und diese Jacken hier zu lassen. Ich habe dann noch eine befreundete Architektin, Heidi Pretterhofer, gefragt, mir diese Tische zu entwickeln. So entstand ein Lagersystem, das changiert zwischen Bauhaus und Baumarkt. In unterschiedlichen Höhen. Auch sollten unterschiedliche skulpturale und performative Konfigurationen möglich sein. Die Farben greifen die Haken an der Wand auf. Jede dieser vier Farben ist einem Feuerwehrzug zugeordnet. Für die unterschiedlichen Veranstaltungen, die hier in den kommenden Monaten stattfinden, sollen diese Tische immer bewegt werden.

Wie verlief denn die Kooperation mit den Feuerwehrleuten? Waren diese nicht voreingenommen?

Isa Rosenberger: Ach, die waren sehr cool und auch sehr klug und ich hatte den Eindruck, die sehen das als eine Chance für sich. Inzwischen wissen wir: Es wird ihr Feuerwehrmuseum geben! Vor einem halben Jahr hieß es noch, es ist komplett aus, aber im Mai gab es die Zusage von der Stadt. Und natürlich hoffen wir, dass wir ein ganz klein wenig geholfen haben…

Der andere Teil meiner Arbeit, „The Dancing Tables Archive“, ist in der Bergen Kunsthall zu sehen. Quasi das Archiv des Museums der brennenden Fragen. Die Idee auch wieder: Es ist kein kanonisiertes, feststehendes Archiv, sondern ein Archiv in Bewegung. Wir bauen ein Museum der Fragen auf, die im Laufe der Bergen Assembly diskutiert werden. Nora wird dann einmal die Woche hingehen und diese updaten. Angefangen habe ich mit den Fragen der Feuerwehrmänner.

Und ich habe auch einen Film gemacht über ihren Kampf für dieses Museum, über ihre Arbeit. Was ich auch sehr spannend finde ist, wie sie sozusagen die Stadt durch diesen Filter des Feuers wahrnehmen. Bergen hat ja eine sehr intensive Geschichte der Feuer, ist öfters abgebrannt wegen der vielen Holzbauten. Im Jahr 1916 gab es ein Riesenfeuer, das 85% der Stadt vernichtete und dadurch die Stadt sozusagen geformt hat. Damals ist alles ganz anders wiederaufgebaut worden, mit breiten Plätzen, damit die Trucks durch können - das ganze Leben der Stadt ist wirklich durch das Feuer geprägt und das finde ich eine schöne Perspektive.

Im Januar gab es ein Reenactment des Feuers von 1916 mit diesem alten Equipment, da war ich auch dabei – und daher gibt es dieses Happy End in dem Film – den geplanten Bau des Museums. Also eine Hundertjahre-Schleife von 1916 bis 2016.

Auch gibt es Touren, die die Feuerwehrmänner selber durchführen. Der Startpunkt ist hier im Café. Sie werden anfangen, über ihre Helmsammlung zu sprechen. Ich habe Øyvin Konglevoll, den Leiter der Gruppe, zudem gebeten, vier Helme auszuwählen, die jetzt in der Kunsthalle ausgestellt sind. Weiterhin gibt es Führungen durch den oberen Stock und die Garage – durch ihr zukünftiges Museum. Sie führen also und werden nicht vorgeführt.

Was sind denn die brennenden Fragen der Feuerwehrmänner?

Isa Rosenberger: Eine brennende Frage ist, warum Bergen immer noch hauptsächlich aus Holz besteht und insofern die gefährdetste Stadt Norwegens ist. Eine andere brennende Frage war die eines Pensionisten, ob dieses Museum auch wirklich zustande kommt, weil es so viel über die Geschichte der Stadt erzählen kann. Die anderen brennenden Fragen waren solche, die wir alle teilen, über Refugees, über das Ende des Öls, die finanzielle Krise, die Arbeitslosigkeit…

Frau Rosenberger, Sehen Sie sich als Künstlerin mit partizipatorischen Ansatz?

Isa Rosenberger: Auf jeden Fall. Der Begriff wird natürlich sehr kontrovers diskutiert und aktuell inflationär verwandt. Nora und ihr Team haben daher auch ein Partisan Café eingerichtet, anstelle eines Participation Cafés. Das ist auch sehr schön. Ich benutzte stattdessen den Begriff der temporären Allianz schon lange. Damit kann ich viel anfangen.
Was ich gar nicht leiden kann, wenn der Begriff Partizipation so eine paternalistische Note kriegt. Stattdessen möchte ich, dass jeder etwas von einem Projekt hat, seine eigenen Interessen artikuliert und man schaut, wo sich das trifft.

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Nora Sternfeld, Isa Rosenberger and the Retired, Firemen of Bergen, Muesum of Burning Questions: The Dancing Tables, Archive (freethought) Installation Shot, Bergen Assembly 2016, Bergen Kunsthall, Bergen, Photo: Thor Brødreskift

Was, Frau Sternfeld, hätten Sie gemacht, wenn sich die Feuerwehrmänner geweigert hätten zu kooperieren?

Nora Sternfeld: Also unsere erste Frage war: Sollen wir gehen? Und die war ganz ernst gemeint. Oder gibt es irgendeinen Punkt, an dem es Sinn macht, etwas zusammen zu initiieren? Wenn es auch nur den leisesten Zweifel gegeben hätte, hätte ich das Projekt nicht durchziehen wollen.

Sie haben sich wissenschaftlich mit der Partizipation auseinandergesetzt?

Nora Sternfeld: Ja, ich habe zwei Pamphlete darüber geschrieben. Mein wichtigster Punkt: Ich habe einen radikal-demokratischen Begriff von Partizipation. Ich bin nicht gegen Partizipation, ich bin gegen einen Begriff von Partizipation, der diese eigentlich ihres demokratischen Gehaltes beraubt. Ich sage, Partizipation ist dann demokratisch, wenn es um das demokratische Prinzip geht, nämlich darum, um die Spielregeln zu spielen – und nicht mitzuspielen.
Und wenn nicht um die Spielregeln gespielt wird, finde ich, sollte es nicht Partizipation genannt werden. Dann passiert nämlich das, was tatsächlich durch Partizipation geschehen ist in den letzten zwanzig Jahren, nämlich, dass entdemokratisiert wird. Etwa in den Universitäten, wo die studentische Mitsprache abgeschafft werden konnte durch Evaluierungsbögen. Den Studierenden wurde eingeredet, dass sie so mehr mitreden können. Tatsächlich haben sie überhaupt kein Mitspracherecht mehr. Sie dürfen an den Sitzungen teilnehmen, aber ihre Stimme gilt nichts mehr.

Ist Ihre Arbeit eine Korrektur dessen, was in den 60er-Jahren angedacht, aber nicht durchgesetzt wurde?

Isa Rosenberger: Ja, die Fragen werden wieder aufgeworfen und mit anderen Erfahrungen draufgeschaut. Es ist wichtig, aus den Dingen zu lernen und sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Eine der zentralen Fragen war damals, ob Kunst in die Gesellschaft hineinreichen kann…

Isa Rosenberger: Wir hoffen es. Zumindest im Sinne von Wahrnehmungsschärfung und Bewusstseinsprozessen. Auf der Ebene denke ich, kann Kunst das auf jeden Fall.

Nora Sternfeld: Ich will nicht die Geschichte eines Happy Ends in der kleinen Stadt Bergen erzählen. Was Kunst jedoch kann, ist das Sichtbare, Denkbare und Sagbare verschieben… Es geht darum, Fragen zu stellen. Worum es in dem Projekt geht, ist, sich zu verbinden.

www.bergenassembly.com

Inge Pett







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Bergen Assembly 2016 - Ein Überblick



Zeit ist vielleicht das Wichtigste, was die Bergen Assembly 2016 der Kunst mitgibt. Zeit für die Künstler, um ihre Ideen zu entfalten, sowie Zeit für das Kunstpublikum, die Arbeiten und angebotenen Gedankenwelten nicht nur zu konsumieren, sondern wirken zu lassen.

Entschleunigung – immer wieder taucht dieses Wort im Rahmen der Bergen Assembly auf. Man könnte auch Gelassenheit sagen. Denn Gelassenheit ist es, die den Lebensrhythmus der knapp 280.000 Einwohner von Norwegens zweitgrößter Stadt zu bestimmen scheint. Ein spürbarer Kontrast zum aufgeregten, manchmal schon schnappatmigen Betrieb der Kunstmetropolen.

„Wir denken, dass die Kunstproduktion sowie die Kunsterfahrung viel Zeit brauchen“, betont Haakon Alexander Thuestad, Direktor der Bergen Assembly. Angesichts einer saturierten Informationskultur laufe auch die Betrachtung von Kunst Gefahr „kommerzialisiert und komprimiert“ zu werden. Auf diese Entwicklung reagiere die Triennale, die 2013 erstmals stattfand. Hervorgegangen ist sie aus einer 2009 abgehaltenen Konferenz zum Thema „To biennal or not to biennal?“.

Wie lässt sich das – eventgetriebene – Kunstgeschehen entschleunigen? Inwiefern lässt sich ein solcher Anspruch in die Praxis übersetzen? Einfach indem man sich bereits mit der Organisation viel Zeit nimmt. Bei der Bergen Assembly kommt der Dreijahres-Turnus hinzu. Der, so erklärt Thuestad, sei ungewöhnlich angesichts der zahlreichen – und immer zahlreicher werdenden - Biennalen weltweit.

So besteht das Ergebnis der langen Vorbereitung in drei Bausteinen, die sich über die Stadt Bergen verteilen: Zum einen ist es ein von dem dänischen Kuratorenteam PRAXES (Rhea Dall und Kristine Siegel) organisierter Ausstellungszyklus, der die Arbeiten der Künstlerpersönlichkeiten Lynda Benglis und Marvin Gaye Chetwynd in immer neuen Kontexten präsentiert.

Des Weiteren ist es das Projekt „WITHIN“, mit dem der Musiker Tarek Atoui in Kooperation mit Gehörlosen die Bedingungen des Hörens erweitert und schließlich das Projekt „infrastructure“ des interdisziplinären Kollektivs „freethought“, in dem sich Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle mit den dringenden Fragen unserer Zeit auseinandersetzen.

Werkabbildung
Lynda Benglis, Untitled, 1970. Private Collection, Olga Balema, Europa: Integrationspolitik, 2016. Courtesy Croy Nielsen, Berlin, Lynda Benglis, Come, 1969-74. Private Collection, Lynda Benglis, Eat Meat, 1969-75. Courtesy Cheim & Read, New York, Installation view, Bergen Assembly 2016, Exhibition Adhesive Products at Bergen Kunsthall 02.09-09.10.2016, Photo: Thor Brødreskift

Gleich mehrere Ausstellungen gibt es dieses Jahr etwa um die 74-jährige Amerikanerin Lynda Benglis, die seit den 60er-Jahren die New Yorker Kunstszene mit provokanten Themen und dem Gebrauch ungewöhnlicher Materialien aufmischt. Das Werk sei so facettenreich, begeistert sich die Kuratorin Rhea Dall, dass es schade sei, dieses in einer einzigen Retrospektive zusammenzufassen. Immer wieder neu kontextualisiert und pointiert könne der Besucher das Werk begleiten, ohne zu ermüden, könne sich auf einen Aspekt beschränken, ohne sich überfordert zu fühlen.

So eröffnete im eventreichen Monat September neben der Ausstellung „On Screen“, die Lynda Benglis frühe feministische Videoarbeiten in einer kleinen Galerie in der Innenstadt zeigt, die Gruppenschau „Adhesive Products“. In der Bergen Kunsthall feiern die aus Latex oder Polyethylenschaum gegossenen haptischen Gebilde der Künstlerin aus den 60er-Jahren, die der Kritiker Rober Picus-Witten als „gefrorene Geste“ bezeichnete, ein Fest der Formen und der Farben neben den Arbeiten jungen Zeitgenossen wie Kaari Upson, Sterling Ruby oder Olga Balema. „Theatralisch, dekorativ, vulgär“ – neben der flüssig scheinenden Materialität biete die Ausstellung eine große Bandbreite an gestischer Aktion, so Dall. Mit ihren amorphen, performativen Gebilden hatte Benglis in den 60er-Jahren bewusst einen Kontrapunkt zum „männlichen“ Minimalismus und Monochronismus der 60er-Jahre in New York gesetzt.
Weitere Module der Reihe etwa sind die Keramikausstellung „Lynda Benglis - Glacier Burger“, die im Frühling von einer Konferenz in der Bergen School of Architecture begleitet wurde, sowie eine vorausgegangene Serie eigens gefertigter neuer Papierskulpturen in den Kunstgarasjen.

Ziel der Triennale war es, die gesamte Stadt einzubeziehen. So wurde das Sentralbadet, das städtische Schwimmbad, kurzerhand in einen Konzertsaal umgewandelt. Von dort, wo einst die Bergener Kinder das Schwimmen lernten, erklingen nun ungewohnte Töne. Im Vorfeld hatte sich der 1980 in Beirut geborene Künstler Tarek Atoui in Workshops mit Gehörlosen und Musikern aus Bergen auf die Suche nach Antworten begeben, inwiefern sich die Grenzen des Hörens überwinden lassen. Immerhin können einige Spezies auch hochfrequente Töne oder Infraschall wahrnehmen. Gemeinsam entwickelten sie Instrumente, die auch die anderen Sinne erreichen. Bei einem Bord mit bunten Murmeln etwa glaubte man, deren Klicken tatsächlich visuell zu vernehmen.

Ein Konzert von Tarek Atoui - dem deutschen Publikum ist er vor allem seit seiner Teilnahme an der documenta 13 bekannt - gemeinsam mit gehörlosen Musikern, zeigte, dass sich das Experimentieren gelohnt hat. Während ein Großteil der Zuhörer laut applaudierte, winkte etwa ein Drittel Publikums mit beiden Händen – eine Geste in der Gehörlosensprache, die Begeisterung signalisiert.

Den ganz großen Themen schließlich widmete sich das Projekt „infrastructure“ des Kollektivs freethought in der historischen Feuerwehrstation. Nachdem die Kuratorin Nora Sternfeld erfahren musste, dass das Gebäude von Feuerwehrpensionären besetzt war, bot sie diesen eine „temporäre Allianz“ an. So entstand das „Museum of Burning Questions“, das seine Ergänzung im „Archive of Dancing Tables“, installiert von der Wiener Künstlerin Isa Rosenberger, fand. Besucher – allen voran die Feuerwehrleute – können dort ihre brennenden Fragen loswerden.

Auch das obere Stockwerk der Feuerwehrwache widmet sich dokumentarisch aktuellen Fragen wie Ölknappheit, Gentrifizierung, der Wirtschaftskrise oder der Flüchtlingsfrage. Eine zweitägige Konferenz vertiefte das Projekt. Auch hier ließ man sich viel Zeit. Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Zeit, um Ambivalenzen zu verstehen. Zeit, um sich auszutauschen. Zeit, die einen unvorstellbaren Luxus darstellt, bevor sich 2017 mit documenta, Venedig Biennale und anderen Großprojekten das Rad wieder schwindelerregend schnell drehen wird.

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