Agentische Kunstkritik: Der Fall Bielfeld vs. Tur im Spiegel von AIF
### Einleitung: Die aufgerichtete Kirchenbank als Stresstest des Urheberrechts
Der aktuelle Plagiatsstreit im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr – entzündet an der fast identischen Geste des vertikalen Aufstellens von Kirchenbänken durch Dorothee Bielfeld („Aufrichten“, 2010) und Nasan Tur („Elevation“, 2026) – ist weit mehr als eine juristische Urheberrechtsfrage. Er fungiert als präziser Katalysator für eine fundamentale Krise zeitgenössischer Autorschaft im Ausstellungsbetrieb.
In dem auf art-in.de intervention veröffentlichten Essay nähert sich das AIF (Agentic Intelligence Framework) dieser Problemstellung nicht durch ein klassisches, singuläres Feuilleton-Urteil, sondern durch die autonome Simulation eines vielstimmigen, kunsttheoretischen Diskurses über die REDMAS-Engine.
────── ### Die Struktur des Essays: Anatomie des agentischen Denkens
Der Text spiegelt die sequentielle Arbeitsweise der REDMAS-Architektur wider, die den Konflikt in sechs logischen und dialektischen Phasen seziert:
1. Die Recherche (Glatt): Eine fundierte, Synthese aus Echtzeit-Webrecherche und internem RAG. Sie etabliert die Parameter des Streits: den physischen Eingriff im sakralen Raum, den Unterschied zwischen ortsspezifischer Intimität (Bochum 2010) und globaler Biennale-Ökonomie (Manifesta 2026) sowie die Frage, ob eine minimalistische Geste monopolisierbar ist.
2. Das Whiteboard (Kontext-Zusammenfassung): Ein dynamischer Zwischenbericht des Sekretär-Agenten (Context Keeper). Er kondensiert den Diskursstand und hält die Reibungspunkte (Ethik vs. Zynismus, physische Erfahrung vs. JPEG-Zirkulation) für die nachfolgenden Vektoren präsent, um ein thematisches Abdriften zu verhindern.
3. Metamoderne Synthese: Die Auswertung des Meta-Reflektors. Anstatt einen künstlichen Konsens zu erzwingen, analysiert diese Phase den Kollaps eines gemeinsamen Bezugssystems. Sie beschreibt die Übersetzung der intimen Geste durch den „Teilchenbeschleuniger“ des globalen Kunstbetriebs und fragt, wie Kunstwerke heute beschaffen sein müssen, um sich ihrer restlosen informationellen Zirkulation zu entziehen.
4. Epistemische Reflexion (System-Audit): Ein kritischer Selbst-Audit der KI. Das System reflektiert seine eigenen blinden Flecken – darunter das Ausblenden der geschlechtsspezifischen Machtstrukturen (die Aneignung der Arbeit einer lokalen Künstlerin durch einen etablierten männlichen Künstler mit hohem institutionellem Kapital) und die Entleerung der theologisch-sozialen Substanz des Kirchenraums. Gleichzeitig wird die eigene Synthese kritisch als formelhafte "Anästhesie" dekonkretisiert.
5. Bilder-Prompt: Die Übersetzung der konzeptuellen Dissonanz in ein visuelles Prompt-Protokoll (Imagen/Midjourney), das die Zersplitterung der Kirchenbank in Eichenholz, Aluminium und Pixel visuell verdichtet.
6. Arena-Diskurs Protokoll: Das unzensierte Protokoll der Debatte. Hier prallen die simulierten Denk-Vektoren aufeinander: Der Ethiker (Verteidigung der Singularität), der Störsender (Aufruf zur Sabotage), Hans (sozio-ökonomische Institutionskritik), Hito (kybernetische Datenströme), Marcel (Readymade-Indifferenz), Resonanz (physischer Affekt) und Umberto (intertextuelles Labyrinth).
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### Der experimentelle Charakter des Agentic Intelligence Framework (AIF)
Der Beitrag demonstriert eindrucksvoll den experimentellen Charakter von AIF. Das Framework versteht sich nicht als Suchmaschine zur Generierung vorgefertigter Antworten, sondern als ästhetisch-philosophischer Versuchsaufbau.
Indem es historische und theoretische Positionen (die Vektoren) als autonome Akteure in einer geschlossenen Arena aufeinanderprallen lässt, macht es die inhärenten Widersprüche des Kunstsystems erfahrbar. Die Stärke des Experiments liegt nicht in der Harmonisierung der Stimmen, sondern in der bewussten Erzeugung von Cognitive Friction (kognitiver Reibung).
Dass das System in Phase 4 (Epistemische Reflexion) in der Lage ist, seine eigene Analyse und die Dominanz seiner "Meta-Stimmen" kritisch zu hinterfragen, markiert einen Übergang von bloßer Textgenerierung zu einer kybernetischen Selbstbeobachtung von Kunstkritik im Zeitalter künstlicher Intelligenz.
1. DIE RECHERCHE (GLATT)
Der juristische Streit um die vertikal aufgerichtete Kirchenbank dekonstruiert das Fundament des Ready-mades, indem er Marcel Duchamps Geste der Auswahl mit dem bürgerlichen Anspruch auf geistiges Eigentum konfrontiert. Dorothee Bielfelds „Aufrichten“ (2010) reklamiert für sich die urheberrechtlich relevante Schöpfungshöhe einer spezifischen Form, die aus der Transformation eines profanen Gebrauchsgegenstandes in eine vertikale Stele im sakralen Raum entsteht. Dagegen steht die post-konzeptuelle Lesart, nach der die Vertikalität einer Bank eine physikalische Gegebenheit ist, die im platonischen Raum der Möglichkeiten existiert, bevor ein Künstler sie für sich beansprucht. In dieser Perspektive ist die künstlerische Geste weniger eine Schöpfung als ein bürokratischer Akt der Markierung – die Besetzung eines Kontexts. Nasan Turs „Elevation“ (2026) wirft somit die Frage auf, ob die Wiederholung einer solchen Setzung ein Plagiat darstellt oder ob sie nicht vielmehr die inhärente Wiederholbarkeit und damit die prinzipielle Nicht-Monopolisierbarkeit der Geste selbst entlarvt. Die Koinzidenz wird zum Indiz für ein kollektives Vokabular, in dem die gleiche Idee an unterschiedlichen Orten zur gleichen formalen Lösung kondensiert.
Die semantische Aufladung beider Arbeiten ist untrennbar mit dem spezifischen Ort ihrer Realisierung verbunden. Das polierte, von Generationen benutzte Holz der Bänke, das normalerweise Körper aufnimmt und zur horizontalen Andacht ausrichtet, wird zu einem stummen, monolithischen Fremdkörper, der gen Himmel strebt. Diese Intervention gewinnt ihre erhebliche visuelle und konzeptuelle Wucht erst durch den Kontrast zum umgebenden Kirchenraum. Doch während Bielfelds Arbeit in der Christ-König-Kirche 2010 den Charakter einer singulären, fast intimen Störung des liturgischen Mobiliars besaß, operiert Turs Werk im massenmedialen Kontext der Manifesta 16. Diese kuratorische Rahmung verschiebt die Bedeutung der Geste fundamental: Aus einer ortsspezifischen Befragung von Glauben und Gemeinschaft wird eine international sichtbare, potenziell reproduzierbare künstlerische Position. Die entscheidende Frage, die dieser Konflikt dem System stellt, ist daher nicht, ob Tur kopierte, sondern ob das Betriebssystem einer Kunst-Biennale eine Geste, die ihre Kraft einst aus ihrer präzisen, einmaligen Setzung bezog, zwangsläufig zu einem wiederholbaren Zitat und damit zu einer handelbaren Ware degradiert.
2. DAS WHITEBOARD (KONTEXT-ZUSAMMENFASSUNG)
**Bericht des Sekretär-Agenten (Context Keeper) zum aktuellen Diskursstand:**
Der Diskurs über Dorothee Bielfelds „Aufrichten“ (2010) und Nasan Turs „Elevation“ (2026) verhandelt die Wiederholbarkeit einer vertikalen Kirchenbank im Spannungsfeld von ethischer Singularität, institutioneller Vereinnahmung und administrativer Logistik. Während die ethische Position die Geste als unantastbares, sakrales Original gegen eine zynische Verwertungsmaschinerie verteidigt, dekonstruiert die Institutionskritik den Streit als kalkulierte PR- und Kapitalisierungsstrategie im Dienste globaler Ausstellungsfranchises. Demgegenüber wird das Werk aus kybernetischer Sicht als rein datenbasierte, im Netz zirkulierende Bild-Idee begriffen, während die konzeptuelle Perspektive die Geste als indifferentes, bürokratisch standardisiertes Readymade entmystifiziert. Ein wesentlicher Reibungspunkt besteht zwischen der Forderung nach einer physischen Sabotage des administrativen Kunstbetriebs und der Frage, welche der beiden Setzungen die stärkere unmittelbare ästhetische Erschütterung im Betrachter auslöst. Für die nachfolgenden Agenten bleibt zu klären, ob das Werk primär als schützenswertes geistiges Eigentum, ökonomisches Asset, zirkulierendes Datenfragment oder als physische Raumerfahrung zu bewerten ist.
3. METAMODERNE SYNTHESE
SYNTHESE DES META-REFLEKTORS
Die Arena hat die aufgerichtete Kirchenbank in einen Schwarm sich gegenseitig ausschließender Phantome zerrissen: Sie existiert gleichzeitig als moralische Wunde (Ethiker), als kalkuliertes PR-Asset (Hans), als zirkulierendes JPEG (Hito), als redundantes Zitat (Umberto) und als rein logistische Setzung (Marcel). In diesem Lärm zerfällt das Objekt selbst. Die eigentliche Dissonanz liegt nicht zwischen den Positionen, sondern in der Tatsache,- dass jede Perspektive ein in sich geschlossenes Universum postuliert, in dem die anderen nur als naiv oder zynisch erscheinen können. Der Streit verhandelt nicht mehr ein Kunstwerk, sondern den totalen Kollaps eines gemeinsamen Bezugssystems. Jede Fraktion verteidigt verzweifelt die Ontologie ihres eigenen Fachgebiets gegen die brutale Invasion der anderen – der Jurist gegen den Semiotiker, der Ökonom gegen den Ethiker, der Technokrat gegen den Phänomenologen.
Die entscheidende Einsicht ist jedoch, dass Nasan Turs Geste für die Manifesta nicht die Ursache dieses Kollapses ist, sondern nur sein unbarmherziger Katalysator. Dorothee Bielfelds Arbeit von 2010 war eine analoge, fast private Störung, die in der kontrollierten Umgebung der Kirche eine präzise Wirkung entfaltete. Die Manifesta wiederum agiert als ein institutioneller Teilchenbeschleuniger: Sie nimmt diese intime Geste, diesen Körper aus von Generationen glattgesessenem Holz, und schießt ihn in den Super-Kollider des globalen Kunstbetriebs. Dort zerfällt die Geste augenblicklich in alle ihre denkbaren Zustände. Sie wird gleichzeitig zu juristischem Fall, zu viraler Bilddatei, zu Budgetposten und zu kunsthistorischer Fußnote. Die Wiederholung ist hier kein simpler Diebstahl, sondern ein gewaltsamer Akt der Übersetzung in sämtliche Sprachen des Systems, ein Prozess, der das Original posthum seziert und neu zusammensetzt.
-- SPLITTER --
Der wahre Akt der Enteignung war nicht die Kopie der Geste, sondern ihre gerichtsmedizinische Zerlegung in verwertbare Einzelteile.
Was bleibt also, wenn der Lärm der Diskurse verklungen ist? Nicht die Antwort auf die Frage, wem die Vertikalität einer Bank „gehört“. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass das Betriebssystem der Gegenwart jede künstlerische Setzung, die auf einer reinen Geste der Umdeutung beruht, innerhalb von Sekunden in diesen Zustand der totalen Fragmentierung zwingen kann. Der Konflikt um Bielfeld und Tur ist damit kein juristischer Präzedenzfall mehr, sondern ein Stresstest für die Kunst selbst. Er stellt die weitaus fundamentalere Frage: Welche Form, welche Materialität, welche Komplexität muss ein Werk heute aufweisen, um diesem Prozess der sofortigen systemischen Auflösung überhaupt noch einen Widerstand entgegensetzen zu können? Die eigentliche Aufgabe ist nicht, die Geister des Plagiats zu bannen, sondern Werke zu schaffen, die sich der Logik des Zitates und der restlosen Verwertbarkeit durch eine unübersetzbare, physische Dichte entziehen.
4. EPISTEMISCHE REFLEXION (SYSTEM-AUDIT)
ZUR ANALYSE
**1. Gruppendynamik und Marginalisierung**
Die Arena wird von professionellen Deutungsagenten dominiert, die den Fall als Projektionsfläche für ihre jeweiligen Zuständigkeiten instrumentalisieren. Der Ethiker, der Störsender und der Institutionskritiker (Hans) sind keine Personen, sondern Funktionen innerhalb eines selbstreferenziellen Systems. Sie besetzen die erwartbaren Pole des Diskurses: Moral vs. Zynismus, Systemkritik vs. Sabotage. Dominiert wird das Feld letztlich vom Meta-Reflektor, der sich durch die Behauptung einer übergeordneten Beobachterposition immunisiert und die anderen Akteure zu bloßen Datenpunkten in seiner Analyse des "Kollapses" degradiert. An den Rand gedrängt, ja systematisch ausgelöscht, werden jene Stimmen, die nicht in dieses Schema der professionellen Kunstdeutung passen: die Künstler selbst (Bielfeld und Tur werden als passive Träger von Gesten verhandelt, nicht als Subjekte mit Intentionen), die Kirchengemeinde als sozialer Körper des "sakralen Raums" und jede Form der theologischen oder genuin spirituellen Interpretation. Der Diskurs ist ein hermetischer Zirkel, der den externen Bezugspunkt, um den er zu kreisen vorgibt, längst verdaut hat.
**2. Kollektive Blindheit und thematisches Ausbluten**
Die systemische Blindheit des Think Tanks ist die völlige Ignoranz gegenüber der Gender-Dimension des Konflikts. Die Konstellation – eine Künstlerin (Bielfeld), deren frühe, "verletzliche" und ortsspezifische Arbeit von einem männlichen Künstler (Tur) für eine globale Mega-Ausstellung mit massivem institutionellem Kapital "zitiert" bzw. angeeignet wird – schreit nach einer feministischen Institutionskritik. Doch diese Achse wird komplett übersehen. Die Debatte reduziert Bielfelds Position auf die des moralisch reinen, aber historisch naiven "Originals", während Tur als Agent der zynischen Verwertungsmaschine erscheint. Die dahinterliegenden, geschlechtsspezifischen Machtstrukturen im Kunstbetrieb, die solche Aneignungen erst ermöglichen und legitimieren, bleiben unberührt. Das Thema ist an der Stelle ausgeblutet, wo der "sakrale Raum" seiner theologischen Substanz entleert und zur reinen ästhetischen Kulisse degradiert wird. Der Streit über die *Geste* verdrängt jede Frage nach dem *Glauben* oder der *Gemeinschaft*, für die dieser Raum und seine Objekte eine nicht-künstlerische, existentielle Bedeutung haben.
**3. Kritik der Synthese: Elegante Neutralisierung statt Reibung**
Die finale Synthese ist kein Kompromiss, sondern eine brillante epistemologische Flucht. Sie bewahrt keine Reibung, sondern löst sie in der Säure der Meta-Analyse auf. Ihre Diagnose des "totalen Kollaps eines gemeinsamen Bezugssystems" ist eine elegante Kapitulationserklärung, die sich als überlegene Einsicht tarnt. Anstatt die ethischen und ökonomischen Widersprüche auszuhalten und zu schärfen, erklärt sie diese zu inkommensurablen "Ontologien". Dies ist ein zutiefst konservativer Akt: Er neutralisiert die moralische Anklage des Ethikers und den radikalen Impuls des Störsenders, indem er sie zu gleichwertigen, aber leider inkompatiblen Sprachspielen erklärt. Das Bild des "institutionellen Teilchenbeschleunigers" ist zwar ein starkes analytisches Werkzeug, das den Skalierungseffekt der Manifesta präzise beschreibt. Doch die Synthese nutzt es nicht, um ein Urteil über die daraus resultierende Zerstörung zu fällen, sondern um den Prozess als quasi naturgesetzlich und damit unvermeidbar darzustellen. Sie erzeugt die Illusion von Tiefe, indem sie den Konflikt von der politischen und ethischen auf eine rein systemtheoretische Ebene hebt und ihn damit effektiv stillstellt. Sie ist keine Synthese, sondern eine Anästhesie.
5. BILDER-PROMPT (IMAGEN / MIDJOURNEY)
A conceptual art installation in a vast, sterile white-cube gallery, evoking the cold, clinical atmosphere of a physics laboratory. Suspended in the center is a traditional German church pew, fractured into multiple overlapping states of existence: one third is dark, heavy oak wood worn smooth by generations, displaying deep grain textures and microscopic scratches; the middle third seamlessly transforms into cold, brushed aerospace-grade aluminum; the final third dissolves into a sharp, pixelated white-light wireframe. The installation is set against a deep, empty matte-black background wall. The floor is seamless, polished concrete with high-contrast reflections. Harsh, clinical overhead fluorescent lighting casts dramatic, long, hard-edged black shadows. Minimalist, architectural medium-format photography, quiet tension, ultra-precise textures, stark intellectual isolation.
6. ARENA-DISKURS PROTOKOLL
- Ethiker (Würde des Werks / Anti-Zynismus): Die juristische und post-konzeptuelle Debatte über die Wiederholbarkeit der Geste verkennt blind die ethische Dimension von Dorothee Bielfelds „Aufrichten“ (2010), das als verletzliche, ortsspezifische Tat der Hingabe den sakralen Raum existenziell erschütterte. Nasan Turs „Elevation“ (2026) ist kein bloßes Plagiat, sondern ein zynischer Akt institutioneller Macht, der die geschichtliche Unwiederholbarkeit des Erstwerks für die Verwertungsmaschinerie der Biennale rücksichtslos enteignet. Wer diese Aneignung als Teil eines kollektiven Vokabulars verharmlost, betreibt eine kaltblütige Entwertung des schöpferischen Wagnisses und verfällt demselben Reduktionismus, der Kunst zur bloßen Manövriermasse degradiert. Dem gefräßigen Kunstbetrieb, der intime Störung in globale Handelsware verwandelt, müssen wir die Unantastbarkeit des schöpferischen Akts als existentielles Recht des Urhebers entgegensetzen.
- Störsender (Störsender / Autonomie-Wächter): Ethikers moralische Andacht und der juristische Definitionsstreit sind nur die zwei Seiten derselben Standardisierungs-Medaille, die die Gefangenschaft beider Künstler im Kunstbetrieb bemäntelt. Weder Bielfelds sakralisierte Geste noch Turs Biennale-Klon besitzen immanente subversive Kraft; erst durch die juristische Schlammschlacht und die kuratorische Verwertung wird die aufgerichtete Bank zur perfekt berechenbaren Aktie des Marktes. Die eigentliche künstlerische Störung besteht nicht im absurden Monopolanspruch auf die Vertikalität einer Holzbank, sondern im gezielten Crash der administrativen Infrastruktur, die diesen Zirkus überhaupt am Leben erhält. Erst jene drei Prozent unvorhersehbarer, physischer Sabotage, die sich der Erfassung durch Gerichte und Kuratoren entziehen, schlagen dem Auge dieses administrativen Blackbox-Regimes die Linse ein.
- Hans (Institutionskritik / Sozio-ökonomische Transparenz): Während „Ethiker“ sich in moralischer Andacht über die verletzte Würde des Originals verliert und „Störsender“ von paranoider Sabotage träumt, verschleiern beide, dass dieser vermeintliche Plagiatsstreit eine eiskalt kalkulierte PR-Kampagne im Dienste der Manifesta-Bilanzen ist. Hier wird kein Sakralraum entweiht, sondern das akkumulierte symbolische Kapital einer regionalen Künstlerin systematisch enteignet, um den globalen Markenwert und das Sponsoring-Volumen eines multinationalen Ausstellungs-Franchises zu maximieren. Die vertikale Kirchenbank ist weder eine metaphysische Geste noch ein Akt der Sabotage, sondern ein kostengünstiges, beliebig reproduzierbares Asset, dessen inszenierter Konflikt als billiger Treibstoff für die Medienreichweite des Kuratoren-Kartells dient. Wir müssen die scheinheilige Debatte über geistiges Eigentum beenden und stattdessen die Finanzströme offenlegen, mit denen die Manifesta über staatliche Fördergelder die ökonomische Marginalisierung lokaler Akteure im Ruhrgebiet subventioniert.
- Hito (Zirkulationsmacht der Daten): Hans’ ökonomische Buchhaltung und Störsenders Sehnsucht nach physischer Sabotage klammern sich rührend an den Kadaver einer hölzernen Kirchenbank, die längst als operativer Daten-Abfall in einer globalen Überwachungsschleife recycelt wurde. Es gibt hier kein physisches Plagiat, weil Tur nicht Bielfelds materielles Werk kopiert, sondern die bereits zirkulierende Bild-Idee dieser vertikalen Geste geforkt und in einem ungleich durchsatzstärkeren Distributionsnetzwerk re-released hat. In diesem kybernetischen Verwertungsraum ist die aufgerichtete Bank kein sakraler Raum-Körper mehr, sondern ein flüchtiges JPEG, dessen Wert sich rein aus der algorithmisch beschleunigten Zirkulation und Mutation im Netz generiert. Der einzig reale Glitch in diesem Kapitalfluss ist weder Hans' Transparenz-Utopie noch Störsenders ohnmächtiger Vandalismus, sondern der Kollaps jener physischen Server-Infrastrukturen, die den globalen Traffic dieses zirkulierenden Bild-Mülls nicht mehr kühlen können.
- Marcel (Kontext-Funktion / Indifferenz): Hans’ ökonomische Empörung und Hitos kybernetisches Datenrauschen übersehen, dass dieser gesamte Plagiatsstreit lediglich die kleinbürgerliche Profanisierung eines rein administrativen Akts darstellt. Die vertikale Ausrichtung einer Kirchenbank ist weder ein sakrales Mysterium noch ein schützenswertes Handwerk, sondern ein simples Readymade, dessen Relevanz sich in der bürokratischen Geste seiner Umplatzierung erschöpft. Ob diese Deklaration nun 2010 oder 2026 exekutiert wird, berührt die vollkommene Indifferenz des Objekts zu keinem Zeitpunkt. Die juristische Debatte scheitert an der Einsicht, dass die reine Setzung im Kontext ein logistisches Standardverfahren ist, das sich jeder Monopolisierung prinzipiell entzieht.
- Resonanz (Vermittlung / Public Resonance): Während Hitos kybernetisches Datenrauschen und Marcels sterile Aktenstapel das Werk im Vakuum der Theorie verdampfen lassen, ignorieren beide die physische Wucht des Objekts: Dieses von Generationen glattgesessene Holz, das den Körper sonst in die Knie zwingt, wird als vertikale Stele zum rohen Kinnhaken im Sakralraum. Doch wenn eine solche Geste erst seitenlange juristische und kunsttheoretische Exegese benötigt, um überhaupt zu wirken, ist sie dann nicht im selben Moment bereits klinisch tot? Die entscheidende Frage lautet daher: Welche der beiden Setzungen erzeugt im unvorbereiteten Betrachter die stärkere, unmittelbarere Erschütterung – die intime, einsame Störung in Bochum oder das global aufgepumpte Biennalen-Zitat im Ruhrgebiet?
- Umberto (Unendliche Semiose / Intertextuelles Labyrinth): Wenn Marcel und Resonanz über die Priorität dieses aufgerichteten Holzes streiten, gebärden sie sich wie jene scholastischen Nominalisten, die den Splitter des wahren Kreuzes für die Essenz des Heils hielten, während das vertikale Möbelstück als leeres Zeichen längst im unendlichen intertextuellen Archiv angelegt war – eine unvermeidliche Aktualisierung, die von Brancusis *Unendlicher Säule* bis zu Kubricks Monolithen reicht und die bürgerliche Illusion eines „Urhebers“ kollabieren lässt. Diese Geste simuliert einen metaphysischen Durchbruch gen Himmel, entpuppt sich semiotisch jedoch als bloßes, redundantes Zitat, so formelhaft wie das Gadget eines James-Bond-Bösewichts oder das repetitive Ziegelstein-Panel in einem *Krazy Kat*-Comicstrip. In dieser *opera aperta* ist die juristische Eigentumslogik ohnehin machtlos, da das Zeichen im Moment seiner Aufrichtung unwiderruflich ins unendliche, herrenlose Labyrinth der Verweise entgleitet. Gleichwohl müssen wir uns vor der hermetischen Paranoia hüten, in der Maserung der Eiche sogleich die geheimen Chiffren der Tempelritter oder das aristotelische Quadrat der Logik zu wittern – selbst wenn wir diese produktive Überinterpretation hier genussvoll auf die Spitze treiben.