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Das Piranesi-Prinzip - Kunstbibliothek, Berlin (4.10.20-7.2.21)

Eingabedatum: 04.10.2020


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Giovanni Battista Piranesi, Rekonstruktion des Circus Maximus in Rom, um 1750–1751, © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Volker-H. Schneider
Kulturforum, Kunstbibliothek
Matthäikirchplatz 6, 10785 Berlin
Di, Mi + Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr

Das Piranesi-Prinzip. Zum 300. Geburtstag des großen italienischen Meisters

Eine Sonderausstellung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin

Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) war ein universales Talent des 18. Jahrhunderts. Als Archäologe, Künstler, Architekt, Sammler, Designer, Verleger und Autor machte er international Karriere. Sein Erfolgsprinzip bestand darin, die Wirklichkeit in all ihren Facetten zu ergreifen und in Neues zu verwandeln. Alles wurde für ihn zur Inspiration: die Künste ferner Epochen und Regionen, Bilder aus Wissenschaft, Technik und Oper, sogar Schmähungen und Niederlagen. Die Jubiläumsausstellung anlässlich des 300. Geburtstags lässt das Piranesi-Prinzip in seiner ganzen Kreativität lebendig werden. Im Mittelpunkt stehen Piranesis Meisterstiche, Bücher, Streitschriften, satirische Bilder und noch nie gezeigte Handzeichnungen aus den Beständen der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts.

Die Ausstellung beginnt mit einer Zeitreise in Piranesis Rom: Während heutige Romtouristen die antiken Überreste in einer urbanen Umgebung bestaunen, erlebte der gebürtige Venezianer seinen Lebens- und Wirkungsort im 18. Jahrhundert als eine Stadt inmitten einer Ruinenlandschaft, in der von Pflanzen überwucherte Monumente aus dem Erdreich ragten. Hier fand Piranesi die Motive für seine Ansichten und Architekturfantasien, sammelte Artefakte für sein „Museo“ und betrieb kunst- und baugeschichtliche Forschungen, deren Ergebnisse er in monumentalen Werken wie den „Antichità Romane“ (1756) publizierte. Hier fand er auch seine Kundschaft und sein Publikum: Künstler, Kunstgelehrte, Archäologen, Antiquare, Kunsthändler kamen aus aller Welt, um in der ‘ewigen Stadt‘ ihr Glück zu machen oder – wie Piranesi – selbst unsterblich zu werden.

Auf Piranesis Rom folgt in der Ausstellung Piranesis Bühne: Oper und Theater waren seit dem Barock ein einflussreiches Massenmedium. Es fand nicht nur in Residenzen, sondern auch in den Straßen und auf Plätzen statt, wo etwa religiöse Feste als aufwändige Spektakel inszeniert wurden. Theater im 18. Jahrhundert war ‚ganz großes Kino‘, für welches Künstler und Architekten die Bühnenbilder und Dekorationen entwarfen. Mit innovativen Spezialeffekten revolutionierten sie die Sehgewohnheiten des Publikums. Piranesi, der bereits in Venedig mit dieser Szene in Berührung gekommen war, griff diese Ideen auf und nutzte sie für die Dramatisierung seine Kompositionen. Sowohl seine Veduten als auch die berühmten „Carceri“ verdanken ihre Magie ganz wesentlich dem Einfluss des Theaters seiner Zeit.

Nicht nur die Traumfabrik des Theaters, sondern auch die technische Bilderwelt der Wissenschaften übte eine immense Faszination auf Piranesi aus. Wie in einem Labor experimentierte er in seiner Werkstatt mit zukunftsweisenden Bildtechniken, um Wege zu finden, die Ergebnisse seiner archäologischen und kunstwissenschaftlichen Forschungen in die Gelehrtenwelt und die Öffentlichkeit zu kommunizieren. In der Sektion Piranesis Labor richtet die Ausstellung den Blick auf die monumentalen Schautafeln, Rekonstruktionen und Karten, die ihn in den Wissenschaften weit über Italien hinaus berühmt machten: 1757 wurde er Mitglied der „Society of Antiquaries“ in London, 1761 Ehrenmitglied der „Accademia di San Luca“ in Rom. Bahnbrechend und seiner Zeit voraus sind seine Darstellungen vor allem deshalb, weil sie einem Computer-Desktop gleichen, auf dem gleichzeitig eine Vielzahl von Fenstern geöffnet ist. Sie machten Piranesi zu einem Pionier der visuellen Kommunikation.

Das Kapitel Piranesis Palazzo führt das Publikum an den zentralen Ort seines Schaffens: den Palazzo Tomati unweit der Spanischen Treppe wo Piranesi seit 1761 residierte, eine große Werkstatt betrieb und sein „Museo“ (ein Verkaufslager antiker und eigenfabrizierter Objekte) für Touristen und Kunstgelehrte zugänglich machte. Die in der Kunstbibliothek aufbewahrten Handzeichnungen Piranesis – darunter seine berühmten Kaminentwürfe – geben wichtige Aufschlüsse zu seiner Arbeitsweise. Piranesi war offen für alles: Er verwertete die römische Antike ebenso wie die ägyptische, etruskische und griechische Kunst und wagte oft bizarre Kombinationen. Selbst im Papierabfall seines Ateliers fand er Anknüpfungspunkte und Ansporn für kreative Schaffensprozesse. Recycling und Re-Using gehörten zum Werkstattalltag, zumal Papier eine kostbare Ressource war. In der Ausstellung wird unmittelbar anschaulich, wie Vorder- und Rückseiten von Drucken, Zeichnungen und Notizen für immer neue Entwürfe herangezogen wurden.

Unter dem Titel Piranesis Arena wirft die Ausstellung schließlich auch Schlaglichter auf Piranesi als polarisierende Figur der internationalen Kunstszene. Exemplarisch werden vier Personen aus seinem Leben vorgestellt. Zum einen der ebenfalls aus Venedig stammende Papst Clemens XIII. (1693-1769), der als Auftraggeber eine herausragende Bedeutung hatte, zum anderen drei Antagonisten, die Piranesi in einer Weise wütend machten, dass er zu ungewöhnlichen künstlerischen Waffen griff: Dem französischen Kunstgelehrten Pierre-Jean Mariette (1694-1774), der die Bedeutung der römischen Antike in Frage gestellt hatte, stellte er eine ganze Publikation entgegen, in der er die Argumentation des Gegners in Wort und Bild auseinandernahm. Den Namen seines irischen Gönners Lord Charlemont (1728-1799), der sich aus der Finanzierung eines seiner größten Projekte zurückgezogen hatte, tilgte er visuell eindrucksvoll aus dem öffentlichen Gedächtnis. Und dem französischen Archäologen Bertrand Capmartin de Chaupy (1720-1798) widmete er eine detailreiche und meisterlich ausgearbeitete Darstellung seines Stuhlgangs.

Ausstellung und Katalog wurden gemeinsam von Studierenden, Kurator*innen und Forscher*innen der Kunstbibliothek und dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt Universität zu Berlin konzipiert, unter der kuratorischen Leitung von Georg Schelbert, Humboldt-Universität zu Berlin, und Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin. Ziel des Projekts war es, in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs neue Perspektiven auf Piranesi zu öffnen, der seit dem frühen 20. Jahrhundert einseitig als Meister der „Carceri“ und Vorläufer des Surrealismus rezipiert wird. In den letzten Jahrzehnten hat die kunstgeschichtliche Forschung diesen Mythos jedoch zunehmend in Frage gestellt. Das Interesse gilt nun nicht mehr den Innenwelten Piranesis, sondern den visuellen Wirklichkeiten, deren Ressourcen er virtuos für seine Künstlerkarriere zu nutzen verstand.

Dieses neue Piranesi-Bild steht auch im Mittelpunkt der begleitenden Kamingespräche, in denen Kunsthistoriker*innen, Kurator*innen und Studierende vom ‘Making of‘ der Ausstellung berichten. Jede Veranstaltung bietet einen Spaziergang durch die Ausstellung, Blicke auf weitere Schätze der Architektursammlung der Kunstbibliothek und jede Menge Neuigkeiten zu Piranesis Leben und Werk. Piranesis Obsession für Kamine wird dabei eine besondere Rolle spielen.
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www.smb.museum


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