"Elastic Taboos" - Die koreanische Kunst der Gegenwart, Kunsthalle Wien (23.2.-10.6.07)


Eingabedatum: 30.01.2007

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Setzt man sich mit den Tabus in der zeitgenössischen koreanischen Kunst auseinander, gewinnt man das Bild einer Gesellschaft, die seit Jahrtausenden von tief greifenden Widersprüchen zerrissen ist, die bis in die jüngste Vergangenheit bestimmend sind und auch in nächster Zukunft prägend sein werden. Seit den 1960er Jahren hat sich das Land langsam von dem fürchterlichen Krieg erholt, der 1953 ein Ende fand, und sich dramatisch zu verändern begonnen. Die ländliche Gesellschaft hat sich innerhalb von fünf Jahrzehnten rapide in eine städtisch geprägte Welt verwandelt. Und mit der wirtschaftlichen Entwicklung und Industrialisierung hat sich Korea auch allmählich von seiner außerordentlich repressiven Militärdiktatur befreit und ist zu einer jungen neuen Demokratie geworden, die der Korruption den Kampf angesagt hat.
Korea hat im Lauf seiner Geschichte Epochen fundamentaler Umwälzungen erlebt, so etwa durch die chinesische und japanische Besatzung, durch die Intervention Russlands und das Eingreifen der USA. In den letzten Jahren ist das Land - ohne die Moderne hinter sich gebracht zu haben - in das Zeitalter der Postmoderne eingetreten. Diese dramatischen Veränderungen haben die gesamte Gesellschaft und ihre Regeln geprägt. Was gestern ganz und gar tabu war, ist heute erlaubt und wird sogar unterstützt - und umgekehrt.
Auf Tabus in der koreanischen Kunst zu verweisen heißt, auf die Widersprüche in der Gesellschaft selbst zu verweisen: auf den Antagonismus zwischen Konfuzianismus und Modernität (Ultraliberalismus); die Last der gesellschaftlichen Hierarchie; den Gegensatz zwischen dem echten Gefühl für Abstraktion und dem Minimalismus einer jahrtausendealten Kultur, die sich durch ihre Suche nach Einfachheit und Formen auszeichnet, die ohne Ornament auskommen, und dem Chaos von Kitsch, das heute die Städte überzieht; die junge Demokratie und die Kämpfe für diese Demokratie.
Die Zukunft Koreas wird von Elastizität bestimmt sein, und dieser schwierigen Aufgabe gilt es sich zu stellen. Ultraliberale Praktiken in Wirtschaft und Politik haben die hierarchischen Strukturen des koreanischen Konfuzianismus zerstört, der nur in Form einiger weniger formeller gesellschaftlicher Haltungen überlebt hat. Die Werte ruhen nicht mehr auf Grundsätzen, sondern werden nur mehr von einem traurigen Opportunismus abgestützt.
Eine Schau zu einem solchen Thema zu kuratieren beinhaltet die Möglichkeit, die gewählten Werke zu einer gemeinsamen Vision von Künstlern und Kuratoren zu verdichten und nicht bloß mehr oder weniger buchstäblich irgendein Thema zu bebildern. Insofern bedeutet die Ausstellung auch eine Absage an die so genannte politische Korrektheit. Daher werden Werke einander gegenübergestellt, die noch nie zusammen zu sehen waren, wird eine "Schlacht der Bilder" inszeniert, der Sinn entspringen soll. An den Wänden der Ausstellung finden sich überall Gesichter und Worte, von denen die meisten nicht dechiffrierbar sind. Ihre totale Exotik vermittelt jedoch etwas Freundliches - eine vertraute Fremde, eine fremde Vertrautheit.

Die Mischung aus figurativen Manifesten wie dem langen, mehrteiligen Gemälde von Shin Hak-chul, das realistisch, metaphorisch, kritisch und bunt die Geschichte des modernen Korea darstellt, und Arbeiten wie den meditativen, beinahe leeren monochromen Gemälden von Park Seo-bo schafft einen ungewöhnlichen Zugang zur koreanischen Moderne. Gezeigt wird auch eine Rekonstruktion der bahnbrechenden Arbeit von Kee Kang-so aus dem Jahr 1975: Er ließ einen lebenden Hahn ein Gemälde am Boden hervorbringen: Das Tier, das an einem Bein mit einer Schnur angebunden war, ging auf verstreutem Gips verwirrt im Kreis und schuf so ein abstraktes weißes Bild. Diesem ironisch „informellen“ Werk wird eine Arbeit der jungen Künstlerin Lee Seulgi, Dokebi, gegenübergestellt: An der rotierenden Skulptur sind an Schnüren Bälle befestigt, die auf diese einschlagen wie ein verrückt gewordener buddhistischer Mönch auf seinen Mok’ Tak. Bubblyfish (alias Kim Haeyoung) hat einen Soundtrack für einen Gameboy komponiert, der eine hübsche Untermalung für die monochromen Arbeiten Park Seo-bos abgibt. Der Track entfaltet einen unaufdringlichen musikalischen Duft, der die koreanische Modernität in ihrer Geschichtlichkeit begreifen hilft, während die Sammlung der Plakate von Choi Jeong-hwa von allen Seiten stumm auf uns einschreit.

Kuratoren der Ausstellung: KIM Seung-duk, Franck Gautherot
Kuratorin Kunsthalle Wien: Sabine Folie

KünstlerInnen: Bahc Yiso, Baik Hyunjhin, Bong Joon-ho, Bubblyfish (Kim Haeyoung), YOUNG-HAE CHANG HEAVY INDUSTRIES, Choi Jeong-hwa, min hwa, Choi Chul-hwan, Gimhongsok, Steven Gontarski, Jung Yeondoo, Kim Han-yong, Sunny Kim, Lee Kang, Lee Noori, Lee Sang-Hoon, Lee Seulgi, Lee Ufan, Oh Hein-kuhn, Park Chan-wook, Park Junebum, Park Seo-bo, Shin Hak-chul, Woojuk /Friendly Enemies (Presse / KH Wien)

Abbildung: min hwa Choi Chul-hwan, Pink-My Life as a Shit, 1993, Collection National Museum of Contemporary Art, Korea

Öffnungszeiten: Täglich 10 - 19 Uhr, Do 10 - 22 Uhr

KUNSTHALLE wien
Museumsplatz 1
A-1070 Wien

Tel.: +43-1-521 89-1221

kunsthallewien.at

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