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Resonanzen des Hybriden: Materialität und Verantwortung im post-digitalen Zeitalter

Ein Rückblick auf die letzten 30 Ausstellungen

Eingabedatum:


Die uns vorliegende Sammlung von Analysen ist kein bloßes Kompendium von Ausstellungen, sondern ein Seismograph für die tektonischen Verschiebungen innerhalb des aktuellen Kunstdiskurses.

Ich präsentiere Ihnen hiermit die Analyse: **„Resonanzen des Hybriden: Materialität und Verantwortung im post-digitalen Zeitalter“**.

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### I. Die Dialektik von Haut und Screen: Posthumanistische Körperlichkeiten
Ein dominantes Muster ist die tiefgreifende Untersuchung der menschlichen Existenz an der Schnittstelle zur Virtualität. Wir beobachten eine Abkehr von der binären Trennung zwischen physischem Subjekt und digitalem Objekt. In ECHOES. Skin Contact manifestiert sich dieser *Posthumanismus* durch die Verschmelzung von CGI-Avataren und haptischer Präsenz. Diese Tendenz wird durch Sandra Mujinga. SKIN TO SKIN radikalisiert, indem sie Tarnung und Biomorphismus als subversive Strategien gegen digitale Überwachung einsetzt. Die „Haut“ des Bildes wird bei Künstlerinnen wie Jelena Bulajić. Untitled (after) durch den Einsatz von Marmorstaub zu einem Akt des materiellen Widerstands gegen die Immaterialität der Algorithmen.

### II. Archivalische Dekonstruktion und Narrative Souveränität
Die aktuelle Praxis zeigt eine Abkehr von der statischen Geschichtsschreibung hin zu einer performativen Form der Vergangenheitsbewältigung. Unter dem Paradigma der *Institutional Critique* werden museale Räume wie in Die Komplexität von Erinnerung, Vermächtnis und Verantwortung selbst zum Objekt der Untersuchung. Wir sehen hier einen „Ethnographic Turn“, der sich auch bei Bárbara Wagner & Benjamin de Burca. THE TUNNELS WE DIG durch kollektives Scripting zeigt. Besonders virulent ist die Verknüpfung von dekolonialer Geschichtsschreibung und Textur: Britta Marakatt-Labba. Stitched Tracks und Diambe. Bees beings beans transformieren handwerkliche Traditionen in politische Instrumente der Selbstermächtigung.

### III. Ökologische Ästhetik und die Agentialität der Natur
Die Auseinandersetzung mit dem *Anthropozän* hat die mimetische Naturdarstellung endgültig hinter sich gelassen. Stattdessen tritt die Natur als aktiver Mitgestalter auf. In der Gegenüberstellung Kartographien des Wachstums. Katinka Bock im Dialog mit Lois Weinberger wird das Konzept der *Site-Specificity* durch organische Interventionen erweitert. Die Ausstellung Ulrike Donié, Andrea Raak. KIPPPUNKT verdeutlicht die beunruhigende Ästhetik des Hyperrealen, indem sie industrielle Abfälle in biomorphe Strukturen überführt – eine zeitgenössische Transformation des Vanitas-Motivs. Auch Morsbroich bewohnen! Willkommen daheim. nutzt die Architektur als Resonanzraum für diesen Dialog zwischen Kultur und Natur.

### IV. Entgrenzung der Medien: Vom autonomen Werk zum Prozess
Ein signifikanter Trend ist die Auflösung klassischer Gattungsgrenzen zugunsten intermedialer Praktiken. Daniel Grüttner. Out of the Web emanzipiert die Zeichnung zum autonomen Prozess, während Kerstin Brätsch. MƎTAATEM die Malerei in den Raum expandiert und das „Genie“ durch kollektive Autorschaft ersetzt. Diese Prozesshaftigkeit findet sich auch in der Verbindung von Klang und Mechanik in 8 Ω LESS oder in der radikalen Subjektivität von Jessica Backhaus. Shadows Might Dance, die Fotografie als haptisches Ausdrucksmittel begreift. Selbst historische Positionen wie Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus werden heute unter dem Aspekt der medialen Reflexion neu bewertet.

### V. Soziale Plastik und institutionelle Prekarität
Schließlich rückt die Kunst als Raum der psychologischen und sozialen Verhandlung in den Fokus. Mischa Kuball: under construction / public preposition führt die Tradition der Sozialen Plastik im urbanen Raum fort. Gleichzeitig thematisieren Ausstellungen wie Sorry About the Delay. Mette Bjørndal & Faun Vium oder ouvert - In der Ruhe liegt die Angst die Bedingungen künstlerischer Produktion selbst – Erschöpfung, Angst und Burnout werden als produktive Kategorien in den musealen Raum integriert.

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### Die Meta-Quintessenz

Die Essenz der gegenwärtigen Kunstproduktion liegt in einer **„radikalen Relationalität“**.

Die Kunst von heute fungiert nicht länger als isoliertes ästhetisches Objekt, sondern als ein hochsensibles, prozesshaftes Bindeglied: Sie vernetzt die Fragilität des ökologischen Systems mit der Härte digitaler Algorithmen und konfrontiert historische Archive mit posthumanistischen Zukunftsentwürfen.

Der „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ wird nicht mehr durch mimetische Perfektion gewonnen, sondern durch die Fähigkeit, die **Vulnerabilität des Subjekts** in einer technisierten Welt sichtbar zu machen. Ob durch die Stickerei einer Britta Marakatt-Labba, die Video-Performances von Julia Heyward. Miracles in Reverse oder die Licht-Untersuchungen einer Heike Baranowsky. Soliloquio – das Ziel ist die Re-Sensibilisierung der Wahrnehmung in einer Ära der totalen medialen Verfügbarkeit.

Die zeitgenössische Kuratierung muss diesen Zustand des „In-zwischen“ aushalten und fördern: Kunst ist heute die Kartographie eines permanenten Übergangs.