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Børre Sæthre: Im Nordischen Seelenhaushalt



Künstlerportrait: Wer einmal in Skandinavien war, der mag sich einfacher zurechtfinden in den surrealen Bildwelten des norwegischen Künstlers Børre Sæthre. Dunkle Wälder, tiefe Fjorde, dazu das raue Klima, das abgesehen von wenigen Sommertagen viel Schnee bringt und Wintermonate, in denen es kaum hell wird. Mit der Einsamkeit kommen die Geschichten und Sæthre bettet sie ein in Environments, die effektvoll zwischen klinisch-steriler Hochglanzästhetik und nordischer Mystik changieren.

Es könnten Filmsets sein oder Stationen eines Traumes: So unwirklich-märchenhaft und zugleich perfekt wirken sie. In Stealth Distortion (...must have seen it in some teenage wet dream) von 2008 hat es sich ein weißes Einhorn in einem futuristischen Plastikkubus bequem gemacht und blickt den Betrachter durch eine Wand aus Milchglas herausfordernd an. Überall im Raum sind Neonröhren und Bildschirme verteilt, auf dem Boden kullern seltsame Apparate herum, es blinkt und summt und reflektiert, während undefinierbare elektronische Töne um Aufmerksamkeit buhlen. Fortwährende Explosionen auf kleinen Plasmascreens werden zu Höhepunkten ohne Auflösung, aber schon bald nimmt man die Geräuschkulisse nicht mehr wahr. Umso mehr empfindet man das ausgestopfte Fabelwesen in seinem weißen Plastikkäfig als störend, unheimlich.



Dieses Unheimliche ist eine feste Größe im Werk des Norwegers: Wie vor ihm etwa der US-amerikanische Künstler Mike Kelley interessiert sich Børre Sæthre für diesen ganz besonderen Gemütszustand, dem Freud einst einen ganzen Aufsatz widmete. Das Unheimliche lauert hier wie da im Vertrauten: Bei Sæthre sind es Übergangsarchitekturen, die an Bahnhöfe, Flughäfen und Hotellobbies erinnern, Orte, an denen der moderne Mensch viel Zeit verbringt, obwohl sie nicht zum Verweilen einladen.

Hierzulande eher unbekannt, war der 1967 in Oslo geborene Künstler mit Wohnsitz in New York, Berlin und Oslo von 2001 bis 2002 Artist in Residence im Künstlerhaus Bethanien, wo er 2003 selbst ausstellte. Zu seinen wichtigsten Schauen zählt die Einzelausstellung 2008 im P.S.1 Contemporary Art Center in Long Island City/ New York, sowie eine Soloschau in der Kunsthall Bergen. Daneben war er in zahlreichen Gruppenausstellungen vertreten. Mit LUSTLUX erfüllte er sich den Traum vom eigenen Label, unter dem seit 1996 seine aufwendigen Architekturen produziert werden.

Kjetil Røed beschreibt Sæthres Arbeiten in einem Artikel des Frieze Magazines als eine Mischung aus den Filmsets von Solaris und 2001: A Space Odysee und den Hochglanz-Shoppingtempeln eines Louis Vuitton. Menschen kommen darin nicht vor. Ihren Platz besetzen die ausgestopften Tiere, geflügelte Pferde, weiße Schwäne und schwarze Raben, manchmal strecken sie dem Betrachter nur ihr Hinterteil entgegen. Es sind Blaupausen in den enthumanisierten, makellosen Seelenarchitekturen des Norwegers, dessen Installationen ebenso gut Filmsets oder Theaterkulissen sein könnten.

Neben den Methoden der klassischen Psychoanalyse spielen eigener Aussage zufolge Sæthres Kindheitserinnerungen eine wichtige Rolle. Die Erfahrung von aufregenden Nächten im Zelt, Verstecken spielen im Wald und die Freundschaft zu Tieren, die er als Seelenverwandte empfunden habe, spiegeln sich in den mystischen Elementen seiner Environments wider. Dabei reflektiert Sæthre immer auch die eignene Herkunft, die Einsamkeit der rauen skandinavischen Landschaft, die Geschichten von Waldgeistern und Fabelwesen. Das Unbewusste, das Unheimliche, es hat etwas Nordisches. Ihre soghafte Wirkung, die aus dem Spiel zwischen enthumanisierter Zukunftsästhetik und mythenhaften Naturbildern oszillieren, entfalten die Arbeiten des Børre Sæthre überall.

Abbildungen: From Børre Sæthres installation: From Someone Who Nearly Died But Survived, at Bergen Kunsthall, 2007. Photo: Thor Brødreskift / Bergen Kunsthall.



Eva Biringer





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