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Gabriele Stötzer erhält Goslarer Kaiserring 2026

Eingabedatum: 12.01.2026

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Gabriele Stötzer, Foto: Ralf Gerlach
Mit der Verleihung des Goslarer Kaiserrings an Gabriele Stötzer wird eine wichtige Persönlichkeit gewürdigt, welche durch ihre Vorreiterrolle im Bereich des künstlerischaktivistischen Arbeiten schnell zu einem zentralen Vorbild für jüngere (weibliche) Künstlerinnengenerationen avancierte. Gabriele Stötzer steht nicht nur für ein experimentelles, hochqualitatives Oeuvre, sondern hat wegweisend im Bereich der Vernetzung und des Kollaborativen agiert. Wichtige Aspekte ihrer frühen Arbeiten (wie das Gegenüberstellen des Individuums und der Masse) gewinnen heute wieder an Brisanz und verleihen ihrem Werk erneut eine ganz eigene Aktualität.

Gabriele Stötzer (1953 in Emleben geboren, zwischen 1973 und 1979 verheiratete Gabriele Kachold) gilt als eine der namhaftesten und wichtigsten Künstler:innen seit den frühen 1980ern. In ihrem Oeuvre erforscht sie Rollenzuschreibungen und untersucht kritisch Machtverhältnisse, insbesondere jene die in der Zeit der DDR vorherrschten. Neben ihrem künstlerischen Werk machte sie sich als eine der wichtigsten künstlerischen Vernetzer:innenfiguren in Erfurt und der ehemaligen DDR verdient. So leitete sie in den Jahren 1980 und 1981 die Galerie im Flur in Erfurt, welche später mit einem Verbot belegt wurde. Sie gründete in 1984 die „Künstlerinnengruppe Erfurt“ (zeitweise auch „Exterra XX“ genannt), welche auf experimentelle Weise tradierte (Rollen-)Bilder analysierte. Der künstlerische, gedankliche Einfluss von Stötzer, ihr Suchen und Untersuchen von Wahrheit schlägt sich ebenso in ihrer intensiven Publikationstätigkeit als versierte Autorin nieder. Sie wirkt zudem im Bereich der Forschung und Geschichtsschreibung und untersuchte z.B. die Akten von 32 künstlerischen Persönlichkeiten aus Erfurt, um die Rolle der Stasi in Bezug auf den künstlerischen Untergrund in Erfurt zu analysieren und zu dokumentieren. Im Zentrum all ihrer Aktivitäten steht die Verletzlichkeit und das Fragile am Menschen.

Die Arbeiten von Stötzer aus den 1980er Jahren bestechen durch das Reaktionäre und Revolutionäre – das sich kontinuierlich gegen ein starres und entmündigendes System Auflehnende. Tabus und festgeschriebene Strukturen werden systematisch bearbeitet und aufgebrochen. Wie ein Seismograph fängt Stötzer ihre Zeit, die ihr anhaftende Missstände, Utopie und patriarchalen Züge ein, dokumentiert und hinterfragt sie in ihren Arbeiten. Als eine der wichtigsten Protagonistinnen der 1980er Jahre lehnte sie sich gegen tradierte Sujets, den sozialistischen Realismus und eine von männlichen Kollegen dominierte offizielle Kunstszene auf. So schaffte sie nicht nur neu geprägte Frauenbilder, sondern auch neue künstlerische Sichtweisen und erweiterte den in der Zeit der DDR starr geprägten Kunstbegriff kontinuierlich und maßgeblich, welcher sich bis heut trägt.

Als künstlerisches Mittel nutzt sie archaische Bilder, das Experimentelle, das Genreübergreifende und eine subjektive, auf den menschlichen Körper fokussierte Fotografie. Medial breit aufgestellt geht sie ihren Fragestellungen in Fotografie, Malerei, Performances, Zeichnungen, Keramik, Inszenierungen, Mode, Pleinairs und als Autorin nach. Den eignen Körper nutzt sie als künstlerisches Sujet und Mittel, aber auch als bewusst gewähltes Eigentum, das sich der gesellschaftlichen Unterdrückung entzieht. Auch das kollektive Arbeiten oder der Einbezug von Nicht-Künstlerinnen waren damals eine progressive, radikale Kunstpraxis und unterstreichen die Suche nach Freiraum und Freiheit.
Werke wie die „Urfrauengalerie“ (1984) oder „Mumie“ (1984) stehen exemplarisch und ikonisch für die wegweisende Arbeit von Stötzer. Die Mappe „Urfrauengalerie“ besteht aus 74
Fotografien, welche übermalt und zu acht Tableaux zusammengefügt sind. Als Sujet diente eine ältere Dame aus dem Krankenhaus, welche unmittelbar und mit starkem schwarzweißem Kontrast auf den Fotografien festgehalten ist. Die Spuren der Malerei auf den Fotos zeugen auch hier vom transdisziplinären Ansatz. Für die Arbeit „Mumie“ (1984) verhüllte sie den weiblichen Körper symbolisch in Mullbinden und verweist auf das Entindividualisieren und die einhergehende Starre des Menschen. In den 1980er Jahren entstanden zudem experimentelle Super-8-Filme, welche die Resonanz eines Menschen zum anderen suchen.

Stötzer wählt oft einen nahen Kamerafokus aus, der oftmals den nackten weiblichen Körper ergründet und ihn mit neuen Deutungen belegt. In Filmen wie „Trisal“ (1986) greift sie auf alte Mythen zurück, um Themen wie Tod und Wiedergeburt zu adressieren. Die Fotoserie „Schwingungskurve“ (1982) verdeutlicht das symbolisch geladene Arbeiten von Stötzer. Ein nacktes Modell malt fünf vertikale Striche auf eine Glasscheibe; um die Striche wird eine Kurve gezogen, wobei die fünf Striche als die fünf menschlichen Sinne gelesen werden können und die Glasscheibe für die unsichtbare Grenze, welche für das Denken in der DDRZeit steht.

Dr. Florence Thurmes, Generaldirektorin Kunstsammlungen Chemnitz

Mönchehaus Museum Goslar
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