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Ivan Kožarić. Freiheit ist ein seltener Vogel

Amt zum Entzug der Freiheit, Adresse und Stadt unbekannt

21.06. - 22.09.2013 | Haus der Kunst München
Eingabedatum: 25.06.2013

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"Ich bin kein Künstler, aber dafür ein schlechter Bildhauer. Ich bin durch Forschen dahin gelangt, sagen zu können, dass ich der Kunst auf der Spur bin, und das reicht mir." (Ivan Kožarić)

Ende der 1940er-Jahre beendete Ivan Kožarić (geb. 1921 in Petrinja, lebt und arbeitet in Zagreb) seine Ausbildung an der Kunstakademie in Zagreb. Seitdem entwickelte er sich zu einem der einflussreichsten Künstler der Nachkriegs-Avantgarden im ehemaligen Jugoslawien. "Freiheit ist ein seltener Vogel" bildet sechs Jahrzehnte seines komplexen künstlerischen Œuvres ab und ist gleichzeitig die umfassendste Übersichtsausstellung, die dem Bildhauer jemals außerhalb seines Heimatlandes Kroatien gewidmet wurde.

"Diese wegweisende Ausstellung spiegelt das Interesse des Haus der Kunst, das Werk einiger der wichtigsten, dabei jedoch wenig bekannten Künstler eingehend zu untersuchen, die zu einer Neubewertung zentraler Charakteristika der zeitgenössischen Kunstgeschichte beigetragen haben", sagt Direktor Okwui Enwezor.

Kožarić hat den Charakter seiner Werke stets offen gehalten, d.h. er hat frühere Werke und Ideen später weiter bearbeitet und Werke ungenau oder absichtlich falsch datiert. Um dieser Offenheit gerecht zu werden, orientiert sich die Ausstellung nicht an Kontinuität, Stil oder Entwicklung, sondern an thematischen Verbindungen innerhalb seines Werkes.

Das zentrale Thema der Skulpturen aus den 50er-Jahren ist der Mensch; es entstehen zahlreiche figürliche Darstellungen, Torsi, Porträts und Köpfe. Gleichzeitig experimentiert Kožarić mit abstrakten Formen und Fragestellungen, die später an Bedeutung zunehmen (z.B. "Osjećaj cjeline" [Gefühl von Ganzheit], 1953/54). Die Trennung zwischen figürlich and abstrakt hat Kožarić in seinem Werk konsequent in Frage gestellt.

Ende 1959 zieht Kožarić für ein halbes Jahr nach Paris. Dort entsteht die Skulptur "Unutarnje oči" (Innere Augen, 1959/60), ein (Gesichts-)Oval, aus dem zwei Stäbe dem Betrachter wie Augen entgegenwachsen. In dieser Plastik kündigt sich die intensiver werdende Beschäftigung mit negativem Volumen und der nach innen gewandte Blick an. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1960 wird Kožarić Mitglied von Gorgona, einer Avantgarde-Gruppe, die mit dem Absurden experimentiert, mit Immaterialität und metaphysischer Ironie. Gemäß ihrer Überzeugung, dass künstlerische Arbeit sich nicht in Form eines Werks niederzuschlagen braucht, sind Produkte und Arbeitsweise der Mitglieder von Gorgona oft ephemer: Zusammenkünfte, Konferenzen, Spaziergänge, Briefe und Gedanken für den Monat, sowie selbst organisierte und finanzierte Ausstellungen. Dies rückt sie in die Nähe der Konzeptkunst.

Die Gruppe gab ein "Anti-Magazin" heraus, dessen Konzept das reine Künstlerbuch war und das auch international eine Vorreiterrolle einnahm. Dieter Roth, Harold Pinter und Victor Vasarely gestalteten jeweils eine Ausgabe. Beteiligungen von Robert Rauschenberg und Yves Klein waren geplant, konnten aber nicht realisiert werden.

Während der Gorgona-Phase entstehen die "Oblici prostora" (Raumformen); sie waren konzipiert wie Abformungen von innerstädtischen Zwischen- und Hohlräumen, also negative Volumina, die in Positivformen umgewandelt werden. 1963 schreibt Kožarić, man sollte Gipsabgüsse herstellen "... von den Innenräumen einiger wichtiger Autos, von Einzimmerwohnungen, Bäumen, dem Inneren von Parks etc.: von allen wichtigen Hohlräumen in unserer Stadt." Das Resultat - weitgehend abstrakte, gerundete Formen - ist wiederum die plastische Umsetzung des Themas Leere.

Die Mitglieder von Gorgona legen keinen Wert auf das Kunstwerk in seiner konventionellen Form und geben dem Gedanken gegenüber der Ausführung den Vorzug. Mit einer Skizze aus dem Jahr 1960, "Neobični projekt - Rezanje Sljemena" (Ungewöhnliches Projekt - Abschneiden des Sljeme), schlägt Kožarić vor, den Gipfel dieses Berges nahe Zagreb zu kappen. Das Projekt, das heute als frühes Beispiel von Land Art gelten würde, existiert als übermalte Fotografie und als Skulptur im Modellmaßstab. In den 1970er-Jahren setzt Kožarić die Beschäftigung mit dem urbanen Raum fort; auch die Vorschläge für monumentale Interventionen existieren nur als Skizzen, meist übermalte Fotografien. Mit "Nazovi je kako hoćes" (Nenn sie, wie du willst), unterwandert er Vorstellungen von Monumentalität und Repräsentation. Statt eine Verkehrsinsel zu schmücken, stünde die Plastik wie ein abstrakter Gigant im Weg. Die Projekte für den Stadtraum bilden das Herzstück der Ausstellung.

Die Text-Zeichnungen von Kožarić sind meist kurze, handgeschriebene Bemerkungen. Sie drücken den spirituellen und kreativen Geisteszustand eines Augenblicks aus (z.B. "Gott bist du groß! 30.1.2000"). Oft scheint in ihnen eine produktive Selbstwidersprüchlichkeit auf, und die Befragung der eigenen Position ("Ich sehe, dass ich, wenn ich mehr arbeiten würde, etwas Gutes, etwas Richtiges erschaffen könnte. Das macht mir Angst! I.K. 87").

1971 beschließt Kožarić, sein gesamtes Atelier mit Gold zu übermalen: die Tür und den Fußboden, Schuhe, eine Streichholzschachtel, den Schrank - und die Skulpturen aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Diese Aktion negiert die Unveränderlichkeit eines Kunstwerks, und ist gleichzeitig affirmativ gegenüber allen anderen Objekten. Bisher Wertloses kann sich jederzeit in Kunst verwandeln, und der Wert der Kunst kann jederzeit infrage gestellt werden.

Mit seiner Skepsis gegenüber Regeln und Hierarchien der Kunstbetrachtung wirft Kožarić alles, was die Kunstgeschichte als gegeben betrachtet, buchstäblich über den Haufen. Für die Venedig Biennale von 1976 arrangiert er eine Ansammlung seiner wichtigen Skulpturen so, als seien sie achtlos aufeinander gestapelt ("Hrpa" - Haufen). Kožarić erklärte später, er habe "Hrpa" aus der Zuversicht heraus entwickelt, dass er fähig sein würde, alles abzuwerfen, was er bis dahin geschaffen hatte, und in Zukunft noch bessere Skulpturen zu schaffen. Die Idee zu "Hrpa" kündigt sich mit den Anfang der 1970er-Jahre entstandenen "Pinkleci" (Leinenbündeln) an, die mit Werken und Gegenständen aus seinem Atelier gefüllt waren - eine Metapher für Aufbruch und Zurücklassen. Das Motiv der Häufung setzt sich in der Ausstellung mit Assemblagen aus den späten 70er-Jahren fort, für die Kožarić vornehmlich Alltagsgegenstände verwendete.

Für eine Ausstellung Ende 1993/Anfang 1994 in einer Galerie in Zagreb zieht Kožarić sein gesamtes Atelier in die Galerie um, in der er während der Ausstellungsdauer lebt und arbeitet. 2002 wurde dieses Atelier auf der documenta 11 präsentiert. Seit es 2007 von der Stadt Zagreb erworben und dem dortigen Museum für zeitgenössische Kunst zur Verwahrung überantwortet wurde, hat es mit seinem Fundus von rund 6000 Werken weitere, von Kožarić initiierte Verwandlungen durchgemacht. In der Ausstellung werden - ergänzt von zentralen Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen - rund 360 Arbeiten aus dem Atelier Kožarić präsentiert.

Weil Kožarić das Erreichte ständig infrage stellt und gegenüber der eigenen Arbeit unvoreingenommen ist, taucht der Begriff der Freiheit wiederholt in den Beschreibungen seines Werkes auf. Der Ausstellungstitel selbst geht auf eine Äußerung des Künstlers aus dem Jahr 2012 zurück. Es bildet keinen Widerspruch, wenn Kožarić 1976 beim "Amt zum Entzug der Freiheit, Adresse und Stadt unbekannt" den Antrag stellte, man möge ihm "dieses Monster auf eine irgendwie sanfte Weise" wegnehmen.

Der Beginn der Ausstellung fällt mit dem geplanten EU-Beitritt von Kroatien zusammen.

"Ivan Kožarić. Freiheit ist ein seltener Vogel" wird organisiert vom Haus der Kunst in Kooperation mit dem Museum für Zeitgenössische Kunst Zagreb. ...

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