Valentin Carron - Kunsthalle Zürich (20.01. - 18.03.07)


Eingabedatum: 21.12.2006

bilder

Valentin Carron (geb. 1977 in Martigny, lebt und arbeitet in Fully) ist in den letzten Jahren als aussergewöhnlicher Vertreter einer jüngsten Generation von Schweizer Künstlern hervorgetreten. Sein Werk verbindet Traditionen des zeitgenössischen Kunstschaffens und versteht es, sie auf eine aktuelle Bedeutung hin zu hinterfragen. So bezieht er Vorgehensweisen der Appropriation ebenso in sein Werk ein wie Traditionen der Pop Art, der soziologischen Spurensuche wie der Post-Studioproduktion. Wichtige Ausstellungen des Künstlers umfassen Projekte im Jahre 2005 im Centre d'Art Contemporain Genève in einer Doppelausstellung mit Mai-Thu Perret, in der Chisenhale Gallery in London (ebenfalls mit Mai-Thu Perret) sowie eine Einzelausstellung im Swiss Institute in New York und eine viel beachtete Installation im Rahmen der Art Unlimited der Art Basel im Jahr 2006.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich bringt eine Gruppe neuester Arbeiten des Künstlers mit einer Auswahl bereits existierender Installationen und Plastiken zusammen. Eine grosse Gruppe seiner Arbeiten greift Themen der öffentlichen, dekorativen und durch ihr Display ästhetisierten Skulptur auf. Die „öffentliche“ Plastik der Kreuzform, sowohl Symbol der christlich-abendländischen Kultur als auch abstraktes Relief zweier sich schneidender Linien, erscheint in mehreren Umsetzungen, und diverse Bilder und Wandmalereien des öffentlichen Raums von Martigny wurden von Carron in Gemäldeobjekte mit oszillierendem Bedeutungsinhalt verwandelt. In der monumentalen Installation Rance Club II spielt ein Glockenspiel in regelmässigen Abständen eine wie von weither klingende Melodie. Carron hat die Hymne der französischen Résistance im 2. Weltkrieg von Kirchenglocken nachspielen lassen und platziert diesen Sound hinter den Mauern einer nicht (mehr) zugänglichen architektonischen Raumkonstruktion, die uns mit ihrem groben Verputz das Grauen der Oberflächenästhetik einer vergangenen Zeit und Auffassung entgegenhält.

Eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers spielt die für Martigny touristisch bedeutende Fondation Gianadda, ein Museum, das um die Überreste eines keltischen Tempels gebaut wurde und die archäologischen Funde Martignys versammelt, aber auch mit Wechselausstellungen zur klassischen Moderne ganze Busschaften in die Kleinstadt transportiert. Ein Archiv von Originalen und Repliken und den Ablagerungen historischer Artefakte, deren Authentizität sowohl den Begriff des Originals wie des Duplikats umfassen. Die touristische Vermarktung von Kunst und die oft zweifelhafte Aneignung dieser Attraktivität in der ebenso zweifelhaften Annäherung an Kunst und Kunstwerke in der lokalen Produktion von Objekten und Ästhetiken kulminiert in den Objekten Carrons zu einer Produktion von „Kunst“ als mehrfach überlagertes Feld von ebenso zweifelhaften Reputationen. So zeigt Carron in seiner Ausstellung in der Kunsthalle Zürich eine grosse Gruppe von Plastiken, die sich direkt oder indirekt auf Arbeiten aus dem „Dunstkreis“ dieser Institution beziehen: Die Arbeit Captain Legacy (2006) wiederholt das Fragment eines Faltenwurfes einer gallo-römischen Marmorstatue der Fondation. Ohne Titel [Henry Moore] (2006) die Skulptur eines lokalen Künstlers aus den 1980er Jahren, der von Henry Moore beeinflusst ist; Trikorn (2006) setzt Wiederholungen fort, die Plastik basiert auf einem steinernen Kopf eines lokalen Künstlers, der diesen wiederum nach einer Bronze-Skulptur der Fondation Gianadda gearbeitet hat.

Valentin Carron arbeitet in den Bereichen Skulptur, Plastik, Malerei und Installation. Häufig setzt der Künstler auch Sound in seinen Arbeiten ein. Er wiederholt symbolisch aufgeladene Objekte oder Elemente von Wirklichkeit aus seiner eigenen Lebensumgebung wie auch aus weiter gefassten kulturellen Zusammenhängen. Er löst die Objekte aus ihrer Umgebung und realisiert sie als originalgetreue Wiederholungen in synthetischen Materialien neu, als Kopien, Ersatzobjekte, Relikte, die ihre kulturelle Bedeutung oder mehrfach erfahrene Umdeutung so auf eine andere Art und Weise wieder zur Diskussion stellen. Dies, wenn er etwa die Kreuzform in grobem Kunstharz wiederholt, Embleme oder Bilder, die er im öffentlichen Raum gefunden hat und die mehr einer subjektiven Wunschwelt denn einer Logokultur entstammen, auf Werbeplanen druckt, oder Kanonen aus dem Fundus der Geschichte in billigen Materialien nachbaut.

Carron wählt Formen, die meist ihre ursprüngliche Bedeutung eingebüsst haben - Formen, wie man sie im grossen Historiensaal unserer alltäglichen und besonderen Obsessionen findet. Die Kunst als symbolische Formenwelt bezieht er dabei gleichwertig in dieses Spiel mit Wiederholungen und „Entblössungen“ ein, indem er beispielsweise Teile aus dem Oeuvre des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti nimmt, die inzwischen zu Standardformen einer sogenannten modernen Kunst geworden sind, und deren symbolische Aussagekraft und künstlerische Relevanz durch die unzähligen Repliken eines kulturellen Absinkprozesses ihre Kraft verloren haben. Oder aber er wählt Produkte der Konsumkultur wie Plastikflaschen oder andere gefundene Objekte, deren Wert in individuellen oder subkulturellen Zusammenhängen bestimmt ist, die aber alle eine Schichtung und Ablagerung von diversen kulturellen und individuellen Wertzuschreibungen ermöglicht haben. All diese Schichten „entfernt“ Carron nicht, sondern es gelingt ihm, diese undeutlich gewordenen Werte an den künstlichen Materialien seiner Umsetzung aufscheinen zu lassen, ohne sie wiederum kulturell zu bewerten – das heisst, er macht nicht Kitsch oder Kunst aus ihnen, sondern stellt ihre reinen Formen, immer wieder auch mit bissiger Ironie oder Kritik zur Diskussion.

Valentin Carron steht in der Tradition von Künstlerinnen und Künstlern, die durch Appropriation und Wiederholung eine kulturelle Analyse in ihren Werken anbieten. Werke von Fischli/Weiss oder Mike Kelley sind hier als Vorbilder zu nennen. Und gerade weil Carron sich sehr oft auf das in hohem Masse aufgeladene kulturelle Erbe seines Heimatkantons Wallis, ein Exempel perfekter touristischer Erfindung von "authentischer" Identität im 19. Jahrhundert, bezieht, gelingt es ihm, den Bogen vom Persönlichen zum Kollektiven zu schlagen.

Carron betreibt eigentliche soziopolitische Recherchen. In allen seinen Arbeiten spielt das Verhältnis "öffentlich - privat" eine zentrale Rolle, indem er die Formen des Öffentlichen, des öffentlichen Brauchs, Gebrauchs oder der divergenten Umnutzung von Dingen, auf seine individualpolitischen Implikationen hin erforscht. So nannte er eine seiner Einzelausstellungen Rellik; der Titel spannt ein Assoziationsfeld, das von religiösen Konnotationen bis hin zur Bezeichnung des Relikts, Carrons Arbeitsfeld, reicht. Gleichzeitig liest sich der Titel rückwärts als "killer" und ist auch das Pseudonym des ersten Graffiti-Tackers in Carrons Geburtsort Martigny. Carrons Werke haben immer eine ortsbezogene Bedeutung. Zugleich sind sie bewusst ambivalente Kommentare zu dem, wie Objekte gebraucht und missbraucht wurden in ihrer Verwendung für individuelle oder kollektive Intentionen, Konstruktionen oder politische Kontexte. (Presse KH Zürich)


Abbildung: Rance Club, 2005, 45 Elemente; Holz, AcrylfarbeAcryl, Spachtel, Schrauben, 45 Elemente, je 240 x 30 x 30 cm; unten: Turbo, 2000, restaurierter Skibob, Rotwein, Grösse variabel; Installationsansicht aus der Chisenhale Gallery, London

ÖFFNUNGSZEITEN: Di/Mi/Fr 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr, Mo geschlossen

Kunsthalle Zurich
Limmatstr. 270
CH-8005 Zurich
Tel +41 1 272 15 15

kunsthallezurich.ch


ch






Daten zu Valentin Carron:

- Art Basel 2013
- Art Basel 2016
- Art Basel Miami Beach 2013
- art basel miami beach, 2014
- David Kordansky Gallery
- Frieze London 2016
- Galerie Eva Presenhuber
- Migros Museum, Sammlung
- MoMA Collection
- Overbeck-Gesellschaft 2015
- Venedig 2013 Pav

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Beispiel Schweiz. Entgrenzungen und Passagen als Kunst


Die Ausstellung "Beispiel Schweiz" zeigt in einem offenen thematischen Parcours eine Auswahl von Arbeiten raumorientierter Kunst aus der Schweiz, Installationen, aber auch Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Objekte.

Die Ausstellung betont durch die ausgewählten Werke und deren Inszenierung den hohen Stellenwert von Raumkonzepten in der neueren Kunst aus der Schweiz. Sichtbar werden Formen der Konzeptualisierung und Entgrenzung des Kunstwerkbegriffs. Die im frühen 20. Jahrhundert einsetzende Erweiterung des Werkbegriffs durch die Künstler und die damit einhergehende Befragung von Raum und Zeit ist ein bis heute unabgeschlossener Prozess. Zahlreiche Arbeiten der zeitgenössischen Kunst, insbesondere installative Werke, bilden in sich räumliche Konstellationen, die nicht wie Werke der Malerei oder Skulptur betrachtet werden, sondern die man erleben kann.

Entgrenzungen und Passagen gehören im doppelten Sinne zur Kunst der Gegenwart, denn Werke der zeitgenössischen Kunst können nicht nur Prozesse auslösen, welche Raumerfahrungen betreffen, sondern sind nicht selten selbst Ergebnis bildnerischer Prozesse, in denen der Kunstbegriff geprüft und auf seine Veränderbarkeit hin getestet wurde. Die Entgrenzung betrifft somit sowohl den Werkbegriff selbst als auch die ästhetische Erfahrung mit einer einzelnen Arbeit und deren gestaltbildenden Eigenschaften.

Die Ausstellung versteht sich als geografisch lokalisierbare Erzählung innerhalb dieser inter-nationalen Geschichte von Kunst, welche sich mit der Erfahrung, der Reflexion und dem Entwurf von Raum und Zeit befasst. Zu entdecken ist eine offene Schweiz, die an diesem dynamischen, die nationalen Grenzen überwindenden Diskurs der Kunst seit langem aktiv beteiligt ist.

Ein Ausstellungskatalog, herausgegeben von Roman Kurzmeyer und Friedemann Malsch, mit Beiträgen von Jacqueline Burckhardt, Helmut Federle, Christian Kerez, Thomas Hirschhorn, Mai-Thu Perret, Peter Suter und Adam Szymczyk erscheint Mitte Oktober 2011 im HatjeCantz Verlag. Zur Ausstellung erscheinen zudem Editionen von Latifa Echakhch, Bruno Jakob, Vaclav Pozarek, Pamela Rosenkranz und Erik Steinbrecher.

Beteiligte Künstler:
John M Armleder (*1948)
Silvia Bächli (*1956)
Bruno Bertozzi (1945–2000)
Max Bill (1908–1994)
Miriam Cahn (*1949)
Valentin Carron (*1977)
Andreas Christen (1936–2006)
Latifa Echakhch (*1974)
Hans Emmenegger (1866–1940)
Helmut Federle (*1944)
Fischli/Weiss (David Weiss *1946, Peter Fischli *1952)
Sylvie Fleury (*1961)
Clara Friedrich (1894–1969)
Alberto Giacometti (1901–1966)
Camille Graeser (1892–1980)
Thomas Hirschhorn (*1957)
Karin Hueber (*1977)
Bruno Jakob (*1954)
Emma Kunz (1892–1963)
Verena Loewensberg (1912–1986)
Richard Paul Lohse (1902–1988)
Christian Marclay (*1955)
Mario Merz (1925–2003)
Karim Noureldin (*1967)
Mai-Thu Perret (*1976)
Vaclav Pozarek (*1940)
René Pulfer (*1949)
Pamela Rosenkranz (*1979)
Dieter Roth (1930–1998)
Adrian Schiess (*1959)
Shirana Shahbazi (*1974)
Roman Signer (*1938)
Erik Steinbrecher (*1963)
Sophie Taeuber-Arp (1889–1943)
André Thomkins (1930–1985)
Niele Toroni (*1937)
Felice Varini (*1952)
Ben Vautier (*1935)
Hannah Villiger (1951–1997)
Aldo Walker (1938–2000)
Caspar Wolf (1735–1783)

Abbildung: Max Bill, Höhensonne, 1951
Metall lackiert, vernickelt / metal varnished, nickel-plated, 60 x 14,5 cm

Öffnungszeiten: Di-So 10:00-17:00, Do 10:00-20:00 Uhr

Kunstmuseum Liechtenstein
Städtle 32
9490 Vaduz, Liechtenstein
Telefon: +423-235 03 00
http://www.kunstmuseum.li



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