Posada bis Alÿs. Mexikanische Kunst von 1900 bis heute


Eingabedatum: 16.03.2012

bilder

José Guadalupe Posada, Calavera Zapatista, 1911, Zinkätzung, Blatt: 34,5 x 23 cm

Ausgangspunkt der Ausstellung sind die grafischen Blätter José Guadalupe Posadas, einem der wichtigsten Künstler und Karikaturisten Mexikos des 19. Jahrhunderts. Sein Motto «Kunst gegen Gewalt» ist brandaktuell und wird von jungen Kunstschaffenden weiter verfolgt: Francis Alÿs, Carlos Amorales und Teresa Margolles ziehen ihre Ideen aus den prekären sozialen Verhältnissen, den krassen Gegensätzen zwischen Arm und Reich und der in vielen mexikanischen Landesteilen vorherrschenden Gewalt. Ihre Gemälde, Diaprojektionen und Videoarbeiten stehen den aufwühlenden Szenen Posadas in nichts nach.

Das Kunstschaffen in Mexiko nimmt in der internationalen Kunst der letzten 100 Jahre eine Sonderstellung ein. Konsequent verknüpfen die dort arbeitenden Künstler aktuelles Zeitgeschehen mit der Frage nach kultureller Identität. L’art pour l’art, Abstraktion oder Konzept-Kunst sind allenfalls Randbereiche ihrer Produktion. Die Ausstellung bietet einen kritischen, gegenwärtigen Blick auf das mexikanische Leben, welches seit Jahrzehnten von Auf- und Missständen geprägt ist. Die Darstellung der Alltagsrealität ist sowohl in der historischen, figurativen Grafik fassbar, als auch in den Werken des 21. Jahrhunderts.

SOZIALE MISSTÄNDE AM PRANGER
Ausgangs- und Höhepunktpunkt sind die grafischen Blätter José Guadalupe Posadas (um 1852–1913). Zu seinen bekanntesten Kreationen zählen die Calaveras oder Skelettdarstellungen, insbesondere «Calavera Catrina» aus dem Jahr 1913, mit denen er durch beissenden Sarkasmus und schwarzen Humor auf die mexikanische Oberschicht vor und während der Revolution anspielt. Die technische Perfektion der für mexikanische Gestalter typischen schwarz-weissen Holz- sowie Linolschnitte und Lithografien ist bemerkenswert. Die Illustrationen, die in der oppositionellen Flugblattgrafik Einsatz fanden, gelten als Ikonen der Revolution. Dabei stösst der Betrachter auf aufwühlende Szenen – von Folter, Tod und Vertreibung. Neben Posadas Arbeiten sind Grafiken verschiedener Künstler aus dem 20. Jahrhundert zu sehen, darunter Fernando Castro Pacheco (*1918), Leopoldo Méndez (1902–1969) und José Clemente Orozco (1883–1949).

POLITISCH-POETISCHE GEGENWARTSKUNST
Hinzu treten Werke zeitgenössischer Künstler wie Francis Alÿs (*1959), Carlos Amorales (*1970) und Teresa Margolles (*1963), die ähnliche Themen wie ihre historischen Vorgänger bearbeiten. Auf provozierende Weise beziehen sie Position und decken die prekären Zustände in dem Land auf, in dem sie leben. Der Belgier Francis Alÿs übersetzt die beklemmend enge Lebensperspektive der Mehrheit der Bevölkerung in monotone, sandige Landschaften, die von politisch-poetischen Statements überlagert sind. Teresa Margolles zeigt Spuren von Gewaltverbrechen mittels Tankwagen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Was wie ein Sprühnebel aus dem Wagen tritt, ist Wasser mit dem die Kleidung der Leichen der am Wegrand Ermordeten gewaschen worden ist. Auf den von verschwendeten Leben getränkten Strassen bleibt ein feuchter Film zurück, der alsbald verdunstet – sich verflüchtigt wie die Erinnerung an die täglich neu begangenen Verbrechen. Ein wiederkehrender Einfluss bei Carlos Amorales ist die mexikanische Symbolik. Der grafischen Technik verwandt, arbeitet er mit den Klischees Mexikos, die in einem Dialog mit Posadas Werken stehen. Ein grosser Rabe zwischen Totenschädeln auf einem Baum sitzend, zieht den Besucher in den Bann.

VIELE WERKE ZUM ERSTEN MAL ÖFFENTLICH
Im Jahr 1959 eröffnete das Kunsthaus Zürich mit einer exotischen Ausstellung zur präkolumbianischen, kolonialen und zeitgenössischen Kunst sowie zur Volkskunst einen besonderen Blick auf Mexiko. Die von Gastkuratorin Milena Oehy konzipierte und eingerichtete Präsentation von mexikanischer Druckgrafik, ein Nischenbereich in der Sammlung des Kunsthauses, knüpft daran an. Ein Grossteil der rund 40 Arbeiten wird dabei zum ersten Mal in der Schweiz öffentlich gezeigt.

SCHENKUNG AN DIE SAMMLUNG DES KUNSTHAUSES
Den Grundstock für die Sammlung mexikanischer Druckgrafik, aus dem diese Auswahl gezeigt wird, legte Armin Haab (1919–1991). In den 1980er Jahren schenkte der Privatsammler der Zürcher Kunstgesellschaft seine über Jahrzehnte aufgebaute, rund 350 Blätter umfassende Sammlung mexikanischer Grafik. Sie besteht u.a. aus Lithografien, Radierungen, Holz- und Linolschnitten. Die Sammlung Haab ist einzigartig in Europa und gibt einen gültigen Überblick über die Entwicklung der figurativen Grafik in Mexiko während des Zeitraums von 1847 bis 1976.

Öffnungszeiten: Offen: Sa/So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do/Fr 10–20 Uhr
Ostern 5.-9. April, 1. Mai, Auffahrt 16./17. Mai: 10–18 Uhr

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH–8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
kunsthaus.ch


Medienmitteilung






Daten zu José Guadalupe Posada:

- 10th Mercosul Biennial 2015

Weiteres zum Thema: José Guadalupe Posada



Spezial: Zeitgenössische Kunst aus Oaxaca, Mexiko


Vivi Kallinikou für art-in.de aus Mexiko:
Rafael Coronel. Retrofutura II im Museo de los pintores oaxaqueños
Ein tödlicher Karnevalszug in Oaxaca

Wer mexikanische Kunst verstehen will, muss nach Oaxaca. Eine lange Tradition indigener und zeitgenössischer Kunst, ein blühender Kunstmarkt, zauberhaft mysteriöse Berge und prächtige Farben laden in eine, wenn nicht die schönste Kolonialstadt Mexikos ein. Ein Ort für Liebhaber der Malerei in ihren ausgefeiltesten Techniken und Formen. Es ist nicht verwunderlich, dass wir ausgerechnet hier eine der aktuell spannendsten Ausstellungen des Landes finden: Das Museo de los Pintores Oaxaqueños beherbergt seit 2005 oaxaquenische Kunst von 1500 bis heute. In Wechselausstellungen werden lokale Positionen, aber auch besondere aus anderen mexikanischen Regionen präsentiert. Seit dem 9. März und bis zum 15. April zeigt es 42 Arbeiten des zakatenischen Malers und Bildhauers Rafael Coronel.

Bereits im September zeigte das Museo de Bellas Artes in Mexiko-Stadt eine große Ausstellung unter dem Titel “Retrofutura” zu Ehren des 80. Geburtstages Coronels. Als Weiterführung “Retrofutura II” ist nun diese Hommage im Museo de los Pintores Oaxaqueños zu sehen.

Rafael Coronel, 1931 geboren, wurde an der renommierten Escuela Nacional de Arquitectura in Mexiko-Stadt ausgebildet, er war der Schwiegersohn von Diego Rivera und hat 20 Jahre lang in seinem Atelier gearbeitet. Laut Eigenaussage hat er dort seine wichtigsten plastischen Arbeiten produziert. Seit 1956 werden seine Arbeiten in zahlreichen internationalen Museen ausgestellt und mit wichtigen Preisen honoriert, unter anderem wurde Coronel 1965 mit dem Hauptpreis der Sao Paulo Biennale und 1975 mit dem ersten Preis der Tokyo Biennale ausgezeichnet. Er ist zweifellos ein Meister seines Faches. Seine Bilder erzielen dramatische Effekte durch einen geschickten Einsatz von Hell-dunkel-Kontrasten und zeugen durch eine Mischung aus präzisen, realistischen Figuren und nebulösen Räumen von einer melancholischen Nüchternheit und Theatralik, die man aus unserer europäischen zeitgenössischen Malerei nicht kennt.

Der Titel “Retrofutura” verrät, dass es sich bei den ausgestellten Arbeiten um frühe und alte Werke handelt, eine Retrospektive also, die um eine neue, zukunftsweisende Serie aus 18 Werken erweitert wurde. Die ausgestellten Porträtmalereien sind realistische Bruststücke in Acryl auf Leinwand, aufgeteilt in drei Kategorien, biografisch und technisch. Coronel nähert sich in den drei Reihen auf unterschiedliche Weise dem Verfall im Alter und Tod.

Die erste Reihe zeigt hyperrealistische Abbilder von greisen, hageren Männern. Man meint Rembrandt, Goya, Coronel selbst, aber auch unvergängliche Figuren wie Merlin oder Teufelspersonifikationen zu erkennen. Sie halten Gegenstände aller Art, Tiere oder Köpfe in ihren Händen, die einen Hinweis auf ihre Identität geben können. Nicht alle Arbeiten sind benannt, wenn doch, sind es oft rätselhafte Indizien. So wird das Betrachten der feierlich wirkenden und makabren Karnevalsbilder zu einem spannenden Ratespiel. Meist gehüllt in schwere, prächtige und zeitlose Roben, wird die Psychologie der Figuren mit Genauigkeit erfasst und ihr Aussehen so sorgfältig dargestellt, der Hintergrund besteht dagegen aus einem diffusen Nebel. Coronel spielt in dieser Serie mit Zitaten aus der Kunstgeschichte oder Popularkultur und vermischt sie mit fantastischen Kompositionen. So trägt ein Magier den Kopf eines Greisen in Judith-Manier, ein Flötenspieler beschwört eine Maus.

Die zweite Reihe zeigt Menschen unterschiedlichen Alters in einem expressiv realistischen Stil, die Figuren lösen sich in der Farbe auf, in den Gesichtern der Porträtierten sind Narben von Erfahrung und Zeit deutlich zu sehen.

Der letzte Abschnitt der Ausstellung hängt im Dunkeln. Diese Arbeiten brechen mit den übrig ausgestellten; in der gleichen Konfiguration liegt der Schwerpunkt hier auf dem Ende des Lebens, im Verfall, im Tod. Ein Frauenskelett in mexikanischer Manier - den Tod nicht fürchtend - ist in Schmuck und Pelz gehüllt, die Lippen in kräftigem Rot geschminkt; die Figur erinnert an eine der beiden alternden Frauen aus Goyas Gemälde “Las Viejas” (1812) oder “La Calavera de la Catrina” (1913) von José Guadalupe Posada. Ihre Dekadenz kann sie vor dem Tod nicht bewahren. Man beobachtet stufenweise die Auflösung und den Verfall der Körper mit der Zeit und im Tod.

Coronels Interesse an der Porträtmalerei, die Komposition der Charaktere und ihre Theatralik, die Mehrdeutigkeit von Raum und die Ausdruckskraft der Gesichter machen die Ausstellung zu einem magischen und makabren Karnevalserlebnis.

Die Ausstellung wird bis zum 15.4.2012 in den Räumen des Museo de los pintores oaxaqueños gezeigt. Wer sich in das historische Zentrum des kolonialen Schatzes Oaxaca verirrt, sollte sich die Ausstellung auf jeden Fall angucken. Sie wird von einem Booklet begleitet, das eine gute Einführung in Coronels Arbeit bietet. Leider sind weder Wandtexte noch Begleitlektüre auf Englisch zu haben, Spanischkenntnisse oder ein Übersetzer wären von Vorteil.

Ausstellungsdauer: 9.3. - 15.4.2012
Öffnungszeiten: Mi - Sa 10 - 20 Uhr und So 10 - 18 Uhr.

Rafael Coronel. Retrofutura II

Museo de los Pintores Oaxaqueños
Avenida Independencia No. 607, Vigil, Centro histórico, Oaxaca, Mexico C.P. 68000



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