MALEREI IM INFORMATIONSZEITALTER

PAINTING 2.0

14. November 2015 bis 30. April 2016 | Museum Brandhorst, München
Eingabedatum: 14.11.2015

bilder

Das wiederkehrende Interesse an zeitgenössischer Malerei in den vergangenen Jahren fällt überraschenderweise mit einer Explosion neuer digitaler Technologien zusammen. Doch schon seit den 1960er-Jahren haben sich die fortschrittlichsten Ansätze auf dem Gebiet der Malerei in Westeuropa und in den USA in produktiver Reibung mit ihrer zeitgenössischen Massenkultur und den vorherrschenden medialen Bedingungen entwickelt. Vom Aufkommen des Fernsehens und Computers bis zur sogenannten „Internetrevolution“ ist es der Malerei immer wieder gelungen, jene Mechanismen zu integrieren, die für ihr angebliches Ableben verantwortlich sein sollten. Weit über ihre technische Definition – Öl auf Leinwand – hinaus war und ist Malerei ein privilegierter Ort, an dem die Herausforderungen einer sich zunehmend mediatisierenden Lebenswelt verhandelt werden.

„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ stellt als erstes groß angelegtes Ausstellungsprojekt die Aneignung und Transformation von Informationstechnologien in der westeuropäischen und nordamerikanischen Malerei ab 1960 vor. Die Ausstellung setzt lange vor der Digitalisierung und dem Internet ein – nämlich mit Pop Art und Nouveau Réalisme, die sich erstmals programmatisch neu aufkommender kommerzieller Bildsprachen bedienten. Die Malerei öffnete sich in jenem Moment, als ihre Legitimität durch die Populärkultur und eine „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord) herausgefordert wurde. Dieser facettenreichen Geschichte einer Malerei im erweiterten Feld geht die Ausstellung bis in die Gegenwart nach – bis hin zu den weitreichenden Folgeerscheinungen des interaktiven Web 2.0 wie den Sozialen Medien und Daten-Clouds.

Eine treibende Kraft dieser Entwicklung ist die Kollision zwischen den visuellen Codes des Spektakels und den subjektiven Spuren malerischer Expressivität. „Painting 2.0“ zeigt auf, dass die expressive Geste immer wieder mit dem Begehren verknüpft war, die virtuelle Welt des Informationszeitalters an den Erfahrungsraum des menschlichen Körpers rückzubinden. Die avancierte Malerei der letzten 50 Jahre weist die vermeintliche Opposition zwischen Humanem und Technischem, Analogem und Digitalem als wechselseitig aufeinander bezogene Spannungsfelder aus.

Erstmals seit der Eröffnung des Museums Brandhorst 2009 erstreckt sich mit „Painting 2.0“ eine Ausstellung über das gesamte Haus. Abgesehen von dem eigens für Cy Twomblys „Lepanto“-Zyklus geschaffenen Raum im Obergeschoss wird „Painting 2.0“ auf allen drei Stockwerken zu sehen sein. Die Erweiterung der Malerei seit den 1960er-Jahren wird in drei eng miteinander verknüpften Sektionen, auf je einer Etage des Museums präsentiert, nachgezeichnet.

Auf der Eingangsebene widmet sich „Geste und Spektakel“ der Frage, wie malerische Gestik eingesetzt wurde, um einer Spektakelkultur zu begegnen: von einer Protesthaltung kommerziellen Bildern und ihren Medien gegenüber, wie sie sich in den Schießbildern von Niki de St. Phalle oder den abgerissenen Plakatwänden der Affichisten Mimmo Rotella, Jacques Villeglé und Raymond Hains zeigt, bis hin zu malerischen Strategien, die sich die Sprache der Populärkultur aneigneten wie in Keith Harings „Subway Drawings“, Albert Oehlens Computerbildern oder den mittels Photoshop bearbeiteten Leuchtkästen Kelley Walkers.

Im Obergeschoss beschäftigt sich die zweite Gruppe unter dem Überbegriff „Exzentrische Figuration“ damit, wie sich Vorstellungen von Körperlichkeit unter dem Einfluss einer kommerziellen Massenkultur und neuer Technologien verändern. Buchstäblich „exzentrische“ Figuren wie bei Philip Guston und prothetische Körper wie bei Maria Lassnig, aber auch exzentrische Gesten wie bei Amy Sillman sowie Strategien des Karikierens wie bei Nicole Eisenman bezeugen die komplexe Verflechtung von Körper, medialem Bild und Technologie ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Untergeschoss widmet sich „Soziale Netzwerke“ malerischen Positionen, die eine „Netzwerkgesellschaft“ als solche ausweisen, sowohl durch Praktiken der Bildzirkulation als auch durch die Thematisierung spezifischer sozialer Kontexte. Andy Warhols „Factory“, die Gemälde und Aktionen des Kapitalistischen Realismus von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner, die Künstlerinnen um die feministische New Yorker A.I.R. Gallery, aber auch zeitgenössische Positionen des sogenannten „Network Painting“, wie zum Beispiel Seth Price oder R.H. Quaytman, demonstrieren, wie sich Vorstellungen von Gemeinschaft und sozialem Austausch seit den 1960er-Jahren gewandelt haben.



Die Ausstellung bringt über 200 Werke von folgenden rund 100 Künstlerinnen und Künstlern zusammen:

Kai Althoff, Ei Arakawa/Shimon Minamikawa, Monika Baer, Nairy Baghramian, Georg Baselitz, Jean-Michel Basquiat, Lynda Benglis, Sadie Benning, Judith Bernstein, Joseph Beuys, Ashley Bickerton, Cosima von Bonin, Kerstin Brätsch/KAYA, Günter Brus, Daniel Buren, Merlin Carpenter, Leidy Churchman, William Copley, René Daniëls, Guy Debord/Asger Jorn, Carroll Dunham, Mary Beth Edelson, Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Nicole Eisenman, Jana Euler, Louise Fishman, Isa Genzken, Mary Grigoriadis, Philip Guston, Wade Guyton, Raymond Hains, Harmony Hammond, David Hammons, Keith Haring, Rachel Harrison, Mary Heilmann, Eva Hesse, Charline von Heyl, Jacqueline Humphries, Jörg Immendorff, Jasper Johns, Joan Jonas, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Yves Klein, Jutta Koether, Michael Krebber, Manfred Kuttner, Maria Lassnig, Sherrie Levine, Glenn Ligon, Lee Lozano, Konrad Lueg, Michel Majerus, Piero Manzoni, Kerry James Marshall, John Miller, Joan Mitchell, Ree Morton, Ulrike Müller, Matt Mullican, Elisabeth Murray, Cady Noland, Hilka Nordhausen, Albert Oehlen, Steven Parrino, Ed Paschke, Howardena Pindell, Sigmar Polke, Seth Price, Stephen Prina, R.H. Quaytman, Robert Rauschenberg, David Reed, Gerhard Richter, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Mario Schifano, Amy Sillman, Sylvia Sleigh, Josh Smith, Joan Snyder, Reena Spaulings, Nancy Spero, Frank Stella, Walter Swennen, Paul Thek, Rosemarie Trockel, Cy Twombly, Jacques Villeglé, Kelley Walker, Andy Warhol, Sue Williams, Karl Wirsum, Martin Wong, Christopher Wool, Heimo Zobernig, u.a.



Das Museum Brandhorst im Internet:
museum-brandhorst.de








Presse






Daten zu Charline von Heyl:

- Art Basel 2013
- Art Basel 2016
- art basel miami beach, 2014
- Bonner Kunstverein
- Galerie Gisela Capitain
- Gallery Weekend Berlin 2017
- MoMA Collection
- Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt
- Whitney Biennale 2014

Weiteres zum Thema: Charline von Heyl



Charline von Heyl: Now or Else


Now or Else, 2009, Acrylic and oil on linen/Acryl und Öl auf Leinwand, 82 x 78 inches/208 x 198 cm
© Charline von Heyl; Courtesy of Galerie Gisela Capitain, Cologne/Köln & Friedrich Petzel Gallery, New York

Charline von Heyls Gemälde und Papierarbeiten erzeugen durch den Einsatz verschiedenster Mittel und Techniken vibrierende Energien und Spannungen: Große dynamische Formen umfangen feine grafische Strukturen, grelle Farben treffen auf stumpfe Töne, abstrakte Gestik prallt auf die flüchtige Erinnerung an Reales. Figur und Grund stehen in einem ständigen schillernden Austausch. Die Verhältnisse in diesen Bildern sind kompliziert, kühn und rätselhaft, aber so mit Atmosphäre und Emotion aufgeladen, dass sie uns unmittelbar anspringen, obwohl sie sich einer schnellen Einordnung verweigern. Charline von Heyl schafft Bilder, die, wie sie selbst sagt "den ikonischen Wert von Zeichen haben, die jedoch in ihrer Bedeutung rätselhaft bleiben. Etwas, das sich wie Repräsentation anfühlt, es aber nicht ist. Etwas, das aussieht, als ob es einen Inhalt oder eine Geschichte hat, was nicht der Fall ist. Etwas, das vor dem Bild in der Schwebe bleibt anstatt darin zu sein."

Die Ausstellung "Now or Else" in Nürnberg, die in Zusammenarbeit mit der Tate Liverpool konzipiert und organisiert wurde, zeigt mit rund 25 Gemälden und einer Gruppe aktueller Papierarbeiten einen konzentrierten Blick auf das Schaffen der Künstlerin in den letzten 15 Jahren. Während Charline von Heyl in ihren frühen Werken oft mit Fragmenten und Zitaten auf malerische Stilmittel des 20. Jahrhunderts verweist, entstehen die neuen Arbeiten, die einen Schwerpunkt in unserer Ausstellung bilden, häufig als Serien, in denen Elemente wieder aufgegriffen, transformiert und überraschend neu kombiniert werden. Recycling und Wiederholung, Erfindung und Zerstörung, sich ständig ändernde Bedingungen sind charakteristisch für Charline von Heyls Gemälde, die ganz klassisch gemalt sind, auch wenn sie bisweilen den Eindruck erwecken, als könnten sie am Computer komponiert worden sein.
Die 1960 in Mainz geborene Künstlerin hat ihr Studium in Hamburg und Düsseldorf absolviert und lebt seit 1996 in New York und Marfa (Texas). Als diesjährige Preisträgerin des Wexner Center Artist Residency Awards wird sie im kommenden Jahr mit einer Einzelpräsentation an der Ausstellung Facture and Fidelity: Painting Between Abstraction and Figuration, 1945 - 2010 im Wexner Center for the Arts (Columbus/Ohio) teilnehmen.
Von Heyls Werke sind unter anderem in den Sammlungen des Museum of Contemporary Art in Los Angeles, des MoMA in New York, des San Francisco Museum of Modern Art und des Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris zu sehen.
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Kuratorin der Ausstellung: Ellen Seifermann, Leiterin der Kunsthalle Nürnberg

Kunsthalle Nürnberg
im KunstKulturQuartier
Lorenzer Straße 32
90402 Nürnberg
Phone 0049-(0)911-231 31 82
nuernberg.de


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