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Alien-Nation: Momentum 9 in Moss sieht im Fremden eine Chance

bis 11. Oktober 2017
Eingabedatum: 26.06.2017

bilder

Ja, es ist ein Thron – ein mit Totenschädeln verzierter. Nichts jedoch wäre der eleganten Dame mit Chanel-Tasche und cremefarbenem Anzug fremder, als darauf Platz zu nehmen. Es ist Königin Sonja von Norwegen, die der 9. Biennale von Moss einen Besuch abstattet. Und bei dem royalen Sitzmöbel handelt es sich um den berühmten „Harkonnen Capo Chair“ von HR Giger. Der 2014 verstorbene Künstler hat mit der Ausstattung von Science Fiction Filmen wie Dune, Species und Alien in den 1960iger und 1970iger Jahren Designgeschichte geschrieben. So oder ähnlich mag es Kuratorin Gunhild Moe der Königin am 17. Juni, dem Eröffnungstag der Biennale Momentum 9, in der Galleri F 15 erläutert haben.


H.R. GIGER,
Harkonnen-Capo chair, 1983.
Courtesy H.R. Giger Estate.


Moe gehört zum fünfköpfigen Kuratorenteam, das sich aus je einem Vertreter der skandinavischen Länder zusammensetzt. „Entfremdung ist das Grundgefühl der Gegenwart“, davon sind die Norwegerin Gunhild Moe, die Schwedin Ulrika Flink, Ilari Laamanen aus Finnland, Jacob Lillemose aus Dänemark sowie der Isländer Jon Ransu überzeugt. Und so wählten sie den Begriff „Alienation“ als Titel der Ausstellung, die seit 1998 traditionsgemäß das Kunstgeschehen in den nordischen Ländern reflektiert.

Heile Welt in Fjordlandschaft

Entfremdung? Die Dinge scheinen überaus heil und stimmig in der norwegischen Kleinstadt zwischen Oslo und schwedischer Grenze. Jeder Stein dort atmet heile, propere Welt. Ein Idyll vor Fjordlandschaft. Vielleicht genau der richtige Ort, um über den Zustand der Welt nachzudenken – eine Chance der Besinnung abseits von Großereignissen wie der Biennale in Venedig und der documenta in Kassel und Athen. Schließlich machen die aktuellen globalen Entwicklungen technischer, ökologischer und demographischer Natur auch nicht vor dem 35.000 Einwohner-Städtchen halt.

Doch was ist uns fremd? Wer ist uns fremd? Die Kuratoren, die Entfremdung nicht im marxistischen Sinne verstehen, unterscheiden bei dieser Fragestellung zwischen den Bereichen „Körper, Objekte und Technologien“, „Ökologie“ und „Strukturen und Gesellschaften“. Sie fordern auf, das Fremde nicht als Bedrohung anzusehen, sondern als Chance. „Entfremdung birgt das Potential, die Horizonte unserer Leben zu erweitern, progressiv zu denken und zu handeln“, betont Gunhild Moe. Während in Moss auf große Namen verzichtet wurde, finden sich allerorten frische, selbstbewusste künstlerische und interdisziplinäre Ansätze. Viele von ihnen weisen in die Zukunft.

So hat der isländische Produktdesigner und Psychologe Bui Adalsteinsson mit seiner „Fly Factory“ eine transportable Farm entwickelt, in der Fliegen gezüchtet werden, deren Larven sich dann zu Gerichten verarbeitet lassen. „Insekten sind das Essen der Zukunft“, erklärt Adalsteinsson. Leicht und umweltschonend aufzuziehen, proteinhaltig, anspruchslos und variabel im Geschmack könnten sie helfen, die Weltbevölkerung zu ernähren. An der in der Vitrine präsentierten Fliegen-Lasagne schieden sich dann allerdings die Geister. Während Insekten in Asien eine Delikatesse darstellen, sind sie in der westlichen Welt eher negativ besetzt, ganz im Gegensatz etwa zu Muscheln oder Garnelen. „Wir müssen den Hebel im Kopf umlegen und kulturell bedingte Vorurteile abbauen“, fordert Adalsteinsson – den Menschen und der Umwelt zuliebe.


Public Dreaming
Sleep Structure, 2016
Courtesy Public Dreaming

Gesellschaft träumen in der Traumklinik

Der Psychologe und Kunsthistoriker Leon Tan setzt auf die Kraft des „sozialen Träumens“, um der Vereinsamung der Menschen und ihrer Entfremdung – vor allem auch sich selbst gegenüber – entgegenzuwirken. Doch dazu fehle in der westlichen Gesellschaft, die geprägt sei von Effizienz und Rationalität, der soziale Rahmen. Gemeinsam mit der Künstlerin Amanda Newall, zuständig für Design und Kostüme, hat er daher einen Raum für Träume geschaffen.

So verwandelte sich die Galleri F 15 Storsalen in eine temporäre Traumklinik. Während am Eröffnungssamstag Geflüchtete hier ihre Träume teilten, waren es tags darauf Einwohner der Region, die einem Facebook-Aufruf gefolgt waren. Beim Public Dreaming ist jeder eingeladen, der Gruppe einen Traum vorzustellen, der in ihm nachhallt. Tags darauf – nach gemeinsam verbrachter Nacht in der Traumlandschaft - stehen den Teilnehmern Kostüme zu Verfügung, um so die jüngsten Träume vor der Kamera performativ darzustellen.

Eignes für die Traumklinik hat der finnische Sound-Künstler und Komponist Antti Sakari Saario das Musikstück “Public Dreaming: Europe. Almost. A Fantasy” geschrieben, bei dem Impressionen eines Sturms mit den Geräuschen gigantischer Windmühlen und einer Beethoven-Sonate verschmelzen. Als „post-akustisch“ beschreibt der Musiker seine Kreationen, die auf das Unterbewusste abzielen. Der Sound, der bei der Einführung in das Projekt einsetzt, ertönt über zwei Stunden hinweg. „Oft dämmern die Gäste dabei weg“, berichtet Amanda Newall.

Wer mit seinen Träumen in Kontakt trete, habe die Chance, seine mentale Gesundheit zu stärken, erklärt Tan, der im Übrigen ein Traumarchiv plant. „Geteilte Träume können einen Beitrag leisten, die Welt besser zu verstehen“. Ebenso wie die Seele des Einzelnen könne so auch die Gesellschaft ein Stück genesen.


Sonja Bäumel
Fifty Percent Human
Detail of an installation, 2016
Courtesy the artist


Das Fremde in uns

Der menschliche Körper wiederum steht bei der Künstlerin Sonja Bäumel im Vordergrund oder vielmehr dessen „Mitbewohner“. „Immerhin bestehen wir zu 60 Prozent aus Mikroben“, erklärt die Künstlerin. Der Besucher ist eingeladen, sich in der Momentum kunsthall unter eine hängende Installation zu legen, um sich dort des Fremden in uns bewusst zu werden. Was zu sehen ist, sei an dieser Stelle allerdings nicht verraten.

Am vertrautesten wirkt ausgerechnet das fremdeste Schaustück in der Galleri F 15. Es ist ein kleiner Stein, der sich dann allerdings als Meteorit erweist, der im Sommer 2006 in Moss niederging. Womöglich war der Bote aus dem All Millionen von Jahren unterwegs. Und vielleicht trug er Bausteine des Lebens nach Moss – ähnlich wie der Meteorit, in dem Wissenschaftler der NASA und der Scripps Institution of Oceanography an der Universität von Kalifornien in San Diego Aminosäuren entdeckten – den Stoff, aus dem die DNS besteht. Falls das Leben tatsächlich aus dem All stammen sollte, wären wir alle ursprünglich gleichermaßen fremd auf diesem Planeten. Eine Alien-Nation.

momentum9.no/

Inge Pett



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