Kapsel 11: Sung Tieu. Zugzwang + Kapsel 12: Monira Al Qadiri. Holy Quarter

Bitte prüfen Sie die aktuellen Öffnungszeiten | Haus der Kunst München
Eingabedatum: 26.01.2020

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In Kapsel 11 wird unter dem Titel „Zugzwang“ eine umfangreiche Neuproduktion der deutsch-vietnamesischen Künstlerin Sung Tieu (geb. 1987 in Hai Duong, Vietnam) präsentiert, ihre bislang größte und umfassendste Arbeit. Die multimediale Rauminstallation untersucht die psychologischen Auswirkungen von Verwaltungsapparaten und die Politik der daraus resultierenden Design-Ästhetiken.

Tieu nimmt die Inneneinrichtungen von Einwanderungsbehörden, Einwohnermeldestellen und modernen Strafvollzugsanstalten zum Ausgangspunkt. Die Sitzgruppen aus Edelstahl stammen von einem Gefängnisausstatter in England. Die Ähnlichkeit dieser Einrichtungsbestandteile mit der Ausstattung von Wartezimmern in Verwaltungsgebäuden ist auffallend. Der Ausstellungsraum wird von diesen Sitzgruppen, zwei großen, von der Künstlerin entworfenen Regalen, sowie gerahmten Dokumenten beherrscht – Asylanträge, Wohnsitz-Anmeldungen und Einbürgerungsformulare. Basierend auf anthropologischen Studien über den Verwaltungsapparat, hat Tieu die Dokumente bearbeitet und verändert, so dass sie sich keinem bestimmen Staat zuordnen lassen und die zugrundeliegende Logik deutlich wird: worüber ein Antragsteller in einem bestimmten Zusammenhang Auskunft gibt, wird auf mögliche Risiken und künftige Kosten für den Staat geprüft und kann auf diese Weise dem Antragsteller zum Nachteil werden. Dadurch legt Tieu die Widersprüche, Ungereimtheiten und Willkür offen und demonstriert, wie diese Elemente in die Subjektivität des Einzelnen eingreifen – wie sie all jene, die sich den Regeln dieser Räume nicht fügen, zu kontrollieren suchen und in die Grauzonen der Legalität treiben.

Mal intim, dann wieder bombastisch fügt sich eine Mehrkanal-Sound-Installation in diese skulpturale Inszenierung ein: Richard Wagners Ouvertüre zum „Tannhäuser“ bringt Tieu mit beliebigen Alltagsgeräuschen aus teils öffentlichen, teils privaten Räumen in Berührung: von Tastaturen, Mausklicks, Tuckern, Telefonen und weißem Rauschen. Es entsteht eine vielschichtige Tonlandschaft, in der Gegensätze wie eine elaborierte Komposition von Wagner und Geräusche aufeinandertreffen.

In „Zugzwang“, genauso wie in Tieus weiterer künstlerischer Praxis, werden Themen der nationalen Geschichtsschreibung und der transnationalen Migration von Bevölkerungsgruppen offensichtlich. Das abstrahierte Bild eines Waldstücks, wo die Künstlerin die Grenze von Tschechien nach Deutschland 1992 überschritt, hat sie in große Spiegelelemente eingraviert. Durch das anschließende Einbürgerungsverfahren hat die Künstlerin die Wege der Regulierung kennen gelernt und den Zugzwang, unter den der gewaltige Verwaltungsapparat das Individuum setzt.

Bestehend aus Klang, Texten, Skulpturen, Erinnerungsstücken und objets trouvés, ausgestellt in zwei überdimensionalen Regalen im Zentrum, schafft die Installation einen Raum der Instabilität und legt offen, wie Regierungen führender Industrienationen das Prinzip „form follows function“ pervertiert haben, um zivilen Ungehorsam gegen den bürokratischen Apparat noch vor seiner Entstehung zu verhindern.

Der erste Katalog zu Sung Tieus künstlerischer Arbeit erscheint im Haus der Kunst sowie bei Nottingham Contemporary anlässlich ihrer umfangreichen parallel stattfindenden Einzelausstellungen in Deutschland und Großbritannien.

Kuratiert von Damian Lentini

Ausstellung und Katalog werden großzügig gefördert durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Der Katalog wird außerdem gefördert durch die Henry Moore Foundation.


Kapsel 12
Monira Al Qadiri. Holy Quarter

Mit Monira Al Qadiri (geb. 1983 in Dakar, Senegal) widmet das Haus der Kunst einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Golfregion die Kapsel 12 in der Südgalerie. Für diese Präsentation hat Al Qadiri eine vielteilige Skulpturengruppe sowie einen neuen virtuosen Film produziert. Dessen Titel, „Holy Quarter“, bezieht sich auf die weltweit größte Wüstenregion „Empty Quarter“ zwischen Saudi-Arabien, Oman und Jemen.

Al Qadiri wuchs in Kuwait auf und zählt zu einer Generation, der die rasante Transformation des jungen Nationalstaats – von ältesten Lebensformen über die seit den 1960er-Jahren massiv geförderte Ölwirtschaft hin zu einem wichtigen Akteur der Geopolitik – in die Biografie eingeschrieben ist. Ihre Arbeit nimmt in den Bildenden Künsten die Rolle eines Seismografen für eine zwangsglobalisierte Welt ein. Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit befasst Al Qadiri sich mit der Zerrissenheit als einer Folge von Wohlstand, repressiven Religionsvorstellungen und magischem Denken.

„Holy Quarter“ nimmt seinen Ausgangspunkt mit der Geschichte des britischen Forschungsreisenden St. John Philby, der in den 1930er-Jahren die Wüstenregion „Empty Quarter“ durchquerte, auf der Suche nach den Ruinen einer antiken Stadt. Statt eines ‚Atlantis des Sandes‘ fand er jedoch die Überreste eine „Vulkans“, der sich in Wirklichkeit als einer der größten Einschlagkrater von Meteoriten erwies. Der Oman ist eins der größten Einschlaggebiete für Meteoriten, und viele Fossilien in seiner Landschaft sind Millionen Jahre alt. Die Drehorte von „Holy Quarter“ befinden sich alle in dieser Region, einige von ihnen sind mythenumwoben. Sie stehen somit für eine Verbindung mit dem Weltall und dem Ursprung der Erde sowie für die Suche nach einer fehlenden empirischen Gewissheit.

Die Wüste als einer der ältesten und unberührtesten Lebensräume dient Al Qadiri als Ort der Spurensuche nach dem Sinn der Existenz. Ihre bisherige Kritik gesellschaftlicher Zukunftsvisionen führt sie nun zur Beschäftigung mit der Vergangenheit der Heimatregion, als Gegenentwurf zu wirtschaftspolitischen Missständen oder aber Widersprüchen von konservativen Strukturen und neuen Technologien.

Im Meteoritenkrater Al Wabar findet Al Qadiri „Wabar Pearls“, wunderschöne schwarze leuchtende Steine, die durch die Hitze aufschlagender Meteoriten in den Sand entstehen, woraus sie ihre mehrteilige Werkgruppe von Glasskulpturen ableitet. Ihre perlenartige Form erinnert an die Zeit, in der Perlentauchen einst der Hauptwirtschaftszweig Kuwaits war, und ihre Farbe an die von Öl – ein Quantensprung, den Monira Al Qadiri „Alien Technology“ nennt. In dem Film „Holy Quarter“ haben die schwarzen Glasperlen die Rolle des Erzählers. Sie sprechen mit computersimulierter Stimme, als fiktionales Wesen Wabar, das aus dem All auf die Erde gefallen ist und dabei wie ein Meteorit eine mythologische Qualität gewinnt.

Monira Al Qadiri konfrontiert den Betrachter jenseits westlicher Vorstellungen von Modernität mit einem raumzeitlichen Delirium und schafft ein intermediales Projekt, das Musik, Sprache und bildgewaltige Szenen miteinander verwebt und den Nerv globaler Fragestellungen trifft.

Haus der Kunst München
Prinzregentenstraße 1
80538 München
www.hausderkunst.de

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