Was vom Kino übrig blieb

10.02. - 22. 04. 2018 | Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, Graz
Eingabedatum: 12.02.2018

Werkabbildung

Anne Collier, Crying Women #9, 2016 Courtesy die Künstlerin, Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute/ Toby Webster Ltd., Glasgow; Marc Foxx Gallery, Los Angeles; ©Anne Collierbilder

Die genre- und generationenübergreifende Ausstellung stellt historischen und aktuellen künstlerischen Positionen ausgewählte filmhistorische Exponate gegenüber, um der Wirkmacht und dem Nachhall des Kinos auf die Kunst und dem „kulturellen Gedächtnis“ nachzugehen. Die enorme gesellschaftspolitische Relevanz, die das Leitmedium „Film“ des 20. Jahrhundert innehatte, gehört unzweifelhaft der Vergangenheit an. Das Kino ist heute nur noch ein popkulturelles Unterhaltungsangebot unter vielen, ein Durchlauferhitzer in einer Kette synchronisierter Marktsegmente.

Die Themenschau bildet hybride Passionen und individuelle Obsessionen rund um den Kosmos Kino ab. „Was vom Kino übrig blieb“ wird von der Kunst aufgelesen, diversen Transformationsprozessen unterzogen und erfährt dadurch auch eine kritische Ehrung. Die Ausstellung versammelt eine Auswahl an filmspezifischen Kunstwerken und Artefakten, welche die Welt des Kinos – abseits von Filmen – hinterlassen hat. Von Interesse für diese thematische Ausstellung sind vor allem der Objekt- und der Fetisch-Charakter dieser Artefakte wie deren spezifische Materialität.

Das Schwinden der Kinokultur wird von den beteiligten Künstler_innen vielfältig thematisiert. Unzählige Motive aus der Filmgeschichte sind längst in das kollektive Bildgedächtnis eingegangen und werden oftmals, nicht zuletzt aufgrund ihrer Allgemeinverständlichkeit von Künstler_innen paraphrasiert, wobei sich Affirmation, Appropriation und (Repräsentations-)Kritik keineswegs ausschließen müssen. Die beteiligten Filmemacher_innen und Künstler_innen greifen unterschiedliche, etwa medienhistorische, technische, formal-ästhetische, soziologische oder psycholo-gische Aspekte einer globalen audiovisuellen Filmkultur auf, deren Bedeutung jedoch stetig abnimmt.

„Film“ meint hier sowohl ein elektromechanisches, optisches Verfahren, als auch eine tradierte Form audiovisueller Narration. Im Ausstellungskontext wird das Medium Film auf Weisen hinterfragt, die im Kino aufgrund des gegebenen unverrückbaren Dispositivs nicht möglich sind. Wesentlich dabei ist neben der Kontext-Verschiebung vor allem der Materialaspekt von Analog-Film, so wie auch der von Devotionalien, Merchandise-Artikeln, Relikten und Reliquien aller Art.

Der melancholische Titel der Schau ist bewusst mehrdeutig gewählt. Es handelt sich um eine Paraphrase auf den berühmten Roman- und Filmtitel „Was vom Tage übrig blieb” („The Remains of the Day”, Kazuo Ishiguro, 1989; James Ivory, 1993) und spielt im wörtlichen Sinn interpretiert auf die „Überreste” und die „Hinterlassenschaften” von Filmproduktionen an. Der Titel könnte auch die Frage beinhalten, was heutzutage – in Zeiten von Smartphones und Web 2.0 – noch an „Kino-Kultur” lebendig ist? Zugleich kann man ihn aber auch so lesen, als wäre das Kino bereits vergangen und nur mehr Reste und Ruinen davon übrig.

In der Ausstellung zeichnet sich auch ab, dass das Verhältnis von Kino und Kunst durchaus kompliziert und nicht immer ungetrübt ist. Dies hat sowohl mit den gänzlich unterschiedlichen Produktions-, Distributions- und Präsentationsmodi zu tun, als auch mit den verschiedenen Wertschöpfungs-
modellen und den jeweiligen Zielvorstellungen. Während das kommerzielle Kino lustvolle und eskapistische Unterhaltung für ein möglichst großes Publikum bietet, strebt die Bildende Kunst seit der Etablierung der Avantgarden des 20. Jahrhunderts auch öffentlichkeitswirksam pointiertere Ziele wie intellektuelle Aufklärung, formale Grenzüberschreitung und ästhetische Provokation an.

Der Fokus der umfangreichen Ausstellung liegt auf unterschiedlichen Ausprägungen der nachhaltig unter Druck geratenen Cinephilie, weshalb auch das Österreichische Filmmuseum und private Sammlungen originelle und ungewöhnliche Kollektionen zur Verfügung stellen. Die Exponate, die vom Österreichischen Filmmuseum zur Verfügung gestellt werden, wurden noch nie öffentlich gezeigt. Es wird z.B. eine imposante Sammlung von unterschiedlichen Glühlampen präsentiert, die in Filmprojektoren eingebaut waren. Weiters werden Zeugnisse privater Sammlerleidenschaft gezeigt, wie Ordner mit Zeitungsausschnitten von längst verstorbenen Filmschauspiel-
er_innen oder Originalausgaben von historisch relevanten Filmzeitschriften aus den 1960er Jahren.

Neben den Artefakten aus der Filmgeschichte werden als historische Querverweise auch ältere Kunstwerke präsentiert, die Zeugnis davon ablegen, dass Cinephilie auch in der Kunstavantgarde weit verbreitet war. So hat etwa der deutsche Konzeptkünstler Joseph Beuys den dystopischen Spielfilm “Das Schweigen” (SW, 1963) von Ingmar Bergman endgültig zum Schweigen gebracht, in dem er die fünf Filmrollen galvanisierte und sie zur Skulptur umfunktionierte. Der einflussreiche amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari hat nahezu sein gesamtes Lebenswerk darauf begründet, dass er Filmstandbilder collagierte und durchaus humorvoll weiter bearbeitete.

Die Technik der Collage findet sich in einigen ausgestellten Werken wieder: Der französische Fotograf Eric Rondepierre hat etwa Interieurs aus Meisterwerken der Filmgeschichte zu unheimlichen, menschenleeren Räumen im Cinemascopeformat arrangiert. Der finnische Filmemacher und Künstler Mika Taanila zeigt eine umfangreiche Werkserie, bei der er durch das Zerschneiden von Filmbüchern überraschende Tableaus hervorbringt.

In der Themenschau sind heimische Künstler_innen aller Generationen vertreten. Einer der wichtigsten Vertreter der Nachkriegsavantgarde, Hans Scheugl, zeigt Kinderzeichnungen, die er im Alter von neun Jahren aus dem Gedächtnis nach diversen Kinobesuchen angefertigt hat. Die mittlere Generation ist unter anderem vertreten durch Johann Lurf, der bekannte Logo-Animationen von Hollywood-Studios zu einem furiosen Montage-Feuerwerk verdichtet hat. Die Sprengung von Fabriksgebäuden der Firma Kodak, in denen Analog-Film hergestellt wurde, wird durch die junge Filmemacherin Viktoria Schmid inhaltlich und formal umgedreht:: aus den imposanten Aschewolken entsteht im rückwärts abgespieltem Loop stets wieder eine neue Fabrik.

Die in der Steiermark aufgewachsene Malerin Katrin Plavčak hat eigens für diese Ausstellung eine mehrteilige Werkserie geschaffen. Diese Holzfiguren stellen Charaktere aus unterschiedlichen Dekaden der Filmgeschichte in Lebensgröße dar. Plavčak referiert mit dieser grotesken Figurengruppe auf die lebensgroßen „Pappkameraden“, die für Werbezwecke in Kinofoyers aufgestellt werden.

Besonders erwähnenswert ist weiters die Teilnahme des japanischen Künstlers Ryusuke Ito, dessen Werk erstmals in Österreich vorgestellt wird. In Rückgriff auf die Filmgeschichte baut er animierte Modell-Film-Sets, die Mythen und Helden des Kinos installativ wieder auferstehen lassen.

Die umfangreiche und prominent besetzte Ausstellung „Was vom Kino übrig blieb“ findet in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum und der Diagonale, dem Festival des österreichischen Films statt, die begleitend auch eine Filmschau präsentiert. Neben einem eigenen Vermittlungs-
programm und einem wöchentlichen Rahmenprogramm, das jeden Donnerstag um 18 Uhr informative Vorträge und experimentelle Konzerte kostenfrei anbietet, wird das Projekt im neu eingerichteten Online-Journal des Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien publizistisch begleitet und weiterführend thematisch aufbereitet.


John Baldessari, Erica Baum, Joseph Beuys, Jörg Buttgereit, Anne Collier, Siegfried A. Fruhauf, Karl Holmqvist, Ito Ryusuke, Björn Kämmerer, Johann Lurf, Bernd Oppl, Katrin Plavčak, Eric Rondepierre, Constanze Ruhm, Hans Scheugl, Viktoria Schmid, Michaela Schwentner, Haim Steinbach, John Stezaker, Mika Taanila, Antoinette Zwirchmayr

Künstlerhaus
Halle für Kunst & Medien
Burgring 2, 8010 Graz, Austria
km-k.at

Presse






Daten zu Anne Collier:

- Anton Kern Gallery
- Art Basel Miami Beach 2013
- art basel miami beach, 2014
- art berlin 2017
- Corvi-Mora
- Gallery Weekend Berlin 2016
- Marc Foxx
- MoMA Collection
- Solomon R. Guggenheim Collection
- Whitney Biennale 2006

Weiteres zum Thema: Anne Collier



SO MACHEN WIR ES


Techniken und Ästhetik der Aneignung
Von Ei Arakawa bis Andy Warhol

Ist es eigentlich wesentlich, ob ein Kunstwerk gemalt, in Holz gehauen, aus Fundstücken zusammengetragen oder am Computer erschaffen wurde? Welchen Unterschied macht es, ob die vorgestellten Bildwelten neu erfunden sind oder aus dem kulturellen Gedächtnis und dem allgegenwärtigen Abbildungsrepertoire unserer medialen Umwelt stammen? Mit genau diesen äußerst aktuellen Fragestellungen beschäftigt sich die facettenreiche, alle drei Stockwerke des Kunsthauses
einnehmende Gruppenausstellung So machen wir es. In ihr werden so prominente Künstlerinnen und Künstler wie John Baldessari, Barbara Kruger, Richard Prince und Andy Warhol sowie der weltbekannte Filmemacher Jean-Luc Godard präsentiert. Gleichzeitig bietet die Ausstellung die Möglichkeit, auch junge, erstmals in Österreich
ausstellende Künstler wie Ei Arakawa, Simon Denny und Tobias Kaspar zu entdecken.

Ein anschauliches Beispiel dafür, inwieweit die verwendete Technik ausschlaggebend für den Status einer Arbeit und ihre Interpretation sein kann, ist das Werk von Andy Warhol. Mit seinen frühen Leinwandbildern, bei denen er das ansonsten in der Massenproduktion angewandte Verfahren des Siebdrucks in die hehre Arena der Kunst überführt, trägt er als einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts maßgeblich zu einem entscheidenden Epochenschritt bei. Themen und Bilder der
Populärkultur, Politik und Wirtschaft sind in diesen Inkunabeln derKunstgeschichte mit eben jenen reproduktiven Mitteln ins Bild gesetzt, mit denen sie auch außerhalb der Kunst verhandelt werden. Die so einfache wie ungeheuer wirksame Strategie Warhols besteht dabei nicht nur in der Überführung von Abbildungen aus dem einen in einen anderen Kontext, sondern gleichfalls in der Wahl des Sujets, der Ausschnitte, farblichen Veränderungen sowie in seiner Entscheidung, mitunter ein und dasselbe Motiv gleich mehrfach auf eine Leinwand zu übertragen.

Aneignung, Neukombination und Wiederholung sind ebenso Wesensmerkmale des legendären Films Histoire(s) du cinéma von Jean-Luc Godard, der heute als Meilenstein der Filmgeschichte gilt. Da dieser wohl nicht zuletzt aufgrund seiner außerordentlichen Länge von über vier Stunden und dem ausgewiesenen künstlerischen Anspruch bisher lediglich auf der documenta X im Jahr 1997 sowie im Rahmen eines Themenabends bei ARTE im deutschsprachigen Raum zu sehen war, bildet die Präsentation im Zentrum der Ausstellung die seltene Gelegenheit, dieses herausragende Werk als große Filminstallation zu erleben.

Ähnlich wie sich Histoire(s) du cinéma einer einheitlichen Erzählung und einseitigen Geschichtsschreibung verweigert, widerspricht auch die Konzeption von So machen wir es jeder Vorstellung einer sich genealogisch entwickelnden Kunst(geschichte) und plädiert vielmehr für Lesarten, die sich der Vor- und Rücksprünge innerhalb einer solchen bewusst sind. Dies spiegelt sich bereits im Untertitel der Schau, der nicht mit ihrer frühesten Position von Andy Warhol, sondern umgekehrt – dem Alphabet folgend – mit einem der jüngsten in der Ausstellung vertretenen Künstler, Ei Arakawa, beginnt.

Verfolgt man die Geschichte der künstlerischen Aneignung der im medialen Raum kursierenden Bilder, zählen John Baldessari, Barbara Kruger, Richard Prince und Martha Rosler sicher zu den Hauptakteuren. Alle Genannten sind in der Ausstellung entweder mit frühen, historisch markanten Arbeiten vertreten oder haben speziell für diesen Anlass neue Werke realisiert. Durch das Aufgreifen bereits existierender politischer und populärkultureller Bilder in ihre eigenen Werkprozesse ist es diesen
Künstlerinnen und Künstlern gelungen, die Stilsprache des 20. Jahrhunderts entscheidend zu prägen. Mit Blick auf die junge Generation wird in der Ausstellung deutlich, dass die Relevanz der Aneignung, Modifizierung und Neuinterpretation in Form unterschiedlicher Verfahren von Bildfindungen mehr denn je an Aufmerksamkeit gewinnt. Dabei wird Technik in So machen wir es nicht nur als praktischer Terminus im Sinne konkreter Produktionsmittel verstanden, sondern ebenso und vor allem als gesellschaftliche Haltung in Bezug auf künstlerische Produktion.

Wenn beispielsweise Natascha Sadr Haghighian zusammen mit Can Altay und Ashkan Sepahvand für das sogenannte »institut für inkongruente übersetzung« ein persisches Lehrbuch für den Kunstunterricht ins Englische überträgt, dann spielen hier sowohl kulturelle als auch politische Fragestellungen eine entscheidende Rolle. Dieses von der anstehenden dOCUMENTA (13) initiierte Projekt wird in einer speziell hierfür entwickelten Präsentation vorab in Bregenz zu sehen sein. Ähnlich sozial
aufgeladen sind die aus Alltagsobjekten bestehenden Werke von Danh Vo, in denen er kulturelle Differenzen und autobiografische Bezüge zu atmosphärisch dichten Ensembles vereint. Neben Fotografien (Anne Collier), Skulpturen beziehungsweise Installationen (Simon Denny, Rachel Harrison, Nora Schultz) werden in der Ausstellung eine Reihe von Leinwandbildern zu sehen sein, bei denen trotz ihrer teilweise klassisch wirkenden Erscheinung unkonventionelle Herstellungstechniken zum Einsatz kamen. So sind sie entweder mit dem Tintenstrahldrucker produziert (Wade Guyton), mit Schokolade versehen (Kelley Walker) oder erzielen ihre spezifische Gestalt durch ein komplexes Verfahren von Scherenschnitt, Übertragung und Drehung (Michael Riedel).

Collage und Montage von zuweilen äußerst heterogenen Elementen und die dadurch entstehenden Verfremdungseffekte ziehen sich generationsübergreifend als roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Dabei werden die traditionellen Medien nicht selten um neue, performative, auf Recherche beruhende und gesellschaftsreflektierende Ansätze erweitert. So machen wir es konzentriert sich auf solche Künstlerinnen und Künstler, deren Werk durch eine eingehende Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Material und Technik in Bezug auf soziale, kulturelle und ökonomische Fragestellungen überzeugt.

Mit: Ei Arakawa *1977, lebt und arbeitet in Brooklyn, N. Y. | John Baldessari *1931, lebt und arbeitet in Santa Monica, Kalifornien | Anne Collier *1970, lebt und arbeitet in New York | Simon Denny *1982, lebt und arbeitet in Auckland und Berlin | Jean-Luc Godard *1930, lebt und arbeitet in Rolle, Schweiz | Wade Guyton *1972, lebt und arbeitet in New York | Rachel Harrison *1966, lebt und arbeitet in New York | institut für inkongruente übersetzung (mit Can Altay, Natascha Sadr Haghighian, Ashkan Sepahvand) | Tobias Kaspar *1984, lebt und arbeitet in Berlin | Barbara Kruger *1945, lebt und arbeitet in New York und Los Angeles |
Richard Prince *1949, lebt und arbeitet in New York | Michael Riedel *1972, lebt und arbeitet in Frankfurt | Martha Rosler *1943, lebt und arbeitet in Brooklyn, N. Y. | Nora Schultz *1975, lebt und arbeitet in Berlin | Danh Vo *1975, lebt und arbeitet in New York | Kelley Walker *1969, lebt und arbeitet in New York | Andy Warhol *1928 Pittsburgh – 1987 New York

Abbildung: Martha Rosler, Cleaning the Drapes, aus der Serie:
House Beautiful: Bringing The War Home (1967-1972)
Courtesy Martha Rosler und Galerie Christian Nagel

Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr, Donnerstag 10 – 21 Uhr

Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz
Postfach 371
6900 Bregenz
Österreich
T +43 5574 48594-0
kunsthaus-bregenz.at

Parallel läuft in der KUB Arena die Ausstellung mit Arbeiten von Eckhard Schulze-Fielitz und Yona Friedman.


Auf der Karte finden Sie folgende Standorte:




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