Neue Töne auf der Tonleiter


Eingabedatum: 07.01.2006


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Die Landschaft hält sich seit Jahrhunderten als zentrales Motiv in der Malerei, egal welcher Stil verfolgt wird. Die Vielfältigkeit der Thematik lässt verschiedene Interpretationsweisen zu. Die Natur erweist sich dennoch in ihren künstlerischen Darstellungen zumeist als Ausdruck eines Seelenzustands, wie es etwa bei Caspar David Friedrich augenscheinlich intendiert ist; anders bei den Werken von Thomas Kohl.
Der Maler, der mit seinen "Wolkenbildern" bei der Art Cologne am Stand der Galerie Epikur zu sehen war, verweigert sich im Gegensatz zum Malerfürsten Friedrich der naturalistischen Abbildung des Motivs. Er zeichnet oder malt zwar nach der Natur, aber bildet diese nicht nach.
Die Fertigkeit diesbezüglich eignete er sich durch lange Studien der Zeichnung an, während er noch unter Gerhard Richter in Düsseldorf studierte. In seinen Skizzen verdichten sich die leichten und abstrakten Bleistiftstriche langsam zu so etwas ähnlichem wie Form; es entstehen zwar etwa Gebirgszüge, der einzelne Berg bleibt jedoch ungegenständlich, nicht wahrnehmbar. Seltsam abstrakt, fast wie Informel-Malerei wirken seine Bilder; wenn man will, kann man auch etwas ganz anderes als eine Landschaft sehen.
"Ich will keine neue Tonleiter erfinden, aber alles aus ihr herausholen", gab Kohl einmal kund. Sieht man sich die Tonleiter der Landschaftsmalerei einmal an, scheint er wirklich eine der letzten verborgenen Harmonien aus ihr herauszukitzeln. Nimmt man beispielsweise die Impressionisten als Vergleich, wird der grundsätzlich unterschiedliche Ansatz Kohls klar: Während Cézanne noch durch seine "pleine air"-Studien, die Wiedergabe des Lichts untersuchte und abzubilden versuchte, verzichtet Kohl auf jegliche Lichtquellen. Ebenso mangelt es an Parallelen zu den Informellen oder den abstrakten Expressionismus; dazu ist Kohl noch zu nah am Motiv dran.
Und dennoch offenbaren die Werke Kohls nichts Anekdotisches. Er verweigert jegliche Angaben zum konkreten Motiv. Ein Fluss ist einfach ein Fluss, und kein bestimmtes Gewässer. Kohl sucht nach dem allgemeinsten Merkmal einer Landschaft, das er dann freisetzt. So erscheint die Darstellung vielleicht als vertraut, gesehen hat man sie dennoch noch nie.
Kohls neuester Zyklus trägt den Titel "Wolken". Die Veränderlichkeit des Himmels, vielleicht eines der schwierigsten Motive der Malerei, versucht der Maler mit verlaufenden Aquarellfarben auf Büttenpapier darzustellen. Susanne Bucksfeld bemerkte in der Pressemitteilung der Ausstellung bereits, dass "eigentlich nichts als Farbspuren zu sehen ist". Als "Sehstücke" bezeichnet die Autorin die Werke Kohls. Der skizzenhafte Farbduktus ist immer noch vorhanden und entzieht so dem Dargestellten die feste Struktur. Landschaftsmalerei wird auf einmal auf verblüffende Weise wieder interessant.
Thomas Kohl wurde 1960 in Düsseldorf geboren. Zwischen 1979 und 1981 absolvierte er ein Sprach- und Philosophiestudium in seiner Geburtsstadt, anschließend immatrikulierte er sich an der Düsseldorfer Kunstakademie und avancierte zum Meisterschüler Gerhard Richters. Ab 1989 widmete sich Kohl der Malerei, ein Jahr später folgten bereits mehrere Stipendien. Ab 1991 konnte man seine Werke beispielsweise im Von-der-Heydt-Museum (Wuppertal), in der Kunsthalle Wil (St. Gallen), im Ludwig Forum für Internationale Kunst (Aachen) oder im Sinclairhaus (Bad Homburg) sehen.

M.M.

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Beitrag Kultur-Kanal: Wie´s war und weitergeht... - Bilanz deutscher Kulturpolitik 2004


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Das Jahr 2004 sollte zum Jahr der Reformen werden. Optimistisch war man gestartet, umso ernüchternder fiel das Urteil der großen meinungsbildenden Medien bezüglich der rot-grünen Reformstrategie aus: Geringes Wirtschaftswachstum, Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Widerstand Vieler bezüglich der Agenda 2010 seien als Eckpunkte genannt; Gerhard Schröder dagegen bleibt optimistisch - was bleibt ihm in seiner Funktion als Bundeskanzler auch anderes übrig?
Aber vielleicht richtete sich ja sein Blick auf die kulturelle Entwicklung Deutschlands - anders erklären kann man seine (zum Rest der Bevölkerung stark differierende) Auffassung zur derzeitigen Situation Deutschlands ja nicht. Jedenfalls steht es um die kulturelle Situation weitaus besser als um die wirtschaftliche. Nicht umsonst betitelte der Deutsche Kulturrat seine Jahresbilanz 2004 mit der Überschrift: "Mehr Licht als Schatten" - na immerhin!
Selbstverständlich gab es 2004 laut dem deutschen Kulturrat auch einige negative Erscheinungen, allen voran natürlich das klägliche Scheitern der Föderalismusreform, an dem die Schuldigen schnell enttarnt waren: Die Politiker - wer auch sonst? Schließlich offenbarte sich ein weiteres Mal das Metier Politik als bloßes Machtspiel, bei dem wohl oftmals mehr im Vordergrund stand, seine Kompetenzen - wenn nicht auszuweiten - wenigstens zu bewahren, und nicht etwa zum Wohl für das deutsche Volk zu handeln. Aber nachdem die Reform ja (vorerst!) gescheitert ist, hält auch der Kulturrat trotzig fest: "Die (...) geplante Kompetenzverlagerung der europäischen Kulturzuständigkeit vom Bund zu den Ländern wäre trotzdem falsch gewesen." Wohl wahr, nachdem dies vielmehr zu einer kulturellen Austrocknung in finanzschwachen Bundesländern geführt hätte und im Gegensatz zu diesen in Bayern etwa - ob der überkonsequenten Sparpolitik Edmund Stoibers - kulturelle Freuden vielleicht ja vom Schulbüchergeld getragen hätten werden müssen.
Leidiges Thema war natürlich auch die extreme Ausdünnung an Rundfunkorchestern - ob die Situation und ihre Konsequenzen wirklich allein den ARD-Rundfunkanstalten zuzuweisen sind, bleibt ob der geringer als geplant erhöhten Rundfunkgebühren offen. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen von Politikern und Intendanten bestimmten dann auch somit vielmehr das Geschehen in den Medien als das Schicksal der betroffenen Musiker. Insbesonders dann, wenn außerhalb der Radiostationen das Musikfernsehen mit der Fusion von MTV und VIVA noch vielmehr an Substanz verliert. Denn auch hier setzt man in naher Zukunft den Fokus mehr denn je auf Kaugummi-Unterhaltung und gibt jungen Talenten wie Charlotte Roche oder Sarah Kuttner den Laufpass.
Und neben der Senkung des Gesamtetats des Auswärtigen Amts in Sachen Kulturpolitik von 32,8% auf 25%, die Anhebung der Künstlersozialabgabe von 4,3% auf 5,8% und der Nichtbesetzung des Kulturdezernat des Deutschen Städtetags kristallisierte sich noch der Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar als Schicksalsschlag für die deutsche Kultur heraus. Und darauf hin natürlich auch die bohrende Frage: Hätte das Fiasko mit ausreichend Sicherheitsmaßnahmen nicht verhindert werden können?
Aber wie bereits bilanziert, darf doch noch mit ausreichend Optimismus ins neue Jahr gestartet werden: Gründe dafür gibt es genug, und verdanken dürfen wir diese zur Abwechslung dann auch der Politik, in besonderem Maße Christa Weiß und der Enquete-Komission.
Besonders letztere verteidigte ihre Daseinsberichtigung allein schon durch die Initiative, Kultur als Staatsziel in das Grundgesetzt eintragen zu lassen. Die positive Annahme im Bundestag lässt hoffen. Und auch wenn die Verankerung vielleicht als Makulatur erscheinen mag, den Budgets der Kulturstiftungen dürfte diese Initiative wohl kaum schaden.
Und auch die Bundesregierung vermag Positives zum Kulturjahr 2004 beizutragen: Mit dem Ruf nach einer "Stiftung Baukultur" erhob auch sie die Stimme für eine ausgewogenere Kulturlandschaft. Zwar lässt sich in die Ausgestaltung des Vorhabens noch kaum ein Blick werfen, nachdem weder Kapital noch Besetzung bestimmt sind, aber allein die Initiative vermag zu Optimismus verhelfen.
Optimismus, der zwischenzeitlich auch beim angekündigten und letztlich zurückgezogenen Ausstieg Niedersachsens - bzw. beim Ausstieg Herrn Wulffs - aus der Kultusministerkonferenz angebracht war. Aus dieser Situation heraus wurde die Misere aber dann auch endlich genutzt und wirkliche Reformen in Angriff genommen. Die Pisa-Ergebnisse vermochten dagegen weniger zu guter Laune beizutragen, aber wirkliche Resultate aus dem Reformeifer wollen ja - wie oftmals angemerkt - auch erst ein wenig Zeit in Anspruch nehmen.
Am stärksten bewies sich die deutsche Kulturpolitik jedoch wohl im Abbremsen der beiden Ministerpräsidenten Koch und Steinbrück, die in ihrem gleichnamigen Papier ganz im Sinne der kreativen Buchhaltung jegliche Kulturförderung des Bundes als Subventionen titulieren wollten. Bis zu 12% hätte dann die Senkung ausgemacht und ein Ausdörren der kulturellen Landschaft nach sich gezogen. So kann man sich nur dem Deutschen Kulturrat mit seinen Glückwünschen an die Kulturstaatsministerin anschließen, die erfolgreich gegen die übereifrigen Konsolidierer vorgegangen war.
So hält auch Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats fest: "Alles in allem trotzdem mehr Licht als Schatten in der Bundeskulturpolitik 2004." Zumindest hat sie sich ja als stark erwiesen.

Die März-Ausgabe des Kultur-Kanal mit folgenden Themen:


Die März-Ausgabe des Kultur-Kanal mit folgenden Themen:
* Streitfall "Moderne Kunst" - Wie man in Weimar und Aachen der Zeit hinterherhinkt
* Schauhallen: Interview mit den Initiatoren des neuen Museumskomplex
* RAF-Ausstellung: Vom Mythos zum Merchandise-Objekt
* "Der arme Poet": Zur sozialen Lage der Künstler
* Menzel-Portrait zum 100. Todestag des genialen Malers
* Die Baldin-Sammlung bald wieder in Bremen
u.v.m. - ab Anfang März bundesweit erhältlich in Galerien und Museen