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Interview mit der Kuratorin des Hamburger Bahnhofs Dr. Britta Schmitz über den „Jour Fixe“ der Berliner Kuratoren


Eingabedatum: 28.01.2006


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"Erst einmal ging es natürlich darum, Leute zusammenzubringen, die sich mit aktueller Kunst beschäftigen"

Dr. Britta Schmitz ist seit 1983 Kuratorin der Nationalgalerie. Vor dem Fall der Mauer war sie fünf Jahre für aktuelle Kunst der Neuen Nationalgalerie im Kunstforum der Grundkredit Bank zuständig. Seit 1989 ist sie als Kuratorin im Hamburger Bahnhof tätig. Anfangs noch während der Vorbereitungs- und Bauzeit tätig, kuratiert sie nun seit zehn Jahren Ausstellungen im Hamburger Bahnhof.

Die Berliner Kuratoren der aktuellen Kunst treffen sich regelmäßig zum Austausch von Informationen. Kultur-Kanal-Redakteurin Nora Wagner hat bei Dr. Britta Schmitz etwas genauer nachgefragt, was bei diesen Treffen diskutiert wird und welche Projekte daraus entstanden sind.

Kultur-Kanal: Anfang 2005 wurde, initiiert vom Art Forum, ein Jour Fixe der Berliner Kuratoren ins Leben gerufen, um die zeitgenössische Kunstszene und deren Potenzial zu fördern. Sie sind eine der daran teilnehmenden Kuratorinnen, welche Themen diskutieren Sie bei diesen Treffen?

Dr. Britta Schmitz: Erst einmal ging es natürlich darum, Leute zusammenzubringen, die sich mit aktueller Kunst beschäftigen. Berlin ist ja so wahnsinnig groß, und es gibt auch so viele Leute, die zur aktuellen Kunst arbeiten, und jeder ist in seinen Objekten drin - oft weiß man gar nicht, was in der Stadt alles passiert. Man trifft zwar den Einen oder Anderen auf irgendwelchen Ausstellungseröffnungen, aber auch nicht unbedingt immer. Das war so der Hauptgrund dieser Treffen. Um miteinander zu reden. Und das Reden hat hauptsächlich damit zu tun, dass man auch austauscht, was man für Projekte macht, in welche Richtung es geht. Daraus entstehen dann auch gemeinsame Ideen, wie zum Beispiel die, im Jahr 2007 zur gleichen Zeit in jeder Institution einen oder zwei Berliner Künstler auszustellen. Dann tauschen wir uns auch aus, wo man Projektmittel beantragen kann. EU-Förderungen beispielsweise sind ja ein Dschungel, wo sich jeder extra einarbeiten muss. Manche haben damit bessere Erfahrung, bei denen kann man dann noch mal nachfragen und weiß vor allem, wen man fragen kann. Teilweise tauschen wir für Ausstellungen auch gegenseitig Beamer oder sonstige benötigte Geräte.

Kultur-Kanal: Nehmen sowohl Kuratoren wie auch Galeristen an diesen Jours Fixes teil?

Dr. Britta Schmitz: Nein, Galeristen sind eigentlich nicht dabei, aber es gibt ja freie Kuratoren und manche kuratieren ja auch in Galerien Ausstellungen. Es kommen auch freie Kuratoren, aber es hat sich herausgestellt, dass die meisten Leute dann doch von den Institutionen kommen. Eingeladen werden aber auch andere. Der Treff ist offen. Das ist auch sinnvoll, weil die meisten Kuratoren ja frei tätig sind. Diese brauchen dann einen Ausstellungsraum, und das kann man bei den Treffen ja auch verhandeln. Oder ein Kurator einer Institution erfährt durch den Jour Fixe von einem schönen Projekt und kann dann anbieten, das bei sich stattfinden zu lassen.

Kultur-Kanal: Ihre Treffen dienen demnach der Netzwerkbildung?

Dr. Britta Schmitz: Ja, das kann man so sagen, und das war ja auch erst mal das Bestreben.

Kultur-Kanal: Kann jeder freie Kurator daran teilnehmen und sich für diese Treffen anmelden? Oder muss man dazu eingeladen werden?

Dr. Britta Schmitz: Also bisher lief es eigentlich nur auf Einladung. Aber ich glaube, die Einladungsliste ist relativ weit gestreut. Immer auch mit der Bitte, sich zurückzumelden, damit man in etwa weiß, wie viele Leute kommen. Wir sind an verschiedenen Orten. Wir haben nicht einen Ort, wo wir uns immer treffen, aber es gibt eine gewisse Regelmäßigkeit der Treffen. Meiner Schätzung nach etwa alle sechs Wochen, es kann aber auch sein, dass es alle sieben Wochen ist. Immer an einem Montag. Die Termine werden vom Art Forum im Voraus festgelegt, so dass man sich die Termine auch langfristig immer eintragen kann.

Kultur-Kanal: Das heißt, das Art Forum initiiert die Treffen nicht nur, sondern organisiert sie auch und lädt dazu ein?

Dr. Britta Schmitz: Genau, die verschicken die Einladungen. Dort sitzt sozusagen die Mailingstation. Weil auch niemand sonst so viele Adressen hat. Das ist im Art Forum ganz gut gebündelt.

Kultur-Kanal: Was sind weitere Themen, die bei den Treffen angesprochen werden?

Dr. Britta Schmitz: Wir diskutieren auch kulturpolitische Fragen, z.B. den Schlossaufbau und wie es weiter geht mit dem Palast der Republik. Ob man diesen weiterhin als Ausstellungsfläche akquirieren soll. Es ist natürlich so, dass immer Räume gesucht werden und dass in Berlin ja eine Kunsthalle fehlt, und deshalb kam man natürlich auf den Palast der Republik. Es gibt in Berlin viele Ausstellungsinstitutionen, denen Räume fehlen, und es wäre daher ganz schön, eine Kunsthalle für aktuelle Kunst zu haben. Der MartinGropius-Bau ist zwar ein Ausstellungshaus, aber da ist ja von der frühen Christenheit bis heute alles zu sehen. Daher fehlt eine Kunsthalle für ausschließlich Zeitgenössische Kunst.

Kultur-Kanal: Wenn Sie Themen wie Gründung einer neuen Kunsthalle oder andere kunst-/kulturpolitische Themen diskutieren, laden Sie dann auch Politiker dazu ein? Dr. Britta Schmitz: Bei uns waren schon mal Leute vom Senat. Ja, wir laden auch Politiker ein.

Kultur-Kanal: Begeben Sie als Kuratoren sich in eine beratende Funktion gegenüber dem Berliner Senat?

Dr. Britta Schmitz: Das ist nicht institutionalisiert, also wenn die kommen, dann hören sie sich unsere Diskussion auch mit an, aber es ist nicht ein Rat – wie es der Rat der Künste lange Zeit war.

Kultur-Kanal: Kann man diese Treffen als informell und offen bezeichnen? Runden, in denen man sich trifft und mal guckt, was daraus entsteht?

Dr. Britta Schmitz: Richtig.

Kultur-Kanal: Hat sich den Ihrer Ansicht nach die Museumswelt im Bereich der Zeitgenössischen Kunst durch diese Informationsbörse auch verbessert?

Dr. Britta Schmitz: Ja, die hat sich auf jeden Fall verbessert. Allein schon, weil man die Leute regelmäßig sieht und regelmäßigen Austausch hat. Und wie gesagt, weil daraus teilweise Projekte entstehen, wie das Projekt für den Sommer 2007. Hier sollen zur Zeit der Biennale und der documenta alle Institutionen einen oder zwei Künstler ausstellen, die in Berlin wohnen. Dies wird sicherlich auch eine Signalwirkung nach Außen haben. Damit hätten wir die Chance, die Berliner Kunstszene mit ihren verschiedenen Ebenen in aktueller Kunst zur gleichen Zeit einem breiten Publikum zu zeigen. Und somit zusammenzufassen, was hier in Berlin in der Zeitgenössischen Kunst alles passiert. Hier hat sich eine internationale Szene etabliert, die es wert ist, sie auszustellen, um mal zu zeigen, welcher der etablierten und jungen Künstler in Berlin lebt.

Kultur-Kanal: Wie viele Kuratoren nehmen an den Netzwerkrunden teil?

Dr. Britta Schmitz: Das ist unterschiedlich. Wie man weiß, reisen wir alle viel oder arbeiten viel, aber manchmal sind schon 30 Leute da. Manchmal sind auch nur 15 da. Aber das Interesse ist vorhanden. Eine weitere Initiative, die aus unseren Runden entstand, ist 'Why Berlin?' - eine PR-Aktion, warum Sammler, Kunstinteressierte, usw. nach Berlin kommen sollen. Wir laden dafür Anfang Februar Journalisten hierher nach Berlin ein, die eine besondere Betreuung in den einzelnen Institutionen von den Kuratoren bekommen. Das zeigt mir auch, dass dies ein interessantes und auch schlagkräftiges Instrument ist, was die PR-Arbeit verbessert.

Kultur-Kanal: Und dies ist nicht Aufgabe der PR-Manager, sondern der wissenschaftlichen Mitarbeiter, da es keine großen PR-Abteilungen in den Institutionen gibt?

Dr. Britta Schmitz: Unter anderem auch. Eine weitere PR-Aktion ist das Versenden eines gemeinsamen Newsletters mit Ausstellungsinformationen. Dieser Newsletter fasst aktuelle, zeitgenössische Ausstellungen in Berlin zusammen. Wir sind ja notorisch arm, und da jeder einen kleinen Betrag zu dieser sogenannten „e-flux Aussendung“ beisteuert, können wir uns das überhaupt nur leisten. So wird dann sozusagen von allen Institutionen einmal zusammengefasst, was gerade im Zeitraum von Januar bis April stattfindet, und dann wird es elektronisch verschickt. Das ist sehr sinnvoll. Wir könnten uns das sonst gar nicht leisten, da unser Ausstellungsbudget immer sehr klein ist. Des Weiteren stellen wir uns vor, eine gemeinsame Webseite online zu stellen, auf der dann zusammengefasst wird, welche Ausstellungen im Bereich aktuelle Kunst - also Contemporary Art - gerade in Berlin stattfinden.

Kultur-Kanal: Liebe Frau Schmitz, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für das Projekt 2007!


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