Biotopia

31.03. -30.07.2017 | Kunsthalle Mainz
Eingabedatum: 30.03.2017

bilder

Heute, im Zeitalter des Anthropozän, ist der Mensch zum bestimmenden Faktor der Evolution geworden. Nachdem die Menschheit sich über Jahrtausende gegen die Übermacht der Natur behaupten musste, drehte sich dieses Verhältnis spätestens mit der Industrialisierung um – so die These des Mainzer Atmosphären-Chemikers und Nobelpreisträgers Paul J. Crutzen. Angesichts der vom Menschen kontrollierten und bedrohten Natur macht sich in der Ausstellung eine Generation von Künstlerinnen und Künstlern auf die Suche nach Alternativen zur evolutionären Sackgasse.

Die Künstlerinnen und Künstler begeben sich in die hintersten Winkel wenig erforschter Natur, um dort Essenzen und Modelle für mögliche Gegenentwürfe oder zumindest Ansätze für ein Umdenken zu suchen. Ausgehend von den letzten Refugien des Dschungels und der Tiefsee entwerfen sie computerisierte Simulationen, biologische Experimente und futuristische Biofiktionen. Sie suchen nach dem Paradox einer vom Menschen geschaffenen unberührten Natur. Dabei mischen sie kritisch-philosophische und animistische Denkweisen mit Versatzstücken von Life-Sciences, Bio- und Geo-Engineering. Gleichzeitig verwenden die Künstlerinnen und Künstler neueste Technologien der Bildkreation und der Materialverarbeitung.

Mit Virtual Reality, Computeranimationen und 3D-Drucken generieren sie Bilder von berückender Schönheit oder irritierendem Hyperrealismus. Die Werke pendeln zwischen post-apokalyptischen Szenarien und öko-alternativen Visionen, abstrakt-poetischen Darstellungen und ganz konkreten Do-it-Yourself-Ideen. Auch wenn der Mensch in der Ausstellung nicht sichtbar wird, ist in allen Arbeiten die menschliche Konstruktion ablesbar. Was auf den ersten Blick vielleicht naturbelassen aussieht, ist hier immer menschengemacht. Die Künstlerinnen und Künstler begeben sich auf eine Gratwanderung zwischen alternativen Visionen und dysfunktionalen Dynamiken, die immer dann drohen, wenn Menschen irreversibel in natürliche Prozesse eingreifen. Damit verbunden ist auch eine Kritik des anthropozentrischen und profitorientierten Gesellschaftsentwurfs, der Natur als nutzbare Ressource und nicht als Selbstzweck begreift. Letztlich steht in der Ausstellung das Selbstverständnis der Spezies Mensch auf dem Prüfstand. Die Werke suchen aber auch nach Perspektiven, in denen ökologische und technologische Entwicklungen nahtlos verschmelzen. Dabei loten sie das gegenwärtige Zukunftsdilemma aus, das zwischen vorsichtiger Wahrung der fragilen Koexistenz von Mensch und Natur und radikalen Maßnahmen angesichts apokalyptischer Dynamiken pendelt. Die Balance könnte letztlich sogar der Kontrolle des Menschen entgleiten, um einer posthumanistischen Ära Platz zu machen, in der sich Natur und Technik gegen den Menschen verbünden. In diesen spekulativen Zukunfts-Szenarien sind die Dualismen von Natur und Technik, Fakt und Fiktion, Optimismus und Pessimismus nicht mehr einfach auseinanderzuhalten.

Der in Brasilien lebende Künstler Daniel Steegmann Mangrané macht mit brandneuer Virtual Reality-Technik ein Stück des brasilianischen Regenwaldes dreidimensional erfahrbar. Der Schweizer und Wahl-Berliner Julian Charrière zeigt einen überdimensionalen Kühlschrank mit tiefgekühlten tropischen Pflanzen, deren Ursprünge bis in die Kreidezeit zurückreichen. Der Künstler konserviert diese prähistorischen Relikte und spannt dadurch zugleich einen Bogen in die Zukunft. Das Schweizer Duo Studer/van den Berg lässt eine virtuell simulierte Ursuppe brodeln, in der auch die ominöse dunkle Materie ein digitales Abbild erhält. Die in Zürich lebende Amerikanerin Elodie Pong beschäftigt sich dagegen mit der Idee der virtuellen Konservierung bedrohter Arten, die für die Parfümindustrie synthetisch hergestellt werden und lässt diese Pflanzen im 3D-Drucker nachwachsen. Phillip Zachs Interesse gilt Würmern, einer Urform des Lebens, die heute in besonderer Weise durch menschlichen Forschungsdrang betroffen sind. Der Wurm erscheint als Metapher für eine durch und durch vom Menschen gestaltete Welt. Die Lettin Daiga Grantina erfindet hybride Objekte und Skulpturen aus artifiziellen Materialien, die scheinbar in ständiger Metamorphose als halbtransparente, organische Kreaturen den Ausstellungsraum besiedeln und über eine Sci-Fi-Zukunft hybrider Körper spekulieren. Der Belgier David Claerbout entwirft – ebenfalls am Computer – eine meditative Filmreise durch generische Bilder von idyllischen Wäldern, die begleitet von New Age-Sound eine Art Entspannung in einem nicht-existierenden Illusionsraum hervorrufen. Als selbsternannte Biohacker experimentieren Baggenstos/Rudolf & Hackteria mit ausgedientem Elektroschrott und mutmaßen im eigens in der Kunsthalle eingerichteten Bio-Labor über die Zukunft der Natur im Zeitalter von Cyborgs. Gleichzeitig organisieren sie in Kooperation mit Hackteria, einem Kollektiv von Wissenschaftlern und Künstlern, einen Do-it-Yourself-Workshop und untersuchen Chancen und Risiken aktueller genmanipulativer Technologien. Die Schweizerin Dominique Koch etabliert die biologische Möglichkeit zur potentiellen Unsterblichkeit einer Quallenart als Metapher des kapitalistischen Systems.

Beteiligte Künstler: Baggenstos/Rudolf & Hackteria, Julian Charrière, David Claerbout, Daiga Grantina, Dominique Koch, Elodie Pong,Daniel Steegmann, Mangrané, Monica Studer/Christoph van den Berg, Phillip Zach

Kunsthalle Mainz
Am Zollhafen 3–5
55118 Mainz
http://kunsthalle-mainz.de/de






Daten zu Julian Charrière:

- abc 2015
- art berlin 2017
- Biennale Venedig 2017
- SAMMLUNG WEMHÖNER

Weiteres zum Thema: Julian Charrière



Public Abstraction - Private Construction IV+V


Rainer Ganahl, Bicycling Damascus, 2004, video

Marco Bruzzone & Patrick Tuttofuoco, Julian Charriére & Andreas Greiner, Gino de Dominicis, Rainar Ganahl, Daniel Knorr, Heimo Lattner, Gabriel Lester, Ulrike Mohr, Johanna Reich, Karin Sander, Santiago Sierra, Mirjam Thomann, Timm Ulrichs

Die Geschichte der Kunst hat sich aus dem Abstraktionsvermögen Einzelner entwickelt. "Public Abstraction, Private Construction" untersucht das gedankliche Verfahren von Abstraktion am Beispiel von Projekten in öffentlich erfahrbaren Situationen. Durch Fortsetzung der Ausstellungen von 2011 und weitere Aktionen versuchen wir uns den Begriff der Abstraktion als Wahrnehmungsprozess anzunähern und ihn zu diskutieren.

Eine Ausstellung, egal wie schön und spannend sie sein mag, kann im Vergleich zum kreativen Entstehungsprozess selten mehr als eine physische, dokumentarische Ebene bilden. Deswegen ist dieses Ausstellungsprojekt nicht so sehr an formalistischen Entwicklungen oder an Abstraktion als bildnerischem Ergebnis interessiert, sondern viel mehr an dem Weg und Entstehungsprozess des Kunstwerks. Der Tatort dieser Ausstellung ist demnach nicht die Galerie oder der öffentliche Raum an sich, sondern der Kopf des Künstlers mit all seinen Ideen und Turbulenzen. Der lange Weg des Sehens, Analysierens und Erkennens ist im Kunstwerk als Produkt selten sichtbar, obwohl doch so wichtig und bestimmend für die künstlerische Entscheidung.

Wenn die Realität die künstlerische Position beeinflusst und durch das Kunstwerk reflektiert wird – wie kann eine künstlerische Position ihrerseits die Wahrnehmung der Realität verändern? Künstlerische Ansichten, Eingriffe und Konstruktionen verwischen die Grenzen zwischen öffentlich und privat, real und absurd, sinnlos und genial und konfrontieren uns mit unerwarteten Begegnungen, Wahrnehmunen und Erfahrungen. Oft fern üblicher Ausdrucksformen und Techniken, sind die Arbeiten der Ausstellung in der Auseinandersetzung mit Situationen und Ordnungssystemen des Alltags entstanden. Abstraktion erscheint so als Zustand, Eigenschaft und Voraussetzung des Sehens als gedanklicher Prozess, der neue Erlebnisse und Einblicke ermöglicht.

Öffnungszeiten: Mi-Fr 17:30-19 Uhr, So 11-15 Uhr und n.V.

Kunstverein Arnsberg
Königstr. 24
59821 Arnsberg
kunstverein-arnsberg.de


Auf der Karte finden Sie folgende Standorte:




    Anzeige
    Atelier


    Anzeige
    berlin




    Klangkunst von Marianthi Papalexandri-Alexandri und Pe Lang

    Die Arbeiten der in Zürich und Ithaka, New York arbeitenden Künstlerin sind an der Grenzlinie zwischen „sound art“, musikalischer Komposition, Skulptur und Performance verortet ... weiter


    Thea Djordjadze - INVENTUR SGSM

    Die georgische Künstlerin Thea Djordjadze (*1971) erregte in den letzten Jahren mit sublimen Rauminstallationen große Aufmerksamkeit in der internationalen Kunstszene. weiter


    Cooperations

    Am 18. Oktober 2017 stellte die Fondation Beyeler die dritte neue Sammlungspräsentation anlässlich ihres Jubiläumsjahres vor. weiter

    Home of the Brave. Absolventen der Städelschule 2017

    Mit insgesamt 38 Künstler_innen ermöglicht die diesjährige Präsentation einen fundierten Einblick in das facettenreiche Schaffen der Absolventen der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule. weiter

    Maik + Dirk Löbbert: Hauptstraße

    Kunst und Wirklichkeit sind die beiden zentralen Pole im Werk von Maik und Dirk Löbbert. weiter


    Mehr als Fett und Filz – Materialien im Werk von Joseph Beuys

    Die Werke und mit ihnen die Materialien sind für Beuys Transportmittel seiner Ideen ... weiter


    Stefan Burger

    Nicht wenige Künstler*innen suchen seit einiger Zeit den Widerstand des Materials. Ihre Suche scheint nicht allein der Flucht aus der Langeweile angesichts der allzu vertraut gewordenen Oberflächen einer digital geprägten Welt geschuldet. weiter

    Alexander Kluge. Gärten der Kooperation

    Die beiden zentralen inhaltlichen Bezugspunkte der Ausstellung kreisen um die Metapher des Gartens und die Idee des Gemeinsamen. weiter


    Saâdane Afif. Ici. / Là-bas.

    In Düren und Montpellier wird die Arbeit „Ici. / Là-bas.“ von dem französischen Künstler Saâdane Afif zeitgleich gezeigt. weiter


    Denn hinter diesem Horizont liegt ein weiterer Horizont

    Die Ausstellung spiegelt den Blick der zeitgenössischen Kunst auf alternative Zukunftsentwürfe – mögliche Horizonte hinter dem jetzt sichtbaren Horizont. weiter


    MORE than ROME. Christoph Brech

    Ungewöhnlich, manchmal irritierend, oft verblüffend sind die Arbeiten des Münchner Bild- und Videokünstlers Christoph Brech. Seine Werke konzentrieren sich auf Phänomene der Zeit, der Übergänge, der Erinnerung. weiter

    graduiert ≈ präsentiert

    Vom 11. Oktober bis 12. November 2017 zeigt die Burg Galerie im Volkspark unter Arbeiten von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Graduiertenförderung des Landes Sachsen-Anhalt aus den Jahren 2016 und 2017. weiter

    Ausstellung der Meisterschülerinnen/Meisterschüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

    Die Ausstellung versammelt traditionell zum Beginn des Akademischen Jahrs Arbeiten der Meisterschüler*innen, die im Winter- und Sommersemester ihre Prüfung erfolgreich abgelegt haben weiter


    Martin Parr: Souvenir - A Photographic Journey

    In seinen Arbeiten zeigt Martin Parr die gesellschaftliche Realität: Phänomene wie Konsum, Tourismus oder nationale Identitäten beleuchtet er aus einer unterhaltsamen Perspektive, die das Banale, Extreme und manchmal auch Abgründige im Alltäglichen sichtbar macht. weiter

    Roter Oktober. Kommunismus als Fiktion und Befehl

    Die russische Revolution kann als Beginn des proletarischen Zeitalters und der Etablierung international sehr unterschiedlicher Kommunismen gelten. Mittels zeitgenössischer Kunstwerke der verschiedensten Gattungen und Medien sowie einer Auswahl historischer Referenzwerke versucht die Ausstellung ... weiter