Biotopia

31.03. -30.07.2017 | Kunsthalle Mainz
Eingabedatum: 30.03.2017

Werkabbildung

Julian Charrière: Tropisme, 2014 installation view of exhibition Polygon (2015) at Galerie Bugada & Cargnel, Paris © Julian Charrière, VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy Galerie Bugada & Cargnel, Paris, Photo: Martin Argyroglo.bilder

Heute, im Zeitalter des Anthropozän, ist der Mensch zum bestimmenden Faktor der Evolution geworden. Nachdem die Menschheit sich über Jahrtausende gegen die Übermacht der Natur behaupten musste, drehte sich dieses Verhältnis spätestens mit der Industrialisierung um – so die These des Mainzer Atmosphären-Chemikers und Nobelpreisträgers Paul J. Crutzen. Angesichts der vom Menschen kontrollierten und bedrohten Natur macht sich in der Ausstellung eine Generation von Künstlerinnen und Künstlern auf die Suche nach Alternativen zur evolutionären Sackgasse.

Die Künstlerinnen und Künstler begeben sich in die hintersten Winkel wenig erforschter Natur, um dort Essenzen und Modelle für mögliche Gegenentwürfe oder zumindest Ansätze für ein Umdenken zu suchen. Ausgehend von den letzten Refugien des Dschungels und der Tiefsee entwerfen sie computerisierte Simulationen, biologische Experimente und futuristische Biofiktionen. Sie suchen nach dem Paradox einer vom Menschen geschaffenen unberührten Natur. Dabei mischen sie kritisch-philosophische und animistische Denkweisen mit Versatzstücken von Life-Sciences, Bio- und Geo-Engineering. Gleichzeitig verwenden die Künstlerinnen und Künstler neueste Technologien der Bildkreation und der Materialverarbeitung.

Mit Virtual Reality, Computeranimationen und 3D-Drucken generieren sie Bilder von berückender Schönheit oder irritierendem Hyperrealismus. Die Werke pendeln zwischen post-apokalyptischen Szenarien und öko-alternativen Visionen, abstrakt-poetischen Darstellungen und ganz konkreten Do-it-Yourself-Ideen. Auch wenn der Mensch in der Ausstellung nicht sichtbar wird, ist in allen Arbeiten die menschliche Konstruktion ablesbar. Was auf den ersten Blick vielleicht naturbelassen aussieht, ist hier immer menschengemacht. Die Künstlerinnen und Künstler begeben sich auf eine Gratwanderung zwischen alternativen Visionen und dysfunktionalen Dynamiken, die immer dann drohen, wenn Menschen irreversibel in natürliche Prozesse eingreifen. Damit verbunden ist auch eine Kritik des anthropozentrischen und profitorientierten Gesellschaftsentwurfs, der Natur als nutzbare Ressource und nicht als Selbstzweck begreift. Letztlich steht in der Ausstellung das Selbstverständnis der Spezies Mensch auf dem Prüfstand. Die Werke suchen aber auch nach Perspektiven, in denen ökologische und technologische Entwicklungen nahtlos verschmelzen. Dabei loten sie das gegenwärtige Zukunftsdilemma aus, das zwischen vorsichtiger Wahrung der fragilen Koexistenz von Mensch und Natur und radikalen Maßnahmen angesichts apokalyptischer Dynamiken pendelt. Die Balance könnte letztlich sogar der Kontrolle des Menschen entgleiten, um einer posthumanistischen Ära Platz zu machen, in der sich Natur und Technik gegen den Menschen verbünden. In diesen spekulativen Zukunfts-Szenarien sind die Dualismen von Natur und Technik, Fakt und Fiktion, Optimismus und Pessimismus nicht mehr einfach auseinanderzuhalten.

Der in Brasilien lebende Künstler Daniel Steegmann Mangrané macht mit brandneuer Virtual Reality-Technik ein Stück des brasilianischen Regenwaldes dreidimensional erfahrbar. Der Schweizer und Wahl-Berliner Julian Charrière zeigt einen überdimensionalen Kühlschrank mit tiefgekühlten tropischen Pflanzen, deren Ursprünge bis in die Kreidezeit zurückreichen. Der Künstler konserviert diese prähistorischen Relikte und spannt dadurch zugleich einen Bogen in die Zukunft. Das Schweizer Duo Studer/van den Berg lässt eine virtuell simulierte Ursuppe brodeln, in der auch die ominöse dunkle Materie ein digitales Abbild erhält. Die in Zürich lebende Amerikanerin Elodie Pong beschäftigt sich dagegen mit der Idee der virtuellen Konservierung bedrohter Arten, die für die Parfümindustrie synthetisch hergestellt werden und lässt diese Pflanzen im 3D-Drucker nachwachsen. Phillip Zachs Interesse gilt Würmern, einer Urform des Lebens, die heute in besonderer Weise durch menschlichen Forschungsdrang betroffen sind. Der Wurm erscheint als Metapher für eine durch und durch vom Menschen gestaltete Welt. Die Lettin Daiga Grantina erfindet hybride Objekte und Skulpturen aus artifiziellen Materialien, die scheinbar in ständiger Metamorphose als halbtransparente, organische Kreaturen den Ausstellungsraum besiedeln und über eine Sci-Fi-Zukunft hybrider Körper spekulieren. Der Belgier David Claerbout entwirft – ebenfalls am Computer – eine meditative Filmreise durch generische Bilder von idyllischen Wäldern, die begleitet von New Age-Sound eine Art Entspannung in einem nicht-existierenden Illusionsraum hervorrufen. Als selbsternannte Biohacker experimentieren Baggenstos/Rudolf & Hackteria mit ausgedientem Elektroschrott und mutmaßen im eigens in der Kunsthalle eingerichteten Bio-Labor über die Zukunft der Natur im Zeitalter von Cyborgs. Gleichzeitig organisieren sie in Kooperation mit Hackteria, einem Kollektiv von Wissenschaftlern und Künstlern, einen Do-it-Yourself-Workshop und untersuchen Chancen und Risiken aktueller genmanipulativer Technologien. Die Schweizerin Dominique Koch etabliert die biologische Möglichkeit zur potentiellen Unsterblichkeit einer Quallenart als Metapher des kapitalistischen Systems.

Beteiligte Künstler: Baggenstos/Rudolf & Hackteria, Julian Charrière, David Claerbout, Daiga Grantina, Dominique Koch, Elodie Pong,Daniel Steegmann, Mangrané, Monica Studer/Christoph van den Berg, Phillip Zach

Kunsthalle Mainz
Am Zollhafen 3–5
55118 Mainz
http://kunsthalle-mainz.de/de






Daten zu Julian Charrière:

- abc 2015
- Biennale Venedig 2017
- SAMMLUNG WEMHÖNER

Weiteres zum Thema: Julian Charrière



Public Abstraction - Private Construction IV+V


Rainer Ganahl, Bicycling Damascus, 2004, video

Marco Bruzzone & Patrick Tuttofuoco, Julian Charriére & Andreas Greiner, Gino de Dominicis, Rainar Ganahl, Daniel Knorr, Heimo Lattner, Gabriel Lester, Ulrike Mohr, Johanna Reich, Karin Sander, Santiago Sierra, Mirjam Thomann, Timm Ulrichs

Die Geschichte der Kunst hat sich aus dem Abstraktionsvermögen Einzelner entwickelt. "Public Abstraction, Private Construction" untersucht das gedankliche Verfahren von Abstraktion am Beispiel von Projekten in öffentlich erfahrbaren Situationen. Durch Fortsetzung der Ausstellungen von 2011 und weitere Aktionen versuchen wir uns den Begriff der Abstraktion als Wahrnehmungsprozess anzunähern und ihn zu diskutieren.

Eine Ausstellung, egal wie schön und spannend sie sein mag, kann im Vergleich zum kreativen Entstehungsprozess selten mehr als eine physische, dokumentarische Ebene bilden. Deswegen ist dieses Ausstellungsprojekt nicht so sehr an formalistischen Entwicklungen oder an Abstraktion als bildnerischem Ergebnis interessiert, sondern viel mehr an dem Weg und Entstehungsprozess des Kunstwerks. Der Tatort dieser Ausstellung ist demnach nicht die Galerie oder der öffentliche Raum an sich, sondern der Kopf des Künstlers mit all seinen Ideen und Turbulenzen. Der lange Weg des Sehens, Analysierens und Erkennens ist im Kunstwerk als Produkt selten sichtbar, obwohl doch so wichtig und bestimmend für die künstlerische Entscheidung.

Wenn die Realität die künstlerische Position beeinflusst und durch das Kunstwerk reflektiert wird – wie kann eine künstlerische Position ihrerseits die Wahrnehmung der Realität verändern? Künstlerische Ansichten, Eingriffe und Konstruktionen verwischen die Grenzen zwischen öffentlich und privat, real und absurd, sinnlos und genial und konfrontieren uns mit unerwarteten Begegnungen, Wahrnehmunen und Erfahrungen. Oft fern üblicher Ausdrucksformen und Techniken, sind die Arbeiten der Ausstellung in der Auseinandersetzung mit Situationen und Ordnungssystemen des Alltags entstanden. Abstraktion erscheint so als Zustand, Eigenschaft und Voraussetzung des Sehens als gedanklicher Prozess, der neue Erlebnisse und Einblicke ermöglicht.

Öffnungszeiten: Mi-Fr 17:30-19 Uhr, So 11-15 Uhr und n.V.

Kunstverein Arnsberg
Königstr. 24
59821 Arnsberg
kunstverein-arnsberg.de

Julian Charrière, Andreas Greiner und Julius von Bismarck


Die Künstler Julian Charrière (*1987), Andreas Greiner (*1979) und Julius von Bismarck (*1983) produzieren neue Arbeiten vor Ort, die im Kunstverein Arnsberg, im Lichthaus Arnsberg, sowie auf dem Neumarkt zu sehen sind. Die Verkettung der Positionen basiert auf gemeinsamen Interessen für Natur, Physik und Technik, die sie zu diversen prozessorientierten Werken und Experimenten anregen. Durch die zeitgleiche Präsentation der drei Künstler wird eine künstlerische Gattung sichtbar, die auf der Auseinandersetzung von Mensch und Natur beruht. Daraus entstehen Aktionen, Performances, Skulpturen und Erfindungen jeder Art, die mit Ideen und Humor ungewöhnliche Szenarien aufstellen.

"Die Welt ist mittelgroß" behauptet Julian Charrière in seiner Einzelausstellung im Kunstverein Arnsberg, wo sich u.a. Teile aus 195 Ländern der Welt zusammenfinden. Die Ausstellung bringt uns zu fernen Orten und sehnsuchtsvollen Landschaften mit aktuellen Arbeiten aus den Alpen und Arnsberg bis Addis Abeba. Charrières poetischer Blick sucht die Freiheit und die Weite in oft epischen Dimensionen, die an Land Art und Romantik anknüpft und den Künstler in sureale Situationen versetzt. Für den jungen Schweizer Künstler sind "Werke auch als Prozesse zu begreifen, die von ihrer Umgebung stets neu erzeugt werden. Erst wenn die gewohnten Bezugspunkte fehlen, verschwimmen die Verhältnisse" (Charrière).

Julius von Bismarck stellt auf dem Neumarkt seine neue Arbeit "History Apparatus" (2014) vor. Wir finden im Zentrum des Platzes den großen Baumstumpf einer hunderte Jahre alten Eiche. Als Symbol der Dauerhaftigkeit und Erhabenheit, als historischer Angelpunkt für Stadt und Gemeinde, sowie als Schutz- und Zufluchtsort ist dieser alte Baum jetzt weg. Der gefällte Baum wird noch in der Vorstellung des Betrachters erkennbar, da der Stumpf von einem stattlichen Baum zeugt. Ist die Stadt um diesen Baum herum gewachsen und hat ihn nun verloren? Der Künstler interessiert sich für die Beziehung zwischen Realitätskonstruktion und Naturwahrnehmung. Der Baumstumpf von Bismarck wird als Hinterbliebener einer fiktiven Wirklichkeit posthum in die Geschichte von Arnsberg hinein geschrieben.

"Spring forward fall back" ist ein Ausdruck und Wortspiel aus dem Englischen, auf das sich der Künstler Andreas Greiner im Lichthaus Arnsberg bezieht. Zum blühenden Frühling entwickelt er ein Projekt gemeinsam mit den Pflanzen und Insekten rund um das Lichthaus. Frühlingsgefühle und Fortpflanzung sind nur einige der Aspekte der Ausstellung im Lichthaus, das Greiner für eine Woche bewohnen wird. Sein Bett kann das bislang von Menschen unbewohnte Lichthaus zwar nicht beleben, da es bereits von zahlreichen Insektenarten bewohnt wird. Vielmehr möchte er damit den Ureinwohnern die Bühne überlassen. Die Ausstellung im Lichthaus wird vom Kulturbüro der Stadt Arnsberg in Kooperation mit dem Kunstverein Arnsberg organisiert.

Greiner, Bismarck und Charrière sind Absolventen des Instituts für Raumexperimente an der Universität der Künste in Berlin. In Arnsberg kennen wir die Künstler aus der Ausstellungsreihe "Public Abstraction Private Construction" und von den Projekten "Entladung (Arnsberg)" von Andreas Greiner und Fabian Knecht (2013), "Some Pigeons are more equal than others" von Julian Charrière und Julius von Bismark (2013) und "Dominions (Arnsberg/Neheim/Hüsten)" von Julian Charrière und Andres Greiner (2012).

Julian Charrière
Die Welt ist mittelgroß
11. April - 8. Juni 2014
Kunstverein Arnsberg

Andreas Greiner
spring forward fall back
11. April - 8. Juni 2014
Lichthaus Arnsberg

Julius von Bismarck
History Apparatus
ab dem 11. April 2014
Neumarkt

Kunstverein Arnsberg
Königstr. 24, D-59821 Arnsberg
kunstverein-arnsberg.de

Lichthaus Arnsberg
Klosterstraße 11, D-59821 Arnsberg
lichthaus-arnsberg.de


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