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B3 Biennale

Spezial: Eva Biringer für art-in.de aus Bratislava über den Monat der Fotografie


Eingabedatum: 11.11.2010


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So eine Busfahrt ist ja mitunter alles andere als lustig. Auch nicht unbedingt schön. Und von Luxus weit entfernt. Dennoch geht´s voller Vorfreude am frühen Morgen im Kreise einer überschaubaren Gruppe auf den Weg nach Bratislava. Dort steht – im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie – zum zwanzigsten Mal der Monat ganz im Zeichen der Fotografie. Umso spannender verspricht die Reise zu werden, da sich nach den ersten Eindrücken in Österreichs Hauptstadt nun ein direkter Vergleich ziehen lässt.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass sich sowohl die Anzahl der Ausstellungsorte als auch jene der beteiligten Künstler weitaus bescheidener gibt als in Wien. Als Zweites fällt auf, dass sich ein gutes Drittel der vorgestellten Ausstellungen im weitesten Sinne historischer Themen annimmt. Sei es Photographic History 1840-1950, In the Shawdow of Third Reich oder die zahlreichen Retrospektiven verstorbener Künstler – offensichtlich schwelgt man hier gerne in Nostalgie. Kein Wunder, fühlt man sich doch nach einem Rundgang durch die verschlafene Altstadt selbst in die Vergangenheit versetzt.

Die Entdeckungstour beginnt dann auch mit einem Rückschritt, wenn auch ortsbezogen: Plötzlich ist man wieder in Wien. Tatsächlich hat der deutsche Fotograf Frank Robert sich mit den Stimmungen des Praters auseinandergesetzt und zwar Jenen, fernab der üblichen Besuchermassen. Seine Werkgruppe Endstation Sehnsucht wagt einen melancholisch gefärbten Blick auf verrammelte Buden, abgesperrte Fahrgeschäfte und unter Folie begrabene Tierplastiken. Wenn doch einmal ein Mensch zu sehen ist, dann fast ausschließlich einzeln – einsam seine Runden drehend, ganz allein im Karussell, verloren zwischen all den Vergnügungsangeboten. Die besten Fotos, die trüben, matten, überzeugen durch eine ganz eigene faszinierende Traurigkeit, eine fast kindliche Sehnsucht. Leider ist nur ein Bruchteil der Arbeiten als Drucke im Ausstellungsraum vorhanden; den Rest muss der interessierte Besucher als viel zu schnell ablaufende Diashow auf einem dafür vorgesehen Computer über sich ergehen lassen.

Weiter führt einen der Weg in den Dom umenia, eine Kunst-und Kulturinstitution, die aktuell fünf Ausstellungen unter ihrem Dach vereint. Neben der Gesamtschau World Press Photo 2010, sind das Einzelausstellungen von Robo Kocan, Marcos López, Martin Parr und Nepokojné médium/ Yeasty Medium, die einen Überblick über zwanzig Jahre Fotografie in der Slowakei zu geben sucht.
Große Freude bereitet Luxury. Martin Parr, britischer Fotograf, unter anderem tätig für Magnum, überlegt, was Luxus heute, im Zeitalter von kapitalistischen Exzessen und Wirtschaftskrise, bedeuten kann. Neben den wenig überraschenden Statussymbolen wie Designerhandtaschen, Champagner und Ferraris impliziert nicht zuletzt der Ort selbst eine Vorstellung von Reichtum, so etwa das jährliche Pferderennen in Ascot oder die Art Fair in Dubai. Überhaupt scheint Kunst, ganz im marx’schen Sinne, ein möglicherweise verzichtbarer Überbau zu sein, wenn man Parrs zahlreiche Aufnahmen von Vernissagen und Kunstevents berücksichtigt.

Weniger erwähnenswert sind hingegen die Einzelausstellungen der anderen Künstler: Robo Kocan, Gallionsfigur der slowenischen Fotografieszene, mutet dem Betrachter mit seinen kryptischen, esoterisch angehauchten Aufnahmen von Geistern und übernatürlichen Erscheinungen Einiges zu.
Ähnlich überfordert verlässt man den Raum, in dem Marcos López seine Vorstellung des zeitgenössischen Argentiniens wiedergibt. Die grelle Ästhetik erinnert an eine wenig überzeugende Version von David LaChapelle, den mit roter Tinte bespritzten Zwitterwesen fehlt jede Subtilität.

Mit der Vorstellung von Dekadenz, die noch nachklingt, geht es zur Galéria F7. Hier wird die Arbeit der koreanischen Künstlerin Ji Hyun Kwon gezeigt, Gewinnerin der Portfolio Review des Monats der Fotografie aus dem vergangenen Jahr in Bratislava.
Mitten durch den Raum spannt sich eine Schnur, auf der Wäschestücke zum Trocken aufgehängt wurden, die einen schönen Bezug zu den fotografischen Arbeiten und dem Video herstellt, in denen Ji Hyun Kwon die Lebensumstände ausgewählter Studenten ihres Heimatlandes porträtiert. Streng nach Geschlechtern getrennt fristen diese, eingeschlossen in winzigen dormitories ein Dasein, scheinbar ohne jede Privatsphäre. Besonders verwunderlich ist daran, dass auf fast jedem Foto mindestens einer von Beiden mit seinem Laptop beschäftigt ist. Die virtuelle Kommunikation hat die reale ersetzt; das soziale Netzwerk hat Vorrang vor einem Gespräch mit dem Zimmernachbarn.
Abgesehen von dieser implizierten Medienkritik hat man es hier mit einem radikalen Kontrast zu Martin Parrs Entwurf von zeitgenössischer Dekadenz zu tun. Oft sehen die Menschen auf seinen Fotos kaum zufriedener aus als Ji Hyun Kwons Studenten.
Luxus ist ganz offensichtlich ein subjektiver Zustand und nicht unbedingt mit einem Gefühl von Zufriedenheit gleichzusetzen.
Eine Busfahrt als Luxus zu bezeichnen scheint trotzdem eher abwegig. Schön sein kann sie trotzdem. Lohnenswert auf jeden Fall – wenn sie, wie in diesem Fall, so viel Kunst auf einmal bietet.

Monat der Fotografie Bratislava
2.-30. November 2010
Verschiedene Ausstellungsorte
www.sedf.sk

Frank Robert
Endstation Sehnsucht
Rakúske kultúrne fórum
Zelena 7
Mo-Do 10.00-18.00 Uhr, Mi 9.00-18.00 Uhr. Fr 9.00-16.00 Uhr

Dom umenia
Námestie SNP 12
Täglich 11.00-19.00 Uhr

Ji Hyun Kwon
The Winner Of Portfolio Review, Month Of Photography 2009
Galéria F7
Frantiskánske nám.7
Di-So 14.00-18.00 Uhr

Eva Biringer












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Spezial: Eva Biringer für art-in.de aus Wien über den Monat der Fotografie "Eyes On"


Den Wald vor lauter Bäumen

Es dauert einen Moment, bis man den Mensch im Bild findet. Gut versteckt in einem Meer aus Sonnenblumen hält er sich eine Maske vors Gesicht und wird Eins mit seiner Umgebung.
Marko Zinks Foto „Heuschrecken“ ist das Titelbild des diesjährigen Monats der Fotografie Wien. Abgesehen davon, dass diese Arbeit Lust auf mehr, sprich die Vernissage der dazugehörigen Ausstellung „Tragödien“ macht, illustriert sie die zunächst überwältigende Menge von Künstlern und Ausstellungen, die die interessierten Besucher erwartet. Genau wie bei Zinks Sonnenblumenfeld muss man auch im Programm von Eyes On zunächst ein wenig suchen.

Bereits zum vierten Mal jährt sich der Monat der Fotografie in Österreichs Hauptstadt. Sechs weitere Städte, unter ihnen Berlin, haben sich darüber hinaus zum Europäischen Monat der Fotografie zusammengeschlossen. Vom 29. Oktober bis 4. Dezember 2010 versprechen über 200 Ausstellungen mit Arbeiten von mehr als 600 österreichischen und internationalen Künstlern ein abwechslungsreiches Programm. Darüber hinaus runden Podiumsdiskussionen, Exkursionen Workshops und Partys das Programm ab.

Los geht´s im MUSA, dem Museum auf Abruf, mit den beiden Ausstellungen „Sissi Farassat. SIOSEH forever“ und „MUTATIONS III. Public Images – Public Views“.
Erstere geht zurück auf die zehn Jahre zuvor angeregte Idee, das kleinste Fotomagazin der Welt ins Leben zu rufen. Mit Sioseh – zu deutsch 33 – hat die persische Künstlerin mehr als 160 internationale Künstler eingeladen, die 33 Ausgaben in Kooperation zu gestalten. Die auf je 200 Stück limitierten und erwartungsgemäß schnell vergriffenen Exemplare werden im MUSA nun einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Kuratorisch elegant gelöst wurde das Problem der Präsentation durch 33 auf Augenhöhe im Raum schwebende Pappkartons, an deren Innenseite winzig kleine LCD-Bildschirme im Magazinformat angebracht sind, auf denen die jeweilige Ausgabe als Slideshow abläuft. All das wirkt wunderbar leicht und als Betrachter bekommt man so nah am Werk das Gefühl, Teil des elitären Kreises von SIOSEH zu sein. Schade nur, dass die Slideshow mit so hoher Geschwindigkeit vorbeizieht, dass wenig Zeit bleibt, die durchweg überzeugenden Beiträge genauer zu betrachten.

Virtuell ist auch der Ansatz der zweiten Ausstellung. „MUTATIONS III“ fragt nach den Chancen und Perspektiven von Kunst in einer zunehmend medialisierten Welt, mit dem Fokus auf der Schnittstelle von Fotografie und Internet.
Folglich sind einige der zehn künstlerischen Positionen lediglich als Websites auf im Ausstellungsraum bereitgestellten PCs verfügbar, so etwa „La Vie Matérielle/ Material Life“, ein Beitrag von Yveline Loiseur und Bureau L’Imprimante. Bei dieser Arbeit, deren Titel Bezug nimmt auf ein Tagebuch von Marguerite Duras, handelt es sich um eine Serie von Fotografien von mehr oder weniger alltäglichen Motiven des urbanen Lebens. Der Rezipient, respektive User, markiert einzelne Worte in einem Text Alfred Kubins, was zu einem „Mood Path“, einer Zusammenstellung einzelner Bilder führt. So entstehen kleine Utopien, poetische Bilderserien, die als Fragmente individueller Erinnerung funktionieren und durch ihre begrenzte Verfügbarkeit – denn die Zusammenstellung variiert bei jedem Zugriff – eine fragile Bildsprache entwickeln.

Andere Arbeiten wurden neben dem Webauftritt zusätzlich in den realen Ausstellungsraum überführt. Rob Hornstra und Arnold Van Bruggen präsentieren die Ergebnisse von „The Sochi Project: On the other Side of the Mountains“, eine Spurensuche in einem kleinen, scheinbar fernab der Zivilisation gelegenen Dorf in der russischen Provinz, in einer Zeitung, welche vom Besucher mit nach Hause genommen werden kann. Mit Feingefühl und Respekt für die Befindlichkeiten der russischen Seele gehen die Künstler an die Arbeit und laden ein zu einer Reise in eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Hubert Blanz widmet sich in „Public Tracks“ dem Phänomen der Social Networks am Beispiel von Facebook. Seine C-Prints sind das Ergebnis einer Analyse der virtuellen Beziehungen eines zufällig ausgewählten Nutzers. Das undurchdringliche Geflecht von hauchdünnen Linien, die die Verbindungen seiner Freunde und Freundes-Freunde belegen, illustrieren die Dimensionen eines sich ständig vergrößernden virtuellen Netzwerkes.
Wieder hat man es zu tun mit einer in diesem Fall undurchdringlichen Menge von Material, das einen Gesamtblick unmöglich macht.
Damit es einem mit dem Monat der Fotografie nicht gleich ergeht, lohnt es sich, einen genauen Blick in das Programm zu werfen und aus der Vielzahl von Vernissagen, Ausstellungen und Begleitangeboten das Beste auszuwählen.
Sonst sieht man vielleicht den Wald nicht vor lauter Bäumen – oder den Mensch vor lauter Sonnenblumen.

Abbildung:
- Marko Zink, Heuschrecken, © Marko Zink
- Rob Hornstra & Arnold van Bruggen, The Sochi Project, 2010, Farbfoto, © Rob Hornstra

Eyes On – Monat der Fotografie Wien
29. Oktober – 4. Dezember 2010
Verschiedene Ausstellungsorte

Sissi Farassat. SIOSEH forever
MUTATIONS III. Public Images – Public Views
MUSA, Museum auf Abruf
Felderstraße 6-8
1010 Wien
Ausstellungen vom 29. Oktober 2010-8. Januar 2011
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr: 11-18 Uhr; Do: 11-20 Uhr; Sa: 11-16 Uhr
musa.at

wmaker.net
thesochiproject.org
blanz.net

Marko Zink: Tragödien
Galerie Michaela Stock
Schleifmühlengasse 18
1040 Wien
Ausstellung vom 5. November 2010-8. Januar 2011
Öffnungszeiten: Di-Fr: 16-19 Uhr; Sa: 11-15 Uhr
galerie-stock.net

Monat der Fotografie - Eyes On 2012


Im November 2012 steht Wien zum fünften Mal ganz im Zeichen der Fotografie. Die Eröffnung eines der größten Fotofestivals Europas findet am 29. Oktober statt. Für die Teilnahme an Eyes On – Monat der Fotografie Wien 2012 können bis 30. März 2012 Projektvorschläge (Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen, Workshops, u.a.) eingereicht werden. Detaillierte Informationen zur Einreichung gibt es auf eyes-on.at. Eine fünfköpfige ExpertInnen-Jury bestehend aus Berthold Ecker (Kulturabteilung der Stadt Wien), Walter Moser (Albertina), Anja Manfredi (Künstlerin), Josephine Wagner (Galerie Raum mit Licht) und Susanne Neuburger (mumok) wird bis Ende April 2012 alle Projekte sichten und darüber entscheiden, welche davon im Rahmen von Eyes On präsentiert werden. Zum Festival erscheint neben einem Pocket-Guide auch wieder ein umfangreicher zweisprachiger Katalog.

Eyes On – Monat der Fotografie Wien findet seit 2004 biennal im November statt und etablierte sich seither als Plattform für Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema Fotografie. Im Jahr 2010 wurden bei knapp 200 Ausstellungen mit mehr als 500 beteiligten KünstlerInnen an über 100 unterschiedlichsten Orten in ganz Wien mehr als 350.000 BesucherInnen gezählt.

Die Jury

Berthold Ecker, geboren 1961 in Linz, Studium der Kunstgeschichte und Völkerkunde an der Universität Wien; seit 1991 im Referat Bildende Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien, seit 2003 dessen Leiter; 2007 Gründung und Leitung des MUSA für die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien.

Anja Manfredi, geboren 1978 in Lienz/Tirol, Künstlerin, studierte an der Schule für künstlerische Fotografie bei Friedl Kubelka und an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Prof. Eva Schlegel. Nach der Mitarbeit in der Fotogalerie Wien leitet sie seit 2010 die Klasse für künstlerische Photographie an der Schule Friedl Kubelka.

Walter Moser, geboren 1979, Fotohistoriker. Studium der Kunstgeschichte in Wien und Rom. Bis 2007 freier Mitarbeiter des Wien Museums. Von 2008 bis 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fotosammlung des Österreichischen Filmmuseums. Seit 2011 Leiter der Fotosammlung der Albertina in Wien.

Susanne Neuburger, geboren 1953 in Wien, Kunsthistorikerin und Kuratorin, arbeitet seit 1983 am Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok). Als Kritikerin veröffentlicht sie regelmäßig Texte in Magazinen (Camera Austria, Springerin). Sie kuratierte zahlreiche Ausstellungen und ist Herausgeberin von Publikationen zu den Sammlungsschwerpunkten im mumok.

Josephine Wagner, geboren 1957 in Wien, studierte an der Hochschule für Angewandte Kunst und Universität Wien. Design und Konzeptionserstellung für die Industrie im In- und Ausland, Lehrtätigkeit im Bereich Design. Seit 2006 leitet sie die Galerie Raum mit Licht, Wien, mit Schwerpunkt Fotografie und Konzeptkunst.

eyes-on.at