Evelyn Richter - Museum der Bildenden Künste, Leipzig (18.09.-20.11.05)


Eingabedatum: 09.09.2005

bilder

Während die Hamburger Ausstellung von Barbara Klemm
interessante Aspekte zur Portraitfotografie liefert, folgt mit der Leipziger Ausstellung "Rückblick, Konzepte, Fragmente" von Evelyn Richter ein wichtiger Einblick in die sozialdokumentarisch geprägte Fotografie.

" DIE AUSSTELLUNG - PERSON & WERK
Evelyn Richter (*1930, Bautzen) gehört zu den bedeutenden Vertreterinnen der sozialdokumentarisch geprägten Fotografie in der ehemaligen DDR. Vom 18. September bis 20. November 2005 präsentiert das Museum der bildenden Künste eine umfassende Werkschau der Fotografin, die Einblick in das mannigfaltige und vielfach noch unbekannte Schaffen aus fünf Jahrzehnten gibt.
Als 18-Jährige erfährt Evelyn Richter bei Pan Walther und Franz Fiedler eine zweijährige Ausbildung als Porträtfotografin in der Tradition der Dresdner Kunstfotografie eines Hugo Erfurth. 1953 bewirbt sie sich, auf der Suche nach neuer künstlerischer Anregung, an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig, die nach dem 2. Weltkrieg die wichtigste fotografische Ausbildungsstätte der DDR werden sollte. Die Hochschuljahre bringen ihr wichtige Freundschaften, ihre hohen Erwartungen an die künstlerische Lehre werden jedoch nicht erfüllt. Die Fotografie als künstlerische Gattung genoss im Wertschätzungskanon der kulturpolitischen Richtlinien der ehemaligen DDR eine untergeordnete Bedeutung. Erst gegen Ende der 1970er und zum Beginn der 1980er Jahre wird eine Wende in der Beurteilung und Förderung der Fotografie auszumachen sein.
1955 wird Evelyn Richter exmatrikuliert, da ihrem Gesuch um Beurlaubung nicht stattgegeben wird. Eine über 20-jährige Zeit als freischaffende Fotografin beginnt, Aufträge im Theater, der Werbung und für die Messe sichern ihre - oftmals mühsam erkämpfte - finanzielle Existenz. Wichtige Impulse für die eigene künstlerische Entwicklung erhält Evelyn Richter durch die von Edward Steichen 1955 in West-Berlin organisierte Ausstellung "The Family of Man". Der Versuch, das menschliche Leben in seiner Vielfalt in Fotografien zu bannen und diese als ästhetische Bilder im sozialen Bewusstsein zu verankern, wird Motivation für die eigene Arbeit.
Auf ihrer Reise nach Moskau zu dem Weltjugendfestival 1957 formuliert Evelyn Richter erstmalig eigenständige Themen und ändert grundlegend ihre Arbeitsweise. Das intensive Interesse der russischen Bevölkerung an Kunst und zeitgenössischen Bildern lässt sie spontan in den Ausstellungsräumen zur Kamera greifen. Es beginnt ihr erstes, bis heute nicht abgeschlossenes Langzeitprojekt "Ausstellungsbesucher". Da ihre bis dahin bevorzugte Mittelformatkamera ausfällt, greift sie zur Kleinbildkamera - und lässt diese danach kaum noch aus den Händen. Schnell und unbemerkt kann sie jetzt mit der handlichen Kamera agieren. Vom gestalteten, inszenierten Einzelbild kommt sie zu alltäglichen Beobachtungen. Ihre Bilder sind nie voyeuristisch und stattdessen geprägt von Anteilnahme wie von der Motivation gesellschaftliche Zustände aufzuzeigen. Fotografie ist Mittel der Geschichtswahr
Wahrnehmung.
In ihren Schwarzweißfotografien, die stets aus eigenem Antrieb und ohne Auftrag entstehen, kritisiert sie den sozialistischen Gesellschaftsentwurf. Sie untersucht in ihren Bildern die sozialen Bedingungen ihrer Mitmenschen, die das Selbstbild der DDR und die Vorstellungen von menschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen konterkarieren. Werkgruppen zu den Themen Ausstellungsbesucher, arbeitende Frauen, Lehrlinge, Reisende in öffentlichen Verkehrsmitteln und Künstlerporträts entstehen, aber auch Stadtlandschaften, die die Tristesse und die bedrückenden Lebensumstände in der DDR thematisieren.
Die Musik, die für Richter seit ihrer Kindheit ein wichtiges künstlerisches Erfahrungsfeld ist, entwickelt sich für die Fotografin zu einem Arbeitsfeld der inneren Emigration. Mit ihrer Kamera beobachtet sie Musiker und Dirigenten. Hervorgehoben seien ihre Serien von den Dirigenten Celibidache und Jochum sowie die “Arbeitsporträts” des Geigers David Oistrach und Komponisten Paul Dessau. Letzteren widmet sie je eine Buchpublikation (1973 und 1974), die ihr künstlerisches Ansehen, das sie trotz ihrer subtilen und kritischen Arbeitsweise erlangt hat, festigt. Auch vereinzelte Ausstellungen im Westen (Weltausstellung der Fotografie 1964, photokina 1978, München 1984, Arles 1987) führen zu Anerkennung und Wertschätzung jenseits der Mauer. 1981 kehrt Richter an die HGB als Lehrende zurück. Sie übernimmt eine Klasse und regt ihre Studenten zu eigenständigem Arbeiten an. 1989 fordert Richter sie eindringlich auf die letzten Monate der DDR zu dokumentieren. Nach der Wende setzt sie ihre Lehrtätigkeit fort. Für ein Jahr geht sie an die Fachhochschule in Bielefeld. 1992 wird ihr künstlerisches Werk und ihre Lehrtätigkeit von der Deutschen Gesellschaft für Photographie mit dem Kulturpreis gewürdigt.
In der Ausstellung werden neben den erwähnten Themenkomplexen auch erstmalig Farbfotografien gezeigt, die während ihrer Russlandaufenthalte 1968 und 1989 sowie in den 1990er Jahren auf ihren Reisen nach Frankreich und Italien entstanden." (Presse / mdbk)

Abbildung: Evely Richter

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr,
Mittwoch 12 - 20 Uhr, Montag geschlossen

Museum der bildenden Künste Leipzig | Katharinenstr. 10 | 04109 Leipzig | Telefon: 0341 - 216 99 0
mdbk.de


ch






Daten zu Evelyn Richter:

- Sammlung DZ Bank, Frankfurt
- Sammlung zeitgenoessische Kunst der BRD

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Foto-Anschlag / Vier Generationen ostdeutscher Fotografen


Im Jahre 1988 wurde in Leipzig unter dem Titel "Foto-Anschlag" ein Mappenwerk mit Fotografien junger, ostdeutscher Künstler publiziert. Das im Selbstverlag und in geringer Auflage erschienene Werk enthielt künstlerische Positionen, die sich dem gängigen Pathos der "offiziellen" Fotografie entzogen. An dem Projekt nahmen u.a. Künstler wie Michael Brendel, Else Gabriel oder Gundula Schulze teil.

An dieses Mappenwerk knüpft der so eben erschienene Bildband (Juli 2001) mit gleichnamigen Titel an. Im Blickpunkt des Buches steht die sozialdokumentarische Fotografie der DDR-Zeit mit ihren unterschiedlich formalen und inhaltlichen Betrachtungsweisen. Sorgfältig ausgewählte Arbeiten aus vier Generationen von Fotografinnen und Fotografen wie Arno Fischer, Evelyn Richter, Helga Paris, Christian Borchert, Margit Emmrich, Gerhard Gäbler, Merit Pietzker und Ulrich Kneise spiegeln das Spektrum dieser speziellen Ausrichtung der Fotografie wider. Gemeinsam scheint den Fotografien das Interesse an einer unspektakulären Darstellung, bei der der Mensch in seinem sozialen Umfeld im Zentrum der Bilder steht. Die Banalität des Alltags mußte nicht inszeniert werden, sondern genügte sich selbst. So fehlt den Bildern - gleich, ob es sich um das Ablichten von Arbeitswelt und Freizeit oder Familien-, Gruppen- und Einzelaufnahmen handelt - jegliche Sentimentalität und Larmoyanz. Gerade dieser Verzicht eröffnet ein unprätentiöses Eintauchen in vergangene Zeiten, ohne in Wehmut oder Nostalgie zu versinken.

Ergänzende Texte zu den einzelnen Fotografen sowie zeitgeschichtliche Anmerkungen zur sozialdokumentarischen Fotografie machen den Bildband zusätzlich zu einem interessanten Lesebuch.



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