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Acaye Kerunen. Apoi

19.04. - 06.09.2026 | Kunstmuseen Krefeld, Haus Lange

Eingabedatum: 22.04.2026

Werkabbildung
Acaye Kerunen, YOOLENG - Luo for "The path:road is good:clear", 2023, © Acaye Kerunen, courtesy Lisa Kandlhofer, Wien
Multimediale Ausdrucksformen und intersektionale Kreativität schaffen in der interdisziplinären Arbeit der Künstlerin und Aktivistin Acaye Kerunen fortlaufend neue Verbindungen. Kerunen engagiert sich aktiv für die visuelle, kreative, ökologische und kulturelle Wirtschaft Ugandas, indem sie Kunstschaffende sowohl lokal als auch international sichtbar macht. In diesem Jahr ist Kerunen zur Kommissarin des ugandischen Pavillons auf der 61. Biennale von Venedig berufen worden. Es ist zugleich ihre dritte Teilnahme im Auftrag Ugandas, jeweils in unterschiedlichen Rollen: als Künstlerin 2022, als Kuratorin und Produzentin 2024 und nun als Kommissarin 2026. Die Kunstmuseen Krefeld widmen Acaye Kerunen vom 19. April bis zum 6. September 2026 ihre erste museale Einzelausstellung. Zu sehen sind rund 40 Skulpturen, Wandreliefs, Objekte, Installationen und Fotografien aus den letzten Schaffensjahren, darunter auch neue Arbeiten, die für Krefeld entstanden sind.

Die Arbeit von Acaye Kerunen, sei es als bildende Künstlerin, Autorin, Performerin oder Aktivistin, wurzelt tief in ihrem Heimatland Uganda. Für ihre Skulpturen und Wandinstallationen verwendet sie natürliche Materialien wie Raphia, Bananenfaser, Rindenstoff, Sisal, Perlen sowie Naturfarben und verarbeitet sie mithilfe generationenübergreifender Techniken. Diese Materialien stammen aus den Ökosystemen der Feuchtgebiete des Nalubaale (Viktoriasee) und der Großen Seen-Region Ostafrikas. Diese Pflanzen sind Grundlage für traditionelle handwerkliche Erzeugnisse und bilden im Werk von Kerunen den Ausgangspunkt für eine Neuinterpretation und Dekonstruktion von Handwerk. Kerunen hat ihr Handwerk durch genaues Beobachten ihrer Mutter und Tanten beim Weben, Nähen, Flechten und vielem mehr erlernt. Ihre Kunstwerke entstehen aus der freien, intuitiven Anwendung handwerklicher Fertigkeiten sowie aus der Zusammenarbeit mit lokalen Frauengruppen, deren geflochtene Alltagsgegenstände Kerunen in ihre Arbeiten einbezieht.
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In der Materialität und dem Handwerk von Kerunens Arbeiten liegt das Wissen um die Natur- und Kulturgeschichte Ugandas verborgen. Pflanzliche Materialien verweisen auf ein fragiles Ökosystem, das dem Klimawandel ausgesetzt ist. In der kolonialen Vergangenheit des Staates spielt die Berliner Konferenz von 1884 eine wichtige Rolle. Sie führte zu einer kolonialen Wirtschaftspolitik, die auf die Massenproduktion von Cash Crops (Kaffee, Zucker, Tee, Kakao, Baumwolle) ausgerichtet war und Natur, lokale Landwirtschaft und Lebensformen nachhaltig verändert hat. Das Flechthandwerk gilt in der patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft Ugandas bis heute abschätzend als „Hausarbeit“, die von Frauen verrichtet wird. Mit der Verwendung ihrer Alltagsgegenstände gibt Kerunen den Frauen und dem traditionellen Handwerk Sichtbarkeit und Wertigkeit.
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Der Ausstellungstitel Apoi – ein Wort aus der Alur-Sprache – bedeutet so viel wie „Ich erinnere mich / Erinnere ich mich? / Ich bin wahnsinnig / Bin ich wahnsinnig?“. Das Wechselspiel dieser Bedeutungen beschreibt Zustände zwischen Selbstgewissheit und Zweifel. Apoi trägt den Gedanken der Veränderung zum Besseren als festen Bestandteil des eigenen Denkens in sich. Alur ist die Muttersprache ihrer Mutter, deren Volk, die Niloten, seinen Ursprung in Bar-el-Ghazal am Nil hat.

Für die Ausstellung in Haus Lange hat Acaye Kerunen neue Arbeiten geschaffen, die sie mit bestehenden Werken aus den letzten Jahren zusammenführt. Partizipative Installationen, Objekte und Wandarbeiten sowie erstmals auch fotografische Arbeiten verdichten sich zu einer ebenso sinnlichen wie kritischen Erzählung, die den Ausstellungsraum unmittelbar mit dem Land Uganda verbindet.

Acaye Kerunen (geb. in Kampala, Uganda) hat Wirtschaftsinformatik an der Islamic University in Mbale studiert. Seit 2018 stellt sie im internationalen Kontext aus. 2026 wurde sie von der Regierung Ugandas zur Kommissarin des Nationalpavillons bei der Venedig Biennale ernannt, um den strukturellen Wandel im Bereich der bildenden Künste voranzutreiben und begleitende Kuratorinnen und Kuratoren zu fördern – mit der Biennale als Maßstab und Bezugspunkt. Damit setzt sie das Erbe kultureller Diplomatie und des Aktivismus fort, das sie 2022 begonnen hat. Sie hat u.a. an der Gruppenausstellung *Unravel. The Power and Politics of Textiles in Art* (2024) in England teilgenommen. Acaye Kerunen lebt und arbeitet in Kampala, Uganda.


HLHE Dialog: Nach der Kunst
Seit 2017 kommen in der Reihe HLHE Dialog, die in den benachbarten Häusern Lange und Esters stattfindet, Künstler:innen und Designer:innen ins Gespräch, deren Werke sich inhaltlich miteinander in Beziehung setzen lassen. Die Werke von Bernhard Fuchs und Acaye Kerunen könnten nicht unterschiedlicher sein, fordern beide jedoch explizit dazu auf, die Zukunft vor der Folie vergangener Traditionen und ökologischer Modelle zu denken. Damit verknüpft ist die Frage, wie es weiter geht – nach der Kunst.

19.04. - 06.09.2026
Kunstmuseen Krefeld, Haus Lange

Joseph-Beuys-Platz 1, 47798 Krefeld

https://www.kunstmuseenkrefeld.de

Presse

Kontext

Einordnung:
Acaye Kerunens multimediales Schaffen verortet sich im zeitgenössischen Diskurs an der Schnittstelle von Postkolonialismus, Ökofeminismus und sozialer Praxis. Indem sie organische, in der Region Ostafrikas verwurzelte Naturmaterialien wie Bananenfaser oder Raphia nutzt und traditionelle, patriarchal abgewertete weibliche Handwerkstechniken wie Flechten und Weben in den musealen Raum überführt, dekonstruiert sie die westlich geprägte Hierarchie zwischen „High Art“ und Kunsthandwerk. Im größeren Kontext des globalen „Textile Turn“ der Gegenwartskunst erhebt sie die teils kollektiv mit lokalen ugandischen Frauengruppen gefertigten Alltagsgegenstände zu kritischen Bedeutungsträgern. Thematisch verwebt Kerunen das historische Trauma der kolonialen Wirtschaftspolitik und die Fragilität vom Klimawandel bedrohter Ökosysteme mit einem prozesshaften, auf Heilung und Erinnerung ausgerichteten Ansatz. Ihre Kunstwerke übersetzen die spezifische Natur- und Kulturgeschichte Ugandas in eine intersektionale Bildsprache, die indigenes, generationenübergreifendes Wissen als zukunftsweisendes Modell gesellschaftlicher und ökologischer Resilienz im internationalen Kunstbetrieb positioniert.
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